Autor: Nils Zurawski

Dr. habil. Nils Zurawski, ist Soziologe und Ethnologe und Initiator des Forschungs-Netzwerkes Surveillance-Studies. Er arbeitet als Wissenschaftler am Institut für kriminologische Sozialforschung an der Universität Hamburg sowie als freier Mediator/Moderator/Konfliktberater. Hier gibt es mehr Informationen zu seiner Arbeit: https://www.surveillance-studies.org/zurawski

Überwachung, Wissen und Datenüberfluss

Es werden immer mehr Daten von uns und unserem alltagsweltlichen Aktivitäten erfasst und vor alle gespeichert. Der Schweizer Tagesanzeiger hat sich dem Thema gewidmet und zusammengerechnet, wieviele Daten da eigentlich so anfallen. Das Fazit steht dort bereits im Aufmacher zum Artikel:

Die Menge aller auf der Welt vorhandenen Informationen ist grösser als die Kapazität von sämtlichen Speichern. Es wird immer schwieriger, dieses angehäufte Wissen zu nutzen.

Ob das beruhigend ist, weiß ich nicht zu sagen – immerhin macht sich dabei das Gefühl breit, dass ein Zuviel an Daten auch zu unserem Schutze sein kann, oder es eben zu noch abstruseren Verwechslungen und Fehlzuschreibungen durch die Unklarheit von Klassifikationen und die Suchparameter kommen kann. Das Wissen über die Erde, die Menschen und unsere Umwelt mag so groß sein wie noch nie – aber ebenso groß ist dessen Unübersichtlichkeit und damit die Desorientierung von uns selbst. Überwachung und Kontrolle hat also somit Sinn, um wenigstens etwas Orientierung und Übersichtlichkeit zu schaffen. Vielleicht haben die Sekurokraten deshalb so ein großes Bedürfnis nach immer neuen Maßnahmen, da sie wissen, dass sie eigentlich noch mehr wissen könnten – und doch nur hinterherhängen. Letztlich ist das ein zutiefst menschlisches Dilemma, deren Lösung nicht in immer mehr präventiver Risikominimierung, noch in zusätzlichen repressiven Maßnahmen liegen kann.

Sicherheitsdienste an Berliner Schulen

Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, welche Not die Schulleiter haben und was generell falsch läuft an Schulen bzw. der Politik in bestimmten Stadtvierteln – ob allerdings private Sicherheitsdienste die Ursachen bekämpfen können, bleibt dennoch fraglich. In Berlin haben jetzt die Schulen auf ihre offensichtliche Notlage reagiert und zusammen mit den Verantwortlichen im Senat und in den Bezirken an einigen Schulen private Sicherheitsdienste engagiert (RBB Online und Frankfurter Rundschau).

Bei der Zeit gibt es dazu noch ein kleines Video „Türsteher vor Schulen“.

Polizisten gehorchen privaten Sicherheitsdiensten

Das ist doch mal was: In Hamburg sollen Polizisten in der Innenstadt dem von dern Geschäftsleuten am Neuen Wall engagierten privaten Sicherheitsdienst Folge leisten – hauptsächlich bei Falschparkern. Die ersten skurrilen Auswirkungen des Business Improvement Districts in Hamburg, so heute eine Meldung bei NDR.de.

Ein schönes Beispiel wohin der Ausverkauf staatlicher Hoheiten führen kann – und das wirft natürlich ganz neue Fragen nach Kontrolle und Polizei auf, wenn ein demokratisch nicht legitimierter Sicherheitsdienst, noch dazu einer der sich weitgehen einer Kontrolle durch entsprechende Gremien entziehen kann, die Oberaufsicht auf den Straßen haben kann. Nun auch in Hamburg. Das Erstaunliche: die Polizeiführung findet das gar nicht so schlimm. Mag es im Einzelfall auch nicht sein, aber die Konsequenzen sind doch beachtlich.

Neues Hörspiel zu Überwachung auf WDR

Am 4.12.07 wird das Hörspiel „überwachen und mahnen“ von Serotonin auf WDR EinsLive um 23:05 uhr urgesendet – die Wiederholung auf WDR3 gibt es am 17.12.07.

Der WDR streamt und ab dem 5. 12. kann man das Hörspiel auch als Download (für eine Woche) geniessen. Weitere Infos findet man bei EinsLive.

Da ich zu dem Hörspiel ein Interview (unter vielen) gegeben habe und auch das Konzept sehr interessant fand, bin ich doch gespannt, was daraus geworden ist.

Look – ein Film über und mit Überwachung

Ich dachte zuerst dass ist ein Witz – aber nein der Film ist ein Film und er kommt auch in die Kinos. Look von Adam Rifkin, ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury auf dem Lonestar Filmfestival in Fort Worth, Texas.

Die Webseite des Films ist beeindruckend und der Film gerade dass was in künstlerischer Hinsicht eigentlich schon länger auf sich warten ließ – eben ein Film, der nur mit Überwachungskameras gedreht wurde – so wie ich das verstanden habe. Aber schaut selbst.

Bildbearbeitung, kollektives Gedächtnis und Überwachung

Dieser kleine Film zeigt, was alles möglich sein kann – die Vorstellung wie diese Technologie mit Überwachungskameras genutzt werden kann ist eindrucksvoll und beängstigend zugleich. Da bleibt dann nichts mehr ungesehen – für niemanden mehr. Die Vorstellung einer übergeordneten Kontrollinstanz gehört dann endgültig der Vergangenheit an, denn diese Technologie verbindet die „kollektive Erinnerung“ von Photos und Filmen um sie allen zur Verfügung zu stellen… die Konsequenzen müssen noch diskutiert werden…
Film:
Photosynth Prototype
What a horrible time to be blind

.. und hier gibt es mehr Informationen zu der Software – bei Microsoft – Microsoft Research Lab – wen wundert es?!

Aus der Welt der Kameras – updates…

In Berlin wird diese Woche ein neues Polizeigesetz verabschiedet, das auch die Videoüberwachung vorsieht und dazu hauptsächlich die Kameras der BVG, aber auch eigene, nutzen will. Vielleicht aber wird es ja auch nichts..

Diese Kameras allerdings, so das Ergebnis der Evaluation, sind eigentlich nicht in der Lage ihren Zielen gerecht zu werden.

Ein ähnliches Ergebnis wurde für die Kameras im Brandenburger Modellversuch festgestellt – mit beeindruckender Offenheit von Seiten der Polizei:

Nach fünf Jahren habe man die nicht unbedeutende Erkenntnis gewonnen, dass am Rathenower Standort vor allem die präventive Wirkung der Kamerabeobachtung nicht so groß sei wie erwartet.

Auch das kann als Erfolg des Versuches gewertet werden – immerhin weiß man dort jetzt genau Bescheid. Die Gründe warum das so ist, waren allerdings nicht wirklich neu – aber jeder hat das Recht auf eine eigene Erkenntnis. Und immerhin werden die richtigen Konsequenzen gezogen. Das ist nicht überall der Fall.

Im Mutterland der Videoüberwachung versuchen derweil Experten die Bänder auszuwerten, auf denen vielleicht der Mörder des Rhys Jones zu erkennen ist – und wo waren den dort die präventiven Effekte der Kameras, möchte man dort auch mal fragen. Und warum passiert dermaßen viel in dem Land, in dem an fast jeder Ecke eine Kamera steht? – Es muss an noch mehr als nur an Kameras hängen. Dazu gibt es ein sehr interessantes Feature bei dradio – auch als Text – von Martin Zagatta „Messer und Revolver – Großbritanniens bewaffnete Teenager.

Gerade aber der „Nanny State“ England scheint die ersten abzuschrecken, die es sich auch leisten können, einfach wegzugehen – so wie der Schauspieler Ewan McGregor (Trainspotting / Star Wars), der einfach genug hat von den Kameras und anderem.

Immerhin stoppt Transport for London gerade ein Modellversuch mit Live-Kameras, vielleicht ein erster Schritt des Umdenkens – ich denke eher nicht.

L.A. / USA: Kartieren der muslimischen Einwohner

Die Los Angeles Times berichtete vor ein paar Tagen von einer doch sehr merkwürdigen Initiative der Polizei von Los Angeles – sie wollen die muslimischen Bewohner LAs auf einer Karte festhalten und einen besseren Überblick und einen Schutz vor Terror effektiver zu machen:

Los Angeles Police Department Deputy Chief Michael P. Downing, who heads the bureau, defended the undertaking as a way to help Muslim communities avoid the influence of those who would radicalize Islamic residents and advocate „violent, ideologically-based extremism.“
„We are seeking to identify at-risk communities,“ Downing said in an interview Thursday evening. „We are looking for communities and enclaves based on risk factors that are likely to become isolated. . . . We want to know where the Pakistanis, Iranians and Chechens are so we can reach out to those communities.“

Der Spiegel fragt sich zurecht, ob das auch für deutsche Städte eine Option sein kann und ob es überhaupt sinnvoll ist. Politiker und Sicherheitsexperten (wer auch immer das so ist in solchen Artikeln… ) halten diese Idee für Unsinn und für Deutschland nicht anwendbar. Das ist ein schönes Beispiel wie Raum konstruiert und möglicherweise kriminalisiert bzw. margiinalisiert wird. Die Wirkung solcher Karten in der Öffentlichkeit ist nicht absehbar, könnte aber – je nach Darstellung – unkalkulierbare Folgen für urbanen Raum und das Zusammenleben von Menschen haben. Die Diskriminierung von Stadtvierteln über die potentielle Verdächtigung von bestimmten Bevölkerungsgruppen durch eher pauschale Darstellungen – Muslime -> Terrorgefahr – wäre eine Folge. Einen Schutz vor Terror kann man sicher auch anders regeln, ohne solch pauschalen Verdächtigungen mit all ihren (unabsehbaren) Konsequenzen

Schnüffelei bei Journalisten

Der NDR hat sich in einer Pressemitteilung gegen die Abhöraktion eines NDR Journalisten gewehrt.

NDR Intendant Prof. Jobst Plog: „Sollte sich der schwere Verdacht gegen die Sicherheitsbehörden bestätigen, dann stellte dies einen massiven Angriff auf die Rundfunk- und Pressefreiheit dar.

Etwas mehr über die Hintergründe des Falles kann man bei tagesschau.de, bei swr.de und im Hamburger Abendblatt nachlesen.

Buch: Die digitale Identität

Die Dissertation „Die digitale Identität. Rechtsprobleme von Chipkartenausweisen: Digitaler Personalausweis, elektronische Gesundheitskarte, JobCard-Verfahren„, 2005 von Gerrit Hornung ist ab sofort ab sofort online verfügbar und im Volltext
abrufbar. Das Buch ist vergriffen und wird nicht mehr nachgedruckt.

Die Pdf-Datei entspricht hinsichtlich der Seitenzahlen dem Buch und kann
insofern seitengenau zitiert werden.

ps. Die Dissertation wurde ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreises 2006 der Deutschen Stiftung für Recht und Informatik (DSRI).

Vorratsdatenspeicherung – jetzt beschlossen…

Es gibt wohl niemanden, den die Abstimmung groß verwundert hat. Trotz aller Argumente und Proteste, hat der politische Wille, nicht die Argumente, gesiegt. Auf DeutschlandRadio Kultur verteidigte Ministerin Zypries ihr Gesetz (mehr Infos bei dradio.de) Alle Einwände haben nichts genützt – offenbar auch nicht die gültigen Rechtssprechungen des Verfassungsgerichtes – sonst würde sie nicht wie folgt argumentieren:

Schütte (dradio): Die Daten werden ohnehin gespeichert, aber nun können Ermittlungsbehörden darauf zugreifen. Ist das nicht doch eine neue Qualität?

Zypries: Nein! Das ist keine neue Qualität, weil das natürlich geltende Rechtslage ist. Auf die Daten, auf die man zugreifen kann, können Ermittlungsbehörden das heute schon. Voraussetzung: Sie haben den Verdacht einer schweren Straftat und ein Richter hat entschieden, dass diese Daten herauszugeben sind von dem Telekommunikationsunternehmen. Das ist heute geltende Rechtslage, und das bleibt.

Es gibt aber eine Rechtssprechung, die genau das Gegenteil von dem aussagt, was hier in dem neuen Gesetz jetzt ermöglicht wird und auch im Falle der privaten Speicherung durch die Unternehmen, den Staat als Handelnden miteinschließt (finde ich im Moment nicht, suche ich aber raus).

Heribert Prantl hat bereits vor dem Beschluss in einem Kommentar sehr passend geschrieben:

Bisher konnte der Staat nur auf die Daten zugreifen, die bei den Telekommunikationsanbietern ohnehin vorhanden waren. Künftig muss jeder Bürger und jeder potentielle Informant damit rechnen, dass sein Kommunikationsverhalten allein zu staatlichen Zwecken dokumentiert wird. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) verweist darauf, dass es zum Zugriff auf die Daten eines richterlichen Beschlusses bedürfe; Geheimdienste brauchen freilich einen solchen Beschluss nicht.

Prantl hält dieses Gesetz für eine große Gefahr, vor allem, aber nicht nur für die Pressefreiheit. Jetzt gilt es wohl abzuwarten, wie das Verfassunggericht über die demnächst eingehende Klage dagegen abstimmen wird. Der Streit ist also noch nicht vorbei – bleibt zu hoffen, das in Zukunft andere, als simple politische Argumente wieder mehr Gehör finden werden.

siehe auch den Kommentar bei Zeit.de – Überwachung statt Freiheit

Orientierung – Desorientierung

Für ein Seminar in Zürich habe ich eine kleine Photocollage zusammengestellt, die ich auf dem Weg dorthin gemacht hatte – ich habe meinen Weg der Orientierung während der Reise protokolliert. Das Seminar wurde ausgerichtet von der Hochschule für Design in Zürich zum Thema Desorientierung und Angst – Design2context Institut für Designforschung der ZHDK im Rahmen eines Aufbaustudiums für Signaletik.

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Weil es so einen Spaß gemacht hat, habe ich aus den Photos einen kleinen Film gemacht:
Hamburg – Zürich / Orientierung-Desorientierung