Category: Biometrie

Sensoren, Implantate, Fürsorge

Wo die Fürsorge aufhört und die Ãœberwachung anfängt ist oft schwer zu sagen – das Konzept der Ãœberwachung steht seit jeher in diesem Spannungsfeld. Zwei völlig unabhängige Nachrichten bzw. kleine Geschichten aus der Medizin lassen das wieder anschaulich werden. Das man Implantate (im Sinne von Prothesen) von außen erkennen soll, ist sicherlich hilfreich, wenn es um Notfälle geht – aber auch hier lassen sich mit ein wenig Fantasie die “gewanderten Funktionen” weiterdenken.

Ein anderes Projekt mit dem Titel Guardian Angels (NZZ, 1.6.2011) verfolgt ganz andere Ziele – letztlich geht es aber auch hier um die Kontrolle, sogar der Selbstkontrolle und um die eigene Fürsorge

Herr Hierold, was sind die Ziele des Pro jekts «Guardian Angels»?
Wir möchten Konzepte und Technologien für kommunizierende Netzwerke von winzigen Sensoren erforschen, die Personen sehr unauffällig dabei unterstützen, sich selbst und ihre Umgebung besser wahrzunehmen. Eine typische Anwendung liegt im Bereich des Sports: Die Sensoren könnten Blutdruck, Herzschlag und Bewegung messen und dem Träger darüber Feedback geben. Unser Projekt ist aber auch eine Technologieplattform für das Konzept «Zero Power»: Die Sensoren, die Recheneinheiten und die Bauteile für die Datenübertragung sollen so wenig Energie brauchen, dass sie von kleinen «Energiesammlern» mit Energie aus der Umwelt versorgt werden können – aus Bewegungen, Temperaturunterschieden und elektromagnetischer Strahlung, zum Beispiel Licht. Das System soll also ohne externe Energiequellen auskommen.

Was immer man von Doping, den Kontrollen und den durchaus vorhandenen Schwierigkeiten im Hinblick auf die Freiheiten der Sportler hält – hier böten sich aber in der Tat ganz neue Möglichkeiten der Ãœberwachung. Eine Lösung für eine schwieriges Problem – auch weil beim Doping im System Leistungssport nicht immer klar ist, ob es tatsächlich verfolgt oder manchmal auch geduldet wird?

Wie wir vom Kopf auf den Charakter schließen…

Die VW-Stiftung fördert ein sehr interessantes Projekt – SchädelBasisWissen (Hamburger Abendblatt vom 2.4.2011). Das Projekt hat im historischen Sinn durchaus etwas mit dem Thema des Blogs zu tun – denn es setzt sich kritisch mit den Vorstellungen physischer Eigenschaften im Hinblick auf die Bewertung von Menschen auseinander – im O-Ton der Ankündigung auf den Seiten der VW-Stiftung:

Welche kulturellen, medizinhistorischen und wissenschaftlichen Einflüsse haben unsere Vorstellung vom „wohlgeformten“ Schädel geprägt? Worin liegen die impliziten Verknüpfungen zwischen der Schädelform und den persönlichen Charaktereigenschaften eines Menschen begründet?

In Zusammenarbeit mit Medizinethnologen und Kunsthistorikern arbeiten Prof. Dr. Dr. h.c. Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, und der Neurochirurg PD Dr. Ernst-Johannes Haberl, Charité – Universitätsmedizin Berlin, am Beispiel der Schädelkorrektur bei Kleinkindern das historisch verankerte Wissen auf, das in unseren Vorstellungen über ein angenehmes Erscheinungsbild fortwirkt, ohne jedoch in der medizinischen Praxis reflektiert zu werden.

Ich konnte noch keine Projekt-Webseite finden – aber das kommt bestimmt auch noch. Für alle, die sich für Körpervermessung, Rassenklassifizierung usw. interessieren, dürfte das Projekt neue Erkenntnisse bringen. Was genau dabei rauskommt sollten wir uns dann mal genauer anschauen. Den Ansatz finde ich auf jeden Fall erst einmal interessant und wichtig.

Radio: Datenkauf und Fingerabdrücke

Auf BBC Radio gibt es zwei interessante Beiträge zu den Themen Verkauf von Daten sowie eine Untersuchung von Fingerabdrücken.

Das Programm zu den Daten bringt nicht so viel Neues (Start bei ca. 13:45), ist aber interssant zu hören.

Die Sendung zu den Fingerabdrücken wagt einen historisch-kritischen Blick auf die Technik, die mittlerweile gut 100 Jahr alt und in Gebrauch ist. Die Frage der Sendung ist: Sind Fingerabdrücke wirlich so einmalig und wertvoll wie immer behauptet wird.

nochmal: Falsch-Positive

Erst kürzlich habe ich hier ein paar Bemerkungen zu den Falsch-Positiven beim Profiling an Flughäfen geschrieben. Nun eine kleine Ergänzung: Ein Artikel im Economist Clever hounds (15.2.2010) berichtet von einem Experiment des menschlichen Einflusses auf die Ergebnisse von Drogensuchhunden – der offenbar groß ist. Das Ergebnis sind Falsch-Positive. Das Experiment ist interessant und wissenschaftlich veröffentlicht (-> Animal Cognition). Das Ergebnis und die Konsequenzen werden offen gehalten – was wohl auch vernünftig ist.

How much that matters in the real world is unclear. But it might. If a handler, for example, unconsciously “profiled” people being sniffed by a drug- or explosive-detecting dog at an airport, false positives could abound. That is not only bad for innocent travellers, but might distract the team from catching the guilty. Handlers’ expectations may be stopping sniffer dogs doing their jobs properly.

Der neue Personalausweis

Es gibt wahrscheinlich jede Menge zum neuen “Perso”, der demnächst eingeführt wird – hier als Anfang einmal die technischen Hintergründe und Argumente bei der  c’t und  dem DeutschlandFunk. Die Kritik ist riesig und der tatsächliche Nutzen wird sich erst noch zeigen – auch und gerade im Hinblick auf die kommerziellen Anwendungen. Mehr dazu wenn es anfällt.

Öffentliche Vorlesungsreihe: Biometrie

An der Universität Hamburg gibt es in diesem Wintersemester eine öffentliche Ringvorlesung zum Thema Biometrie und Biopolitik mit interessanten Gästen. Aus der Ankündigung der Veranstalter:

Ein „polizeistaatlicher“ Zugriff auf digitale Technologien der biometrischen Datenspeicherung und -verarbeitung ist gegenwärtig in der öffentlichen Debatte zwar als Option präsent, die Aufmerksamkeit richtet sich dabei jedoch nur in geringem Maße auf die fortgeschrittene Anwendung solcher Informationstechnologien im Bereich der europäischen Grenzkontrolle. Wir möchten den Einsatz von biometrischen Grenztechnologien in der Rekonstitutierung des europäischen Grenzregimes interdisziplinär diskutieren und die Effekte neuartiger postnationaler und zugleich deterritorialisierter Konturen einer digitalisierten Form der Grenze untersuchen (Gesamtes Programm)

Beginn ist der 25.10.2010: Biometrie und Biopolitik. Eine Einführung von Thomas Lemke, Frankfurt a.M.

Maßgeschneiderte Werbung

Ist zwar schon zwei Wochen her, aber deshalb nicht irrelevant – ein Radioprogramm der BBC (bei ca. 27.00 Min), das sich mit Sky TV und deren Werbestrategien beschäftigt. In diesem Falle geht es um das, was man unter Geo-Marketing versteht:

“Sky already uses the information they hold about customers to determine the adverts they see when watching TV online but now they want to extend this to some of their TV channels. So what you get in an ad break will be determined by your post code, subscription package and other data they hold about you”.

in diesem Zusammenhang ist auch ein Bericht von n-tv interessant, der von Werbung berichtet, die erkennen kann, wer vorbei geht und sich entsprechend auf den Kunden dann einstellt – so eine Szene gab es auch in dem Spielberg Film “Minority Report”.  Hinter der Forschung steht in diesem Fall das Institut für Anthropomatik in Karlsruhe.

Conference: Risky profiles: Societal dimensions of forensic uses of DNA analysis

Goethe University Frankfurt am Main, 2-3 July 2010

Registration is free, but places are limited; please contact Barbara Prainsack at prainsack@soz.uni-frankfurt.de by 15 June 2010 at the latest.

Forensic uses of DNA technologies have become crucial elements of national systems of criminal justice. In addition, as a result of growing transnational mobility and the global use of information and communication technologies crime and crime prevention issues are increasingly addressed by agencies and policy actors beyond the national state. In the European context, the so-called Prüm regime obliges law enforcement authorities in all EU countries to render their forensic DNA databases searchable for other member states by 2011 (at a match/no match basis). This also means that countries which do not yet have centralized forensic DNA databases need to establish them by that date. In sum, the importance of forensic DNA databasing will continue to increase in the political and public arenas across Europe.

Biometrische Theaterinstallation

ID – Eine biometrische Theaterinstallation

Bewußt und unbewußt hinterlassen wir permanent Datenspuren und werden von elektronischen Systemen identifiziert. Die technischen Geräte werden dabei immer raffinierter. Gesichtserkennungssoftware, Fingerabdruck, Iris- und Nacktscanner erfassen die Merkmale, und Daten, die dem Prüfsystem beglaubigen sollen, daß wir nun wirklich die sind, die wir sind und darstellen. Lukas Bangerter versucht mit dem neuen PLASMA Projekt 13 formal die Überlagerung von Installation/Environment mit der klassischen Frontal-Bühne.

Premiere: 04.03.2010, Theaterhaus Zürich