Category: Kommentar

Dystopie und Utopie – systemabhängig?

Auf Golem fragt sich Tim Reinboth, ob es nicht seltsam seie, “dass Science-Fiction-Klassiker aus dem kapitalistischen Westen meistens Dystopien sind, während sozialistische Autoren eher Utopien erträumten?”.

Wo die Utopien wachsen, Golem 27.12.2025

Und die Frage scheint bereichtigt, aber die Antwort nicht so klar, wie es scheinen möchte. Und weitergedacht ließe sich durchaus darüber nachdenken, was die gegenwärtige Welt einen für Zukunftsvorstellungen bereithalten lässt – angesichts der technofaschistischen Ideen und vermeintlichen Utopien von besseren Welten so ganz ohne Menschen bzw. diese nur als Bioware für die selbstdenkenden KI und ihre selbsternannten Herrscher. Utopie für die einen, Knechtschaft für alle anderen? Hatten wir alles schon, scheint aber weiterhin ansprechend zu sein, zumindest als hyperkapitalistische Idee.

Der Untertitel des erwähnten Beitrages “Die Zukunftsvisionen der Ost- und West-Science-Fiction waren vielseitiger als eine Geschichte von zwei Systemen.” kann so auch für die aktuelle Situation gelesen werden – es bleibt vielseitig (nicht nur komplex…..).

Der Zustand der urbanen Sicherheit

Im ständig fortgeschriebenen Dossier “Innere Sicherheit” der Bundeszentrale für politische Bildung, wurde im Dezember 2025 ein Beitrag zur Urbanen Sicherheit veröffentlicht. Autor ist der Wuppertaler Kollege Tim Lukas.

Dass das Dossier mit dem obligaten Bild einer Überwachungskamera versehen ist, ist nicht unbedingt zwingend, aber so wird dieses Thema eben auch gesehen. Die Beiträge darin sind dann allerdings doch sehr vielfältig zu Polizei, Kriminalität, Sicherheitsbegriff und vieles dazwischen und daneben.

ps. Videoüberwachung kommt als eigener Beitrag übrigens nur in einem älteren Text von 2012 vor, in dem es dann hauptsächlich um TKÜ geht, nicht um Kameras.

AI is all around

Man und frau muss nicht technophob sein, um kritisch über AI nachzudenken. Gerade mit einem Faible für Technik scheint es mir, ist das genaue Hinsehen auf die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz wichtiger denn je. Insbesondere, und hier vor allem meinem Interesse geschuldet, wenn es um die symbolischen Bedeutungen der Technologie(n) geht, die mit dem Kürzel KI/AI verbunden sind –und nicht selten einfach ein Verkaufsargument darstellen, denn irgendeinen Mehrwert in der Praxis für irgendwen oder gar die Gesellschaft als Ganzes haben. Der Begriff wird dann recht schnell recht leer und beliebig. Die Beschreibung, die mein geschätzter Kollege David Murakami Wood für AI, gefunden hat, finde ich dabei noch immer sehr auf den Punkt:

In other words, they produce patterns, which sometimes (increasingly frequently) appear good enough to fool pattern-recognizing brains like our own. 

Der Traum vom Übermenschen

Einen Post über die so genannten Enhanced Games, bei denen Doping frei gegeben ist und von den Tech-Bros auf ihrer Suche nach dem Übermenschen untersützt wird, wollte ich schon länger machen, jetzt komme ich dazu. Die Spiele sind zwar noch ein Jahr weit weg, aber momentan zumindest spricht keiner mehr darüber. Hier eine kleine Auswahl an Berichten und Einschätzungen dazu (weitere Artikel sind in den Beiträgen verlinkt):

Palantir und das Überwachungsimperium

Der Titel hat es schon in sich, da konnte ich nicht dran vorbeisehen. Dass der Artikel wieder Mal mit einem Augen-Icon bebildert ist, passt hier vielleicht sogar besser als bei vielen anderen Artikeln zum Thema.

Das Überwachungsimperium. Wie sich die deutsche Polizei von Peter Thiels Palantir-Software abhängig macht, Autorin Sonja Peteranderl in Blätter für deutsche und internationale Politik, August 2025.

Ob alle deutschen Polizei- und Innenbehörden sich dem verschließen, also diese Software nicht installieren und nutzen, bleibt abzuwarten. Einige tun es, einige nicht. Die Informationslage zur Software und den Hintergründen ihres Miteigentümers Peter Thiel ist nicht zu übersehen. Das aber hat die Securokraten noch nie abgehalten, unsinnige und gefährliche Dinge zu kaufen oder umzusetzen.

Broligarchen und das Silicon Valley

Ich hatte immer schon ein Faible für René Girard und seine Theorien der mimetischen Gewalt, des Sündenbocks und seine Analysen. Ja, es ist eher etwas konservativ und auch seine Schüler und die Szene rund um den amerikanischen Literatur-Wissenschaftler und Philosophen Eric Gans sind eher konserverativ, aber eben auch Girard verhaftete Denker. Ihr Zuhause ist das Journal Antropoetics*, zu dem es auch eine Mailingliste gibt, die ich seit 30 Jahren abonniert habe.

Warum erzähle ich das? Auf der Mailingliste gab es einen Hinweis auf folgenden Text: Tech bros don’t get René Girard Luckily, the Popes do. U.a. Peter Thiel hat immer wieder herausgekehrt, wie er von Girard beeinflusst wurde, den er als einen seiner Hero-Denker hervorhebt – Girard hat in Stanford gelehrt, wo Thiel studiert hatte. Ich hatte mich immer schon gewundert und mich gefragt, ob das so richtig passt, gibt es doch eine Art Friedensbotschaft in dessen Texten. Nun gibt es hierauf eine qualifizierte Antwort: Nein, passt nicht.

Sehen, gesehen werden – überwachen?

Was wir uns immer schon gedacht haben, das mit der Überwachung ist nicht so gut für uns, vielleicht sogar nicht für unser Gehirn und dessen Funktionen. Wenn immer ein zuguckt, dann verändert es sich. So beschreibt es der Autor dieses Artikels:

,The constant surveillance of modern life could worsen our brain function in ways we don’t fully understand, disturbing studies suggest, in Live Science, 11.5.2025, Autor. Simon Makin.

Aber ist es so einfach? Und was meint der Autor, wenn er von Überwachung (Surveillance) hier spricht und die vielen, sehr interessanten psychologischen Studien zitiert? Der Artikel fängt mit dem Panopticon an und von da an gerät vieles, was Überwachung angeht durcheinander, weswegen ich hier mal ein paar Argumente genauer anschaue um ein paar Dinge zurecht zurücken, die hier, aber auch in vielen populären, häufig medialen Diskursen, aber auch bei meinen Studis oft durcheinander gehen.

Crypto Wars, das neue, alte Lied

Ein sehr schöner Kommentar zu dem ewig währenden Thema der Verschlüsselung, der Vorratsdatenspeicherung und den Begehrlichkeiten des Staates. Nichts neues unter Sonne, aber auch nie tot zu kriegen sind die Forderungen. Daher hier – zugegebenermaßen nicht ganz objektiv (vgl. den Autoren) – eine Empfehlung.

Die Zukunft ohne Menschen

Nun ist die Vorstellung, dass eine Zukunft ohne Menschen dem Planeten, dem Klima und der Umwelt nicht unbedingt schaden würde, nicht tröstlich, aber doch eine Warnung, was wir als Spezies bereits alles verbockt haben. Die Ideen aus dem Silicon Valley zu dem Thema gehen allerdings in ganz andere Richtungen, haben quasi religiöse Züge mit KI als Gottheit (oder Götzen) und irgendwas mit digital. Wer weiß schon was passiert – aber warum die Tech-Freaks und Gurus aus Californien davon so begeistert sind und was das mit dem jetzt zu tun hat, diskutiert dieser Skeet auf Bluesky.

Silicon Valley is run by people who genuinely think the world as we know it is going to end in the next few decades. Many also WANT this to happen: they WANT the biological world to be replaced by a new digital world. They WANT “posthumans” to take the place of humans. A ?:

— Dr. Émile P. Torres (@xriskology.bsky.social) 25. April 2025 um 21:58

Telepolis und die Vergangenheit des Internet

Das Telepolis einige Jahre auch der Sponsor des Surveillance Studies-Preises war, möchte ich an dieser Stelle diesen Artikel aus der Zeitschrift Kontext nicht vorenthalten. Ich finde das ebenso wunderlich wie der Autor selbst. Was ist passiert? Telepolis”-Archiv gelöscht. Das Internet vergisst. Hier als Kurzzusammenfassung der Teaser:

Eines der ältesten Online-Magazine der Republik hat alle Artikel gelöscht, die dort vor 2021 erschienen sind. Der frühere “Telepolis”-Chefredakteur Florian Rötzer verweist auf große Löcher im digitalen Gedächtnis. Was dokumentiert bleibt, entpuppt sich als Machtfrage.