Category: Strafvollzug/Gefängnis

Loic Wacquant: Bringing the Penal State Back In

Das British Journal of Sociology bietet auf seinen Webseiten öffentliche Vorträge als Podcast an. Dieser hier ist für einige Leser hier bestimmt von Interesse.

BJS 2009 Public Lecture Podcast
Bringing the Penal State Back In
Loic Wacquant and Nicola Lacey debate the need to bring the penal state back into the centre of the sociology of social inequaltiy, public policy and citizenship.

Vortrag: Kritik biologischer Prävention im Strafrecht

Eine kurzfristig, aber interessante Ankündigung: Am Donnerstag, 18.6. um 20.00 Uhr wird es einen Vortrag mit Diskussion über die “Kritik biologischer Prävention im Strafrecht” von Tobias Singelnstein und Stefan Krauth geben.

Die Veranstaltung findet im Nachbarschaftshaus Centrum, in der Cuvrystr
13 um 14.00 in Berlin statt.

Das vollständige Programm findet Ihr unter: http://www.sau.net.ms

Ist Pre-Crime doch möglich?

Wie der Standard aus Österreich berichtet, wird gerade ein System getestet, das mit Hilfe von Kameras Verbrechen vor der Tat erkennen können soll. Und das ganz ohne Minority Report – es klingt als wenn die absurden Träume britischer Sekurokraten Gestalt annehmen.

Das System trägt den sinnigen Namen Perceptrak – wohl von perception tracking – und da liegt dann ja wohl auch der Hase im Pfeffer, eben im Problem der Wahrnehmung… Wohin eine solche Standardisierung (keine Spitze gegen die Zeitung!) von Verhalten führen kann, kann sich jeder selbst ausmalen – die absurde Einengung menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten, könnte zu einer Normierung führen die nichts als eine Karikatur von Gesellschaft produziert oder meint diese vor sich zu haben. Abweichendes Verhalten dürfte bald zur Normalität werden. Mal schauen, ob wir in Zukunft wieder davon hören werden.

Kameras sollen verdächtiges Verhalten erkennen, Standard 2.12.2008

In der Daily Mail gibt es auch einen Bericht mit einen Foto davon und schönen Sätzen, die verdeutlichen, dass vorrausschauende Bekämpfung von Verbrechen der Ausverkauf der Bürgerrechte wäre/ist.

Dazu passt auch dieser Bericht von dradio –“Wenn das Plakat zurückguckt”. Dort geht es um die Technologie von TruMedia, die von der Werbewirtschaft genutzt werden soll, um (noch) mehr über den Kunden herauszufinden – auch die sprechenden Plakatwände waren ein Teil des Films Minority Report. Wozu so etwas noch alles einsetzbar ist, dazu braucht es keine große Phantasie.

Die Software von iCapture funktioniert derzeit nur grob: Die Altersunterscheidung findet lediglich in zwei Gruppen statt: Kinder und Erwachsene. Bis Jahresende will TruMedia auch Senioren gesondert ausweisen können, ab 2009 soll die ethnische Zugehörigkeit von Personen hinzukommen.

Aber wahrscheinlich sind solche Technologien schon fast kalter Kaffee und es wird bereits an anderen gearbeitet, die noch mehr Vorrausschau erlauben und noch tiefer in die Gedanken des Menschen dringen können… sozusagen Nacktscanner fürs Gehirn.

Zimbardo und das Böse im Menschen

Es ist nicht der allerneuste Tipp, sondern schon ein paar Wochen alt, aber immer noch gut genug um darauf hinzuweisen. Phillip Zimbardos neues Buch “Der Luzifer-Effekt”. Zimbardo war der Psychologie mit dem Gefängnis-Experiment in Standford (verfilmt mit Moritz Bleibtreu vor ein paar Jahren), welches abgebrochen werden musste, nachdem die “Wärter” ihre Rolle überinterpretiert hatten.

In einem Interview in der FR steht der Autor selbst Rede und Antwort – recht interessant wie ich finde: “Wir sind alle verführbar” (9.8.2008) und in der Jungen Welt (13.8.2008) ist eine lange Rezension des Buches aufgehängt am Thema Gefängnis und Folter (Abu Gureib) insgesamt. Es ist zwar ein spezielles Thema von Ãœberwachung und Kontrolle, aber dennoch zentral und zur Abwechslung mal abseits von Kameras und Datenschutz.

Sozialkontrolle per Internet

Nun muss ich nicht mal mehr aufstehen um mich über meinen neuen Nachbarn oder die Kindergärtnerin meiner Tochter zu informieren – ich muss sie aber auch nicht fragen, noch kennenlernen, will ich ihre dunklen Geheimnisse erfahren- Criminal Searches hilft dabei, zuminedest in den USA. Sicher ist Kontrolle manchmal besser, bevor etwas passiert ist, aber diese Webseite scheint mir etwas über die Strenge zu schlagen. Alles Vertrauen wird über Bord geworfen, jeder ersteinmal verdächtigt, es wird in Vergangenheiten gewühlt, die vielleicht nichts mit der Person zu tun haben, Verwechelungen können vorkommen – und sicher auch mal ein Volltreffer, der jemanden schützt.

Die Frage nach dem Datenschutz, der letztlich für alle fast immer in gleicher Weise gelten sollte, stellen sich hier zuhauf. Der Wert von Vertrauen wird hiermit fast vollständig abgeschafft, fast hysterische Risikominimierung ist Trumpf. Und noch rümpfen wir die Nase, aber der Wunsch nach so etwas existiert auch hierzulande, weil – und das weiß man doch – die meisten Menschen etwas zu verbergen haben. Und genau das will ich wissen. Auch Nichtwissen kann manchmal das Leben erträglicher machen und eine pPäventivwirkung entfalten, die soziales Leben überhaupt erst möglich macht (siehe auch Heinrich Popitz “Ãœber die Präventivwirkung des Nichtwissens”, in Soziale Normen, FfM, 2006)

Verbrecher von Geburt an?

Die Idee, dass Menschen als Verbrecher geboren sind war lange Teil des kriminalistischen Allgemeingutes – Von Lambrosio bis an das Ende des Dritten Reiches. Danach waren solche Thesen nicht wohl gelitten – ganz zu recht. Mit den Errungenschaften der Gentechnik und Analyse allerdings treten diese Theorien in neuem Gewand wieder auf den Plan und irritieren die Diskussion. “Gibt es den geborenen Verbrecher?” fragt die Süddeutsche Zeitung und bringt in einem guten Diskussionsartikel alle Argumente für und gegen die Annahme und eine Ãœbersicht über den aktuellen Stand von Forschung und Debatte.

Die DNA Analyse und die Gentechnik werden auch weiterhin und mehr als bisher wahrgenommen zu den Kernbereichen der Überwachungsregime werden. Zeit sich mehr und disziplinär verschränkter damit zu beschäftigen.

Annalist und die wandernde Maus

Die Auswirkungen von Misstrauen, Verfolgung und nicht selbst verantworteter Paranoia lassen sich auf dem annalist-Blog nachlesen, wo Anna, die Partnerin von Andrij Holm ihr Leben unter Ãœberwachung reflektiert und für uns transparent macht. Dass man sich dann auch über wandernde Computermäuse wundert, ist wohl nicht sehr überraschend. Ein grotesker Ausblick auf das was eine Gesellschaft erwarten könnte, die mehr und mehr auf dem Misstrauen dem anderen gegenüber aufgebaut ist – Misstrauen, das gesäht wird und durchaus Früchte tragen kann. Ãœber die Kosten müssen sich die Urheber ja auch keine Gedanken mehr machen.

Und es ist das derzeit beste Beispiel für eine Gegen-Überwachung, wenn sie auch an der Überwachung als solche nichts ändern wird. Nur Öffentlichkeit scheut niemand so sehr wie die Schlapphüte und die clandestinen Dienste.

Hilflose Rufe nach Kameras und Lerneffekte

Manchmal muss man sich schon wundern – da verteidigt der Berliner Innensenator die Videoüberwachung der BVG, u.a. mit dem Satz:” Wir brauchen diese Ãœberwachung, übrigens auch wegen der terroristischen Bedrohung” und vergisst, dass eine Studie gerade der Berliner U-Bahn Ãœberwachung eher schlechte Noten ausgestellt hat. Aber er sagt auch – und das ist in diesen Tagen die neueste Weisheit – das mehr Personal von Nöten ist. Das ist aber wirklich neu!

Inzwischen ist in fast jeder Kommune die Videoüberwachung zu einem gern installiertem Instrument geworden – aber es geht auch weniger martialisch und in guter Kooperation, wie das Beispiel Villingen-Schwenningen zeigt, wo allerdings auch der Präventionsgedanke, der so noch gar nirgendwo bewiesen worden ist, hervorgehoben wird. Aber immerhin.

Und in Heilbronn sieht man sogar die Probleme differenziert und klärt zu alllererst was Kameras leisten können – nämlich allenfalls die Ãœberwachung eines engen Raumes und nicht weite Gebiete bzw. sich über größere Räume bewegende Täter. Und schließlich bauen die Stadtväter dort sogar wieder ab, wenn das Problem gelöst ist – im Sinne der Videoüberwachung gelöst.

Gleichzeitig wird in München bereits ein weiterer Täter mit Videobildern gesucht. Wer etwas auf diesen Fotos erkennt, hat echt gute Augen oder ein gutes Vorstellungsvermögen – die Bilder sind einfach schlecht und Kapuzen tragen die Täter auch noch. Ich hoffe nicht, das dieses ein Lerneffekt aus dem letzten Ãœberfall ist.

Nun doch Forderungen nach mehr Kameras

Nach den eindrucksvollen Bildern von dem feigen Ãœberfall in München mahnte ich noch, dass nun die Rufe nach mehr Kameras aus allen falschen Gründen zunehmen werden. Aber erst mal passierte gar nichts – es entbrannte dank Roland Koch eine furchtbare Debatte um das Jugendstrafrecht, um kriminelle Ausländer als Zunder für den heimischen Wahlkampf in Hessen. Inzwischen haben so ziemlich alle den Faden dankbar in der einen oder anderen Weise aufgelesen und mischen kräftig mit.

Nun aber doch noch die Forderungen nach mehr Videoüberwachung. Koch selbst fordert einen Ausbau im öffentlichen Nahverkehr (aus manchen Gründen haben Kameras hier eine Wirkung – noch ist nicht ganz klar welche und bei welchen Taten die Kameras hier von Nutzen sein können), der CSU-Kandidat für das Bürgermeisteramt, Josef Schmidt, in München gar eine “flächendenckende Videoüberwachung“.

Die Debatte wird wohl zunächst bei den Jugenstrafen bleiben – aber die Kontrollmöglichkeiten werden darin auch immer eine Rolle spielen. Wir können uns also auf noch mehr unreflektierte Forderungen freuen.

Gewalt, Jugendliche und Videoüberwachung

Der Ãœberfall von München kurz vor dem Jahreswechsel hat eine Debatte in Gang gebracht (Heise.de), die sich eigentlich keiner so richtig wünschen konnte – nur Roland Koch setzte noch einen drauf und machte daraus eine Generaldebatte über den Zustand des Jugendstrafrechtes und ließ seinen Wahlkampf so richtig heißlaufen.

Inzwischen gibt es aber angesichts der medienwirksamen Bilder wenigsten ein paar reflektierende Beiträge, die die vorschnellen Schlüsse ein wenig in Relation setzen (Zeit.de). Die Forumsbeiträge bei Telepolis auf meine Artikel zum “Erfolgsmodell Videoüberwachung” sprechen allerdings auch eine deutliche Sprache, wenn man sie als Vox populi interpretieren möchte (ob ich mich als “linker Kanacke” bezeichnen lassen muss, sei einmal dahingestellt).

Die Welt weiß von sinkenden Gewalttaten in den meisten Großstädten, ob allerdings die ebenfalls aufgeführte Videoüberwachung dazu beigetragen haben mag, ist nicht aufgeführt und darf ohne genaue Analyse weiterhin bezweifelt werden.

Tagesschau.de fragt wenigsten, ob jugendliche Gewalttäter tatsächlich zunehmen

Es ist also eine neue Debatte entstanden – eine die Jugendgewalt, das Jugendstrafrecht und (präventive) Ãœberwachung zusammenbringt. Ich hoffe sie über die populistische Schreierei sinnvoll weitergeführt und nicht zum Anlass genommen ein weiteres gesellschaftliches Feld für die verstärkte Ãœberwachung zu besetzen.