Kategorie: Biometrie

Tagung: Verdaten, vernetzen und vermuten

Hier mal ein Veranstaltungstipps, in dem der Fokus auf einem sehr klassischen Thema der Überwachung in all seiner Komplexität geworfen wird, nicht bloß KI, kein Datenschutz, sondern Grenzregime, Migration und all die anderen Dinge auch, aber eben nicht abstrakt, sondern bezogen auf eines der wichtigsten Phänomene unserer Zeit in Bezug auf Überwachung, Politik und Menschenrechte, welches gleichzeitig viel zu viel unter dem Radar behandelt wird.

Titel: Interdisziplinäre Perspektiven auf die digitalisierte Verwaltung und Kontrolle von Migration und Grenzen.

Die Online-Tagung wird organisiert vom Deutschen Institut für Menschenrechte und dem Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Recht der Digitalisierung der Verwaltung, Informations- und Migrationsrecht an der Universität Leipzig

Wann: 2026 | 10:00 – 16:15 Uhr

Bereits seit den 1990er Jahren werden das Recht und die Systeme zur Verarbeitung der Daten von Drittstaatsangehörigen durch Datenschützerinnen und Migrationsrechtlerinnen als unverhältnismäßig und diskriminierend kritisiert. Mit der wachsenden Komplexität der Infrastrukturen wird es zunehmend schwieriger, ihr sozio-technisches Funktionieren und ihre Auswirkungen auf Betroffene zu verstehen und rechtlich zu bewerten.

Programm und kostenlose Anmeldung unter: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/veranstaltungen/detail/verdaten-vernetzen-und-vermuten-interdisziplinaere-perspektiven-auf-die-digitalisierte-verwaltung-und-kontrolle-von-migration-und-grenzen

Gesichtserkennung doch mit Bias?

Die Vermtung, dass Gesichtserkennung diskriminierend wirkt, ist so alt, wie die Technik. Jetzt hat der geschätzte Kollege Pete Fussey (der „Expert“ in dem Artikel) der MET Police widersprochen, dass eine Studie mit dieser Annahme aufräumen soll: Expert rejects Met police claim that study backs bias-free live facial recognition use, Guardian 23.8.2025

Vor allem geht es bei der Kritik um die Größe des Samples in der besagten Studie – ein nicht seltenes Problem bei Evaluationen, auch, aber nicht nur bei der Polizei. Was hier vor allem diskutiert wird, ist die Sicht auf wissenschaftliche Ergebnisse, bei denen Statistiken eine Rolle spielen, aber eben auch Wünsche und Hoffnungen an Technik, die letztlich auch Wundermittel sein sollen, um meistens soziale Problem zu lösen.

WiFi als Überwachungstechnik

Ich habe nicht ganz verstanden, wieso hier von der Technologie von einer „robust and privacy-preserving biometric modality“ gesprochen wird, denn über die WiFi-Wellen Menschen zu erkennen, quasi eineindeutig

Researchers in Italy have developed a way to create a biometric identifier for people based on the way the human body interferes with Wi-Fi signal propagation,

ist nur auf eine Weise Privatsphäre fördend, aber nur wenn es dazu dann keine Abgleiche möglich sind mit dem entsprechenden Muster, das man dann ja auch irgendwie speichern können muss….

Humans can be tracked with unique ‚fingerprint‘ based on how their bodies block Wi-Fi signals, The Register, 22.7.2025

Ist das noch Freizeit?

Schneller, weiter, krasser – so der Titel eines sehr ausführlichen Artikels in der taz am 25.2.2025, in der die Autorin (Sophie Fichtner) von den Erlebnissen ihrer Protagonistin Kira Gerlach mit einer Fitness-App berichtet und darüber reflektiert, welche Folgen diese haben können.

Freizeitsport wird immer kompetitiver, auch wegen Apps wie Strava. Dort pushen sich Nut­ze­r gegenseitig immer weiter – bis es ungesund wird.

In dem Artikel geht es dabei sowohl um Leistungsvergleiche online, also den sozialen Druck durch den Vergleich, möglich über die digitale Verfügbarkeit von Daten, bereitgestellt von den Nutzern selbst im Rahmen konsumistischer Praktiken. Es geht aber auch um Leistung selbst, um Sport, um Perfektion, um das Messen von Leistung im Freizeitsport (wenn man davon noch so sprechen kann), es geht um Gesundheit und deren mögliche Gefährdung.

Damit sind gleich mehrere meiner wissenschaftlichen Interessen berührtn – Konsum, Doping/Sport/Leistung, Messen und die Indikatoren des Messens als Form der Überwachung – und vor allem zum Punkt des Messens kann ich auf diesen bereits erwähnten Artikel nochmal verweisen:

  • Zählen, messen, kontrollieren. Über eine ambivalente Technik der (Post)Moderne oder: wie aus persönlichem Geltungsdrang ein gesellschaftliches Problem werden kann, Zeitschrift für Semiotik, Vol 45, Heft 3-4, 2023. (erschienen 2024).

Besser werden – Selbstoptimierung

Das Thema war schon einige Male Thema – und heute auch beim Deutschlandfunk. Das Audio der Sensung Bin ich gut genug? Der Drang zur Selbstoptimierung ist nachhörbar und lohnt sich wie ich finde. U.a. mit dabei ist der Soziologe Hartmut Rosa.

Und ich nutze die Gelegenheit zur schamlosen Selbstbewerbung eines im letzten Jahr publizierten Textes von mir: N. Zurawski: Zählen, messen, kontrollieren. Über eine ambivalente Technik der (Post)Moderne oder: wie aus persönlichem Geltungsdrang ein gesellschaftliches Problem werden kann, Zeitschrift für Semiotik, Vol 45, Heft 3-4, 2023. (erschienen 09/2024, online leider noch nicht frei zugänglich, aber ihr könnt mich fragen… )

Biodaten, Überwachung, „Rasse“

Die Story bekommt man so in aller Kürze gar nicht zusammengefasst: ‘Race science’ group say they accessed sensitive UK health data (Guardian 17.10.2024). Sie zeigt aber warum diese abstruse Geschichte auch für ein Blog wie diesen hier interessant ist.

Wie überkommene, falsche, absurde, aber immer weiterlebende „Rasse„-Theorien (race kllingt zwar weicher und wird im englischen Sprachraum zwangloser benutzt, dadurch wird das Konzept dahinter aber nicht besser) benutzt werden, um Menschen zu kategorisieren hat gerade wegen der Kategorisierungen eben auch mit Überwachung zu tun. David Lyon nennt es Social Sorting, wobei er nicht nur vermeintlich ethnische Merkmale (was immer diese sein könnten) mein, sondern allgemein soziale Aspekte, die sich klassifizieren lassen.

Dass es in dem Artikel auch um DNA-Daten von britischen Bürgern in der UK-Biobank geht, ist dann der weitere Link zu den Themen des Blogs. Datenschutz, biometrische Daten, Datensammlungen und vor allem ihre Auswertung für zweifelhafte Forschungen und Zwecke, wie der Artikel es nahelegt – immerhin geht es um „race science“ eingedeutscht etwa „Rassenkunde“.

Über Selbstoptimierung

Da schreibe ich gerade noch von der Zeitschrift für Semiotik, da liegt auch die neueste (?) Ausgabe bei mir in der Post, auch mit einem Beitrag von mir.

Zählen, messen, kontrollieren.
Über eine ambivalente Technik der (Post)Moderne oder: wie aus persönlichem Geltungsdrang ein gesellschaftliches Problem werden kann, Vol 45, Heft 3-4, 2023.

Wer sich wundert, sprach ich doch gerade noch von Open Access, das neueste Heft ist es noch nicht. Überhaupt ist die Veröffentlichungssyncronität bei dem Journal etwas durcheinander, wie man an der Jahreszahl sieht. Das ist ein wenig verwirrend, aber nicht schlimm, denn die Beiträge sind es alle wert auch mit anderer Jahreszahl gelesen zu werden.

Wer meinen Beitrag haben möchte, schickt mir einfach eine Mail.

Mehr zur Gesichtserkennung

Dieses Mal in Supermärkten. Dieser Artikel ist bereits vom April (ich komme oft nicht schnell genug dazu die Fundstücke zu verarbeiten ;-)), passt aber hervorragend zu dem Artikel davor.

Supermarket facial recognition failure: why automated systems must put the human factor first (The Conversation, 22.4.2024

In dem Artikel geht es vor allem darum, in welchem Kontext diese Technologien eingesetzt werden, was das für Konsequenzen haben kann und warum es wichtig ist darüber auch bei so scheinbar alltäglichen und nebensächlichen Dingen wie dem täglichen Einkauf zu sprechen.

Supermarkets may now be at the forefront of a technological shift in the shopping experience. Moving towards a surveillance culture where every customer is monitored as a potential thief is reminiscent of the ways global airport security changed after 9/11.