Die Zeit der (neuen) Oligarchen?

In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs haben Nationalismus und geopolitische Machtspiele Hochkonjunktur, während Demokratie und Solidarität leiden. Stilistisch brillant beschreibt Aldous Huxley das aufziehende Zeitalter einer Tech-Oligarchie – einer Welt, in der Boy Gangster in den Regierungen sitzen und das Recht des Stärkeren die Freiheit aller bedroht. (Inhaltsbeschreibung des Buches beim Hanser Verlag)

Es geht um Aldous Huxleys „Zeit der Oligarchen“, geschrieben 1946, 2025 neu aufgelegt. Hier ein paar Auszüge, die mehr als nur prophetisch anmuten.

Der Glaube an den universellen Fortschritt basiert auf dem Wunschdenken, dass etwas umsonst zu haben ist. Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf dem einen Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen. Für die antiken Griechen wurde hybris, der anmaßende Übermut, ob gegenüber Göttern, den Mitmenschen oder der Natur, früher oder später von der Rachegöttin Nemesis bestraft. Im Gegensatz zu den antiken Griechen glauben wir Menschen des 20. Jahrhunderts, dass unser Hochmut keine Folgen hat.

Kolonisierung der Zukunft, Steuerung der Imagination.

Dieses im Titel sehr verkürzte Zitat aus einem Text von Felix Stalder klingt nicht nur verlockend für eine Überschrift, sondern bringt verschiedene Problematiken von KI auf den Punkt. Er führt das in dem unten verlinkten Artikel genauer aus – lesenswert. Warum ein Eintrag hier im Blog? Weil Überwachung nicht nur das Beobachten, nicht ausschließlich über das Aufzeichnen von Daten und Nachverfolgbarkeit von Handlungen, Aktionen etc. stattfindet, sondern auch über Steuerungsprozesse. Die Überwachung vor dem Fakt, die Prädiktion, die Vorhersage ist Teil der Überwachung, z.B. um bestimmtes Verhalten gleich von vornherein auszuschließen. Die Abweichung wird vermieden, bevor sie passiert (vgl. dazu u.a. Zurawski: Welt ohne Abweichung? Soziale Kontrolle, Konsum und der digitalisierte Alltag. In Soziale Probleme, Nr. 2/2023, Bd 34.)

Das vollständige Zitat lautet dann auch wie folgt:

Die politische Wirkung dieser Bilder im öffentlichen Diskurs ist die Kolonisierung der Zukunft durch die Steuerung der Imagination.

Podcast zum Neoaristokratismus

Über Tech-Millionäre habe schon reichlich geschrieben, der Take von Andreas Kemper diese Entwicklungen analytisch als Tech-Feudalimus zu rahmen und so über Abhängigkeiten, Herrschaftsstrukturen und gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken ist für diesen Blog hier durchaus interessant. Denn darüber lässt sich auch über mögliche Strukturen der Überwachung nachdenken. In Überwachen und Konsumieren spreche ich von einer Re-Feudalisierung, was z.B. die durch Plattformen ermöglichte Inanspruchnahme von Dienern und Dienstleistern betrifft. Wie auch immer, hier der Podcast, reinhören empfohlen.

Tagung: Verdaten, vernetzen und vermuten

Hier mal ein Veranstaltungstipps, in dem der Fokus auf einem sehr klassischen Thema der Überwachung in all seiner Komplexität geworfen wird, nicht bloß KI, kein Datenschutz, sondern Grenzregime, Migration und all die anderen Dinge auch, aber eben nicht abstrakt, sondern bezogen auf eines der wichtigsten Phänomene unserer Zeit in Bezug auf Überwachung, Politik und Menschenrechte, welches gleichzeitig viel zu viel unter dem Radar behandelt wird.

Titel: Interdisziplinäre Perspektiven auf die digitalisierte Verwaltung und Kontrolle von Migration und Grenzen.

Die Online-Tagung wird organisiert vom Deutschen Institut für Menschenrechte und dem Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Recht der Digitalisierung der Verwaltung, Informations- und Migrationsrecht an der Universität Leipzig

Wann: 2026 | 10:00 – 16:15 Uhr

Bereits seit den 1990er Jahren werden das Recht und die Systeme zur Verarbeitung der Daten von Drittstaatsangehörigen durch Datenschützerinnen und Migrationsrechtlerinnen als unverhältnismäßig und diskriminierend kritisiert. Mit der wachsenden Komplexität der Infrastrukturen wird es zunehmend schwieriger, ihr sozio-technisches Funktionieren und ihre Auswirkungen auf Betroffene zu verstehen und rechtlich zu bewerten.

Programm und kostenlose Anmeldung unter: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/veranstaltungen/detail/verdaten-vernetzen-und-vermuten-interdisziplinaere-perspektiven-auf-die-digitalisierte-verwaltung-und-kontrolle-von-migration-und-grenzen

Die Zukunft der Gesichtserkennung

Ich wollte schon längst ein paar Eindrücke von der letzten Surveillance-and-Society-Konferenz geschrieben haben, die im Juni in Lille stattgefunden hat. Ein immer wiedre sehr schönes Treffen mit tollen Kolleg:innen, die ich zum Teil schon seit über 20 Jahren kenne und vielen neuen Kolleg:innen und Wissenschaftler:innen, die vielversprechende neue Themen oder neue Perspektiven auf ältere Themen haben, wie z.B. die automatische Gesichtserkennung. Ich schaue mal, dass ich ein paar der Themen, die mich dort begeistert haben, hier nach und nach vorstelle.

Dieses Jahr lag der Schwerpunkt auf der „Planetary Surveillance“, ein weiterer Konferenztitel, der alles und nichts bedeuten kann. Ein paar Vorträge nahmen sich dem aber wirklich an, dazu später mehr.

Religion, Überwachung und auch KI

Die Kollegin Anna-Verena Nosthoff hat in einem taz-Artikel vom 17.6., also vor wenigen Wochen etwas zur Religiosität von KI geschrieben: Willkommen in der KI-rche?. Die Verbindung von Technik und Religion ist nicht neu, die Kritik daran deutlich und sehr elaboriert, umso erstaunlicher, dass die Narrative, die diese Verbindungen immer wieder evozieren immer wiederkommen bzw nie ganz weg sind – auch hier im Blog habe ich dazu schonmal ein paar Quellen und Kommentare zusammengetragen.

Die Verheißungen von Technologie, die goldene Zukunft sind nicht nur PR-Sprech von Politiker:innen, sondern technischen Entwicklungen, insbesondere informatischen inherent und begleiten diese seit jeher. Anna-Verena Nosthoff arbeitet das ganz gut heraus, wenn sie aufzeigt, wie diese Versprechungen, gepaart mit apokalyptischen Zukünften immer wieder im Rauschen der sozialen Medien rausgehauen werden.

Konsum, KI und J.G. Ballard

Es war ein LinkedIn-Beitrag von Adrienne Fichter, einer Schweizer Journalistin, die mich drauf gebracht hat. In dem Beitrag ging es um eine weitere Kollegin und ihren Beitrag auf der re:publica, in dem diese sagt, dass KI unsere Probleme nicht lösen wird. Ein Zitat von Fichter ist mir dabei aufgefallen:

„Und: Hao zeigt auf: Technologiegestaltung ist immer eine Folge von Entscheidungen, von Individuen, von Gruppen, von Konflikten, von Machtkämpfen und Machtspielen…“

UN-Studie zu Chilling Effects online

Ich habe über die so genanten chilling effects von Überwachung hier und da schon mal geschrieben. Hier kommt jetzt eine von der UN initiierte Studie, die von den Kolleg:innen Pete Fussey, Gina Romero und Daragh Murray. Gelesen habe ich sie noch nicht, werde das aber nochmal tun. Onilne und als pdf zum Runterladen, mit dem etwas sehr langen Titel:

„Pushed into the Shadows“: Evidencing Digital Surveillance Chilling Effects and the Erosion of the Rights to Freedom of Assembly and of Association.

Die Studie ist erschienen im Bereich der The United Nations Special Rapporteur on the Rights to Freedom of peaceful assembly and of association, was ich hier nicht übersetze, ist mir zu lang..

Die dunkle Welt der Aufklärer

Das Autorenpaar Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff, letzerte gerade überall in den Medien mit ihrem Buch Kybernetik und Kritik, welches beworben wird, wie etwas für die breite Masse, aber wohl eigentlich etwas für den akademischen Diskurs zum Thema Technik, Herrschaft, dem Digitalen und den Entwicklungen des Silicon Valley (meine sehr grobe Inhaltsangabe hier) ist. Die Theorie der Regierungskunst, so der Untertitel, ist ein massives Werk politischer Philosophie, in dem auch der Aspekt der Überwachung eine Rolle spielt.

Ich habe über die Tech-Bros und die Ideologie des Silicon-Valley, welches einem Evangelikalismus nicht nur zufällig nicht unähnlich ist, schon öfter geschrieben oder kluge Gedanken dazu verlinkt. Hier ist ein weiterer, dieses Mal von den beiden.

Willkommen in der Welt der «Dunklen Aufklärer» in dem schweizer Journal „Republik“, vom 9.5.2026. Sie beleuchten die ideologisch-philosopisch-theoretischen Grundlagen dieser Denkrichtungen, historisch und ideengeschichtlich, in für Leser:innen leichter verdaulichen Format, dennoch ebenso gehaltvoll.