Autor: Nils Zurawski

Dr. habil. Nils Zurawski, ist Soziologe und Ethnologe und Initiator des Forschungs-Netzwerkes Surveillance-Studies. Er arbeitet als Wissenschaftler am Institut für kriminologische Sozialforschung an der Universität Hamburg sowie als freier Mediator/Moderator/Konfliktberater. Hier gibt es mehr Informationen zu seiner Arbeit: https://www.surveillance-studies.org/zurawski

Nachtrag zu den fliegenden Kameras

Ein Bericht aus The Register über Liverpool police get mini-Black Helicopter sowie eine Ausgabe von Police Aviation News mit noch mehr Material zum Thema der fliegenden Augen in England und sonstwo. Das Kino war schneller, aber wurde dann doch eingeholt.

The era of Robocop – and perhaps of the surveillance society – came a step nearer today with the announcement that Merseyside plods have started trialling a flying police robot.
The scally sky-patrolman, unlike military kill-bots such as the US Reaper, isn’t intended for any active role. It is purely an observation platform, mounting CCTV with a range of imaging options. (The Register)

Satelliten-Überwachung gegen Genozid

Überwachung für eine gute Sache? Offensichtlich lässt sich moderne Satellitentechnologie nicht nur für das Ausspionieren von Menschen nutzen, sondern ebenso, um andere Menschen zu schützen.

Heute wird Amnesty International unter der Adresse www.eyesondarfur.org eine Webseite starten, auf der die aktuellsten Luftaufnahmen aus der Region zu sehen sein werden. Die Organisation rief Internetnutzer weltweit dazu auf, ein Auge auf die Vorgänge in der Konfliktregion zu haben. (Spiegel Online 6.7.2007)

Das Internet als kollektives Kontrollinstrument – eine gute Idee in einer oft tatenlos zusehenden Welt, in der Darfur nur dann ein Thema ist, wenn es wieder über alle Maßen aus dem Ruder läuft. Ob es tatsächlich etwas bringt, die Verantwortlichen so unter Druck zu setzen und ob es helfen wird auf der anderen Seite mehr echte Hilfe für echte Lösungen zu erreichen bleibt dahin gestellt. Was alles möglich ist und auf welchen Gebieten diese Art der Überwachung noch stattfinden wird, wird sich zeigen – erste Beispiele gibt es aber bereits, wie zum Beispiel bei der Kontrolle von Migrationsbewegungen in Afrika oder zur Überwachung des Drogenanbaus. Die Grenze von „guter“ und auspionierener Überwachung wird immer wackeliger, ganz abgesehen davon, welche Interpretationen aus diesen Bildern und Karten gezogen werden können.

Siehe auch: Computerwache, Telepolis, 6.6.2007:

Wieder mal die sprechenden Kameras….

Auch wenn es schon hinlänglich bekannt ist: In Großbritannien gibt es sprechende Kameras. Nun hat auch tagesschau.de dazu einen schönen Beitrag veröffentlicht – von einem Korrespondenten – mit dem Titel: Wenn Kameras mit dir sprechen….

Schön ist allerdings was Martin Zagatta (der Autor des Beitrages) noch so berichtet:

Vier von fünf Briten geben Umfragen zufolge Innenminister John Reid Recht, der die Kontrolle per Bildschirm befürwortet und solch „sprechende“ Kameras nun an möglichst vielen Orten aufstellen will. „Das ist keine Geheimüberwachung, sondern ein öffentliches, interaktives System und so erfolgreich, dass eine Vielzahl von Kommunen im ganzen Land das nun auch einführen will – und wir fördern das mit Zuschüssen“, so der Innenminister. Und die britische Regierung feilt schon an Weiterentwicklungen. In London soll bereits ein Modellversuch laufen, mit Kameras, die mit Richtmikrophonen ausgestattet sind und Gespräche aus einiger Entfernung belauschen können. Forscher arbeiten an einem System, das Lippen lesen kann – und in Liverpool ist die Polizei dabei, bewegliche Überwachungskameras auszuprobieren, die nahezu lautlos aus großer Höhe arbeiten, wie Miniatur-Hubschrauber aussehen und per Fernsteuerung gelenkt werden.

Das ist doch mal eine Perspektive, bei der man sich fragt wohin das noch gehen kann – der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt (siehe auch die fliegenden Kameras in Mailand). Hoffen wir, dass hierzulande zumindest die Gesetzte diesen Begehrlichkeiten noch ein wenig Stand halten.

Die hässliche Fratze der Überwachung….

… zeigt sich derzeit an der Ostsee im schönen Heiligendamm. Nach monatelangen Vorbereitungen stehen sich jetzt Demonstranten und Politik gegenüber, getrennt durch einen Zaun und das juristische Gezerre um die Demonstrationen. Dazwischen: Die Polizei und der wie auch immer definierte „schwarze Block“ der Demo-Hooligans.

Wurden im Vorwege alle Möglichkeiten genutzt, die vermeintlich ans Ziel führen könnten und dabei nicht immer auf die Verhältnismäßigkeit geachtet (und gleichzeitig die Stimmung angeheizt), so sollen jetzt einige Politiker die direkten Maßnahmen der Kontrolle im Konflikt mit den Demonstranten rund um den G8-Gipfel einsetzen, namentlich Gummigeschosse und die GSG 9.

Zum Glück halten das auch Polizisten und andere Leute, die Ahnung besitzen für Quatsch. Gummigeschosse sind nicht ohne Grund in fast ganz Europa verboten – berühmt geworden sind sie vor allem durch ihren Einsatz in Nordirland (während sie in Großbritannien verboten waren). Wer so ein Ding noch nicht gesehen hat, hier ein Bild (aus Wikipedia) zum Größenvergleich.
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Ebenso sind die Dinger in Israel beliebt – dort forden sogar Mediziner ihr Verbot. Also liebe Politiker, wenn ihr nicht wisst wovon ihr redet, dann haltet doch einfach mal den Schnabel und plärrt nicht jeden Unsinn gleich in ein Mikrophon. Vielleicht wäre eine Unterhaltung mit den Opfern der so „harmlosen“ Gummigeschosse hilfreich – oder der Austausch mit anderen Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie solche Stimmungen auch zu vermeiden gewesen wären.

Was die Überwachung nicht geschafft hat muss jetzt auf der Straße nachgeholt werden – so scheint es. Die vorrausschauende Kontrolle scheint doch noch nicht so wirksam zu sein wie sie sollte (dazu auch das Interview mit Gerhard Baum bei tagesschau.de)  Das ist gut so, auch wenn die eskalierende Gewalt von Heiligendamm, Rostock und anderswo mein Wohlwollen nicht findet (zu Gewalt und Berichterstattung gibt es auch einen lesenswerten Artikel bei Telepolis).

Jetzt auch fliegende Kameras

In Mailand, Italien werden künfitg wohl auch bewegliche, in der Tat fliegende Kameras, für Aufklärung sorgen. Der Corriere della Sera (4.Juni 2007) berichtet:

Helicopter-mounted cameras will monitor city streets and squares, seeking out unlicensed waste dumps and building sites. Drone-like devices with video game-style controls.

Hier findet nicht nur eine zusätzliche Überwachung Mailand statt, sondern es zeigen sich dabei auch Züge einer Militarisierung ziviler Kontrolle in einem urbanen Raum:

The miniature helicopter exploits same technology as drones, the pilotless aircraft used in military operations or for spying.The two units purchased by Milan’s city authorities will reinforce a system of video surveillance so extensive that it is comparable elsewhere in Europe only to London’s. In flight, the cameras are operated like a video game.In fact, the American Air Force is considering recruiting X-Box generation pilots who have spent years twiddling the controls of a game console.

In diesem Sinne… schöne Aussichten!

Telefonüberwachung gegen Doping

Seit die auch teilweise von mir geschätzten Radstars ihr Doping zugegeben haben – was dann auch nicht mehr wunderte – dreht die Politik und die Sportfunktionärselite komplett am Rad. Völlig aus dem Ruder zu laufen scheint aber mal wieder der Bundessicherheitsminister Schäuble. Wie in einem schlechten Reflext wärmt er offensichtlich bei jeder Gelegenheit eines seiner Lieblingsthemen auf – diesmal ist es die Telefonüberwachung.

Das Doping eine Reihe von Auswirkungen auf den Sport und die Gesundheit von Menschen hat, bleibt unbestritten, aber nur im Sinne einer Verfolgung der Täter zu drängen und von einem „ehemals“ sauberen Sport (ganz allgemein) zu reden, ist einfach nur Unsinn. Schäuble selbst verteilt die Gelder an die Verbände, fein sauber nach Leistung und Medallienspiegel – und da werden ein paar Medaillien weniger bei einer Olympiade schon schnell zum Existenzkampf für Verband und Sportler. Und die Verbände haben sich bisher daher auch nicht sonderlich angestrengt, was den Kampf gegen das Doping angeht. Vielleicht sollte Herr Schäuble mal an der richtigen Stelle für Argumente suchen, statt auf allen Feldern und mit jeder billigen Ausrede die Überwachungskomptenzen des Staates auszuweiten, wie er es in penetranter Weise seit geraumer Zeit tut. Was kann man die Uhr danach stellen. Bundeswehr im Innern – kommt auch bald wieder, keine Sorge.

Die wirklich zu diskutierende Frage wäre, müssen sich Hochleistungssportler – sogenannte Kaderathleten – eine andere, weitgreifendere Art der persönlichen Überwachung zur Ausübung ihres Berufes gefallen lassen – ja oder nein? Gentests, Gesundheitsüberwachung und anderes als Teil des Berufes? Die Ansätze für eine solche Debatte sind vielfältig – Gesundheitsfürsorge, Kontrolle für einen fairen Wettbewerb, Kriminalisierung, Wirtschaftsmacht usw.

Hörspiel: Fake City Inc.

Am 3. Juni um 21.05 Uhr gibt es bei NDR Info das Hörspiel „Fake City Inc.“ über Gated Communitites und die Privatisierung des öffentlichen Raums. Aus der Beschreibung:

Von New York bis München stehen die Städte vor dem Bankrott. Private Investoren gestalten nun die renditeträchtigen Innenstädte neu und verwandeln sie in Shopping-Malls und Business-Center. Der „New Urbanism“, der schon in Amerika für klinisch saubere „Gated-Communities“ gesorgt hat, ist auch in der deutschen Hauptstadt angekommen. Doch in all dem neoliberalen Stadtumbau gibt es auch Bürger und Initiativen, die sich die Wiederaneignung des städtischen Raums als Lebenswelt zum Ziel gesetzt haben.

Überwachung absurd?

Die Polizei und die staatlichen Stellen, die mit der Sicherheit rund um den G8 Gipfel beschäftigt sind, legen sich ins Zeug: Neben den üblichen Maßnahmen – Polizeihundertschaften (mit nie einlösbaren Überstunden) vor Ort, Sicherheitszaun – verlegen sie nun die Kontrolle weit in das Vorfeld – und schüren damit Angst. Es wurden Geruchsproben von mutmaßlichen G8-Störern nach den den Razzien in Hamburg genommen, nun wurde Post in einem Verteilzentrum untersucht (siehe auch Die Zeit und den Kommentar von Christoph Seils ebenda).

Das gleichzeitig Schäubles und Zypries neues Passgesetz – das mit den Fingerabdrücken – verabschiedet wird ist sicher ein zeitlicher Zufall dieser Tage, aber nicht in der Gesamtschau, wo immer weitere Teile unseres Lebens einer Überwachung und der vorrauseilende Kontrolle unter den Prämissen einer „gefährlichen“ Welt ausgesetzt werden, passen diese Maßnahmen ganz vorzüglich. Und nur ein wenig weitergedacht, geht es doch bei den Passgesetzen auch um die Erfassung biometrischer Daten, kann ich nur spekulieren, welche Auswirkungen das neue Gewebegesetz haben wird, wenn es denn mit in die Betrachtungen der Überwachung menschlichen Lebens zu welchen Zwecken auch immer mit einbezogen wird.

Es wäre besser, die Zusammenhänge würden uns nicht entgleiten – der Blick muss jenseits einzelner Kameras gerichtet sein, in der Presse, aber auch in der Forschung, wo zugegebenermaßen der Einzelfall zumindest den Ausgangspunkt für viele andere Überlegungen eine empirische Basis legen kann.

Gericht verhandelt Hamburger Videoüberwachung

In dieser Woche verhandelt das Hamburger Verwaltungsgericht eine Klage von einer Anwohnerin der Reeperbahn, die sich durch die Kameras in ihrer Privatsspäre gestört sah. Die Kameras filmten offensichtlich ihre Wohnung im ersten Stock eines Wohnhauses. Die taz berichtete bereits letzte Woche über den Fortgang des seit längerem anstehenden Verfahrens, das nun auch vor Gericht verhandelt wird.

Arbeit zu Videoüberwachung – und wer forscht eigentlich was?

Nachdem eine Magisterarbeit zu Videoüberwachung nun auch bei jetzt.de vorgestellt wurde und seit einigen Wochen bereits im Netz immer wieder mal auftaucht, frage ich mich: ist das alles was es dazu im Moment gibt? Welche Ideen oder laufenden Projekte gibt es derzeit eigentlich, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema Überwachung befassen?

Die Arbeit von Florian Glatzner ist ordentlich geschrieben und recherchiert, auch wenn es wenig eigene empirische Erkenntnisse gibt und die Arbeit hauptsächlich die (bürger- und datenschutz-) rechtlichen Aspekte aufgreift. Aber es geht ja auch um eine Magisterarbeit, da sollte man nicht noch drei Jahre lang  irgendetwas forschen müssen. Ein Kritikpunkt darf aber nicht unerwahnt bleiben: Zwar ist bereits im Titel die Rede vom „öffentlichen Raum“ – dieser wird allerdings nur mit einem Satz besprochen. Videoüberwachung als räumlich orientierte Praktik, wird leider nicht in eine enger stehende Verbindung zu Raum gebracht – so als wäre dieser immer schon da. Und dabei schreibt der Autor von „Angsträumen“ – ein idealer Ansatzpunkt, um Raumkonzepte wenigstens kurz zu erwähnen.

Aber zurück zur Frage: Was läuft in der Forschung in Deutschland im Moment zu Überwachung oder was ist geplant? Ich weiß von drei recht unterschiedlichen RFID-Projekten aus Hamburg, die gerade beantragt werden und zwei weiteren zu Raum, Sicherheit, Kartierung und Überwachung, die ich selbst vorbereite. Was noch. Schreibt es auf oder mir per E-Mail, ich würde gern mal eine Übersicht erstellen und hier veröffentlichen…..