Kategorie: Forschung/Theorie

Noch ein EU Projekt zu Datenschutz und Überwachung

Manchmal scheint es, als wäre Forschung zu Überwachung nur noch durch die anwendungsbezogenen Programme des BMBF und der EU möglich. Das wäre in der Tat schade und kontraproduktiv – wenn es sich denn darauf beschränken würde. Hier ist ein weiteres interessanes Projekt, welches gerade gestartet wurde: SAPIENT.

„If ‚collective security‘ demands the surveillance of all movements and all telecommunications and collecting the fingerprints and DNA of everyone living in the EU, there can be no individual freedom, except that sanctioned by the state,“ says Michael Friedewald, head of the ICT research unit at the Fraunhofer Institute for Systems and Innovation Research (ISI) and co-ordinator of the project. „EU policy should not foster the gradual move towards a surveillance society. We recommend that before public or private sector organisations adopt any new surveillance system, they should perform a technology and privacy impact assessment of the proposed  system.“

Mehr Infos findet man sicherlich auf den Seiten des Fraunhofer ISI Instituts.

Ob dieses Projekt tatsächlich dazu führt über Technologien anders nachzudenken, bleibt abzuwarten. Ohne den politischen Willen zur Implementierung solcher Verfahren in Gesetze, bleibt alles wirkungslos. Was tatsächlich fehlt ist mehr grundlegende Forschung zu Fragen von Überwachung und Kontrolle in unseren Gesellschaften, zum Umgang mit Technik, zur Ideologie der ewige Un/Sicherheit sowie zum Zweck und den oft auch nicht erklärten Zielen politischer Maßnahmen, jenseits von Datenschutz und Privatsphäre. Denn die Surveillance Studies, wenn wir denn davon reden wollen, haben mehr zu bieten als darauf zugespitzte Fragen.

Der Blick von oben

Der britischen Geographen Martin Dodge und Chris Perkinns haben eine thematische Ausgabe der Zeitschrift Geoforum zum Thema Satellitenbilder und ihre kulturellen und sozialen Konsequenzen herausgegeben. Das zwar bereits 2009, aber dennoch ist es immer noch hoch aktuell, auch und gerade für das Thema Überwachung und Kontrolle.

The ‘view from nowhere’? Spatial politics and cultural significance of high-resolution satellite imagery

Leider sind die Artikel elektronisch nicht frei zugänglich – zumindest nicht in Hamburg – dort gibt es sie in print. Wer Interesse hat, der kann mir auch eine Mail schicken.

Neue Ausgabe von Surveillance & Society

Surveillance & Society 8(4): Open Issue
Featuring a special debate section, with Colin Bennett, Pris Regan, John Gilliom, danah boyd and Felix Stalder discussing Bennet’s essay, In Defence of Privacy.

Articles

  • The Politics of Transparency and Surveillance in Post-Reunification Germany – Stefan Sperling
  • Surveillant staring: Race and the everyday surveillance of South Asian women after 9/11 – Rachel L Finn
  • Surveillance Cinema: Narrative between Technology and Politics – Catherine Zimmer
  • Digital Panopticism and organizational power – Jesper Taekke
  • A Conceptual Legal Framework for privacy, accountability and transparency in visual surveillance systems – Nick Taylor
  • Public-Private Partners Against Crime: Governance, Surveillance and the Limits of Corporate Accountability  – Karin Svedberg Helgesson

Coming Soon in June/July, our special issues on ‚A Global Surveillance Society?‘

Neues Buch: Security Games

Gerade ist das Buch Security Games. Surveillance and Control at Mega-Events erschienen – Herausgeber:  Colin Bennett, Kevin Haggerty.

Security Games: Surveillance and Control at Mega-Events addresses the impact of mega-events – such as the Olympic Games and the World Cup – on wider practices of security and surveillance. „Mega-Events“ pose peculiar and extensive security challenges. The overwhelming imperative is that „nothing should go wrong.“ There are, however, an almost infinite number of things that can „go wrong“; producing the perceived need for pre-emptive risk assessments, and an expanding range of security measures, including extensive forms and levels of surveillance.

Ein bestimmt lohnenswertes Buch zu einem wichtigen Thema angesichts der kommenden olympischen Spiel in London 2012 und der Fußball WM 2014 in Brasilien.

Konferenz und Projekt zu Film und Überwachung

Hier gibt es einen sehr interessanten call for papers für eine noch interessantere Konferenz – zumindest was das Thema und die Ankündigung angeht:

Gesponsort von  The Film Studies Space: The Centre for the Cultural History of the Moving Image, gibt es an der UCL (University College London) diesem Herbst vom 29 September – 1 October 2011 eine Konferenz zum Thema Film und Überwachung – und anderen verwandten Kunst-orientierten Themen.

Einsendeschluss für ein einseitiges Abstract und einer  20-minütige Presentation und ein kurzer Lebenslauf sollten bis  15. Juni an  Lee Grieveson, Rebecca Harrison, Jann Matlock, and Simon Rothon geschickt werden:  deadobjects@gmail.com

Mehr Infos gibt es hier:  http://www.autopsiesgroup.comhttp://www.autopsiesgroup.com/the-work-of-film.html and http://twitter.com/autopsiesgroup

Wie wir vom Kopf auf den Charakter schließen…

Die VW-Stiftung fördert ein sehr interessantes Projekt – SchädelBasisWissen (Hamburger Abendblatt vom 2.4.2011). Das Projekt hat im historischen Sinn durchaus etwas mit dem Thema des Blogs zu tun – denn es setzt sich kritisch mit den Vorstellungen physischer Eigenschaften im Hinblick auf die Bewertung von Menschen auseinander – im O-Ton der Ankündigung auf den Seiten der VW-Stiftung:

Welche kulturellen, medizinhistorischen und wissenschaftlichen Einflüsse haben unsere Vorstellung vom „wohlgeformten“ Schädel geprägt? Worin liegen die impliziten Verknüpfungen zwischen der Schädelform und den persönlichen Charaktereigenschaften eines Menschen begründet?

In Zusammenarbeit mit Medizinethnologen und Kunsthistorikern arbeiten Prof. Dr. Dr. h.c. Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, und der Neurochirurg PD Dr. Ernst-Johannes Haberl, Charité – Universitätsmedizin Berlin, am Beispiel der Schädelkorrektur bei Kleinkindern das historisch verankerte Wissen auf, das in unseren Vorstellungen über ein angenehmes Erscheinungsbild fortwirkt, ohne jedoch in der medizinischen Praxis reflektiert zu werden.

Ich konnte noch keine Projekt-Webseite finden – aber das kommt bestimmt auch noch. Für alle, die sich für Körpervermessung, Rassenklassifizierung usw. interessieren, dürfte das Projekt neue Erkenntnisse bringen. Was genau dabei rauskommt sollten wir uns dann mal genauer anschauen. Den Ansatz finde ich auf jeden Fall erst einmal interessant und wichtig.

Neues Buch zu Überwachungspraxen

Bei Budrich UniPress ist jetzt der Sammelband „Überwachungspraxen – Praktiken der Überwachung“ erschienen. Der Klappentext sagt worum es geht:

Überwachung ist nicht einfach da, sondern passiert – durch eine Vielzahl von Tätigkeiten und Handlungen wird sie als soziale Tatsache erst hergestellt. Überwachung bringt Menschen über Technologien oder durch Gesetze und Vorschriften vermittelt in Berührung und stellt soziale Beziehungen her. Kurz: Es wird gehandelt und Praxen bilden sich heraus.

Die Beiträge gehen dieser Fragestellung auf den Grund – anhand ganz verschiedener Beispiele und Perspektiven.

U.a. mit dabei sind Dietmar Kammerer und Peter Ullrich, die auch hier im Blog mitschreiben.

Löschanträge wirken

Netzsperren sind das Mittel der Wahl bei Kinderpornographie? Sieht wohl nicht so aus:

– Im Januar hat das BKA aufgrund von gemeldeten Websites mit Kinderpornografie insgesamt 143 Seiten Mitteilungen ins Ausland versandt. 81 Prozent der Seiten lagen bei Providern in drei Staaten (33 Prozent USA, 33 Prozent Russland, 15 Prozent in Kanada).
– Eine Woche nach Versand der ersten Mitteilung hatten die Provider 68 Prozent der beanstandeten Seiten gelöscht, nach zwei Wochen waren 93 Prozent der Seiten gelöscht.
– Nach vier Wochen und zwei weiteren Mahnungen waren 140 der im Januar gemeldeten 143 Seiten gelöscht.

(Quelle: SpOn; mit eigenen Hervorhebungen)