Kategorie: Forschung/Theorie

Überwachung schränkt Meinungsfreiheit ein?

Die Washington Post hat vor zwei Tagen einen Artikel publiziert, der nahelegt, dass die Massenüberwachung tatsächlich auf die Meinungsfreiheit von Individuen einwirkt. Mass surveillance silences minority opinions, according to study.

Hintergrund ist die Studie von Elizabeth Stoycheff: Under Surveillance: Examining Facebook’s Spiral of Silence Effects in the Wake of NSA Internet Monitoring, in Journalism & Mass Communication Quarterly 1–16. Diese wiederum erinnert an eine Studie des PEN von 2013: ‘Chilling Effects: NSA Surveillance Drives Writers to Self-Censor’. Auf den Aufsatz im JMCQ verweist auch ein Artikel des Tor-Projektes – er wird also als Beweis genommen, was er so nicht ist…

Nun klingt das zunächst sehr plausibel, aber es ist die einzige Studie dieser Art und sie wirft eigenlich mehr Fragen auf, als das sie beantwortet. Auf der Surveillance-L (thread: Surveillance and the chilling effect) hat David Murakami Wood dazu eine Debatte angestoßen, die hoffentlich weitergeht. Es gibt gute Gründe, die Ergebnisse der Studie zu diskutieren und nicht einfach als einen Beweis nehmen, der uns allen wohl passen würde, aber der so einfach, meiner Meinung nach, nicht zu führen ist, auch weil einige Argumente dabei nicht logisch sind. Schaut selbst.

Typologie der Privatsphäre

6 Autoren von der Tilburg University, Tilburg Institute for Law, Technology, and Society, haben eine Typologie der Privatsphäre erstellt (ich übersetze mal, auch wenn ich weiß, dass privacy mit Privatsphäre nur halb übersetzt ist). Es könnte sehr juristisch werden, ist aber bestimmt einen Blick wert.

A Typology of Privacy, (Preprint version, to be published in University of Pennsylvania Journal of International Law, Vol. 38 (2016)

Report: State of Surveillance

© Privacy InternationalPrivacy International hat  die Ergebnisse seiner globalen Studie zu Überwachung und Privacy veröffentlicht. Ja, das liest sich oft schwierig und langatmig, wie solche Reports halt so sind, aber die Infos sind wichtig, für Forscher und für Aktivisten, aber wohl auch für Journalisten. Die zu Anfang veröffentlichten Briefings sind keine Überraschung, aber schon mal ein Hinweis, was noch zu erwarten ist.

The State of Surveillance is a Privacy International-led baseline study of privacy and surveillance issues globally. It was launched in March 2016 with 13 country briefings, which are updated twice annually.

Update: Konf. Surveillance – Society – Culture

In der kommenden Woche findet vom 26.-28. Februar an der Georg-August-Universität in Göttingen die internationale Konferenz Surveillance – Society – Culture statt.

Das endggültige Tagungsprogramm, sowie alle weiteren Informationen sind auf der Tagungswebseite (https://surveillanceconference2016.wordpress.com) zu finden.

Anmeldungen sind unter der folgenden Adresse möglich: ssc2016@uni-goettingen.de

Es wird sicher interessant und wir freuen uns auf zahlreiche Besucher…

Data & Agency

Data & Agency, Special issue von Big Data & Society

This special theme explores the location of agency in the massive flows of data circulating between devices, institutions, industries and users. Because Big Data facilitates new regimes of governance, control and discrimination, the special theme creates a space to reflect on alternative forms of Big Data, forms which enable small-scale public organisations and community groups to act with agency in the face of the rising significance of data.

Mehr Infos im dazugehörigen Blog.

Das digitale Manifest….

…nun ja, weniger geht manchmal halt nicht, da muss es schon ein Manifest sein. Unter dem Titel Digitale Demokratie statt Datendiktatur fordern 9 Kollegen ein neues Umgehen mit der Digitalisierung und ihren Gefahren. Das ist löblich, aber auch spät und erscheint mir doch eher die Diskussion, die auch hier im Blog abgebildet wird – und bei allen, die sich mit dem Thema schon länger beschäftigen – zusammenzufassen, denn neu anzustoßen. Das Bild, dass von der Gesellschaft im Zeichen der Digitalisierung gezeichnet wird, ist doch sehr technizistisch.

Das veranlasst auch Ulf von Rauchhaupt dieses Manifest kritisch zu kommentieren – sein lesenswerter Artikel ist in der FAS vom 3.1.2016 erschienen in der Rubrik Soziale System (leider nicht online).

Das Manifest ist einen Blick wert, aber für alle, die sich mit dem Thema schon länger beschäftigen, bleibt es doch hinter den Diskussionen, wie wir sie führen zurück.

Konferenz: Surveillance | Society | Culture

An der Georg-August-Universität Göttingen wird vom 26. bis zum 28. Februar 2016 eine Konferenz mit dem Titel “Surveillance | Society | Culture” stattfinden, die sich mit der mit der Frage auseinandersetzt, wie sich Literatur, Kunst und andere Formen kultureller Produktion nutzbar machen lassen, um die Komplexität unserer gegenwärtigen und allumfassenden Überwachungskultur fassbar, analysierbar und damit schlussendlich auch kritisierbar zu machen.

Die Homepage der Konferenz inklusive des Programms und der Registrierungsadresse ist nun online: https://surveillanceconference2016.wordpress.com/

Panopticon, Terror, Big data – Überwachung all around!

Ein interessanter Text von Nicolas Weaver im lawfareblog mit dem Titel „The Limits of The Panopticon“ in der Rubrik Paris Attacks spielt mit dem Begriff des Panopticons angesichts der Forderungen nach mehr Überwachung – retrospekt und nach vorn gewandt. Insbesonder die Schlussfolgerung ist dabei nicht neu, aber dennoch immer wieder wichtig:

The electronic panopticon is attractive because it is often effective and inexpensive by design.  But Paris presents an opportunity to acknowledge its limitations and recognize that making it “stronger” will not actually make it more effective.

In diesem Zusammenhang ist auch David Lyons Text: Surveillance after Paris interessant. Überraschend, dass er eine Lanze für konventionelle Polizeiarbeit votiert – was könnte das in wenigen Jahren sein, Big Data?

In diesem Zusammenhang verweise ich gern mal wieder auf Rob Kitchin und sein Projekt „The Programmable City“ – hier mit einem kleinen Text zu den Möglichkeiten der Überwachung: No longer lost in the crowd? Seven ways people’s location and movement is being tracked.

Doping und social sorting

David Lyons Konzept von Überwachung als Maßnahme der sozialen Auslese (social sorting) ist in der Szene ja hinlänglich bekannt – in dem folgenden Artikel über Claudia Pechstein wird sehr schön deutlich, warum und wie auch Dopingkontrollen als Form dieser Auslese zu sehen sein können. Ein Argument, dass ich bereits letztes Jahr auf der ISA Tagung in Yokohama für meinen Vortrag dort genutzt habe. Ich finde die Aussage von Pechstein zum Verhältnis von Doping, Person und Risiko sehr interessant.

‘We are now no longer in class-or world-class athletes, but only in risk groups’, wrote Pechstein in a second Facebook post yesterday. ‘It’s really unbelievable!’ Pechstein wrote that as NADA is financed by the taxpayer, they need to put pressure on it to answer two important questions for athletes: who sets the risk group and on what basis, and how does an athlete ‘qualify’ to become part of a risk group. ‘The longer I am involved with it, the more sick and inept the entire system turns out to be’, writes Pechstein. aus: The Sports Integrity Initative, 1. Dec. 2015