Kategorie: Surveillance/Digital Kapitalismus

Die Zeit der (neuen) Oligarchen?

In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs haben Nationalismus und geopolitische Machtspiele Hochkonjunktur, während Demokratie und Solidarität leiden. Stilistisch brillant beschreibt Aldous Huxley das aufziehende Zeitalter einer Tech-Oligarchie – einer Welt, in der Boy Gangster in den Regierungen sitzen und das Recht des Stärkeren die Freiheit aller bedroht. (Inhaltsbeschreibung des Buches beim Hanser Verlag)

Es geht um Aldous Huxleys „Zeit der Oligarchen“, geschrieben 1946, 2025 neu aufgelegt. Hier ein paar Auszüge, die mehr als nur prophetisch anmuten.

Der Glaube an den universellen Fortschritt basiert auf dem Wunschdenken, dass etwas umsonst zu haben ist. Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf dem einen Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen. Für die antiken Griechen wurde hybris, der anmaßende Übermut, ob gegenüber Göttern, den Mitmenschen oder der Natur, früher oder später von der Rachegöttin Nemesis bestraft. Im Gegensatz zu den antiken Griechen glauben wir Menschen des 20. Jahrhunderts, dass unser Hochmut keine Folgen hat.

Podcast zum Neoaristokratismus

Über Tech-Millionäre habe schon reichlich geschrieben, der Take von Andreas Kemper diese Entwicklungen analytisch als Tech-Feudalimus zu rahmen und so über Abhängigkeiten, Herrschaftsstrukturen und gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken ist für diesen Blog hier durchaus interessant. Denn darüber lässt sich auch über mögliche Strukturen der Überwachung nachdenken. In Überwachen und Konsumieren spreche ich von einer Re-Feudalisierung, was z.B. die durch Plattformen ermöglichte Inanspruchnahme von Dienern und Dienstleistern betrifft. Wie auch immer, hier der Podcast, reinhören empfohlen.

Konsum, KI und J.G. Ballard

Es war ein LinkedIn-Beitrag von Adrienne Fichter, einer Schweizer Journalistin, die mich drauf gebracht hat. In dem Beitrag ging es um eine weitere Kollegin und ihren Beitrag auf der re:publica, in dem diese sagt, dass KI unsere Probleme nicht lösen wird. Ein Zitat von Fichter ist mir dabei aufgefallen:

„Und: Hao zeigt auf: Technologiegestaltung ist immer eine Folge von Entscheidungen, von Individuen, von Gruppen, von Konflikten, von Machtkämpfen und Machtspielen…“

Die dunkle Welt der Aufklärer

Das Autorenpaar Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff, letzerte gerade überall in den Medien mit ihrem Buch Kybernetik und Kritik, welches beworben wird, wie etwas für die breite Masse, aber wohl eigentlich etwas für den akademischen Diskurs zum Thema Technik, Herrschaft, dem Digitalen und den Entwicklungen des Silicon Valley (meine sehr grobe Inhaltsangabe hier) ist. Die Theorie der Regierungskunst, so der Untertitel, ist ein massives Werk politischer Philosophie, in dem auch der Aspekt der Überwachung eine Rolle spielt.

Ich habe über die Tech-Bros und die Ideologie des Silicon-Valley, welches einem Evangelikalismus nicht nur zufällig nicht unähnlich ist, schon öfter geschrieben oder kluge Gedanken dazu verlinkt. Hier ist ein weiterer, dieses Mal von den beiden.

Willkommen in der Welt der «Dunklen Aufklärer» in dem schweizer Journal „Republik“, vom 9.5.2026. Sie beleuchten die ideologisch-philosopisch-theoretischen Grundlagen dieser Denkrichtungen, historisch und ideengeschichtlich, in für Leser:innen leichter verdaulichen Format, dennoch ebenso gehaltvoll.

KI als Kolonialismus

Und einen Tipp noch heute, auch wenn ich zu doof bin, das Video aus der ARD-Mediathek dazu einzubinden, hier also per Link: NANO Talk: Neuer Kolonialismus – Kampf um Macht in neuen Sphären

Der Kolonialismus von heute wütet auch im Internet, in der Tiefsee und im Weltall. Wie dabei dieselben Mechanismen wie früher greifen, darüber diskutiert Stephanie Rohde mit ihren Gästen.

U.a. als Gäste dabei, Lena Ulbricht, Rainer Mühlhoff und andere. Eine lohnenswerte Diskussionsrunde, mit echtem Mehrwert.

Palantir als Weltmacht?

Palantir ist in aller Munde. Dabei sind seine Software und die Absichten schon länger bekannt. Aber seit einem Jahr oder sogeht es steilt, auch und nicht zuletzt, weil es immer weniger verhüllt, welche kruden Ideen sich bei den Lenkern finden lassen. Was so klingt wie aus Science-Fiction-Heftchen und Blockbustern dystopischer Omnipräsenzfantasien zusammengesponnen, ist real und bei der Power, die dahinter steht, auch eine reale Bedrohung. Heise hat dazu einen kleinen Artikel veröffentlicht, in dem gefragt wird, ob und wie sich Palantir anschickt anstelle eines Staates agieren zu wollen.

Es ist eher kein Zufall, dass mich das an die Tyrell Corporation aus Blade Runner erinnert. Unternehmen als Staat. Technologie als Staatsräson: Was Palantir mit seinem Manifest bezweckt, 26.4.2026. Dazu passt auch der Text von Markus Beckedahl zur Entkernung der Demokratie in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Die Entkernung der Demokratie. Wie wir die digitale Öffentlichkeit vor den Oligarchen retten können, 9/2025.

Anmerken möchte ich, dass dieses Thema eher nichts mit KI zu tun hat. Aber es dennoch der zweite Themenbereich ist, in dem Überwachung zunehmen zu finden ist. KI ist der andere. Über den Wandel der Diskurse und wie und was Überwachung eigentlich ist und welche öffentliche Rahmung des hat, denke ich gerade nach und schreibe in Kürze hier auch mal etwas dazu…

Öffentliche Daten, private Profit

Ich gebe zu, dass ich momentan zwar viele interessante Dinge zum Nachdenken im Netz finde, aber nicht nachkomme, darüber hier zu schreiben. Hier ist heute mal ein Artikel darüber wie öffentliche Daten von privaten Nutzern zum eigenen finanziellen Nutzen ausgebeutet werden.

Baykurt, B. (2025). Gov-tech as capture: public infrastructures under data capitalism. Information, Communication & Society28(15), 2795–2810. https://doi.org/10.1080/1369118X.2025.2479788

The study identifies three mechanisms of capture: grabbing and aggregating public datasets (data capture), reconfiguring public services into computable units (value capture), and transforming public data into market assets (regulatory capture). Drawing on insights from critical data studies and political economy, the paper demonstrates how gov-tech firms redefine state capacity and public accountability while examining the broader implications of embedding private interests in public governance under data capitalism.

Leider hinter einer Paywall, aber eine direkte Mail an mich und ich kann u.U. helfen... ;-)

Eugenik und die Billionäre

Fragte ich in meinem Kommentar gerade nach den unterliegenden Fantasien hinter KI und ihren Protagonisten in den Tech-Unternehmen, dann unterstreicht dieser Artikel hier genau mein Argument, der gar nicht so neuen Träume von Allmacht, rechten Fantasien des neuen Menschen und ganz banaler menschlicher Hybris, die vor allem deshalb so gefährlich ist, weil sie mit unvorstellbar viel Geld daher kommt. Die Frage ob das Geld die Männer dahinter gaga macht oder sie es ohnehin schon waren und daher dank Tech ihre feuchten SciFi-Fantasien, die bisweilen wie Abklatsch aus billigen Comicheften aussehen, in die Wirklichkeite – oder was sie dafür halten – umsetzen können. The billionaires‘ eugenics project: how Epstein infiltrated Harvard, muzzled the humanities and preached master-race science. Virgina Hoffmann 13.2.2026, in thenerve.news.

Das folgende Zitat aus dem Artikel bringt es beängstigend auf den Punkt:

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing

Faschismus, Überwachung und die KI

Nicht schon wieder, möchte man fast sagen bei diesem Thema. Es ist doch schon alles gesagt dazu. Ja und nein.

Rainer Mühlhoff, Philosoph und Mathemater aus Osnabrück mit einem sehr interessanten Intervie beim Deutschlandfunk: KI – Gefahr eines digitalen Faschismus? 22.3.2026. Er bringt die aktuell diskutierten Aspekte rund um diese Themen sehr schön auf den Punkt. Und auch wenn vieles davon nicht neu ist, so kann es nicht oft genug gesagt werden.

Neben den aktuellen Fragen allerdings, sollte (und muss) man sich auch damit beschäftigen, worum es denn jenseits der Technik eigentlich geht. Was macht die KI (vor allem ja momentan die LLMs) so beliebt, so attraktiv? Welche Sehnsüchte werden damit befriedigt, welche Träume scheinbar erfüllt?

Und schaut man sich nicht nur die Begehrlichkeiten der Tech-Unternehmen an, sondern auch die der Staaten und anderer Akteure, dann wird klar, dass der Wunsch nach Überwachung ungebrochen, ja gerade zu größenwahnsinnig ist. Das Vertrauen in die Bürger:innen ist gering – angesichts von Terror, Krieg und dem Versuch der Einflussnahme von autoritären Staaten wie klassischerweise Russland oder China, aber neuerdings auch den USA und anderen, ist manch eine Vorsichtsmaßnahme auch nachvollziehbar. Die Frage aber ist, ob der Wunsch der Abwehr nicht auch dazu genutzt wird, noch mehr Kontrolle über das Volk, die unbekannte Größe zu erlangen. Die Narrative der Rechten, dies- und jenseits der Technik lassen das stark vermuten. Und dann wieder sehen wir nichts neues, sondern das ewig alte Spiel.

Mir ist es aber wichtig darauf hinzuweisen, den bei allem Fokus auf die neue Technik geht verloren, dass die damit verfolgten Wünsche so neu dann doch nicht sind.

Autonom oder gesteuert aus der Ferne?

Man könnte meinen das sei doch eins oder so ähnlich, irgendwie, weil autonome Vehikel doch irgendwie das Netz brauchen, schon zur Orientierung, GPS und so. Nein, es scheint dann doch noch einen menschlichen Faktor zu geben. Die Webseite Futurism berichtet in ihrem Artikel

It Turns Out That When Waymos Are Stumped, They Get Intervention From Workers in the Philippines (6.2.2026)

von Menschen auf Philipinen, die im Hintergrund steuernd auf die Fahrzeuge eingreifen. Ähnliches war doch auch bei Alexa der Fall, anders, aber eben nicht dem Versprechen nach, dass alles eine KI, das Gerät oder die Technologie selbst macht… mmmhhh

* Ich lese machen Artikel von Futurism, kenne aber die Hintergründe der Webseite nicht. Nicht immer leicht rauszufinden, wer für wen da was schreibt. Hier ein Check von Futurism https://mediabiasfactcheck.com/futurism/