Die Zeit der (neuen) Oligarchen?

In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs haben Nationalismus und geopolitische Machtspiele Hochkonjunktur, während Demokratie und Solidarität leiden. Stilistisch brillant beschreibt Aldous Huxley das aufziehende Zeitalter einer Tech-Oligarchie – einer Welt, in der Boy Gangster in den Regierungen sitzen und das Recht des Stärkeren die Freiheit aller bedroht. (Inhaltsbeschreibung des Buches beim Hanser Verlag)

Es geht um Aldous Huxleys „Zeit der Oligarchen“, geschrieben 1946, 2025 neu aufgelegt. Hier ein paar Auszüge, die mehr als nur prophetisch anmuten.

Der Glaube an den universellen Fortschritt basiert auf dem Wunschdenken, dass etwas umsonst zu haben ist. Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf dem einen Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen. Für die antiken Griechen wurde hybris, der anmaßende Übermut, ob gegenüber Göttern, den Mitmenschen oder der Natur, früher oder später von der Rachegöttin Nemesis bestraft. Im Gegensatz zu den antiken Griechen glauben wir Menschen des 20. Jahrhunderts, dass unser Hochmut keine Folgen hat.

Unser Fortschrittsgläubigkeit ist derart ausgeprägt, dass sie zwei Weltkriege überdauert hat und selbst m Angesichts des Totalitarismus, der Rückkehr der Sklaverei, der Konzentrationslager und der Flächenbombardements weiter blüht.

Diese Fortschrittsgläubigkeit beinträchtig unser politisches Leben, indem sie die alte jüdische und christliche Apokalyptiker in aktualisierter, pseudowissenschaftlicher und diesseiter Form wiederbelebt. Demzufolge steuert die Menschheit auf eine glorreiche Zukunft und ein Goldenes Zeitalter zu; immer raffiniertere Geräte, großspurige Pläne und komplexe gesellschaftlichere Errungenschaften bringen eine immer klügere und bessere Menschheit hervor. Das Ziel der Menschheit ist keine zeitlose Ewigkeit, sondern eine nicht allzu ferne utopische Zukunft.

In der Praxis ist der Glaube an eine größere und bessere Zukunft einer der mächtigsten Feinde der Gegenwart in Freiheit; denn die Mächtigen fühlen sich gerechtfertigt, den Menschen die schreckliche Zwangsherrschaft zuzumuten im Namen der fiktiven Früchte, die ihre Tyrannei (der Fortschrittsglaube weiß warum) vielleicht im 21. oder 22. Jahrhundert bringen wird.

Doch leider haben einige Wissenschaftler, viele Techniker und die meisten derjenigen, die die Geräte nutzen, weder die Zeit noch den Wunsch, über die philosophischen Grundlagen und Hintergründe der Wissenschaften nachzudenken. Sie neigen vielmehr dazu, das in den wissenschaftlichen Theorien mitgelieferte Weltbild als vollständige und umfassende Darstellung der Wirklichkeit zu akzeptieren; jene Aspekte, dievon der Wissenschaft ausgelassen wird, weil die Beschreibung ihre Kompetenz übersteigen würden, erscheinen ihnen tendenziell weniger wirklich als jene, die die Wissenschaft willkürlich zur Abstraktion aus der unendlich reichhaltigen Gesamtheit der Wirklichkeit herausgegriffen hat.

Ich fand das beängstigend, zumal wahrscheinlich vor 80 Jahren, das nur wenige für eine wirkliche Möglichkeit hielten oder vor dem Hintergrund technologischer Entwicklungen damals gesehen haben. Es ist nicht nur 80 Jahre später, sondern auch eine Vielfalt an technologischen Umwälzungen seitdem passiert, gepaart mit der Zerstörung unserer planetaren Lebensgrundlagen, vor der uns auch KI nicht bewahren kann – ganz im Gegenteil.