Archiv für die Kategorie ‘Kommentar’

Privatsphäre oder sauberer Sport?

Bei der Tagung Play the Game in dieser Woche in Köln gab es einige interessante Sessions zum Thema Doping. Abgesehen, dass ich davon, dass ich zum, Verhältnis von Doping und Überwachung dort einen kurzen Vortrag gehalten habe, äußerte ein Journalist auf dem Podium einen sehr bedenkenswerten Gedanken.

Gefragt, wie er 1 Million Euro sofort in den Anti-Doping-Kampf einsetzen würde, antwortete er, dass er damit Juristen bezahlen würde, die vor den Gerichten klären sollten, was denn tatsächlich Vorrang haben sollte – Privatssphäre oder die Integrität des Sportes. Ich war verwundert, es klärte sich aber auf, dass er keinesfalls die beiden Dinge gegeneinander abwägen wollte – und auch sah, dass im Namen des Anti-Doping-Kampfes einige elemtare Grundrechte über Bord geworfen werden – zu leicht und unkritisiert, wie ich meine.

Privatssphäre oder  Integrität des Sportes – das ist somit die Frage, die ich für interessant und hinsichtlich des Anti-Doping-Kampfes für elementar halte. Mein Gefühl ist, dass die Antwort kein entweder-oder sein wird, noch im gegenwärtig üblichen System des Sport und seiner polit-ökonomischen Bedingungen zu finden sein wird. Die Frage ist aber gestellt und ich bin gespannt auf die Antworten – auch von den Athleten selbst. Ein Forschungsprojekt ist in Vorbereitung, in dem auch dieser Frage nachgegangen werden soll.

Adding comment 7. October 2011 - 23:22

What goes on tour…

… will be broadcasted worldwide – könnte man den alten Spruch (..stays on tour..) abwandeln, wenn man den Fall des englischen Rugbyspielers Mike Tindall betrachtet, der beim Knutschen mit einer neuseeländischen Schönen auf CCTV gebannt wurde. Das ist nicht sonderlich interessant, wenn der Nationalspieler nicht auch der Mann von Zara Phillips wäre, der Enkelin der britischen Königin. Verdächtigt wird einer der Türsteher der Bar, das Material verkauft zu haben. Ja, ein Bruch von Gesetzen, Privatsphäre, Datenschutz usw. Fast möchte man meinen das Paperazzi langsam überflüssig werden, wenn die besten Bilder ohnehin die sind, die ganz ohne sie entstehen. Ohne ein moralische Wertung vorzunehmen – die Welt wird auf jeden Fall ärmer ohne Geheimnisse, deren Veröffentlichung weder zum Weltfrieden beitragen, noch die Weltverschwörung schlechthin aufzudecken vermögen. Die Promi-Klatsch-Welt ist auf jeden Fall um eine Geschichte reicher, das wars dann aber auch. Der Versuch totaler Transparenz, unter welchen Argumenten auch immer – hier wohl die Sicherheit einer Bar – untergräbt auch weiterhin Aspekte unserer Gesellschaft, die sich privat oder staatlich in eine Mißtrauensgesellschaft wandelt. Eine solche aber verlangt nur nach mehr Überwachung. Tindall hin oder her, das sind die eigentlichen Botschaften solcher Randgeschichten der Promiwelt. Ob es England geschadet hat, wird sich im Viertelfinale gegen Frankreich zeigen.

Adding comment 7. October 2011 - 22:40

Zaun gegen Obdachlose

Bisher ist das nur eine Hamburger Geschichte, die so weite Kreise nicht gezogen hat. Das kann sich ändern, wenn der Widerstand anhält und die Stadt bzw. der Bezirk Mitte nicht von ihrem Plan ablässt die Obdaschlosen auf diese kurzsichtige Art und Weise vom Schlafen unter einer bestimmten Brücke abzuhalten. Hamburg scheint gerade dabei zu sein, seinen nächsten Ort für Protest und was ich hier einmal mit Gentrifizierungs-Auseinandersetzungen bezeichnen möchte, zu schaffen. Ähnlich dem Gänge-Viertel, dessen Zukunft inzwischen gelöst ist – nach Protesten.

Selbst bei Abwägung aller Argumente auf allen Seiten, bleibt es eine ziemlich unsinnige Aktion – die keine Lösung des eigentlichen Problems herbeiführt, z.B. Schlafplätze für diese Menschen. Die nächsten Wochen werden zeigen, welches Bild sich Hamburg geben möchte und ob Bezirk und Senat aus vergangenen Krisen dieser Art lernen kann.

Adding comment 27. September 2011 - 07:40

Piratenerfolg

Es wirkt fast irreal. Mit 8,9% der Stimmen ziehen die Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus. Die voraussichtlich 14 Mandate können sie mit ihrer 15 Personen umfassenden Liste gerade so auffüllen.
Ein Bundestrend ist das sicherlich nicht. Auffällig ist nämlich ein Spezifikum der Berliner Piratenpartei. Mehr als andere Gliederungen der Organisation in der Vergangenheit hat sie mit mehr als ihren ureigenen Themen punkten können. Es ging also nicht nur um freien Netzzugang, Gegnerschaft gegen Onlineüberwachung oder gegen Überwachung im allgemeinen. Vielmehr haben zumindest die Berliner Piraten den ersten Schritt aus der Single-Issue-Ecke gewagt und Zustimmung auch mit anderen Themen erzielt. Auch wenn sie niemand so recht ernst nimmt – besonders die anderen Parteien und diverse Medienkommentare üben sich doch in einer recht paternalistischen Attitüde – “wilderten” sie erfolgreich mit verschiedenen Fragen im Bereich der libertären Linken. Auf ihrer Agenda standen auch Grundeinkommen, Stopp der Privatisierungspolitik, Wahlrechtsausweitung, Transparenz und Ausweitung demokratischer Mitbestimmung. Nun heißt es gespannt sein, wie sie ihre abstrakten Forderungen in konkrete politische Projekte umsetzen.

1 Comment 19. September 2011 - 10:01

RFID in der Schule

Die Industriepublikation RFID im Blick hat in der Ausgabe vom 2. August einen Artikel zu RFID Anwendungen in der Schule. Da wird von Chip-gesteuerten Trinkwasseranlagen und Klassenbüchern in Tablet-PC-Form erzählt. Und das die deutschen Lehrer Technik-freundlicher sind als ihr Ruf, nur die Schulen oft so schlecht ausgestattet sind. So weit so gut. Insgesamt wird beklagt, das RFID ein Inseldasein im Schulalltag fristet, was angesichts der foldenden Bemerkung zu den elektronischen Klassenbüchern auch ganz gut zu sein scheint:

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Adding comment 19. August 2011 - 10:51

Sensoren, Implantate, Fürsorge

Wo die Fürsorge aufhört und die Überwachung anfängt ist oft schwer zu sagen – das Konzept der Überwachung steht seit jeher in diesem Spannungsfeld. Zwei völlig unabhängige Nachrichten bzw. kleine Geschichten aus der Medizin lassen das wieder anschaulich werden. Das man Implantate (im Sinne von Prothesen) von außen erkennen soll, ist sicherlich hilfreich, wenn es um Notfälle geht – aber auch hier lassen sich mit ein wenig Fantasie die “gewanderten Funktionen” weiterdenken.

Ein anderes Projekt mit dem Titel Guardian Angels (NZZ, 1.6.2011) verfolgt ganz andere Ziele – letztlich geht es aber auch hier um die Kontrolle, sogar der Selbstkontrolle und um die eigene Fürsorge

Herr Hierold, was sind die Ziele des Pro jekts «Guardian Angels»?
Wir möchten Konzepte und Technologien für kommunizierende Netzwerke von winzigen Sensoren erforschen, die Personen sehr unauffällig dabei unterstützen, sich selbst und ihre Umgebung besser wahrzunehmen. Eine typische Anwendung liegt im Bereich des Sports: Die Sensoren könnten Blutdruck, Herzschlag und Bewegung messen und dem Träger darüber Feedback geben. Unser Projekt ist aber auch eine Technologieplattform für das Konzept «Zero Power»: Die Sensoren, die Recheneinheiten und die Bauteile für die Datenübertragung sollen so wenig Energie brauchen, dass sie von kleinen «Energiesammlern» mit Energie aus der Umwelt versorgt werden können – aus Bewegungen, Temperaturunterschieden und elektromagnetischer Strahlung, zum Beispiel Licht. Das System soll also ohne externe Energiequellen auskommen.

Was immer man von Doping, den Kontrollen und den durchaus vorhandenen Schwierigkeiten im Hinblick auf die Freiheiten der Sportler hält – hier böten sich aber in der Tat ganz neue Möglichkeiten der Überwachung. Eine Lösung für eine schwieriges Problem – auch weil beim Doping im System Leistungssport nicht immer klar ist, ob es tatsächlich verfolgt oder manchmal auch geduldet wird?

Adding comment 22. June 2011 - 22:47

Noch ein EU Projekt zu Datenschutz und Überwachung

Manchmal scheint es, als wäre Forschung zu Überwachung nur noch durch die anwendungsbezogenen Programme des BMBF und der EU möglich. Das wäre in der Tat schade und kontraproduktiv – wenn es sich denn darauf beschränken würde. Hier ist ein weiteres interessanes Projekt, welches gerade gestartet wurde: SAPIENT.

“If ‘collective security’ demands the surveillance of all movements and all telecommunications and collecting the fingerprints and DNA of everyone living in the EU, there can be no individual freedom, except that sanctioned by the state,” says Michael Friedewald, head of the ICT research unit at the Fraunhofer Institute for Systems and Innovation Research (ISI) and co-ordinator of the project. “EU policy should not foster the gradual move towards a surveillance society. We recommend that before public or private sector organisations adopt any new surveillance system, they should perform a technology and privacy impact assessment of the proposed  system.”

Mehr Infos findet man sicherlich auf den Seiten des Fraunhofer ISI Instituts.

Ob dieses Projekt tatsächlich dazu führt über Technologien anders nachzudenken, bleibt abzuwarten. Ohne den politischen Willen zur Implementierung solcher Verfahren in Gesetze, bleibt alles wirkungslos. Was tatsächlich fehlt ist mehr grundlegende Forschung zu Fragen von Überwachung und Kontrolle in unseren Gesellschaften, zum Umgang mit Technik, zur Ideologie der ewige Un/Sicherheit sowie zum Zweck und den oft auch nicht erklärten Zielen politischer Maßnahmen, jenseits von Datenschutz und Privatsphäre. Denn die Surveillance Studies, wenn wir denn davon reden wollen, haben mehr zu bieten als darauf zugespitzte Fragen.

Adding comment 7. June 2011 - 08:27

Den Frosch verjagen!

Richtigstellung (I): Eine der beliebtesten und hartnäckigsten Redewendungen in der Diskussion um Datenschutz, Bürgerrechte, Überwachung usw. ist bekanntlich die vom Frosch, der im langsam erhitzten Kochtopf zu Tode kommt, ohne sich zu wehren (d.h. aus dem Topf zu springen). Damit soll irgendwie zum Ausdruck gebracht werden, dass quasi hinter unserem Rücken sich gewisse Vorgänge abspielen, miteinander verbinden und gegenseitig verstärken, die im Ganzen eines unschönen Morgens dazu führen, dass wir in einer Überwachungsgesellschaft aufwachen, in der eh alles schon zu spät ist.

Abgesehen davon, dass das Bild zur Beschreibung des heutigen Zustandes wenig taugt – Wohin denn würde ein datenschutzbewusster Frosch heute springen wollen? Wo liegt das sichere Jenseits der Überwachung? -, und wir uns das arme Tier eher in der Mitte eines kochenden Swimming Pools vorstellen müssten, ist es zoologisch schlicht Unsinn. In Wirklichkeit ergreift ein Frosch schon ab einer Temperatur von 40° C die Flucht – sofern ein Deckel ihn nicht daran hindert.

Eigentlich interessant ist die Frage, warum Datenschützer, die sich ja auch als Bürgerrechtler verstehen, die Bürgerin oder den Bürger offenbar zwanghaft mit Fröschen vergleichen (oder sogar gleichsetzen?), die auch noch dümmer sind als echte Frösche. Abgesehen davon, dass das Frosch-Bild offenbar aus der Welt der Management- und Finanzberatung stammt, ist ist diese Redeweise vor allem Indiz einer (uneingestandenen) Überheblichkeit der »wissenden« Datenschützer/Aktivisten gegenüber der »dämlichen« Bevölkerung. Dieser Frosch sollte schleunigst aus unserer Diskussion verschwinden.

Adding comment 2. June 2011 - 18:34

Der Terrorexperte

Harald Martensteins Glossen und Kolumnen sind nicht immer mein Geschmack und wohl auch nicht jedermanns – aber diese hier ist herrlich und passt auch hervorragend zu unserem Thema: Der Terrorexperte.

“Es handelt sich um den letzten echten Männerberuf” Harald Martenstein über den Traumjob Terrorismusexperte

Über den Experten Rolf Tophoven, der in der Kolumne nicht vorkommt, dafür aber in der Vergangenheit oft in vielen großen Medien und auch heute noch sehr prominent – immerhin hat er ein eigenes Institut – soll sich jeder per Suchmachine selbst ein Bild machen. Da scheint so manches schief zu sein.

1 Comment 19. May 2011 - 22:49

Die Grenzen Europas…

.. nun auch im gut gemachten Tatort vom 15.5.2011 - “der illegale Tod” von Radio Bremen (hier die Chatseite mit vielen zusätzlichen Hintergründen), bei dem Frontex nicht wirklich gut wegkommt und durchaus wichtige Fragen gestellt werden. Es geht um Flucht, darum das Richtige zu tun, Frontext und die Unmenschlichkeit, mit der die EU ihre (unsere?!) Außengrenzen sichert.

Im Tatort wird auch sehr anschaulich gezeit, welche tollen Technologien und wirtschaftliche Interessen mit den Grenzen zusammen hängen. Ein Bereich von Überwachung, der viel zu wenig thematisiert wird. Dank an den Tatort für einen zumindest publikumswirksamen Versuch. Sonst thematisiert Anne Will gern alles, was vorher im Tatort zum Thema gemacht wurde – Kindstötung, Soldatenheimkehrer usw – Flüchtlinge sind anscheinend nicht Grund genug, die eingefahrenen Muster zu durchbrechen. Wichtiger als die unsägliche Tragödie um die Griechen und ihre Wirtschaft wäre es allemal – zumal die Finanzkrise durchaus weiträumig in der Presse abgebildet ist…

Wer reinschauen will – die nächsten 7 Tage ist der Tatort noch online zu sehen.

Nachtrag: Auf Borderline Europa gibt es zusätzliche Informationen zum Thema Grenzen, Migration und der Grenze im Süden.

Adding comment 15. May 2011 - 22:45

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