Die Polizei ist immer ein Thema – und auch ich bin ja derzeit an der Uni Mainz in einem Projekt, das sich mit Polizei beschäftigt, wenn in meinem Fall auch eher als Transfer von Erkenntnissen, weniger in der Forschung an sich. Die Fragen, um die sich die meisten populären Diskurse oder Berichte drehen, sind Rassismus und Gewalt. Aus der ARD Mediathek hier zwei Beispiele:
Die Polizei und der Rassismus – Alles nur Einzelfälle? (30.1.2025) oder auch in der Carolin Kebekus-Show (15.5. 2025, ab ca. 12.00 Min). Von dieser Art Berichte gibt es viele, manche besser, manche nicht so gut und viele sehr üblich und je mehr kommen, desto weniger Neues wird erzählt. Und ja, das alles sind wichtige Fälle und die Probleme existieren, keine Frage. Und so ist eine der Forderungen seit Jahren immer wieder eine Studie zur Polizei. Die Polizeistudie kann es aber nicht geben, weil diese ja vieles auslassen müsste, da man nicht über alles forschen kann. Und so gibt es einige Polizeistudien, nicht alle fallen so aus, wie es Polizeikritiker sich vorstellen und sie beantworten längst nicht alle Fragen.
Um nicht den Überblick zu verlieren habe ich hier Mal eine (bestimmt) unvollständige Auflistung versucht (beschränkt auf Deutschland in diesem Fall). Ein paar Kommentare zu den Studien bzw. zum Umgang mit ihnen, folgen dann im Anschluss*.
- Berliner Polizeistudie: eine diskriminierungskritische und qualitative Untersuchung ausgewählter Dienstbereiche der Polizei Berlin, erschienen am 7.10.2022, durchgeführt vom ZTG an der TU Berlin. Die Kolleg:innen haben qualitativ, ethnografisch geforscht.
- Megavo, “Motivation, Einstellung und Gewalt im Alltag von Polizeivollzugsbeamten“, eine bundesweite Studie, durchgeführt von der Hochschule der Polizei in Münster, der Abschlussbericht ist vom 8.7.2024. Die Studie ist quantitativ ausgerichtet.
- DeWePol, „Demokratiebezogene Einstellungen und Werthaltungen innerhalb der Polizei Hamburg“, erste Befunde wurden im November 2024 veröffentlicht. Durchgeführt wurde die Studie von Forscher:innen der Polizeiakademien in Hamburg und Niedersachsen sowie von der Uni Münster. Diese Studie verfolgt einen quantitativen Ansatz.
- Polizeipraxis zwischen staatlichem Auftrag und öffentlicher Kritik: Herausforderungen, Bewältigungsstrategien, Risikokonstellationen, durchgeführt von der Polizeiakademie in Niedersachsen mit einem qualitativ-ethnografischen Ansatz, publiziert 2024.
- Insider. “Innere Sicherheit und demokratische Resilienz“. Durchgeführt von der Uni Trier mit der Polizei Rheinland-Pfalz, veröffentlicht am 28.11.2024.
- ZuRecht. “Die Polizei in offenen Gesellschaften“, an der Uni Freiburg. Beendet wurde die Arbeit im Januar 2024.
- Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen (KviAPol). Diese Studie dürfte die meisten Aufmerksamtkeit bekommen haben, u.a. weil sie wegen des Themas heftig kritisiert wurde und der Leiter Tobias Singelnstein teilweise heftig angegangen wurde. Auch sie fügt dem Gesamtbild eine Facette hinzu. Die Fortsetzung des Ansatzes findet sich in dem Projekt RaDiPol, welches seit 2025 läuft und “Rassismus und Diskriminierungserfahrungen im Polizeikontakt” untersucht.
- Polizei und Diskriminierung, “Risiken, Forschungslücken, Handlungsempfehlungen”, eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, erschienen im Mai 2025.
- Polizei-Translationen, dieses Forschungsprojekt in der Ethnologie der Uni Mainz ist anders als die anderen keine “Polizeistudie”, wenn man darunter überhaupt eine Kategorie verstehen kann oder möchte. Es handelt sich um eine ethnologisch-sprachwissenschaftliche Forschung zu “Mehrsprachigkeit und die Konstruktion kultureller Differenz im polizeilichen Alltag“. Es geht auch um Rassismus, wenn man es so lesen möchte, aber vor allem um die Konstruktionen von Differenz. Dieses Projekt fällt in der Liste hier etwas aus der Reihe. Das gilt auch für beide Fortsetzungsprojekte, die hieraus entstanden sind:
- Policing als Kategorisierungspraxis – Wechselseitige Zuschreibungen bei Kontrollhandlungen im öffentlichen Raum
- Polizei-Transformationen (noch ohne Webseite), in dem ich selbst arbeite.
- Dann gibt es noch das interessante Projekt EQAL, an der Uni Wuppertal, welches sich der “Entwicklung eines quartiersbezogenen Austausch- und Lernprogramms zur Förderung des wechselseitigen Verständnisses von Polizei, Ordnungsdienst und Stadtgesellschaft (EQAL)” widmet. Dieses Projekt ist bestimmt angewandter als andere, aber nichtsdestotrotz hält es Erkenntnisse auch über die Polizei bereit.
Darüber hinaus gibt es einzelne Doktorarbeiten zu dem Thema, sowohl in der Vergangenheit als auch in den Projekten, in denen nochmal einzelne Aspekte vertieft untersucht werden. Außerdem in vielen kleineren Studien und Arbeiten, in denen die Polizei nicht zentral ist, aber dennoch Erkenntnisse über sie aufgeführt werden. Ich habe bestimmt einige Arbeiten vergessen und freue mich über Ergänzungen, einfach eine Mail an mich schicken.
Die Thematiken sind alle Recht ähnlich in den aufgeführten Studien, bei genauerem Hinsehen aber auch nicht. Zu wenig wird m.E.n. auf den Alltag von Polizei geschaut, aber auch auf Fragen von Führung, auf organisationssoziologische Aspekte und wie welche Themen in der Polizei bewegt werden. Mich persönlich interessieren u.a. polizeiliche Selbst- und Fremdbilder, die auch einen Zugang zu den Narrativen eröffnen, die Polizei von sich selbst erzählt und ihr handeln nicht unwesentlich mitbestimmen. Andere Themen wären der Umgang mit Technologie sowie das durchaus weite Feld von Kommunikation und Konflikt, zu denen ich im Rahmen meine Tätigkeit als (nun ehemaliger) Leiter von FOSPOL kleinere Studien gemacht habe (siehe exemplarisch Studie zu Bodycams)
So, nun wäre eigentlich ein Vergleich der Studien und Forschungen an der Reihe. Das aber sprengt gerade meine Kapazitäten, zumal es dann nicht ausreichen würde und ich noch weitere internationale Studien dazunehmen müsste – das wären viele kleine und große Projekte, Publikationen und Berichte, die ich nicht in Gänze überblicken kann. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass sich so manches Thema sättigt und sich einzelne Aspekte in verschiedenen Studien gut ergänzen. So zeigen die quantitativen Studien oft, was wir geahnt haben, können aber nicht die Ursachen beleuchten, bleiben ein wenig “vor” der Arbeit der Polizei stehen. Dass in der kritischen Öffentlichkeit dann häufig sehr einfache Schlüsse gezogen werden, liegt bestimmt auch daran, dass Schlagworte verarbeitet werden und Zahlen einfacher zu verdauen sind. So ist die Forderung auf die Ergebnisse von DeWePol in der taz wie folgt:
Es braucht eine konsequente gesellschaftliche Kontrolle und Kritik polizeilicher Macht: transparente Monitoringmechanismen, verpflichtende Anti-Rassismus-Trainings und eine Diversifizierung des Personals. 31.3.2025, taz.de
Dem kann ich nicht widersprechen, finde den Schluss aber etwas sehr banal. Er wird der Fülle an Erkenntnissen der Studien nicht gerecht, auch und gerade weil er eine Art pädagogische Seminars-Mechanik annimmt, die als (All)Heilmittel herhalten soll. Kann man machen, wird aber weder reichen, noch der Komplexität der Probleme und von Polizei als Organisation gerecht. Ähnliche Schlüsse und Forderungen lassen sich immer wieder finden.
Aber auch Kritik, die häufig, wenn nicht meist von polizeigewerkschaftlicher Seite kommt und bisweilen diffamierend gegenüber den Kolleg:innen, im besten Fall einfach ablehnend ist (ein besonders dämliches, aber typisches Beispiel ist hier zu sehen). Konstruktive Kritik ist von dort nicht zu hören, in der Polizei, nicht immer sehr laut und öffentlich, dagegen hier und da schon.
Ich hoffe, die Aufzählung hilft für den Überblick, ich bleibe auf jeden Fall dran, schon aus eigenem Interesse. Die aus den Studien entstandenen Publikationen habe ich jetzt gar nicht aufgeführt, das aber wäre auch fast uferlos – etwas für einen anderen Post mal.
*Entstanden ist die Idee zu solcher eine Liste aus einer Diskussion auf Bluesky
