Rezension: Crime, Security and Surveillance

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Vande Walle, G., van den Herrewegen, E. & Zurawski N. 2012. Crime, Security and Surveillance. Effects for the Surveillant and the Surveilled. Den Haag: eleven.

von Stephan Humer, Berlin

Crime, Security and Surveillance: Aufklärung im Beziehungsgeflecht

Der Sammelband „Crime, Security and Surveillance“, herausgegeben von Gudrun Vande Walle, Evelien Van den Herrewegen und Nils Zurawski, widmet sich den Auswirkungen von Überwachung für die Überwacher und die Überwachten. Es geht in der Ausgangslage, so die Detailinformationen, um die Überwacher und um die Überwachten in ihrer ganzen Vielfalt – reich wie arm, teilnehmend wie ausgeschlossen und auch ängstlich bzw. sorglos – sowie um die Interaktion bzw. die vielschichtigen Beziehungen zwischen diesen Personen(gruppen). Das klingt gleichermaßen methodisch-strategisch sinnvoll wie vertraut, jedoch eröffnet sich direkt im Anschluß an diese Skizzierung des Ausgearbeiteten ein nicht unbedeutendes Dilemma für die Autorinnen und Autoren: Zwar wirkt der erste Satz der Beschreibung des sozialwissenschaftlichen Status Quo („The surveillance society has significantly been discussed in social sciences over the last ten years“) angesichts der aktuellen NSA-Ereignisse, von denen die Autorinnen und Autoren zweifellos genauso überrascht worden sein dürften wie die breite Öffentlichkeit, noch viel zu harmlos, ja geradezu brav und man möchte am liebsten deutlich artikulieren, daß viel zu wenig sinnvolle und zielführende Debatten über Überwachung und ihre Folgen geführt werden und zahlreiche Disziplinen hier deutlichen Nachholbedarf haben. Doch nur wenig später wird die analytische Haltung als eine aktivistische beschrieben („… social scientists have tried to slow down this fast-moving and self-evident evolution in the last ten years“), was aufgrund der zeitlichen Deckungsgleichheit die Befürchtung aufkommen läßt, daß es sich bei der sozialwissenschaftlichen Arbeit der vergangenen zehn Jahre zum Thema Überwachung mehr um Politaktivismus als um Wissenschaft gehandelt haben könnte. Das wäre logischerweise nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht hochproblematisch, weil es an längst überwunden geglaubte Zeiten (und wissenschaftlich verlorene Jahre) anknüpfen würde, in denen es kaum um die seriöse Suche nach der Wahrheit, sondern um Ideologie und Institutionenmißbrauch zugunsten politischer (Extrem)Positionen ging. Es würde auch die im Vergleich dazu ernstzunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und Diskussionen zu diesem hochrelevanten Thema diskreditieren, bevor sie überhaupt eine Chance auf Entfaltung einer positiven Wirkung in der (Fach)Öffentlichkeit hätten, die derzeit – Stichwort: NSA – nötiger denn je erscheint. Die Autorinnen und Autoren versuchen diesem Eindruck jedoch erfreulich direkt entgegenzuwirken, indem sie auf den wissenschaftlichen Diskurs zurückverweisen, den sie in diesem Buch führen (lassen), was zweifellos als die richtige Richtung beschrieben werden kann. Diese Haltung wird in der Einführung nochmals bekräftigt (S. 11) und die Politik der Überwachung somit als Teil der Analyse – und nicht des Handelns – gesehen.

Die vier Schwerpunkte des Buches – Responsibilisierung von nicht-polizeilichen Sicherheitsakteuren, die Rolle der Vernetzung („Verknotung“, siehe dazu auch den Begriff der Nodal Governance) von Polizei und weiteren Sicherheitsakteuren, die Überwachung des öffentlichen Raums durch unterschiedlichste Akteure und die Neubetrachtung von „Versicherheitlichung“ – tragen ihren Teil dazu bei, insbesondere der vierte Schwerpunkt, welcher explizit von den „negativen Untertönen“ (S. 15) weggelangen und die Konsequenzen der Sicherheitsentwicklungen neu skizzieren möchte. Insgesamt zwölf Einzelbeiträge widmen sich innerhalb der vier (an dieser Stelle nicht mehr unbedingt besonders zu explizierenden, da teilweise seit etlichen Jahren diskutierten und damit innerhalb der Sicherheitsforschung wohlbekannten) Schwerpunkte jeweils ganz unterschiedlichen Aspekten von Überwachung, was inhaltlich erwartungsgemäß mal mehr, mal weniger präzise gelungen ist. Das liegt nicht grundsätzlich an den Kompetenzen der jeweiligen Autorin bzw. des jeweiligen Autors und auch nicht nur daran, daß Sammelbände in den allermeisten Fällen als heterogen bezeichnet werden dürften, sondern beispielsweise auch daran, daß kulturelle Besonderheiten im digitalen Raum eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen und deshalb Adaptionen ausländischer Ergebnisse bspw. für den deutschen Sprach- und Kulturraum nicht ohne weiteres möglich sind. Hier muß also eine entsprechende Eigenleistung der Leserin bzw. des Lesers erbracht werden, was für Menschen mit einer entsprechenden fachlichen Ausrichtung kein besonderes Problem darstellen dürfte und insgesamt vielleicht sogar als wünschenswert bezeichnet werden kann, schließlich führt dies zu einer noch tiefergehenden Auseinandersetzung mit nicht „mundgerecht zubereiteten Informationshappen“. Auch ist die grundsätzliche niederländisch-französische Ausrichtung der Schriftenreihe, in der der Sammelband erschienen ist und der er auch durchaus treu bleibt (siehe hierzu beispielsweise die Kapitel 2, 6, 7 und 8), kein Problem. Da es wie bereits erwähnt – angesichts der immensen Herausforderungen im Bereich von (digitaler) Überwachung – ohnehin an ausreichenden (inter- wie transdisziplinären) Diskursen mangelt, sind diese Beiträge allein schon deshalb wertvoll, weil sie blinde Flecken eliminieren und Menschen zusammenführen, die ganz unterschiedliche professionelle Beweg- bzw. Hintergründe haben und nicht nur kriminologisch tätig sind. (Schließlich ist der strukturelle Hintergrund dieses Sammelbandes ein europäisches Forschungsnetzwerk, welches auch nicht nur aus Kriminologinenn und Kriminologen besteht.) Wie schon in der Einführung völlig richtig erwähnt wird: Sicherheit ist kein Forschungsfeld (mehr), welches allein einer einzigen Disziplin zugeschrieben werden kann. Die Digitalisierung verändert darüber hinaus auch die Überwachungsthematiken in revolutionärer Art und Weise und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erscheint hier schlicht unverzichtbar, um der Fülle an Herausforderungen überhaupt sinnvoll und zielführend begegnen zu können. Da kommen Werke wie dieser Sammelband gerade recht.

Wer seinen Fokus auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Diskurse im Forschungsfeld von „Crime, Security and Surveillance“ setzt, nicht nur an den Mensch-Mensch-, sondern auch an den Mensch-Maschine- bzw. Maschine-Maschine-Beziehungen in Zeiten der digitalen (Überwachungs)Revolution interessiert ist und grundlegende Diskussionen im Bereich der Surveillance Studies verstehen, sezieren und individuell weiterführen möchte, wird mit diesem Buch reichhaltig versorgt. Die Hoffnung der Autorinnen und Autoren („… that the publication will stimulate the never ending debate about the effects of surveillance for the surveillant and the surveilled“, S. 16) dürfte deshalb zweifellos erfüllt werden. Das ist so gut wie notwendig. Erst recht – nach dem diesbezüglich besonders bewegten Jahr 2013 – im neuen Jahr 2014.

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