Autor: Nils Zurawski

Dr. habil. Nils Zurawski, ist Soziologe und Ethnologe und Initiator des Forschungs-Netzwerkes Surveillance-Studies. Er arbeitet als Wissenschaftler am Institut für kriminologische Sozialforschung an der Universität Hamburg sowie als freier Mediator/Moderator/Konfliktberater. Hier gibt es mehr Informationen zu seiner Arbeit: https://www.surveillance-studies.org/zurawski

Zwei neue Bücher zu Überwachung

Hier eine kleine Vorschau auf zwei Bücher zum Thema Überwachungstechnologien, die im September bzw. Dezember erscheinen sollen.

1. Rosol, Christoph
RFID. Vom Ursprung einer (all)gegenwärtigen Kulturtechnologie
Kulturverlag Kadmos, erscheint voraussichtlich im September 2007 (Titel kann vorbestellt werden) – ISBN: 978-3-86599-041-9

2.Sandro Gaycken, Constanze Kurz (Hg.)
1984.exe – Gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien, transcript.
erscheint im Dezember 2007 – ISBN: 978-3-89942-766-0

Sofsky und die Privatsphäre

Wolfgang Sofsky, Soziologe und seit einigen Jahren schon ein zumindest interessanter Denker, hat sich seit einiger Zeit auch zum Thema Überwachung und Kontrolle geäußert. Zuletzt am Sonntag in der FAS mit dem Essay „Im Innern der Zitadelle ist alles erlaubt. Moralprediger, Toleranzprüfer, Steuereintreiber: Sie alle greifen die Privatsphäre an. Dabei ist sie der Hort der Freiheit.“

Es sind alllemal interessante Gedanken und Perspektiven, mit denen er dass Thema Privatsphäre anpackt und so als Denker auch für die Surveillance Studies wichtig wird. Allein dass er Privatheit als solche wie eine Festung betrachtet, die es zu schützen gilt, ist zumindest in der Wortwahl eine andere Wendung und Sichtweise davon.

Wie jede Freiheit ist Privatheit zuerst negativ. Die Mauern sind Bollwerke gegen äußere Eindringlinge und innere Verräter. Sie werden verteidigt, indem man seine Geheimnisse wahrt, fremder Einmischung Schranken setzt, ein Glacis sozialer Distanz planiert. Der Privatier legt Wert auf Abstand. Weil Menschen jederzeit verletzbar sind, können sie einander stets gefährlich werden. In der physischen Konstitution des Homo sapiens findet Privatheit ihren letzten Grund.

Ist Paranoia also gut – und wenn ja, welche? Privatshäre bzw. ihre Verteidigung kann also durchaus verschiedene Gründe haben – ein Geheimnis bewahren, eine Verschwörung planen, seine Integrität schützen oder einfach nur in Ruhe gelassen werden. Es geht immer um das Private auf der einen und immer häufiger den Staat auf der anderen (und andere Akteure, die an unsere Daten und unsere Gedanken wollen).
Es kommt wenig aus deutschen Landen zu dem Thema auf den Tisch, dass nicht mit Datenschutz oder Recht zu tun hat, Sofsky liefert bestimmt eine andere Perspektive, die theoretisch neues Futter bietet.

Buch: Wolfgang Sofsky: Verteidigung des Privaten. Eine Streitschrift. 2007.

Kontrolle der Wissenschaften

Der Fall des Berliner Stadtsoziologen Andreij H. sowie zwei weiterer Personen ist nicht neu. Jetzt hat die Zeit ein Interview mit Hartmus Häußermann und den Hintergründen der offensichtlichen Justiz-Farce. Unterstützung kann auf der Webseite freeandreij bekundet werden – dort steht auch der offene Brief der Wissenschaftler zu dem Fall. Außerdem erhebt die Anwältin des Beschuldigten schwere Vorwürfe gegen die Bundesanwaltschaft.
Nach dem fehlgeschlagenen Versuch dei Journallie einzuschüchtern, sind nun die Wissenschaftler an der Reihe – was immer an dem Fall dran ist oder wohl eher nicht – eine Unschuldsvermutung scheint unter den gegenwärtigen Sicherheitsdiskursen nicht zu gelten. Und ob Sympathiebekundungen oder einfach nur der Umstand, darauf aufmerksam zu machen, bereits für einen weiteren Verdacht reichen, wird sich in Zukunft zeigen.

Das Kritiker diverser Überwachungsmaßnahmen offen und durch die Blume von Politikern und anderen Wortführern bereits in der Vergangenheit mehrfach als Terrorsympathisanten bezeichnet wurden ist nicht neu, aber immer noch infam und obszön. Irgendwas scheint sie ja doch zu stören, auch wenn sie ansonsten die meiste wissenschaftliche Kritik eher ignorieren oder lächerlich machen. Jetzt aber wurde ein Schritt zu weit gegangen. Ich hoffe sie verlieren wie im Falle der Journalisten ebenso deutlich und der Richter macht sich schlau, welche Fremdworte so üblich sind in der Wissenschaft (Anarchie wäre wahrscheinlich auch so ein Reizwort) schaun mer mal wie der KaiserFranz sagt, wer oder was so als nächstes dem Sicherheitswahn und der paranoiden Angst der Ermittlungsbehörden zum Opfer fallen wird.

China rüstet auf

China baut das technisch avancierteste Überwachungssystem auf titelt der Heise Newticker.

In der 12,4 Millionen Metropole Shenzen und Umgebung soll noch in diesem Monat damit begonnen werden, mindestens 20.000 Überwachungskameras mit Gesichts- und Verhaltenserkennung zu installieren. Automatisch sollen so Verdächtige und verdächtiges Verhalten erkannt werden. Die Polizei soll über das System auch Zugriff auf bereits vorhandene private und staatliche Überwachungskameras erhalten, von denen es um die 180.000 geben soll.

Und dazu noch ein paar Chips und Ausweise – China macht ernst und setzt letztlich nur konsequent um, was eine Diktatur so alles kann. Nimmt man noch die Diskussion um Doping und die Überwachung der Journalisten und Kontrolleure können wir uns alle auf Super-Spiele im nächsten Jahr freuen.

Videoüberwachung wird abgebaut!!!

Selten, aber es passiert wohl doch: Kameras zur Videoüberwachung werden abgebaut oder zumindest abgeschaltet – so offenbar geschehen in Brandenburg. Dazu gibt es auch einen ausführlichen Artikel in der Märkischen Oderzeitung.

Nun, fünf Jahre später, hat das Ministerium entschieden, die Videoüberwachung zu beenden. Ausschlaggebend war die Einschätzung der Gefahrenlage durch den Schutzbereich Barnim. „Die Kriminalität ist im Bereich des Bahnhofs eindeutig zurückgegangen“, sagt Hans-Jürgen Willuda, Leiter des Schutzbereichs Barnim. „Der Vorplatz ist kein Kriminalitätsschwerpunkt mehr.“ (…..)
Wurden vor drei Jahren am Vorplatz noch 131 Straftaten registriert, waren es im vorigen Jahr 71, darunter jedoch keine besonders schwere Straftat, wie der Polizeidirektor betont. Bei rund der Hälfte der Delikte handelte es sich um Fahrraddiebstähle. Wie das Innenministerium sieht auch der Leiter des Schutzbereichs die Videoüberwachung als Erfolg. (…..) Eine Verdrängung von Straftaten auf andere Bereiche habe aber trotzdem nicht stattgefunden, so Willuda. „Die Zahlen sind dort nicht gestiegen.“
Der Rückgang der Straftaten rund um den Bahnhof sei jedoch nicht nur auf die Kameras zurückzuführen, sondern auf die gesamte Polizeiarbeit, sagt der Polizeidirektor.
Die Kameras sollen vor allem präventiv wirken und abschrecken.

Sollten die Kameras tatsächlich den gewünschten Effekt gebracht haben..?! Warum dann jetzt abbauen – dann müssten doch in Zukunft die Raddiebstähle wieder steigen – wobei Fahrraddiebstahl ein sehr eindeutiges Vergehen ist, bei dem Kameras vielleicht tatsächlich minidernd wirken können – bleibt die Frage, tut es Not, dafür Kameras aufzustellen und warum nun doch nicht dauerhaft? Mehr Fragen als Antworten nehme ich an.

Bürger wollen Videoüberwachung – ?!?

Die Presse aus Österreich schreibt in einem Artikel, dass eine Studie aus Hamburg zu dem Schluss gekommen ist, dass 68% der Bürger Videoüberwachung wünschen. Da ich keine andere Studie mit ähnlichen Zahlen aus Hamburg kenne, vermute ich, dass es unsere eigene ist.

Nun hat der Kollege, der in dem Artikel zitiert wird, die Studie nicht richtig gelesen oder wurde falsch wiedergegeben. Richtig ist, dass 67 % unserer Befragten Videoüberwachhung gut finden (30% allerdings nur uneingeschränkt gut), aber die Einschränkungen, die wir machen und die Bedeutung dieser Aussagen für den spezifischhen Ort der Erhebung sowie alle anderen Probleme, die sich aus solchen Äußerungen ergeben, lassen er oder die Zeitung unter den Tisch fallen. Selbst wenn die Bürger die Kameras begrüßen, erhöht das noch nicht ihre Sicherheit. Der Widerspruch ist elementar in der Untersuchung und wohl generell im Verhalten und in den Einstellungen der Leute zu Videoüberwachung und Sicherheit.

Statistiken bringen nichts als Verdruss… ich wusste es vorher… ;-)

CCTV: Frankreich eifert England nach

Das ist durchaus mal was Neues – Die Franzosen sind neidisch auf die Engländer und wollen auch so einen tollen überwachten Staat haben wie die, vor allem mit den vielen tollen Kameras. Das kann nur an Zar Cosy liegen, der da jetzt mal so richtig aufräumt und Frankreich fit für die Zukunft macht. Hauptsache ihm fliegen in nächster Zeit nicht wieder Banlieues um die Ohren… aber dann kann er ja ganz toll seine Kameras einsetzen…

Kartographien der Macht

Sind zwar schon ein wenig älter, aber dennoch zeitlos gut – ein paar Blogeinträge von Rainer Rilling zum Thema Kartographie und Macht. In fünf Einträgen skizziert er die Bedeutung von alten und neuen Karten von Mercator bis worldmapper.org.

Dabei widmet er die Einträge den Aspekten Mapping, Staat, Wirtschaft und Countermapping. Der fünfte Eintrag gibt dann einen kleinen Überblick über ein bisschen Literatur. Und da Kartographie ein wesentlicher Bestandteil von Überwachung ist oder auch ihr notwendiger Gegenpart, sind diese Einträge hier ganz interessant und ein guter Beitrag für die Forschung von Überwachung und Kontrolle.

Als Aufsatz gibt es das ganze auch noch. Kartographien der Macht von Rainer Rilling