Category: Buch-Tipp/Veröffentlichung

Journal: Visibilities and New Models of Policing

Die neuese Ausgabe des Journals Surveillance & Society widmet sich der Polizei: Visibilities and New Models of Policing, Vol 17 No 3/4 (2019).

This special issue, guest edited by Keith Spiller and Xavier L’Hoiry, investigates the blurring of boundaries between police and publics, particularly with respect to citizen-based policing schemes. In addition to an editorial introduction and nine curated articles, the issue includes nine regular articles and a number of book reviews.

Die Artikel reichen von BodyCams zu protest policing, von der Rolle sozialer Medien für vigilante Nachbarschaftswachen, bis hin zur Idee einer Ordnung ohne Polizei und einige mehr.

Richard Sennett “Die offene Stadt”

Für Soziopolis habe ich eine Rezension von Richards Sennets Buch “Die offene Stadt” geschrieben.

Im Buch gibt es auch Anschlussmöglichkeiten für die Themen Kontrolle und moderne Stadt, wie ich in der Rezension auch festhalte:

Um Sennetts These einmal konkret nachzuvollziehen, möchte ich hier auf das meines Erachtens gelungenste Kapitel eingehen – Kapitel 6: Tocqueville in Technopolis. Für seine Gegenüberstellung von offener und geschlossener Stadt wählt er das Beispiel der so genannten Smart City. Diese Städte der Zukunft werden maßgeblich von digitaler Technologie mitbestimmt, die in ihre Infrastruktur eingewoben sein wird und auf diese Weise steuern oder gar bevormundend eingreifen kann. Sennett beschreibt die Möglichkeiten zur Nutzung der Smart City als koordinierend oder vorschreibend. Die erste Variante ergänzt sich Sennett zufolge ideal mit dem Konzept einer offenen Stadt(entwicklung) und symbolisiert diese, während die zweite, vorschreibende Variante eine geschlossene Stadt nach sich zieht. Als Beispiel für Letzteres führt der Autor das Googleplex in New York an, ein geschlossener Ort, den Sennett als eine Art Ghetto bezeichnet. Innerhalb dieses Komplexes sollen die Angestellten möglichst wenig mit den Profanitäten des täglichen Lebens in Berührung kommen, sie sollen sich auf die Arbeit konzentrieren, möglichst rund um die Uhr.

JG Ballard: Das kommende Reich

Schon etwas länger her, aber weil ich gerade sein Buch High Rise lese, sei hier nochmal auf diese Sendung beim Deutschlandfunk hingewiesen:

Das Werk des britischen Autors J. G. Ballard: Das kommende Reich vom 7.7.2019 (Autor: Thomas Palzer).

Der Film High Rise war ziemlich beklemmend – auch weil an einer entscheidenen Szene im Film, in denen der Strom in dem Hochhaus ausfiel, das gleiche in unserem Kino passierte. Ein Bagger hatte bei Erdarbeiten ein dickes Stromkabel in Darmstadt durchtrennt. Sogar das Riesenrad des Heinerfestes stand eine Weile still.

Ich bin mir sicher, die anderen Werke sind ebenfalls lesenswert, im Hinblick auf Dystopien/Utopien und die Welt der Überwachung auf jeden Fall, wenn auch sehr subtil und schon etliche Jahre her.

 

Künstliche Intelligenz als mythische Erzählung

Ich ahnte ja schon so etwas und würde nach dem Genuss des Buches “Am Anfang war die information. Digitalisierung als Religion” von Robert Feustel (2019 und sehr empfehlenswert!!) auch sagen, dass es eine Kultur der KI gibt, sie also eingebettet ist in Hoffnungen, Wünsche und Projektionen, wie so viele Technologien vor ihr. Die heilsbringerischen Erwartungen, zumal oft mit wirtschaftlichen Träumen auf das “nächste dicke Ding” verbunden, lassen mich vorsichtig sein. Eine alleinige ethische Bewertung, wie sie landauf, landab in Projekten und Kommissionen gefordert und geleistet wird, kann nicht genug sein, auch weil damit lediglich der Gebrauch reguliert, nicht aber darüber nachgedacht wird, worum es sich eigentlich handelt. Das Gerede von der KI allein reicht dann schon aus, um alles Denken auszuschalten – und die Fantasie spielen zu lassen.

Daher ist dieser kleine Text zur Kultur der Künstlichen Intelligenz lesenswert:

The relevance of culture in the age of AI

Siegerfilme der Tübinale 2019

Passend zur neuesten Ausgabe der Berichte aus Panoptopia, stehen auch die Siegerfilme der Tübinale 2019 online. Als bester Film wurde ausgezeichnet “Mary had a little lamb” und die beste Kamera bekam der Film “Kontrollverlust”. Der ist deshalb hier relevant, weil er sich mit der Überwachung durch Dopingkontrollen beschäftigt und neben dem Thema auch handwerklich sehenswert ist.

Kritik an der Metaphorik der Überwachung

In einem sehr erhellenden Artikel, eigentlich einer Rezension dreier Bücher, kommentiert der Historiker Quinn Slobodian die Verwendung von Methaphern, wie sie zur Beschreibung gegenwäriger, gesellschaftlicher Entwicklungen benutzt werden. Allen voran nimmt er sich Shoshana Zuboffs “Age of Surveillance Capitalism” vor (siehe auch Rezension hier im Blog).

The False Promise of Enlightenment, in Boston Review, 29.5.2019.

Und ich finde, er trifft den Nagel sehr gut auf den Kopf.

Videoüberwachung und Demonstrationen

Ein altes Thema, aber schon  lange nicht Neues mehr davon gehört. Jetzt haben Peter Ullrich und Philipp Knopp einen Aufsatz im Berliner Journal für Soziologie dazu veröffentlicht.

Abschreckung im Konjunktiv. Macht- und Subjektivierungseffekte von Videoüberwachung auf Demonstrationen

Die polizeiliche Videoüberwachung von Demonstrationen wird vor allem für die vermutete Abschreckungswirkung auf die Teilnahmebereitschaft an Demonstrationen kritisiert. Die vorliegende empirische Untersuchung zeigt, dass ihre Wirkungen deutlich komplexer sind. Auf Basis von Gruppendiskussionen mit rechten, linken und (links-)liberalen Demonstrierenden sowie Fußballfans werden die Macht- und Subjektivierungseffekte von Videoüberwachung systematisch in einem Grounded-Theory-Design untersucht.

(und es ist open access, der Artikel also frei verfügbar)

Polizeikennzeichnung: eine lange Geschichte

Nicht nur ist die Geschichte der Polizeikennzeichnung bzw. die Geschichte der Forderungen, des Kampfes dafür und dagegen absurf und zäh, sondern auch lang, wie dieser Artikel der wunderbaren Webseite Geschichte der Gegenwart zeigt. Da es dabei auch im Kern um Kontrolle geht, hier der Artikel als Lesetipp.

Nummern für die Polizei! Geschichte und Gegen­wart einer alten Forde­rung

 

Neu: Kritik des Anti-Doping

Unser Buch, Kritik des Doping (Hrsg: Nils Zurawski & Marcel Scharf) ist seit heute erhältlich.

Es geht in dem Buch nicht nur, aber auch und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, um das Thema Überwachung und Kontrolle.

U.a. sind darin folgende Beiträge versammelt

  • Zur Kritik des Anti-Doping
    Nils Zurawski, Marcel Scharf
  • Whistleblower, Kronzeuge, Nestbeschmutzer, Denunziant?
    Ralf Meutgens, Philip Schulz

Überwachung und Klima, Forts.

Gewissermaßen als Fortsetzung des Beitrages zu Überwachung und Klimaschutz (Pol. Feuill. bei Dradio), hat Adrian Lobe jetzt eine Antwort darauf in seiner Kolumne Lobes Digitalfabrik geschrieben (Spektrum der Wissenschaft, 13.3.2019):

Mit Überwachung das Klima retten?

Und er hat ein gewichtiges Argument, dass die Lösung Digitalisierung wohlmöglich in ein anderes Licht setzt – an dem wir aber auch nicht vorbeikommen:

Big Data verbraucht selbst jede Menge Energie. Laut einem Bericht von »Climate Home News« könnte die Datenproduktion bis 2025 20 Prozent des weltweiten Strombedarfs ausmachen. Bis 2040 könnte die Kommunikations- und Informationstechnologie sogar für 14 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sein

Die digitale Zukunft und mit ihr die Überwachungsfantasien der Smart Cities und anderer Pläne wären somit auch schädlich fürs Klima – die alleinige Lösung scheint das also nicht zu sein, wie aber dann?

Feminismus und Überwachung

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat ein Dossier zum Thema “Feminismus und Überwachung. Intersektionale Perspektiven” herausgegeben.

Auch Frauen*, Schwarze Menschen oder Menschen of Color müssen mit stärkeren Eingriffen in die (körperliche) Privatsphäre rechnen. Sei es beim Recht auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung oder hinsichtlich der Bewegungsfreiheit, Stichwort Racial Profiling. Überwachung, ob staatlich oder privatwirtschaftlich, betrifft großflächig uns alle, wenn auch nicht im gleichen Maße. Trotzdem scheint sich kaum jemand betroffen, eingeschränkt oder gar eingeschüchtert zu fühlen. Woran liegt das?

Dass sie auch ein (pinkes) Kamerabild zur Illustration genommen haben, war wohl nicht zu vermeiden, auch wenn diese mit dem Thema wenig zu tun haben…. auf jeden Fall aber lesenswert!