Der Traum vom Übermenschen

Einen Post über die so genannten Enhanced Games, bei denen Doping frei gegeben ist und von den Tech-Bros auf ihrer Suche nach dem Übermenschen untersützt wird, wollte ich schon länger machen, jetzt komme ich dazu. Die Spiele sind zwar noch ein Jahr weit weg, aber momentan zumindest spricht keiner mehr darüber. Hier eine kleine Auswahl an Berichten und Einschätzungen dazu (weitere Artikel sind in den Beiträgen verlinkt):

Luxury Surveillance oder warum Konsum so gut funktioniert

Im Blog des Journals Surveillance & Society haben die Kolleg:innen Marc Shuilenburg and Yarin Eski nochmal über einen Artikel reflektiert, der in eben diesem Journal bereits erschienen ist:

Unter der Überschrift Swasticars, Surveillance, and the Seductive Trap of Smartness: How Tesla Became the Luxury Blueprint for Disciplinary Technology zeigen sie wie und warum Konsum nicht nur ein Einfallstor für Überwachung ist – also wie der Konsum überwacht wird. Sondern sie zeigen wie Konsum als ein Teil von Überwachung gesehen werden muss. Überwachung ist ein Konsumgut, so hatte ich das formuliert in Überwachen und Konsumieren (2021). In zwischen hat sich für dieses Verhältnis im Englischen der Begriff der Luxury Surveillance etabliert bzw. wird immer mal wieder angeführt.

And here’s the kicker, the dystopian twist. People pay for this, happily and eagerly so! Hands over wallets and eyes wide with techno-lust. We don’t just tolerate surveillance anymore but worse: we finance it! We trade our privacy for prestige, our data for dopamine, and our control over our freedom for convenience. Meaning, we buy into the very systems that discipline and control us, just because they’re fast, shiny, and whisper the promises of status and self-actualization. (Zitat aus dem Artikel)

Palantir und das Überwachungsimperium

Der Titel hat es schon in sich, da konnte ich nicht dran vorbeisehen. Dass der Artikel wieder Mal mit einem Augen-Icon bebildert ist, passt hier vielleicht sogar besser als bei vielen anderen Artikeln zum Thema.

Das Überwachungsimperium. Wie sich die deutsche Polizei von Peter Thiels Palantir-Software abhängig macht, Autorin Sonja Peteranderl in Blätter für deutsche und internationale Politik, August 2025.

Ob alle deutschen Polizei- und Innenbehörden sich dem verschließen, also diese Software nicht installieren und nutzen, bleibt abzuwarten. Einige tun es, einige nicht. Die Informationslage zur Software und den Hintergründen ihres Miteigentümers Peter Thiel ist nicht zu übersehen. Das aber hat die Securokraten noch nie abgehalten, unsinnige und gefährliche Dinge zu kaufen oder umzusetzen.

Digitale Zwillinge und Simulationen der Wirklichkeit

Das Journal New Media & Society hat ein Special Issue zu Digital Twinning publiziert. New Media & Society, Volume 27, Issue 8: Special Issue: Digital Twinning, Aug 2025.

Es geht nicht vordergründig um Überwachung, aber um Simulation der Wirklichkeit, große Mengen an Daten und irgendwie auch um Überwachung, vor allem aber um Kontrolle und Übersicht. Ein Blick lohnt sich. (Fast) alles open access!

American dystopia und Popkultur-Memes

Science Fiction und dytopische Literatur und Filme gibt es viele, einige davon epochal gut und wegweisen, nicht nur 1984. Dieser Skeet bei Bluesky zeigt mit ein paar Memes wie vergangene Vorstellungen über die Zukunft gerade in der Gegenwart ankommen, absurder, als man sich das hätte vorstellen können. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, aber es scheint aus soziologischer Sicht, dass manches bereits angelegt war in der Gegenwart ihrer Entstehung, das nur extrapoliert, nicht neu erfunden werden musste, um dystopische Zukünfte zu erdenken. Schwierig nicht vollkommen den Kopf oder die Übersicht oder den Verstand (und die Zuversicht) zu verlieren.

… und immer wieder Palantir

Es wird gegenwärtig viel geschrieben, analysiert und gewarnt über, zu und vor Palantir. Bevor ich eine Liste der Artikel und Beiträge dazu mache, verlinke ich erstmal den Film „Watching You“ von Klaus Stern zu Alex Karp, den es gerade in der ARD-Mediathek zu sehen gibt.

Ich habe den Film im Februar bei einer Vorführung im Weizenbaum-Institut gesehen, Klaus Stern war da vor Ort. Dazu hatte ich schon mal einen Eintrag gemacht mit Hintergrundinfos, immer noch lesenswert, da die Infos sehr gute wissenschaftliche Analysen sehr geschätzter Kolleg:innen sind.

Und Herbst habe ich Klaus Stern nach Hamburg eingeladen, ich zeige den Film als Teil der Ringvorlesung Friedensbildung, und hier wird der Regisseur dann dabei sein für Fragen und Diskussion.

Tech Bro Topia

Unter der Überschrift „Mit der roten Pille zur Macht“ beginnt die 1ste Folge des Podcasts bei Deutschlandfunk zu den Tech Bros, ein derzeit sehr angesagtes Thema, auch ich habe im Blog schon den einen oder anderen Beitrag dazu gepostet. Daher hier der Tipp: Tech Bro Topia, ein 6-teiliger Podcast bei DLF

Sommer 2025: Die USA vollziehen den Schwenk zum Autoritarismus. Mittendrin die Tech-Bros aus dem Silicon Valley. Sie wollen den Staat abschaffen und den Weltraum kolonisieren. Aber wie kommen sie auf solche Ideen?

Der Podcast beleuchte die Geschichte des Silicon Valley, von den Ideen der Hippies bis zu den Tech Bros, den Individuen, die mit ihrer Macht mehr Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausüben, als das einmal vorstellbar war, auch und gerade weil sie etwas herstellen oder anbieten oder besitzen, das unser Leben auf dem Globus entscheidend mitprägt. Ob das Digitale auch der Weg raus aus dem Dilemma sein wird, wenn man z.B. an die Klimakrise denkt, dass muss sich erst noch erweisen. Momentan verbraucht der AI-Hype vor allem jede Menge Wasser und Energie.

Kameras überall!

Wir alle haben zumindest kurz über den KissCam-Vorfall beim Coldplay-Konzert in den USA gelacht oder geschmunzelt. Die Memes dazu sind auch durchaus lustig – aber es zeigt sich hier auch ein Aspekt allgegenwärtiger Kameras, verbunden mit den omnipräsenten Smartphones sowie der sofortigen Auswertung (oder sollte man besser von Ausschlachtung sprechen?) so mancher SocialMedia-Plattformen bzw. der diversen Accounts von fast jedem von uns.

Erfüllt das schon die Definition von Überwachung, schwierig. Auf jeden Fall zeigt es eine Art schrankenloser Sichtbarkeit und dem Verlust von beschränkt öffentlichen Orten, wie ein Stadion eines mal gewesen ist. Da alles immer online ist gibt es diese Art der Rückzugsräume nicht mehr wirklich, auch wenn man im Stadion nie so richtig privat war, aber eben anonym! Und das ist in der Öffentlichkeit ein Wert an sich, der nach und nach verloren zu gehen droht.

Wer sieht wie ich beobachte, wenn ich beobachte?

Mal wieder Zeit auf den Blog des Journals Surveillance & Society, mit einem Beitrag zu Anyone Who’s Watching Can See That You’re Watching, Too. Es geht um Livestreams, soziale Medien und die kostenlose Arbeit, die dahinter möglicherweise steht.

Writing that article piqued my curiosity; since social media posts have been considered “free labour,” I wondered if visible viewership could also be considered a form of free labour.

Algorithmische Narrative und der Zeitgeist

Heute möchte ich auf den Aufsatz des Kollegen Rainer Rehak hinweisen, der sich der Narrative rund um KI angenommen hat. Der Artikel ist wirklich lesenswert, wenn auch notwendigerweise lang und ausführlich. Rainer Rehak nimmt sich darin prominenter Erzählungen zu KI – oder das was so mancher dafür hält – vor, u.a. Agency, Autonomie, Wissensverarbeitung, Vorhersage, Objektivität.

AI Narrative Breakdown. A Critical Assessment of Power and Promise, 23.6.2025, in FAccT ’25: Proceedings of the 2025 ACM Conference on Fairness, Accountability, and Transparency, Pages 1250 – 1260, https://doi.org/10.1145/3715275.3732083

Wer in der DB den vielen Business-Typ:innen mal so beim Telefonieren zuhört – immer ein großer Spaß für mich – der hört immer öfter auch etwas von KI, in nahezu jedem Zusammenhang. Rehak nennt das „Zeitgeist-KI“, ein wirklich charmanter, aber vor allem treffender Begriff

To characterize the regularly (too) vague use of the term artificial intelligence in societal discourse, I propose the term „Zeitgeist AI“ [96]. „Zeitgeist AI“ can mean anything from big data, algorithms, apps and statistics to software, robots, digital technology, all the way to the internet and digitalization in general. In political discourse, too, there is often a blanket reference to „artificial intelligence,“ 

Also, ein Lesetipp, denn die symbolische Bedeutung der Technologie KI ist bestimmt so groß, wenn nicht größer als ihre tatsächlichen Möglichkeiten. Hier gibt es ein paar interessante Gedanken und Erkenntnisse zu lesen.