Category: Karten/mapping

Karten und das Verbrechen

Ist zwar schon ein paar Tage her, aber die Nachricht ist immer noch gut: In Baden-Württemberg plant der dortige Innenminister einen Videoatlas zur Terror- und Kriminalitätsbekämpfung. Darin enthalten: Möglichst alle vorhandenen Kameras im Ländle, gleich ob öffenntlich oder privat. Und auch nur so hat es einen Sinn, denn die öffentlichen Kameras reichen für eine mehr oder weniger lückenlose Ãœberwachung nicht aus – der Zugriff auf die vielen, vor allem bislang nicht-registrierten privaten Kameras könnte hier einen enormen Sprung nach vorn bedeuten.

Auch wenn es hierzulande noch nicht so verbreitet und bekannt ist: Kartierungen im Bereich der Kriminalistik sind der letzte Schrei und ein machtvolles Instrument – auch um Wirklichkeit zu produzieren und Wahrnehmungen zu steuern. Ganz vorn liegen dabei die Experten der Metropolitan Police in London, wo die deutsche Christine Leist “auf Verbrecherjagd” geht – eine relative unpassende Beschreibung, aber gut…. In Deutschland wird das GLADIS-System auf Basis der von ESRI hergestellten GIS-Software schon seit längerem benutzt.

Wie das Hauptstadtblog berichtet, gibt es auch in Berlin bereits Anstrengungen in diese Richtung, die an ein Projekt der EU anschließen. Für Hamburg macht sich eine Geographin in ihrer Dipom-Arbeit Gedanken zur Kriminalitätserfassung mittels Karten.

Wirklich gute Informationen gibt es beim National Institute of Justice, das für die USA Werkzeuge und Anwendungen zum mapping bereitstellt. Und noch mehr zum Thema gibt es beim Jill Dando Institute for Crime Science in Großbritannien.
Ob und wie effektiv die Karten und Verfahren tatsächlich bei der Kriminalitätsbekämpfung sind, müssen wir abwarten. Dass solche veröffentlichten Karten nicht ohne Wirkung für unser Verständnis der Wirklichkeit bleiben werden, steht schon jetzt fest. Ob sich darüber die Verantwortlichen bewusst sind, bezweifle ich. Spannend und interessant ist das ganze Thema auf jeden Fall…. und zum Ländle bleibt nur zu sagen: Was ein Schnappsidee – zumal das ganze rechtlich höchst bedenklich ist, weniger die Karten, als die ebenfalls geplante Nutzung aller Kameras durch die Polizei.

Simulation und Kontrolle: Hamburg in 3D

“Schaut auf diese ideale Stadt” titelt die taz am 31.1. und meint die neue 3D Ansicht von Hamburg, die in Kürze im Internet zu sehen und zu gestalten sein wird. Wer dort, was machen kann ist dabei noch nicht raus – wohl aber sicher dürfte sein, dass es eine schöne und saubere Stadt sein wird – eben ein Idealbild, welches Investoren anlocken soll. Der Schmutz darf dann nicht mehr stattfinden. Die Autorin fragt sich zurecht was passiert wenn die Wirklichkeit in die Simulation einbrechen wird:

Call for Papers: Kriminal-Geographie

Für das nächste Jahr ist an der Uni Potsdam eine Tagung zum Thema:
“Kriminalität und Raum – Das Projekt einer ‚kritischen Kriminalgeographie’” geplant.

Termin ist der 14./15. September 2007.
Vortragsangebote sind bis zum 28. Februar 2007 einzureichen (Organisator: Bernd Belina)

Sowohl Raum/Räumlichkeit als auch Kriminalität/Kriminalisierung sind Ergebnisse sozialer Konstruktionen/Produktionen. Weder ist Raum rein physikalisch als Container zu verstehen, noch ist Kriminalität oder Abweichung etwas ontisches. Die seit einigen Jahren auch hierzulande wieder boomende Mainstream-Kriminalgeographie hingegen ist sowohl ätiologisch orientiert als auch einem Containerraumverständnis verhaftet; dabei interessiert sie sich vor allem für die Bedeutung von Raum bzw. für die spezifischen Merkmale von Räumlichkeiten für die Chancen der Begehung kriminalisierbarer Handlungen und in jüngerer Zeit verstärkt auch für Sicherheitsempfindungen/Kriminalitätsfurcht in öffentlichen Räumen.

Ich denke, dass ist auch für die Überwachungsforscher und aus Sicht der Suveillance Studies durchaus von Interesse.

Karten zwischen Kunst und Manipulation

In der neuesten Ausgabe der Le Monde Diplomatique gibt es einen schönen und informativen Artikel zu Sinn und Unsinn von Karten, eine kleine Geschichte ihrer Manipulation und Verwendung. Online ist die französische Version “La cartographie, entre science, art et manipulation” von Philippe Rekacewicz.

Anlass des Artikel ist die neue Ausgabe des Atlas der Globalisierung (auch auf Deutsch erhältlich

Einleitung zum Artikel in der deutschen Ausgabe:

Der Kartograf und seine Welten
Der neue Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique enthält über 200 Karten und Schaubilder von Philippe Rekacewicz. Der UN-Kartograf über Grenzen und Territorien, über Karten im Dienst von Machtinteressen und über die Kartografie als Kunst von Philippe Rekacewicz

Karten und unsere Welt

Das Karten seit je her Dokumente der Macht sind, um die es Streit, ja sogar Kriege gegeben hat, ist nichts neues – daher wundert es auch nicht, wenn sich Unternehmen wie Monsanto dagegen wehren, dass ihre Testfelder mit genmanipuliertem Getreide über Google Map für jedermann einsehbar sind: Google Map mit GMO-Feldern unerwünscht.

Greenpeace Frankreich darf nach einem Urteil eines französischen Gerichts vom Mittwoch auf einer Website mithilfe von Google Map nicht die Lage von Feldern der Öffentlichkeit bekannt machen, auf denen genveränderter Mais von Monsanto angebaut wird. Nach Ansicht der französischen Regierung hat die Öffentlichkeit keinen Anspruch auf Information über die Lage der Felder.

Dazu passt auch mein Artikel zum Mapping allgemein, der ebenfalls bei Telepolis erschienen ist…. Mit Karten die Welt(en) verstehen

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Bild: SASI Group

Sicheres Reisen, Flüchtlinge und anderes

Die aktuelle ZEIT (Nr.30) scheint auf zufälliige Weise zu einer Ãœberwachungs-Sonderausgabe geworden zu sein. Vor dem Hintergrund Südafrikas, wo ich mich gerade aufhalte, ist der Artikel in der Reiseabteilung höchst interessant. In sicherem Gewahrsam gibt schöne Momentaufnahmen von Urlaub hinter unsichtbaren und sichtbaren Zäunen in Südafrika (Sun City) Ägypten und auf einem Kreuzfahrtschiff. Passend dazu wird im Dossier gezeigt, wohin all diejenigen gehen, die keinen Zugang zu den Ferienparadiesen haben bzw. nicht davon profitieren. Gestrandet in Europa zeigt die absurden und gefährlichen Ãœberfahrten afrikanischer Flüchtlinge nach Teneriffa – ins sichere Europa.

Zusätzlich bietet die Zeit noch etwas zum Thema Kartierung, Ãœberwachung und Konsum an…. Deutschland privat

Adressenhändler und Unternehmen sammeln Daten über jeden von uns und verknüpfen diese jetzt mit digitalen Landkarten. Das lässt unsinnige und gefährliche Schlüsse zu.

Karten, das kann man schon anhand der präsentierten Beispiele sehen, geben nicht nur Auskunft über unsere Umwelt, sondern auch über die Produzenten der Karten… mehr dazu ein anderes Mal. Nur noch dies: Der Spiegel hatte in der letzten Woche einen Artikel zum Web 2.0… zum neuen Hype und warum dieses Mal alles klar geht mit der neuen Welt und vor allem mit dem Erfolg und dem Geld… nur dass sie die Frage nach dem “Wie machen wir Geld damit?” nicht beantworten konnten, und auch keiner der Akteure, wundert mich…. Daten Daten Daten. Soviel haben wir alle noch nie freiwillig und für die Ewigkeit von uns preisgegeben. Karten lassen sich im übrigen auch prima daraus erstellen. In typischer Spiegel-Manier sehen die Autoren schon wieder ein neues Zeitalter herbeiziehen… und übersehen die Kontroll- und Marketingaspekte und deren Gefahren voll und ganz…

Beginnt eine eine neue Ära des Internet, im Szenejargon Web 2.0 genannt? In diesem neuen Web-Zeitalter spielen die Nutzer, die User, die Hauptrolle: Aus passiven Konsumenten werden höchst aktive Produzenten. Millionen Leser, Radiohörer und Zuschauer schaffen die Inhalte für sich und ihresgleichen selbst.

Die Erde unter Beobachtung

Die Zeit (13. Juli) enthält einen interessanten Artikel zur Lage und Bedeutung der Satellitenüberwachung unserer Erde. Was unter dem Aspekt des Naturschutzes und der Vorhersage von Naturkatastrophen noch eindrucksvoll klingt, sollte bei anderen Anwendungen bereits die Warnglocken klingen lassen. Von den finanziellen Aspekten der Nutzung und des Zugangs einmal ganz abgesehen. Geoss ist ein Riesenprojekt, welches auch unter Überwachungsaspekten genauer angeschaut werden sollte.

Zwar hätten alle EU-Bürger ein gesetzlich verbrieftes Recht auf freien Zugang zu den gesammelten Umweltinformationen, an manchen Stellen sei trotzdem Geheimhaltung gefragt. So wird die Beobachtung von Ölspuren hinter Tankschiffen zunächst an die zuständigen Behörden weitergegeben, damit sie die ertappten Umweltsünder noch auf hoher See stellen können. Auch die aus dem All entdeckten Pfade von Menschen- und Drogenschmugglern bekommt nur die Polizei zu sehen.

Auch viele arme Länder in Afrika und Asien zögern noch. Sie können sich den Aufbau der technischen Infrastruktur für die Weitergabe ihrer eigenen Daten kaum leisten. Für die Nutzung dessen, was andere über sie sammeln, fehlen die Fachleute. Und sie fragen sich, ob das Buschfeuer im guineischen Hinterland oder das dräuende Unwetter auf den Kapverden etwas ist, was zuerst Europa und die USA angeht. Schließlich bedeutet solches Wissen Macht – und Geld. Wer in der globalisierten Welt als Erster von einer drohenden Missernte der Kakaobauern in der Elfenbeinküste erfährt, macht an der Warenterminbörse den größten Profit.