Autor: Dietmar Kammerer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Insitut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Veröffentlichungen: "Bilder der Überwachung", Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.

Theater/Film/Gaming: Supernerds.tv

Es wird vom WDR als „Multimedia-Überwachungsspiel“ angekündigt, wird auf der Bühne, im Fernsehen sowie online ausgetragen und trägt einen seltsamen Namen: Projekt SUPERNERDS.

Versprochen wird ein

interaktiver Überwachungsabend, der Theater, Fernsehen, Radio und Internet verbindet.

Das ganze findet statt am/ab 28. Mai 2015 im Fernsehen (WDR), im Depot in Köln-Mühlheim und wohl auch im Internet.

Filmtipp: „Terrorgefahr!“ und Internetserie: „Do not track“

Arte zeigt am 24.3. die Doku-Reportage Terrorgefahr! Überwachung total? von Alexandre Valenti zu Überwachung, Big Data, Terrorbekämpfung und Whistleblowing:

Die Attentate in Frankreich haben die Debatte über die Überwachung der Bürger neu entfacht. Der Dokumentarfilm stellt sich den aktuellen Fragen. Reicht die bisherige Datenkontrolle aus? Wie kann sich der Bürger gegen komplette Durchleuchtung schützen? Wie profitieren globale Konzerne von den Daten der Verbraucher? Und: Kann ein Überwachungsstaat Terror verhindern?

Presseinfos zum Film hier. Trotz des reichlich reißerischen Titels sicher ein sehenswerter Beitrag! Wiederholungen am 30.3. (8:30 Uhr) sowie auf Arte+7.

Außerdem, und ebenfalls von Arte (sowie BR, NFB) produziert, startet ab 14. April die interaktive Internetserie Do Not Track! von Dokumentarfilmer Brett Gaylor.

Do Not Track ist eine personalisierte Web-Serie über das Geschäft mit unseren Daten. Wenn Sie sich bei uns registrieren, sagen wir Ihnen, was das Internet über Sie weiß.

In dieser Doku-Reihe zeigen wir Ihnen, wie Informationen über Sie gesammelt und genutzt werden. Alle zwei Wochen veröffentlichen wir eine personalisierte Folge und erklären darin, wie das Internet zu dem geworden ist, was es heute zunehmend ist: Ein Instrument der Überwachung, das aufzeichnet, was wir klicken, was wir schreiben, worüber wir uns unterhalten.

Auch hier gilt (wie immer), dass Medien gerne zu viel versprechen: Was „das Internet“ über mich weiß, weiß keine Web-Serie und nicht einmal „das Internet“ (was immer das sein soll) selbst. Aber sei’s drum, auch das ist ein Medientipp!

Drei Überwachungsfilm-Klassiker im Vergleich

Als „Überwachen“ noch bedeutete, sich hinter Büschen zu verstecken, um spazierenden Pärchen mit Mikrofonen und Fotoapparaten nachzustellen: „Blow Up“ (Michelangelo Antonioni 1966); „The Conversation“ (Francis Ford Coppola 1974) und „Blow Out“ (Brian de Palma 1981) sind drei Klassiker des Paranoia-Thrillers. Der Filmwissenschaftler Drew Morton hat alle drei Filme in einem sehenswerten Video-Essay zusammengebracht: CROSS-CUT.

Neuerscheinung: Fasse dich kurz!

Hinweis auf eine Neuerscheinung zur Telefonüberwachung durch das MfS:

Ilko-Sascha Kowalczuk, Arno Polzin (Hg.): Fasse Dich kurz! Der grenzüberschreitende Telefonverkehr der Opposition in den 1980er Jahren und das Ministerium für Staatssicherheit. Vandenhoek & Ruprecht 2014.

Das Buch konzentriert sich auf abgehörte Telefongespräche aus der Spätphase der DDR. Dabei stehen Oppositionelle in Ost-Berlin und ihre grenzüberschreitenden Aktivitäten im Mittelpunkt. Diese Quellen erlauben nicht nur eine präzise Rekonstruktion, wie Stasi und SED mit abgehörten Telefongesprächen konkret umgingen, welche Erkenntnisse sie daraus zogen und welche Rolle diese Mitschnitte für die operative und juristische Verfolgung der Abgehörten spielten. Sondern sie gestatten auch einen neuen Einblick in das Denken und die Aktivitäten von Oppositionellen in Ost-Berlin und ihren Gesprächspartnern im Westen in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre.

Informationen des Verlags hier.

Mehr Schulterkameras für hessische Polizei

Bereits seit einem Jahr erprobt die Polizei in Frankfurt/Main den Einsatz von Mini-Kameras, die an der Uniform befestigt sind. Mit ihrer Hilfe sollen Polizisten auf Streife insbesondere vor Übergriffen geschützt werden und ggf. Beweismaterial aufzeichnen können. Nun wird der Pilotversuch auf weitere Städte (Offenbach und Wiesbaden) ausgeweitet.

Berichterstattung auf hr-online, Süddeutsche Zeitung.

Diskussion: Counter/Surveillance. Leben als Big Data

Am 7. Mai moderiere ich das Panel Counter/Surveillance. Leben als Big Data:

Wenn der »Big Brother« von den »Big Data« ersetzt wurde und Überwachung kein Gesicht und keinen Ort mehr hat: Von wo aus kann gegen diese Kontrolle noch Widerspruch eingelegt werden?

mit Harun Farocki, Constanze Kurz, John Goetz.

Wann: 7. Mai 2014, ab 17:00
Wo: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Wieviel: Eintritt Frei

Gesichtserkennung vs. Pornographie

Der NSA/GCHQ-Skandal wird täglich interessanter. Der schönste Aspekt der jüngsten Enthüllung des Guardian (wonach der britische Geheimdienst offenbar weitgehend ungefiltert die Webcams von Yahoo-Kunden mitgeschnitten hat) ist, dass offenbar ein relevanter Anteil an Material darunter war (nach einer statistischen Schätzung des GCHQ: 7.1%), dass von den Spionen als „undesirable nudity“ eingestuft wurde. Um seine empfindsamen Angestellten vor dem Material zu schützen(!) und das System „safer to use“ zu machen, wurde offenbar eine Software zur automatisierten Gesichtserkennung eingesetzt. Da Gesichter bekanntermaßen nicht das Hauptmotiv von pornographischem Material darstellen, ist das wohl eine kluge Lösung. Allerdings arbeitete die Software wohl nicht perfekt, wie im Dokument eingestanden wird:

„there is no perfect ability to censor material which may be offensive. Users who may feel uncomfortable about such material are advised not to open them“.

Daraus lässt sich ein schöne Frage basteln: Wenn wir alle nackt herumrennen und Obszönitäten ins Telefon schreien, wären wir dann sicher vor Überwachung?

Die NSA: ein Dienstleistungsunternehmen

Die New York Times hat ein Dokument von 2012 veröffentlicht, in dem die NSA ihre langfristige Strategie darlegt: A Strategy for Surveillance Powers

This five-page document, written in 2012, is essentially a National Security Agency mission statement with broad goals, including a desire to push for changes in the law to provide the agency with expanded surveillance powers. It was written before Edward J. Snowden’s leaks, so it provides a glimpse at the thinking of agency officials before Mr. Snowden upset their political calculus.

Unter „Vaules“ findet man diese schöne Beschreibung des Selbstverständnisses der NSA als Dienstleistungsunternehmen:

Our customers and stakeholders can rely on us to provide timely, high quality products and services, because we never stop innovating and improving, and we never give up!

Hier das Dokument als PDF (mit OCR gescannt).

Konferenz „Einbruch der Dunkelheit“

Hinweis auf eine Konferenz:

Die Konferenz „Einbruch der Dunkelheit“ reflektiert die wachsende Skepsis gegenüber einer rund um die Uhr in allen Lebensbereichen betriebsamen Sicherheitsgesellschaft und erkundet verbleibende oder zu erkämpfende Möglichkeitsräume für Freiheit.

Auf Einladung der Kulturstiftung des Bundes streiten hochkarätige Philosophen, Künstler, Sozialwissenschaftler und Programmierer am 25. und 26. Januar 2014 in der Berliner Volksbühne über die drängenden Fragen unserer Gegenwart: Wie sehen politisch emanzipatorische Gegenstrategien zu den Kontrollmechanismen der Sicherheitsgesellschaft aus? Bedarf es einer stärkeren demokratischen Kontrolle von Schutzräumen? Ist das Verlangen nach Privatheit lediglich regressiver Eskapismus oder kann es tatsächlich in die Freiheit führen? Wie sind neue Formen von Privatheit mit digital gestützten Praktiken politischer Partizipation vereinbar? Was sollte man als Bürger tun?

25./26. Januar 2014, Berlin, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Das genaue Programm wird noch bekannt gegeben.