Autor: Dietmar Kammerer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Insitut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Veröffentlichungen: "Bilder der Überwachung", Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.

Überwachung auf allen Kanälen

Deutschland im Jahr 2017: Zu den allgegenwärtigen Videoüberwachungskameras sind Nackt- und schließlich sogar „Brainscanner“ hinzugekommen. Der Staat sieht und weiß alles. Eine militante Gruppe wehrt sich dagegen. Leute geraten zwischen die Fronten.

Zum Glück: Alles nur Science-Fiction. Ab morgen startet auf SWR „Alpha 0.7  -Der Feind in dir“. Keine Serie, sondern ein „transmediales Medienprojekt“, das via Fernsehen, Radio und Internet erzählt wird, in einer Art „Alternate Reality Game“.

Der Sender hat dermaßen viele Informationen, Clips und Interviews zum Projekt auf seine Seiten gestellt, dass ein Überblick schwierig ist, aber mein erster Eindruck: Komplexe Verpackung für simplen Inhalt. Doch wer weiß. Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender dermaßen auf das Thema setzt, ist erst mal kein schlechtes Zeichen. Ob die Serie, pardon: „das Universum“, dem Thema gerecht wird, wird man abwarten müssen.

Update: Surveillance Society Report

Zum Bericht, den das Surveillance Studies Network (SSN) 2006 für den britischen Information commissioner verfasst hat, gibt es nun ein Update: Information Commissioner’s report to Parliament on the state of surveillance. Wenig überraschend: Überwachungsmaßnahmen haben seit 2006 in Qualität, Ausmaß und Reichweite massiv zugenommen. Interessanterweise kommt der Bericht auch zu dem Schluss, dass die Diskussion sich selbst im Weg steht:

The report notes that since 2006 visual, covert, database and other forms of surveillance have proceeded apace and that it has been a challenge for regulators who often have limited powers at their disposal, to keep up. […]  The report observes that the quality of debate surrounding developments is hampering proper consideration. Anticipating and controlling new developments is a constant challenge.

Kommentare vom Guardian und von David Wood.

Call for Paper: Privacy and Accountability 2011

Call for Papers der Tagung Privacy and Accountability 2011: International Conference of the PATS Project, April 5-6, 2011, Technische Universität Berlin.

A universal feature of modern public life is the invasion of privacy that occurs every day and in a variety of forms. Invasive surveillance activities are carried out in the name of preventing terrorism and stopping fraud. Crime control has become synonymous with surveillance technologies, information technologies, and databases. The boundaries of public and private life have become blurred, and privacy has become compromised in the name of protecting the public.

At the same time, users of social networks and Web 2.0 services have begun to voluntarily give away their information – supposedly to other users, but eventually to companies and whoever is interested in the data freely available on the Web. Google’s and Facebook’s power are being discussed more and more in the media, opening up a discourse about companies’ and citizens’ handling of information. Accountability seems to be situated in ever more loci: states, cities, companies, citizens and users, and technology.

Apple erfindet das Spy Phone

Apple hat ein Patent angemeldet, das iPhone-Besitzer vor dem Diebstahl ihres Lieblingsgerätes schützen soll. Der Vorteil: Der Besitzer muss das Fehlen weder bemerken noch melden. Das Gerät selbst findet heraus, ob es gestohlen wurde. Der Nachteil: Der Benutzer wird rundum ausspioniert. SPIEGEL ONLINE hat das Wichtigste dazu aufgeschrieben. Entscheidend scheint mir diese Beobachtung zum Verhältnis von Technik & Mensch:

Das Gerät soll selbständig entscheiden, wann sich ein Nutzer verdächtig macht und es an der Zeit ist, seine Eingaben und sein Umfeld heimlich zu protokollieren, sein Gesicht zu fotografieren, seine Stimme zu analysieren. Die Logik ist modernen IT-Schutzprogrammen entlehnt, die Schadcodes auf Computern nicht mehr nur anhand von Signaturen entdecken wollen, sondern anhand ungewöhnlichen Verhaltens: Abweichendes Verhalten führt also dazu, dass der Nutzer quasi wie ein Virus behandelt wird.

Britische Polizei manipuliert Videobeweise

Für die Londoner Polizei sieht die Gewalt auf Demonstrationen immer nur von den anderen aus, niemals von sich selbst, berichtet der Guardian. Prügelnde Polizisten auf Video sind (von der Polizei selbst) „nicht identifizierbar“, während Flaschen werfende oder anders auffällige Demonstranten, in monatelangen Sichtungen, ausnahmslos verfolgt werden. Sollte ein Demonstrant versuchen, sich und andere vor Polizeigewalt zu schützen, wird er selbst als Täter hingestellt – mit unlauteren Mitteln.

Demonstrator Jake Smith was charged with two counts of violent disorder. These charges were later dropped when Smith’s solicitor, Matt Foot, viewed the original CCTV footage and discovered that the police video had been edited to show events out of sequence, at one point implying another man was Smith while omitting footage showing Smith being assaulted by a police officer without provocation.

Kameras: Wildwuchs, Diskurs: Stillstand

SPIEGEL Online hat einen Artikel über Videoüberwachung in Berlin: Kameras außer Kontrolle. Viele Neues steht nicht drin: Keine „Kriminalschwerpunkte“ im Berliner ASOG, Zahl der Kameras seit Jahren steigend, keine zentrale Meldepflicht, die meisten Kameras ohne Hinweise, viele Kamerasignale unverschlüsselt, also „anzapfbar“, kaum präventive oder repressive Wirkung des Einsatzes, keine Evaluationen, die Politik gibt sich dennoch überzeugt, usw.

Am Ende steht: „Kameras sind kein Allheilmittel.“ Den Satz hat man schon zu oft gehört, als dass er noch sinnvoll wäre. Die Technik entwickelt sich weiter, die Kameras breiten sich aus, aber der Diskurs darüber scheint stehen zu bleiben – man sagt oder schreibt halt, was man immer sagt oder schreibt. Warum ist das so?

Schlimmer noch: Zugleich setzt der SPIEGEL einen Link von einem scheinbar „kritischen“ Artikel auf einen Hintergrundartikel eines Vertreters des thüringischen Innenministeriums, der munter Klischees und Mythen weiter verbeiten darf, u.a den so beliebten wie falschen Zusammenhang zwischen „Kriminalität“, „Vandalismus“, „sozialen Randgruppen“, der „Verwahrlosung öffentlicher Orte“ und dem berühmten „Sicherheitsgefühl der Bevölkerung“. Oder, dass  ausgerechnet die Pilotprojekte in Brandenburg als Beweis für die Nützlichkeit von Überwachung gelten dürfen, dabei wurde sie teilweise sogar wgene Erfolgslosigkeit wieder eingestellt. Oder dass sich mit Hilfe von Videoaufzeichnungen „rasch Geschehensabläufe rekonstruieren und Tatverdächtige identifizieren“ lassen usw., bla bla bla…

Update: SPIEGEL Online legt mit einem (ähnlich lieblos recherchierten) Artikel über CCTV in London nach: Big Brother sieht sich satt.

Update (2): Nun auch ein Artikel über New York. Der Autor behauptet, der so genannte „Ring of Steel“ in London, „ein Hightech-Kordon“, bestünde „aus schätzungsweise einer Million Kameras“, eine viel – gigantisch – zu hoch gegriffene Übertreibung/Schätzung. Die genaue Zahl der Kameras, die dem „Stahlring“ zugerechnet werden können (und diese Zurechnung ist an sich schon ein Problem; der „Ring of Steel“ ist kein einheitliches CCTV-System, sondern eine martialisch-blumige Umschreibung für eine Kombination verschiedener,auch baulicher Maßnahmen in der City of London,  ANPR-Kameras machen nur einen Teil davon aus) liegt wohl eher zweischen ein- und dreitausend; vgl. Jon Coaffees exzellent recherchierten Aufsatz.

Ausstellung: Reality TV

Leider schon vorbei: Die Ausstellung „Reality TV“, 24. Feb bis 27. März im Royal Exchange Theatre in Manchester. Gezeigt wurden Fotografien von David Dunnico.

When no one was looking, we became the most watched country on Earth. Reality TV is about CCTV in Britain.  David Dunnico has documented these ‚hoodies‘ of the ’surveillance society‘ including the organisations who operate it, companies who sell it and people who oppose it.  The exhibition mixes strong graphic, urban images with humour and reaches a surprising conclusion that Big Brother probably isn’t watching you – but your supermarket definitely is.

Reality TV: CCTV photographed by David Dunnico from David Dunnico on Vimeo.

Google WiFi View

Google Street View beschränkt sich nicht auf die Erfassung des sichtbaren Teils des Wellenspektrums. Wie jetzt bekannt wurde, scannen die Fahrzeuge mit dem sichtbaren Kameraturm unterwegs  die Straßen auch nach WLAN-Netzen ab.

Damit erhärtet sich der Verdacht, dass die Fahrten für Google Street View in den letzten Jahren nicht nur zur Aufnahme von Straßenansichten, sondern auch zur flächendeckenden Erhebung und Speicherung gerade auch der von privaten Haushalten betriebenen WLAN-Netze genutzt wurden. Nach gegenwärtigen Erkenntnissen ist davon auszugehen, dass neben der örtlichen Erfassung, dem Verschlüsselungsstatus der Geräte, der weltweit eindeutigen MAC-Adresse auch der vom Betreiber vergebene Name (sogenannte SSID) gespeichert wurde.

(via datenschutz.de)

Update: W-Lan-Kartografierung wird, wie auch einer unserer Blog-Leser richtig kommentiert, nicht nur von Google unternommen, wie Spiegel Online ausführlich erläutert.