Kategorie: Forschung/Theorie

Überwachung studieren

Mal eine gute Nachricht: Unter Federführung des nimmermüden Gavin Smith bietet die Londonder City University ab Wintersemester 2009/10 den nach eigenen Angaben weltweit ersten MA in Surveillance Studies an. Für sehr kurzfristig entschlossene: Noch sind  ein paar Plätze frei.

The programme critically explores and analyses:
* The origins and growth of surveillance and its raison d’être
* The political economy of surveillance and its cultural context
* Surveillance sites, technologies and techniques
* Theories of surveillance
* Surveillance operation, experience and resistance
* Surevillance policy, regulation and ethics
* Surveillance futures

Tragbare Kameras und andere nützliche Kleidung

Die Polizei in Lisburn, Nordirland hat jetzt Kameras bekommen, die am Mann bzw. der Frau getragen wird. Body-cams for Lisburn Police. Die Hoffnungen sind immer die gleichen – es bleibt die Frage, ob im Zweifel das Material nicht mal wieder „unauffindbar“ wird – wenn das Aufgezeichnete kein gutes Licht auf die Polizei werfen würde

Chief Inspector Moore said that by wearing the cameras, it is hoped to deter people from committing crime in the first place but will also be an effective tool to bring the scene of an incident into the courtroom. He said courts will be able see and hear the incident through the eyes and ears of the officer at the scene to help provide an accurate account of the actions of the accused.

Davon einmal abgesehen setzt sich damit ein Trend fort, der als unbiquitous computing bereits seit einiger Zeit seine Schatten wirft. DEr Mensch nicht nur als Nutzer sondern Träger und direkter Bestandteil von Computern und ihren Netzwerken. So gibt es auf RFID-Basis eine Jacke die den Arbeiten bei ihren Tätigkeiten helfen soll (dradio.de, 18.7.2009). Die Uni Bremen ist hier mit der Entwicklung beschäftigt.

„In erster Linie geht es um die Ortung der Fahrzeuge“, erläutert Damian Mrugala vom IMSAS (…..) Die Fahrzeuge werden bereits nach der Fertigung mit passiven RFID-Tags versehen, auf denen sämtliche Fahrzeug- und Transportinformationen gespeichert sind. Am Terminal des Lagerverwaltungsgeländes werden diese mit einem RFID-Lesegerät identifiziert. Zukünftig sollen die Hafenarbeiter Jacken tragen, die mit einem Reader ausgestattet sind. Jedes Fahrzeug wird vom Personal an eine bestimmte Stellplatzfläche befördert. Über ein Kommunikationsmodul wird via GPRS-Technologie eine Datenübertragung zu einem Softwareagenten auf einer Hauptrecheneinheit ermöglicht, der Arbeitsaufträge verwaltet und der Jacke neue Aufträge mitteilt….. (RFID im Blick, 29.7.2009)

Das klingt plausibel, aber ich kann mir in beiden Fällen eine Menge offener Fragen aus gesellschaftswissenschaftlicher Sicht vorstellen…. nicht zuletzt arbeitsrechtliche Überlegungen der Überwachung am Arbeitsplatz, der Datensicherheit und im Falle der Polzei, des Rechtes am eigenen Bild, denn die Kamera filmt ja alles, was der Polizist sieht, auch was gar nicht relevant für seine Arbeit ist – allerdings ist das Verständnis dafür im Vereinigten Königreich ein anderes als hierzulande…

Überwachte Bürger zwischen Apathie und Protest

Am Institut für Sicherheits und Präventionsforschung gibt es eine neues Forschungsprojekt:

Der ‚überwachte‘ Bürger zwischen Apathie und Protest. Zur Genese neuer staatlicher Kontrolltechnologien und ihren Effekten auf Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung

Als Kurzbeschreibung hier ein Zitat von der Projektseite:

Gegenstand des Projektes ist die New Culture of Control in Form neuer staatlicher Kontroll- und Überwachungstechnologien, die spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die gegenwärtige Gesetzgebung und sicherheitspolitische Diskussion bestimmen. (…) Das Projekt verfolgt zwei Ziele:

Die theoriegeleitete Erklärung von Effekten neuer Kontroll- und Überwachungstechnologien auf Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung und die Überprüfung entsprechender Hypothesen anhand von Strukturgleichungsmodellen

Die Analyse der Gesetzgebungsverfahren zu diesen Überwachungstechnologien sowie der Einstellungen, Bewertungen und Annahmen staatlicher Akteure und Mitglieder von Grund-, Bürger- und Datenschutzrechtsorganisationen im Hinblick auf diese Technologien

Das Projekt liegt in den Händen der Kollegen Christian Lüdemann und Christina Schlepper.

Die Tücken der Statistik

Hier ein Artikel aus dem Guardian, der die Wissenschaft hinter Dokumenten und Statistiken des britischen Home office diskutiert.

Beim Guardian: Home Office research so feeble someone ought to be locked up .. ..und in Ben Goldacre badscience-Blog direkt: Is this a joke? Und darum geht es:

Luckily, the Home Office has now published a consultation paper on the subject. They defend their database by arguing that innocent people who have been arrested are as likely to commit crimes in the future as guilty people. „This,“ they say, „is obviously a controversial assertion.“ That’s not true: it’s a simple matter of fact, and you could easily assemble some good quality evidence to see if it’s true or not.

The Home Office has assembled some evidence. It is not good quality. In fact, this study from the Jill Dando Institute, attached to their consultation paper as an appendix, is possibly the most unclear and poorly presented piece of research I have ever seen in a professional environment. Or am I having a bad day? Join me in my struggle to understand their work.

Traum der Kontrolleure – Gedankenlesen

Auf das Zeit-Special zur Hirnforschung sei angesichts eines Artikels in der aktuellen Ausgabe der Zeitung hingewiesen. Unter dem Titel „Sind die Gedanken noch frei“ diskutieren die Autoren, welche Träume von der Hirnforschung beflügelt werden und welche Auswirkungen das haben könnte – und auch was daran seriös ist und was nur absurde Kontrollphantasien…

Die einen träumen von »Gedankenlesemaschinen« oder neuen, hirnbasierten Marketingmethoden, andere fürchten eine Gedankenpolizei, wie sie die Romanautoren Philip Dick (Minority Report) oder George Orwell (1984) vor Jahrzehnten vorhergesagt haben. Tatsächlich wird in den USA inzwischen laut darüber nachgedacht, ob man Terrorverdächtige nicht einfach anhand ihrer Hirnaktivität überführen könne – noch bevor sie straffällig werden. In Deutschland dagegen bestimmte in den vergangenen Jahren der Streit zwischen Philosophen und Hirnforschern die Debatte.

Vorträge zu Überwachung

Da die Kollegen in der Pädagogik so nett waren und den Vortrag aufgezeichnet haben – und ihn dann auch noch im Netz verfügbar machen, will ich bescheiden darauf hinweisen, wo er liegt. Das Thema: Weniger vom Lehrer, mehr vom Schüler – neue Bildungsansätze zwischen ’soft surveillance’, Selbstverantwortung und Emanzipation gehalten im Rahmen der Ringvorlesung Medien & Bildung am Institut für Erziehungswissenschaften der Uni Hamburg. Auch zu finden auf der Plattform Lecutre2Go der Uni Hamburg

Weiterhin gibt es den Vortrag „Überwachungsstaat aus Terrorangst“ aus den Carl Friedrich von Weizsäcker – Friedensvorlesungen zu globalen Herausforderungen der Menschheit und Verantwortung der Wissenschaft am Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung, Universtiät Hamburg ebenfalls im Netz zu sehen (hier müsst ihr ein wenig runter scrollen).

Neue Angsträume….?

Die Meldungen sind zwar schon eine Woche alt, aber bisher blieben die Kommentare (zB. beim epd) zur neuesten Kriminalitätsstatistik des Bundes, geäußert von Rainer Wendt von der DPoIG, unwidersprochen. Die Deutsche Welle hat einen längeren Artikel zu dem Thema, in dem auch Wendt zitiert wird:

Laut Statistik hat sich die Zahl der gewaltsamen Angriffe um 9,1 Prozent auf knapp 73.000 Fälle erhöht. Rainer Wendt forderte deshalb mehr Videoüberwachung, damit so genannte „Angsträume“ gar nicht erst entstehen.

Daneben ein Foto mit der Bildunterschrift: „Öffentliche Plätze und Parks verwandeln sich immer öfter in „Angsträume“.

Warum widerspricht niemand, woher weiß Herr Wendt wie Angsträume entstehen, warum kann er Kriminalität als alleiniges Merkmal für Angsträume bzw. räumliche Unsicherheiten generell darstellen. Er liegt falsch. Das hat das Hamburger Videoüberwachungsprojekt gezeigt (siehe auch den jüngsten Artikel dazu. Entlarvend finde ich allerdings seine weitergehende Argumentation, die das eigentliche Problem zeigt:

„Unsere Straßen sind ein gefährliches Pflaster geworden“, warnte der Gewerkschaftsvorsitzende. Der Grund: immer weniger Polizisten patrouillieren auf der Straße. Deshalb müsse vor allem im Osten darauf geachtet werden, dass nicht noch mehr Stellen verloren gingen.

Dann bitte schickt doch die Polizei wieder auf Streife oder gibt es die gar  nicht mehr, die Männer und Frauen. Wahrscheindlich sind sie eingespart, bauen immense Überstunden ab (zu recht) und sollen durch Kameras ersetzt werden, die ihren Job, was die Kriminalprävention angeht, nicht ersetzen können. Herr Wendt sollte hier einmal nachdenken, bevor er entgegen aller Erkenntnisse einfach so von Angsträumen und Kameras als Lösung daher redet.

Vortrag: Kritik biologischer Prävention im Strafrecht

Eine kurzfristig, aber interessante Ankündigung: Am Donnerstag, 18.6. um 20.00 Uhr wird es einen Vortrag mit Diskussion über die „Kritik biologischer Prävention im Strafrecht“ von Tobias Singelnstein und Stefan Krauth geben.

Die Veranstaltung findet im Nachbarschaftshaus Centrum, in der Cuvrystr
13 um 14.00 in Berlin statt.

Das vollständige Programm findet Ihr unter: http://www.sau.net.ms

Fürst Metternichs Überwachungsstaat

Die Rubrik Zeitläufe der ZEIT hat einen wirklich originellen und interessanen Artikel zum Thema: Metternichs IM.

Dem ersten Absatz allerdings würde ich zumindest warnend etwas hinzufügen wollen.

Die Geschichte des deutschen Überwachungsstaates im zwanzigsten Jahrhundert – vom Büttelreich der Hohenzollern bis zum Stasiparadies der DDR – führt weit zurück ins frühe neunzehnte. Sie ist vor allem mit einem Namen verbunden: Klemens Fürst Metternich.

Sind nicht auch die neuesten und jüngsten Überwachungs- und Kontrollorgien Ausdruck eines Staates, der niemandem traut? Ist wirklich 1989 Schluss gewesen. Sicherlich die gegenwärtie Lage ist nicht mit der Stasi vergleichbar – dennoch gibt es Ideen und Strukturen, die sich über die DDR hinweg bis heute ähneln, nämlich die ständige Angst vor Feinden des Staates, mit denen dieser wiederum besser regieren, weil mehr Eingriffe in das persönliche Leben seiner Bürger rechtfertigen kann. Das ist heute schwieriger als bei Metternich oder in der DDR, aber vorhanden. Deshalb gilt es auch heute genau hinzuschauen, was wo und wofür passiert oder gut sein soll.

Neuer Aufsatz zu CCTV

Hier etwas zum Lesen – Videoüberwachung auf der Reeperbahn – eine nochmalige statistische Analyse der Daten der quantitativen Studie – mit einigen methodologischen Überlegungen zu Raum und CCTV.

‚It is all about perceptions‘: Closed-circuit television, feelings of safety and perceptions of space – What the people say“ von Nils Zurawski erschienen im Security Journal als advance online publication (auch als pdf zum runterladen)

Answer to surveillance report of british parliament

Here is the UK government’s response to the House of Lords Consitution Commitee inquiry on Surveillance: Citizens and the State.

In the Surveillance & Society issue No 3 2009, you can find a discussion of the report by Katherine Hayles, Oscar Gandy, Katja Aas and Mark Andrejevic. Charles Raab, who was specialist advisor to the Lords Commitee will be responding in the next issue.

See also this entry.