Author: Nils Zurawski

Dr. habil. Nils Zurawski, ist Soziologe und Ethnologe und Initiator des Forschungs-Netzwerkes Surveillance-Studies. Er arbeitet als Wissenschaftler am Institut für kriminologische Sozialforschung an der Universität Hamburg sowie als freier Mediator/Moderator/Konfliktberater. Hier gibt es mehr Informationen zu seiner Arbeit: https://www.surveillance-studies.org/zurawski

KI als Religion

Über die symbolischen Bedeutungen von KI denke ich schon länger nach und je mehr ich lese was alles mit KI gemacht und dann vor allem besser sein soll, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass zu wenig über den symbolischen Gehalt von Technik nachgedacht wird, nicht unbedingt in der Wissenschaft, aber auch hier. Über das “wie” wird viel nachgedacht, u.a. in der Ethik, aber über das “warum” eher weniger. Und ich frage mich auch, welche (unerfüllten?) Bedürfnisse möglicherweise KI befriedigt, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Da liegt es nicht weit auch einmal über KI als Religion nachzudenken.

Hier tut das Claudia Paganini beim Deutschlandfunk und ich fand das durchaus hörenswert.

Sehen, gesehen werden – überwachen?

Was wir uns immer schon gedacht haben, das mit der Überwachung ist nicht so gut für uns, vielleicht sogar nicht für unser Gehirn und dessen Funktionen. Wenn immer ein zuguckt, dann verändert es sich. So beschreibt es der Autor dieses Artikels:

,The constant surveillance of modern life could worsen our brain function in ways we don’t fully understand, disturbing studies suggest, in Live Science, 11.5.2025, Autor. Simon Makin.

Aber ist es so einfach? Und was meint der Autor, wenn er von Überwachung (Surveillance) hier spricht und die vielen, sehr interessanten psychologischen Studien zitiert? Der Artikel fängt mit dem Panopticon an und von da an gerät vieles, was Überwachung angeht durcheinander, weswegen ich hier mal ein paar Argumente genauer anschaue um ein paar Dinge zurecht zurücken, die hier, aber auch in vielen populären, häufig medialen Diskursen, aber auch bei meinen Studis oft durcheinander gehen.

Crypto Wars, das neue, alte Lied

Ein sehr schöner Kommentar zu dem ewig währenden Thema der Verschlüsselung, der Vorratsdatenspeicherung und den Begehrlichkeiten des Staates. Nichts neues unter Sonne, aber auch nie tot zu kriegen sind die Forderungen. Daher hier – zugegebenermaßen nicht ganz objektiv (vgl. den Autoren) – eine Empfehlung.

Von utopischen Techno-Dörfern

Ob man diese Geschichte tatsächlich auch unter der Rubrik Stadt/Urbanismus einordnen sollte, da bin ich nicht wirklich überzeugt. Aber es geht darin auch um die Neugründung von Siedlungen, von Territorien, deren Landnahme, um Techtopias, rechte Vorstellungen von der guten Welt.

Und wenn man die Geschichte liest, dann kommen einem auch die deutschen Reichsbürger und Selbstverwalter in den Sinn. Dagegen allerdings sind das nur kleine Lichter, die im Vergleich dazu einen Aufstand auf dem Campingplatz proben, wo sie über ihrem Wohnwagen die Flagge der Republik “Free Vacation” hissen und die Stromrechnung prellen. Wo, wenn nicht in den USA, werden solche Ideen größenwahnisnniger Vorstellungen auch tatsächlich eine von vielen möglichen Realitäten – mit Folgen. Dabei reichen die Verbindungen bis ins Weiße Haus. Auch hier sind die Tech-Bros mit ihren faschistoiden Ideen von Allmacht mittenmang (wie wir hier in Hamburg sagen würden).

Wirken Bodycams? Schwer zu sagen!

Das Thema Bodycams wird immer mal wieder diskutiert, meistens dann, wenn es einen Vorfall mit der Polizei gab und die Dinger aus waren – und damit ein Vorfall undokumentiert geblieben ist. Zuletzt im Fall von Lorenz (NDR 9.5..2025) der in Oldenburg bei einem Einsatz von der Polizei erschossen wurde.

Solche Fälle sind tragisch und haben dann mit der Bodycam auch direkt nichts zu tun, zumindest nicht mit der Frage, ob diese effektiv in ihrer Wirkung sind und wie sie überhaupt wirken können. Die Dokumentationsfunktion ist dabei auf jeden Fall eine wichtige, aber erstmal eine ohne Wirkung, zumindest keine, die diskutiert wird. Damit eine Rechenschaft und Nachvollziehbarkeit von polizeilichen Einsätzen zu bekommen wäre durchaus wünschenswert, umso enttäuschender, wenn nicht einmal bei Schusswaffengebrauch Bilder entstehen. Das könnte durchaus automatisiert mit dem Ziehen der Waffe verbunden werden. Ob es das Ziehen der Waffe verhindern würde, ist damit noch nicht gesagt.

Gesamtüberwachungsrechnung

Was für ein Wortungetüm. Dass dieser Bericht eine lange Geschichte hat, spricht für sich, nun aber kann er gelesen werden, bestimmt einen Blick wert:

Forschungsbericht des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz (BMJ) und des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI). Pilotstudie basierend auf der wissenschaftlichen Evaluation ausgewählter Überwachungsbefugnisse der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden.

Überwachungsgesamtrechnung für Deutschland

Gegenwärtig wird ja wieder mal die Vorratsdatenspeicherung diskutiert, die man unbedingt brauchen würde. Kein Anschlag ohne weitere Forderungen, was einerseits verständlich ist, andererseits immer nur dem kurzfristigen Hype und der Aufregung folgt, um dann wieder aus den Schlagzeilen zu verscheinden, oft dann wenn es Geld kostet. Nur ein Beispiel: NRW-Überwachungspaket versetzt Datenschützerin “in Alarmbereitschaft” aus dem letzten Oktober. Die Diskussion weiterer Untoter der Überwachungswünsche lässt sich leicht im Netz verfolgen – mit der neuen Regierung, da bin ich mir sicher, kommen einige dieser muffig riechenden Ideen wieder an die frische Luft.

Die Zukunft ohne Menschen

Nun ist die Vorstellung, dass eine Zukunft ohne Menschen dem Planeten, dem Klima und der Umwelt nicht unbedingt schaden würde, nicht tröstlich, aber doch eine Warnung, was wir als Spezies bereits alles verbockt haben. Die Ideen aus dem Silicon Valley zu dem Thema gehen allerdings in ganz andere Richtungen, haben quasi religiöse Züge mit KI als Gottheit (oder Götzen) und irgendwas mit digital. Wer weiß schon was passiert – aber warum die Tech-Freaks und Gurus aus Californien davon so begeistert sind und was das mit dem jetzt zu tun hat, diskutiert dieser Skeet auf Bluesky.

Silicon Valley is run by people who genuinely think the world as we know it is going to end in the next few decades. Many also WANT this to happen: they WANT the biological world to be replaced by a new digital world. They WANT “posthumans” to take the place of humans. A ?:

— Dr. Émile P. Torres (@xriskology.bsky.social) 25. April 2025 um 21:58

Eyecam – auch eine Zukunft der Überwachung

Es sieht etwas spooky aus, ist aber durchaus konsequent gedacht: die Eyecam.

Rethinking our relation with our digital world

The purpose of this project is to speculate on the past, present and future of technology. We are surrounded by sensing devices. From surveillance camera observing us in the street, Google or Alexa speakers listen to us or webcam in our laptop, constantly looking at us. They are becoming invisible, blending into our daily lives, up to a point where we are unaware of their presence and stop questioning how they looksense, and act. (von der Webseite)

Das Bentham-Projekt

Für diesen Blog ist es klar, dass es einen Eintrag zum Bentham-Projekt geben muss, auch wenn ich nicht aktiv danach gesucht habe, weshalb es mir erst vor kurzem über den Weg lief. Das University College London (UCL) hosted das Projekt, welches offline bereits seit 1968 besteht.

Hier eine kleine Einführung zu Bentham vom Direktor des Projektes.

Die neuen Faschisten

Ich bette hier einmal den Skeet von Roland Meyer ein, der die Süddeutsche zitiert mit wie ich finde sehr passenden Analysen, die zu den Post der vergangenen Wochen passen, was die Tech-Millardäre und ihre Agenden angeht.

«Das alte Betriebssystem des Staates, die Bürokratie, wird gegen ein neues ausgetauscht, die digitale Verwaltung. Die ist billiger, effizienter und vor allem ergebnisorientiert.» Das ist sie ganz sicher nicht. Aber der AI-Coup von Musk räumt die letzten Schranken gegen Willkür und Plünderung fort1/

Roland Meyer (@bildoperationen.bsky.social) 2025-03-26T11:38:06.799Z

Wie dystopisch, aus demokratischer Perspektive, viele der Ideen sind, zeigt das Beispiel der “Freedom-Cities”, welche u.a. von Peter Thiel vorangetrieben wird. Städte ohne Regulierung, ohne Regierung im eigentlichen Sinne, geregelt mit KI – naja, ihr bekommt eine Idee. Hier ein Artikel dazu aus dem Standard: Tech-Milliardäre werben bei Trump für unregulierte “Freedom-Cities