Category: Surveillance/Digital Kapitalismus

Digitaler Raum und Autoritarismus

Die Sonderausgabe von Dialogues on Digital Society “Authoritarianism in the digital age” versammelt eine große zweistellige Zahl (66) von Artikeln zu dem Thema.

Soweit ich das sehen kann, sind alle open access. Das Editorial von Jarret, Kitchin, Steele, gibt einen ersten Überblick.

Authoritarianism is far from being a new phenomenon, but, as the papers in this edition describe, its contemporary form is being reshaped, facilitated, and potentially challenged by the ready availability of diverse digital technologies and infrastructures. From smart, state systems that mediate citizenship and manage populations; to social media and its capacity to spread information both supportive and hostile to political regimes; to biometric, datafied, surveillance systems weaponised against foreign and internal ‘enemies’, the digital is firmly rooted in the contemporary realisation of autocratic and illiberal politics and how human rights and social and economic relations are being recast around the world.

The Nerd Reich

Ja, die phonetische Ähnlichkeit ist gewollt – die Selbstbeschreibung weist darauf hin: “A newsletter about the tech authoritarian politics of Silicon Valley plutocrats.”

Einen Podcast gibt es dazu auch – auf den dafür üblichen Plattformen

©The Nerd Reich 7.11.2025, “‘Silicon Valley isn’t building apps anymore. It’s building empires.’”

Hier die Grafik mit Animation und weiteren Abbildungen: The Authoritarian Stack. How Tech Billionaires Are Building a Post-Democratic America — And Why Europe Is Next

Überwachung zum Wohle aller

Das ist ja kein ganz neues Versprechen, aber einer der Tech-Millardäre glaubt halt auch jetzt und wieder dran. Zu Recht? Eher nein, auch wenn aus seiner Sicht das ganz bestimmt Sinn ergibt.

Larry Ellison predicts rise of the modern surveillance state where ‘citizens will be on their best behavior’. (Fortune 17.9.2024) Ob man immer darauf hören soll, was diese Menschen so voraussehen – ich denke nicht, aber Geld und damit verbundene Macht suggeriert nicht nur jetzt Weisheit, auf die es zu hören gelte. Was ein Unsinn. Auch wenn diese Leute mit ihrem Geld leider in der Lage sind, die technologischen Voraussetzungen für solche Systeme zu schaffen – und dann auch noch Geld daran verdienen.

Luxury Surveillance oder warum Konsum so gut funktioniert

Im Blog des Journals Surveillance & Society haben die Kolleg:innen Marc Shuilenburg and Yarin Eski nochmal über einen Artikel reflektiert, der in eben diesem Journal bereits erschienen ist:

Unter der Überschrift Swasticars, Surveillance, and the Seductive Trap of Smartness: How Tesla Became the Luxury Blueprint for Disciplinary Technology zeigen sie wie und warum Konsum nicht nur ein Einfallstor für Überwachung ist – also wie der Konsum überwacht wird. Sondern sie zeigen wie Konsum als ein Teil von Überwachung gesehen werden muss. Überwachung ist ein Konsumgut, so hatte ich das formuliert in Überwachen und Konsumieren (2021). In zwischen hat sich für dieses Verhältnis im Englischen der Begriff der Luxury Surveillance etabliert bzw. wird immer mal wieder angeführt.

And here’s the kicker, the dystopian twist. People pay for this, happily and eagerly so! Hands over wallets and eyes wide with techno-lust. We don’t just tolerate surveillance anymore but worse: we finance it! We trade our privacy for prestige, our data for dopamine, and our control over our freedom for convenience. Meaning, we buy into the very systems that discipline and control us, just because they’re fast, shiny, and whisper the promises of status and self-actualization. (Zitat aus dem Artikel)

American dystopia und Popkultur-Memes

Science Fiction und dytopische Literatur und Filme gibt es viele, einige davon epochal gut und wegweisen, nicht nur 1984. Dieser Skeet bei Bluesky zeigt mit ein paar Memes wie vergangene Vorstellungen über die Zukunft gerade in der Gegenwart ankommen, absurder, als man sich das hätte vorstellen können. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, aber es scheint aus soziologischer Sicht, dass manches bereits angelegt war in der Gegenwart ihrer Entstehung, das nur extrapoliert, nicht neu erfunden werden musste, um dystopische Zukünfte zu erdenken. Schwierig nicht vollkommen den Kopf oder die Übersicht oder den Verstand (und die Zuversicht) zu verlieren.

… und immer wieder Palantir

Es wird gegenwärtig viel geschrieben, analysiert und gewarnt über, zu und vor Palantir. Bevor ich eine Liste der Artikel und Beiträge dazu mache, verlinke ich erstmal den Film “Watching You” von Klaus Stern zu Alex Karp, den es gerade in der ARD-Mediathek zu sehen gibt.

Ich habe den Film im Februar bei einer Vorführung im Weizenbaum-Institut gesehen, Klaus Stern war da vor Ort. Dazu hatte ich schon mal einen Eintrag gemacht mit Hintergrundinfos, immer noch lesenswert, da die Infos sehr gute wissenschaftliche Analysen sehr geschätzter Kolleg:innen sind.

Und Herbst habe ich Klaus Stern nach Hamburg eingeladen, ich zeige den Film als Teil der Ringvorlesung Friedensbildung, und hier wird der Regisseur dann dabei sein für Fragen und Diskussion.

Tech Bro Topia

Unter der Überschrift “Mit der roten Pille zur Macht” beginnt die 1ste Folge des Podcasts bei Deutschlandfunk zu den Tech Bros, ein derzeit sehr angesagtes Thema, auch ich habe im Blog schon den einen oder anderen Beitrag dazu gepostet. Daher hier der Tipp: Tech Bro Topia, ein 6-teiliger Podcast bei DLF

Sommer 2025: Die USA vollziehen den Schwenk zum Autoritarismus. Mittendrin die Tech-Bros aus dem Silicon Valley. Sie wollen den Staat abschaffen und den Weltraum kolonisieren. Aber wie kommen sie auf solche Ideen?

Der Podcast beleuchte die Geschichte des Silicon Valley, von den Ideen der Hippies bis zu den Tech Bros, den Individuen, die mit ihrer Macht mehr Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausüben, als das einmal vorstellbar war, auch und gerade weil sie etwas herstellen oder anbieten oder besitzen, das unser Leben auf dem Globus entscheidend mitprägt. Ob das Digitale auch der Weg raus aus dem Dilemma sein wird, wenn man z.B. an die Klimakrise denkt, dass muss sich erst noch erweisen. Momentan verbraucht der AI-Hype vor allem jede Menge Wasser und Energie.

Broligarchen und das Silicon Valley

Ich hatte immer schon ein Faible für René Girard und seine Theorien der mimetischen Gewalt, des Sündenbocks und seine Analysen. Ja, es ist eher etwas konservativ und auch seine Schüler und die Szene rund um den amerikanischen Literatur-Wissenschaftler und Philosophen Eric Gans sind eher konserverativ, aber eben auch Girard verhaftete Denker. Ihr Zuhause ist das Journal Antropoetics*, zu dem es auch eine Mailingliste gibt, die ich seit 30 Jahren abonniert habe.

Warum erzähle ich das? Auf der Mailingliste gab es einen Hinweis auf folgenden Text: Tech bros don’t get René Girard Luckily, the Popes do. U.a. Peter Thiel hat immer wieder herausgekehrt, wie er von Girard beeinflusst wurde, den er als einen seiner Hero-Denker hervorhebt – Girard hat in Stanford gelehrt, wo Thiel studiert hatte. Ich hatte mich immer schon gewundert und mich gefragt, ob das so richtig passt, gibt es doch eine Art Friedensbotschaft in dessen Texten. Nun gibt es hierauf eine qualifizierte Antwort: Nein, passt nicht.

Von utopischen Techno-Dörfern

Ob man diese Geschichte tatsächlich auch unter der Rubrik Stadt/Urbanismus einordnen sollte, da bin ich nicht wirklich überzeugt. Aber es geht darin auch um die Neugründung von Siedlungen, von Territorien, deren Landnahme, um Techtopias, rechte Vorstellungen von der guten Welt.

Und wenn man die Geschichte liest, dann kommen einem auch die deutschen Reichsbürger und Selbstverwalter in den Sinn. Dagegen allerdings sind das nur kleine Lichter, die im Vergleich dazu einen Aufstand auf dem Campingplatz proben, wo sie über ihrem Wohnwagen die Flagge der Republik “Free Vacation” hissen und die Stromrechnung prellen. Wo, wenn nicht in den USA, werden solche Ideen größenwahnisnniger Vorstellungen auch tatsächlich eine von vielen möglichen Realitäten – mit Folgen. Dabei reichen die Verbindungen bis ins Weiße Haus. Auch hier sind die Tech-Bros mit ihren faschistoiden Ideen von Allmacht mittenmang (wie wir hier in Hamburg sagen würden).

Die Zukunft ohne Menschen

Nun ist die Vorstellung, dass eine Zukunft ohne Menschen dem Planeten, dem Klima und der Umwelt nicht unbedingt schaden würde, nicht tröstlich, aber doch eine Warnung, was wir als Spezies bereits alles verbockt haben. Die Ideen aus dem Silicon Valley zu dem Thema gehen allerdings in ganz andere Richtungen, haben quasi religiöse Züge mit KI als Gottheit (oder Götzen) und irgendwas mit digital. Wer weiß schon was passiert – aber warum die Tech-Freaks und Gurus aus Californien davon so begeistert sind und was das mit dem jetzt zu tun hat, diskutiert dieser Skeet auf Bluesky.

Silicon Valley is run by people who genuinely think the world as we know it is going to end in the next few decades. Many also WANT this to happen: they WANT the biological world to be replaced by a new digital world. They WANT “posthumans” to take the place of humans. A ?:

— Dr. Émile P. Torres (@xriskology.bsky.social) 25. April 2025 um 21:58

Die neuen Faschisten

Ich bette hier einmal den Skeet von Roland Meyer ein, der die Süddeutsche zitiert mit wie ich finde sehr passenden Analysen, die zu den Post der vergangenen Wochen passen, was die Tech-Millardäre und ihre Agenden angeht.

«Das alte Betriebssystem des Staates, die Bürokratie, wird gegen ein neues ausgetauscht, die digitale Verwaltung. Die ist billiger, effizienter und vor allem ergebnisorientiert.» Das ist sie ganz sicher nicht. Aber der AI-Coup von Musk räumt die letzten Schranken gegen Willkür und Plünderung fort1/

Roland Meyer (@bildoperationen.bsky.social) 2025-03-26T11:38:06.799Z

Wie dystopisch, aus demokratischer Perspektive, viele der Ideen sind, zeigt das Beispiel der “Freedom-Cities”, welche u.a. von Peter Thiel vorangetrieben wird. Städte ohne Regulierung, ohne Regierung im eigentlichen Sinne, geregelt mit KI – naja, ihr bekommt eine Idee. Hier ein Artikel dazu aus dem Standard: Tech-Milliardäre werben bei Trump für unregulierte “Freedom-Cities