Kategorie: Surveillance/Digital Kapitalismus

Öffentliche Daten, private Profit

Ich gebe zu, dass ich momentan zwar viele interessante Dinge zum Nachdenken im Netz finde, aber nicht nachkomme, darüber hier zu schreiben. Hier ist heute mal ein Artikel darüber wie öffentliche Daten von privaten Nutzern zum eigenen finanziellen Nutzen ausgebeutet werden.

Baykurt, B. (2025). Gov-tech as capture: public infrastructures under data capitalism. Information, Communication & Society28(15), 2795–2810. https://doi.org/10.1080/1369118X.2025.2479788

The study identifies three mechanisms of capture: grabbing and aggregating public datasets (data capture), reconfiguring public services into computable units (value capture), and transforming public data into market assets (regulatory capture). Drawing on insights from critical data studies and political economy, the paper demonstrates how gov-tech firms redefine state capacity and public accountability while examining the broader implications of embedding private interests in public governance under data capitalism.

Leider hinter einer Paywall, aber eine direkte Mail an mich und ich kann u.U. helfen... ;-)

Eugenik und die Billionäre

Fragte ich in meinem Kommentar gerade nach den unterliegenden Fantasien hinter KI und ihren Protagonisten in den Tech-Unternehmen, dann unterstreicht dieser Artikel hier genau mein Argument, der gar nicht so neuen Träume von Allmacht, rechten Fantasien des neuen Menschen und ganz banaler menschlicher Hybris, die vor allem deshalb so gefährlich ist, weil sie mit unvorstellbar viel Geld daher kommt. Die Frage ob das Geld die Männer dahinter gaga macht oder sie es ohnehin schon waren und daher dank Tech ihre feuchten SciFi-Fantasien, die bisweilen wie Abklatsch aus billigen Comicheften aussehen, in die Wirklichkeite – oder was sie dafür halten – umsetzen können. The billionaires‘ eugenics project: how Epstein infiltrated Harvard, muzzled the humanities and preached master-race science. Virgina Hoffmann 13.2.2026, in thenerve.news.

Das folgende Zitat aus dem Artikel bringt es beängstigend auf den Punkt:

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing

Faschismus, Überwachung und die KI

Nicht schon wieder, möchte man fast sagen bei diesem Thema. Es ist doch schon alles gesagt dazu. Ja und nein.

Rainer Mühlhoff, Philosoph und Mathemater aus Osnabrück mit einem sehr interessanten Intervie beim Deutschlandfunk: KI – Gefahr eines digitalen Faschismus? 22.3.2026. Er bringt die aktuell diskutierten Aspekte rund um diese Themen sehr schön auf den Punkt. Und auch wenn vieles davon nicht neu ist, so kann es nicht oft genug gesagt werden.

Neben den aktuellen Fragen allerdings, sollte (und muss) man sich auch damit beschäftigen, worum es denn jenseits der Technik eigentlich geht. Was macht die KI (vor allem ja momentan die LLMs) so beliebt, so attraktiv? Welche Sehnsüchte werden damit befriedigt, welche Träume scheinbar erfüllt?

Und schaut man sich nicht nur die Begehrlichkeiten der Tech-Unternehmen an, sondern auch die der Staaten und anderer Akteure, dann wird klar, dass der Wunsch nach Überwachung ungebrochen, ja gerade zu größenwahnsinnig ist. Das Vertrauen in die Bürger:innen ist gering – angesichts von Terror, Krieg und dem Versuch der Einflussnahme von autoritären Staaten wie klassischerweise Russland oder China, aber neuerdings auch den USA und anderen, ist manch eine Vorsichtsmaßnahme auch nachvollziehbar. Die Frage aber ist, ob der Wunsch der Abwehr nicht auch dazu genutzt wird, noch mehr Kontrolle über das Volk, die unbekannte Größe zu erlangen. Die Narrative der Rechten, dies- und jenseits der Technik lassen das stark vermuten. Und dann wieder sehen wir nichts neues, sondern das ewig alte Spiel.

Mir ist es aber wichtig darauf hinzuweisen, den bei allem Fokus auf die neue Technik geht verloren, dass die damit verfolgten Wünsche so neu dann doch nicht sind.

Autonom oder gesteuert aus der Ferne?

Man könnte meinen das sei doch eins oder so ähnlich, irgendwie, weil autonome Vehikel doch irgendwie das Netz brauchen, schon zur Orientierung, GPS und so. Nein, es scheint dann doch noch einen menschlichen Faktor zu geben. Die Webseite Futurism berichtet in ihrem Artikel

It Turns Out That When Waymos Are Stumped, They Get Intervention From Workers in the Philippines (6.2.2026)

von Menschen auf Philipinen, die im Hintergrund steuernd auf die Fahrzeuge eingreifen. Ähnliches war doch auch bei Alexa der Fall, anders, aber eben nicht dem Versprechen nach, dass alles eine KI, das Gerät oder die Technologie selbst macht… mmmhhh

* Ich lese machen Artikel von Futurism, kenne aber die Hintergründe der Webseite nicht. Nicht immer leicht rauszufinden, wer für wen da was schreibt. Hier ein Check von Futurism https://mediabiasfactcheck.com/futurism/

Digitaler Raum und Autoritarismus

Die Sonderausgabe von Dialogues on Digital Society „Authoritarianism in the digital age“ versammelt eine große zweistellige Zahl (66) von Artikeln zu dem Thema.

Soweit ich das sehen kann, sind alle open access. Das Editorial von Jarret, Kitchin, Steele, gibt einen ersten Überblick.

Authoritarianism is far from being a new phenomenon, but, as the papers in this edition describe, its contemporary form is being reshaped, facilitated, and potentially challenged by the ready availability of diverse digital technologies and infrastructures. From smart, state systems that mediate citizenship and manage populations; to social media and its capacity to spread information both supportive and hostile to political regimes; to biometric, datafied, surveillance systems weaponised against foreign and internal ‘enemies’, the digital is firmly rooted in the contemporary realisation of autocratic and illiberal politics and how human rights and social and economic relations are being recast around the world.

The Nerd Reich

Ja, die phonetische Ähnlichkeit ist gewollt – die Selbstbeschreibung weist darauf hin: „A newsletter about the tech authoritarian politics of Silicon Valley plutocrats.“

Einen Podcast gibt es dazu auch – auf den dafür üblichen Plattformen

©The Nerd Reich 7.11.2025, „‘Silicon Valley isn’t building apps anymore. It’s building empires.’“

Hier die Grafik mit Animation und weiteren Abbildungen: The Authoritarian Stack. How Tech Billionaires Are Building a Post-Democratic America — And Why Europe Is Next

Überwachung zum Wohle aller

Das ist ja kein ganz neues Versprechen, aber einer der Tech-Millardäre glaubt halt auch jetzt und wieder dran. Zu Recht? Eher nein, auch wenn aus seiner Sicht das ganz bestimmt Sinn ergibt.

Larry Ellison predicts rise of the modern surveillance state where ‘citizens will be on their best behavior’. (Fortune 17.9.2024) Ob man immer darauf hören soll, was diese Menschen so voraussehen – ich denke nicht, aber Geld und damit verbundene Macht suggeriert nicht nur jetzt Weisheit, auf die es zu hören gelte. Was ein Unsinn. Auch wenn diese Leute mit ihrem Geld leider in der Lage sind, die technologischen Voraussetzungen für solche Systeme zu schaffen – und dann auch noch Geld daran verdienen.

Luxury Surveillance oder warum Konsum so gut funktioniert

Im Blog des Journals Surveillance & Society haben die Kolleg:innen Marc Shuilenburg and Yarin Eski nochmal über einen Artikel reflektiert, der in eben diesem Journal bereits erschienen ist:

Unter der Überschrift Swasticars, Surveillance, and the Seductive Trap of Smartness: How Tesla Became the Luxury Blueprint for Disciplinary Technology zeigen sie wie und warum Konsum nicht nur ein Einfallstor für Überwachung ist – also wie der Konsum überwacht wird. Sondern sie zeigen wie Konsum als ein Teil von Überwachung gesehen werden muss. Überwachung ist ein Konsumgut, so hatte ich das formuliert in Überwachen und Konsumieren (2021). In zwischen hat sich für dieses Verhältnis im Englischen der Begriff der Luxury Surveillance etabliert bzw. wird immer mal wieder angeführt.

And here’s the kicker, the dystopian twist. People pay for this, happily and eagerly so! Hands over wallets and eyes wide with techno-lust. We don’t just tolerate surveillance anymore but worse: we finance it! We trade our privacy for prestige, our data for dopamine, and our control over our freedom for convenience. Meaning, we buy into the very systems that discipline and control us, just because they’re fast, shiny, and whisper the promises of status and self-actualization. (Zitat aus dem Artikel)

American dystopia und Popkultur-Memes

Science Fiction und dytopische Literatur und Filme gibt es viele, einige davon epochal gut und wegweisen, nicht nur 1984. Dieser Skeet bei Bluesky zeigt mit ein paar Memes wie vergangene Vorstellungen über die Zukunft gerade in der Gegenwart ankommen, absurder, als man sich das hätte vorstellen können. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, aber es scheint aus soziologischer Sicht, dass manches bereits angelegt war in der Gegenwart ihrer Entstehung, das nur extrapoliert, nicht neu erfunden werden musste, um dystopische Zukünfte zu erdenken. Schwierig nicht vollkommen den Kopf oder die Übersicht oder den Verstand (und die Zuversicht) zu verlieren.

… und immer wieder Palantir

Es wird gegenwärtig viel geschrieben, analysiert und gewarnt über, zu und vor Palantir. Bevor ich eine Liste der Artikel und Beiträge dazu mache, verlinke ich erstmal den Film „Watching You“ von Klaus Stern zu Alex Karp, den es gerade in der ARD-Mediathek zu sehen gibt.

Ich habe den Film im Februar bei einer Vorführung im Weizenbaum-Institut gesehen, Klaus Stern war da vor Ort. Dazu hatte ich schon mal einen Eintrag gemacht mit Hintergrundinfos, immer noch lesenswert, da die Infos sehr gute wissenschaftliche Analysen sehr geschätzter Kolleg:innen sind.

Und Herbst habe ich Klaus Stern nach Hamburg eingeladen, ich zeige den Film als Teil der Ringvorlesung Friedensbildung, und hier wird der Regisseur dann dabei sein für Fragen und Diskussion.

Tech Bro Topia

Unter der Überschrift „Mit der roten Pille zur Macht“ beginnt die 1ste Folge des Podcasts bei Deutschlandfunk zu den Tech Bros, ein derzeit sehr angesagtes Thema, auch ich habe im Blog schon den einen oder anderen Beitrag dazu gepostet. Daher hier der Tipp: Tech Bro Topia, ein 6-teiliger Podcast bei DLF

Sommer 2025: Die USA vollziehen den Schwenk zum Autoritarismus. Mittendrin die Tech-Bros aus dem Silicon Valley. Sie wollen den Staat abschaffen und den Weltraum kolonisieren. Aber wie kommen sie auf solche Ideen?

Der Podcast beleuchte die Geschichte des Silicon Valley, von den Ideen der Hippies bis zu den Tech Bros, den Individuen, die mit ihrer Macht mehr Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausüben, als das einmal vorstellbar war, auch und gerade weil sie etwas herstellen oder anbieten oder besitzen, das unser Leben auf dem Globus entscheidend mitprägt. Ob das Digitale auch der Weg raus aus dem Dilemma sein wird, wenn man z.B. an die Klimakrise denkt, dass muss sich erst noch erweisen. Momentan verbraucht der AI-Hype vor allem jede Menge Wasser und Energie.

Broligarchen und das Silicon Valley

Ich hatte immer schon ein Faible für René Girard und seine Theorien der mimetischen Gewalt, des Sündenbocks und seine Analysen. Ja, es ist eher etwas konservativ und auch seine Schüler und die Szene rund um den amerikanischen Literatur-Wissenschaftler und Philosophen Eric Gans sind eher konserverativ, aber eben auch Girard verhaftete Denker. Ihr Zuhause ist das Journal Antropoetics*, zu dem es auch eine Mailingliste gibt, die ich seit 30 Jahren abonniert habe.

Warum erzähle ich das? Auf der Mailingliste gab es einen Hinweis auf folgenden Text: Tech bros don’t get René Girard Luckily, the Popes do. U.a. Peter Thiel hat immer wieder herausgekehrt, wie er von Girard beeinflusst wurde, den er als einen seiner Hero-Denker hervorhebt – Girard hat in Stanford gelehrt, wo Thiel studiert hatte. Ich hatte mich immer schon gewundert und mich gefragt, ob das so richtig passt, gibt es doch eine Art Friedensbotschaft in dessen Texten. Nun gibt es hierauf eine qualifizierte Antwort: Nein, passt nicht.