Category: Biometrie

Überwachung und ehrbare Hilfe?

Eher beiläufig bin ich auf diesen Eintrag des Freiheitsfoo zur DKMS aufmerksam geworden. Die DKMS kümmert sich darum, dass an Blutkrebs erkrankte den richtigen Spender für ihre Stammzellen finden können. Dazu sammeln sie Daten von Menschen, die sich typisieren lassen. Das ist durchaus ehrbar und wer würde schon kranken Menschen die Hilfe versagen wollen.

Ich selbst habe mich ebenfalls bei einer solchen Aktion einmal typisieren lassen. Beiläufig gedacht habe ich aber auch, dass es sich damti ja um eine perfekte DNA-Datenbank handeln müsse, in die meine Informationen nun kommen und wie das mit anderen Bestrebungen, z.B. der Polizei zusammengeht. Ich bin aber dann davon abgekommen, das weiter nachzufragen. Nun bin ich hierrüber gestolpert und halte es für einen Eintrag wert, zumal es um eine Reihe interessanter Fragen dabei geht.

DKMS – Vom Knochenmarkspende-Geschäft, millionenfacher nicht-staatlicher Erfassung biometrischer Merkmale und einer Reihe von Fragen und Kritik zum Umgang mit diesen Daten

bei Freiheitsfoo, (bereits am 7.6.2017)

Ungewollt im Fernsehen

Der Filmemacher Martin Baer, Ko-Regisseur von Der illegale Film, einer Doku über die Kulturgeschichte des Fotografierens, war ungewollt im Fernsehen, wie SPIEGEL + berichtet (Paywall, oder ohne im Tagesspiegel). Für Recherchen zum Film hatte er als Testperson am so genannten “Feldversuch” des Bundesinnenministeriums zur Gesichtserkennung am Berliner Südkreuz teilgenommen. Dann entschied Horst Seehofer, die umstrittene Passage aus dem Gesetzesentwurf streichen zu lassen, der es der Bundespolizei erlaubt hätte, Software zur Gesichtserkennung einzusetzen. In ihrem Bericht dazu (24.01.2020) zeigte die Tagesschau unter anderem das unverpixelte Porträt von Baer – obgleich den Testpersonen zugesichert worden war, dass ihre Bilder niemals an die Öffentlichkeit gelangen würden. Auf jeden normlan Zuschauer, so wird Baer zitiert, müsse es aussehen, als wäre er ein zur Fahndung ausgeschriebener Krimineller. Es wird vermutet, dass das Foto, das Baer und weitere Personen zeigt, während eines Pressetermins entstanden ist. In den Filmaufnahmen der Tagesschau vor Ort am Südkreuz sind alle Gesichter übrigens verpixelt worden.

Big Data, Bots und Algorithmen

An der Universität Hamburg gibt es in diesem Wintersemester 3 Vorlesungsreihen im Allg. Vorlesungswesen, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema Big Data beschäftigen.

Die Reihe Mathematik trifft Daten beschäftigt sich mit der mathematischen Seite des Themas.

Die Rache der Bots. Demokratische Integrität und automatisierte Meinung will vor allem den Herausforderungen nachgehen, die vom Einsatz digitaler
Manipulationstechniken für die Integrität demokratischer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung ausgeht.

Und schließlich, die auch (hier bereits angekündigte) Reihe Daten, Algorithmen, Kontrolle der Zukunft: Big Data in der digitalen Gesellschaft – Anwendungen und Zweifel.

An diesem Thema Interessierte finden dazu also in diesem Winter reichhaltige Kost!

Bunte Brillen vs. Gesichtserkennung

Forscher der Carnegie Mellon University haben eine Methode entwickelt, automatisierte Gesichtserkennung zu umgehen, ohne sich auffällig maskieren zu müssen: Mit bunten, selbst gedruckten Brillenrahmen wird Reethe Witherspoon von den Algorithmen als Russel Crowe identifiziert (siehe Studie):

Accessorize to a Crime: Real and Stealthy Attacks on State-of-the-Art Face Recognition.

In this paper, we focus on facial biometric systems, which are widely used in surveillance and access control. We defi ne and investigate a novel class of attacks: attacks that are physically realizable and inconspicuous, and allow an attacker to evade recognition or impersonate another individual. We develop a systematic method to automatically generate such attacks, which are realized through printing a pair of eyeglass frames.

Mehr Berichterstattung hier.

Gesichtserkennung in den USA: umfassend, schlecht reguliert und rassistisch

Mehr als die Hälfte aller erwachsenen US-Amerikaner sind in polizeilichen Datenbanken zur Gesichtserkennung erfasst. Die Behörden nutzen unter anderem Datenbanken, in denen Fotos von Führerscheinen und Ausweisen gespeichert sind. Afroamerikaner werden vom System besonders benachteiligt. – Das sind einige der zentralen Erkenntnisse, die das Center on Privacy & Technology  an der Georgetown Universität in einem aktuell erschienen Bericht (Autor/innen: Clare Garvie, Alvaro Bedoya, Jonathan Frankle) veröffentlicht hat: The Perpetual Line Up.

Combining FBI data with new information we obtained about state and local systems, we find that law enforcement face recognition affects over 117 million American adults. It is also unregulated. A few agencies have instituted meaningful protections to prevent the misuse of the technology. In many more cases, it is out of control.

Die Website Perpetual Line Up stellt Aufbau und Ergebnisse der Studie ausführlich vor. Weitere Berichte: The Guardian, Boing Boing.

Unzuverlässige Gesichtserkennung (The Intercept)

Ava Kofman berichtet für The Intercept ausführlich über die Unzuverlässigkeit, Risiken und Nebenwirkungen von (menschlicher und automatisierter) forensischer Gesichtserkennung.

No threshold currently exists for the number of points of similarity necessary to constitute a match. Even when agencies like
the FBI do institute classification guidelines, subjective comparisons
have been shown to differ greatly from examiner to examiner.

Schlaf und Überwachung

Eine ungewöhnliche Kombination, doch Matthew Wolf-Meyer schafft es hier die Verbindungen zwischen Schlaf – eine vermeintlich private Angelegenheit – Kapitalimus und Überwachung zu ziehen. Lesenswert und regt zu einigen Diskussionen an.

Die resultierenden Schlafmuster sind vorhersehbar und erlauben die Verwaltung der Gesellschaft. Schlaf ist also nicht nur wichtig für Individuen, sondern auch für die Gesellschaft an sich. Deshalb wird unser Schlaf auch immer mehr überwacht und verschiedene Experten machen sich darüber Gedanken, was normaler Schlaf ist und was nicht.

Jenseits der Überwachung? Zur Politik des Schlafs (Berliner Gazette, 23.4.2014)