Rezension: Metric Culture

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Ajana, Btihaj (Hg.): Metric Culture. Ontologies of Self-Tracking Practices. Bingley: Emerald. 2018

von Stefan Selke, Furtwangen

Diese Rezension ist ein Essay zum Thema (Selbst-)Vermessung und Kultur

Leben im kalkulatorischen Modus

Metrische Kulturen zwischen Selbstermächtigung und sozialer Entgrenzung

Der von Ajan Btihaj editierte Band Metric Culture. Ontologies of Self-Tracking Practice enthält 13 sehr unterschiedliche Beiträge, die versprechen, das Themenfeld digitaler Selbstvermessung übergreifend als “metrische Kultur” zu reflektieren. Zunächst werden zahlreiche Beispiele für Self-Tracking in den Blick genommen, einige davon bereits “Klassiker” des noch jungen Forschungsfeldes, z.B. Leistungsvermessung, Diabetes-, Schlaf- oder Kalorien-Tracking. Ausschnitthaft wird deutlich, dass das “daten-getriebene” Leben (Wolf 2010) tatsächlich immer mehr Lebensbereiche erfasst. Einige Beiträge thematisieren darüber hinaus losgelöste Perspektiven, wie z.B. Resonanzerfahrungen durch die Nutzung von Selbstvermessungs-Technologien oder ethische Rahmenbedingungen.

Vermessung als Entgrenzung

In seinem Buch Metric Power macht David Beer (einer der zentralen Referenzpunkte für viele AutorInnen des Bandes) deutlich, wie sehr Metrifizierung das zeitgenössische Leben dominiert We are created and recreated by metrics; we live through them, with them, and within them. Metrics facilitate the making and remaking of judgements about us. (….) We play with metrics and we are more often played by them.” (Beer 2016: 135) Gleichzeitig deuteten viele der Einzelanalysen darauf hin, dass diese metrische Kultur auf Entgrenzung der Vermessungspraktiken und Bedeutungszuweisungen basiert. Life in the current age has not only become an examined life but one that is highly ‘over-examined'” (2) Auf Basis der quantitativen Zunahme von Tracking- und Monitoring-Technologien sowie der Popularisierung von Selbstvermessungspraktiken im Alltag (Selke 2014) stellen sich schleichende Veränderungen ein. Kurz gesagt: Der Mensch wird zur vermessbaren Maschine. Bodies and minds are turning into measurable machines and information dispensers in the quest for personal development, productivity, health and better performance. (2)

Von der metrischen Kultur zur metrischen Kolonialisierung

Aus der Zunahme von Selbst- und Fremdvermessungskontexten in Verbindung mit qualitativen Bedeutungsverschiebungen sowie einem wachsenden Interesse an Daten, Zahlen und Indikatoren schließt die Herausgeberin schließlich auf eine emergierende “metrische Kultur”, die gleichwohl nicht grundlegend neu ist. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Statistiken als Sozialtechnologie genutzt, um das “Normale” vom “Pathologischen” abzugrenzen. Damals wie heute wurden dabei aus deskriptiven Daten normative Daten. Daten definieren what is deemed as worthy, legitimate and valuable.” (3) Dennoch gibt es Unterschiede: Zeitgenössische metrische Kulturen wachsen zur metrischen Kolonialisierung aus. Zur politischen Disziplinierungsfunktion der Daten gesellen sich drei neue Dimensionen: neue Ontologien, neue Metaphern sowie neue Sichtweisen auf Körper und Selbst. Verbunden damit sind neue Denkweisen, neue Machtkonstellationen, Wertefragen sowie Fragen zur Handlungsträgerschaft und Identität. Metrische Kolonialisierung führt zu Rekonfigurationen auf unterschiedlichen Maßstabebenen: zwischen Individuen und deren Körper, zwischen Bürgern und Institutionen sowie zwischen dem Biologischen und dem Sozialen.

Metrische Kulturen im transformierten akademischen Feld

Ein Beitrag widmet sich den Vermessungspraktiken im akademischen Feld und zeigt die damit verbundenen Entgrenzung auf. Deutlich wird, wie sich Systemzwänge auf der Akteursebene auswirken. Zunächst lässt sich eine klare Verschiebung, weg von qualitativen Experten- oder Peer-Urteilen, hin zur quantitativen Messung, diagnostizieren. Durch die Vermessung von Wachstums- und Leistungsparametern änderten sich die Qualitätsbeurteilungen im akademischen Feld deutlich spürbar für alle Beteiligten. Schleichend setzte sich die Wahrnehmung durch, dass dies nicht nur eine Möglichkeit der Qualitätsbeurteilung darstellt, sondern sogar die einzig mögliche. Die Autorinnen des entsprechenden Beitrages zeigen, dass das Wesen von Qualität damit nicht unbedingt erfasst wird. Contingent on the expanding use of indicators as reliable traces of academic activity, quality is ontologically supposed to be what is summed up by the measure of ‘excellence'” (180) Von allen prinzipiell möglichen Beurteilungsstilen setzte sich ein expliziter Stil durch, der auf messbarem „outcome“ basiert und zum Ziel hat, Vergleiche zwischen akademischen Einheiten oder einzelnen Personen anzustellen. Gleichwohl kommt es zu einer Vereinheitlichung von Qualitätsstandards, der Konformität akademischer Positionierungsstrategien und letztlich “kopierten Existenzen”, die bereits Niklas Luhmann als Strategie der Komplexitätsreduktion beschrieb (Luhmann 1991). Individuelle Selbstpräsentationsstrategien gleichen damit immer mehr einer “Lebendbewerbung” (Selke 2014) auf der Basis des “all-mighty CV” Die Erstellung eines akademischen Lebenslaufs mutiert vom effizienten “impression management” zum übereffizienten “over-selling”. Sie wird zu einer ambivalenten autobiographischen Praxis, eingezwängt zwischen einer traditionellen akademischen Welt, in der es um qualitative Entwicklungen ging und der neuen metrischen Kultur, in der zentral quantifizierbare „Ergebnisse“ hervorgehoben werden.

Zentrale Problemfelder

Nicht nur im akademischen Feld dient die metrische Praxis dazu, Veränderungen zu erfassen und durch verlässliche numerische Indikatoren in Vergleichslisten (“Rankings”) zu überführen. Zentral ist hierbei, dass die Messwerte oftmals ein Eigenleben und einen Eigenwert entwickeln, scores have often acquired a life and value of their own.” (12) Wenn das Maß selbst zu einem Ziel wird, dann geht die Messeigenschaft verloren (Goodhart’s Law). Vor diesem Hintergrund bringen die meisten AutorInnen die Neuorganisation von Beschreibungsparametern und Leistungsindikatoren kapitalismuskritisch in Zusammenhang mit relativ neuen Formen des ferngesteuerten Regierens (“governing at a distance”). “Empowerment” von Steuerzahlern, Kunden, Bürgern oder anderen Stakeholdern wurde schleichend mit Mobilisierung der Handlungsträgerschaft, der Verantwortungsbereitschaft sowie dem Engagement von Individuen verbunden, um soziale Ordnung zu einer Aufgabe werden zu lassen, die individuell verinnerlicht werden kann (und muss). Seit den 1990er Jahren wurden stetig Techniken entwickelt, um individuelles Selbst-Management zu fördern – einer der Beiträge zeigt, wie Leistungsmessung aus dem Bereich des Militärs in die Wirtschaft und von dort in weitere Bereiche der Gesellschaft diffundierte. In metrischen Kulturen fließen letztlich zwei Rationalitäten zusammen: Das reflexive Projekt des disziplinierten Selbst im Kontext neoliberaler Steuerungskulturen. Und die zunehmend instrumentelle und kalkulatorische Konzeption aller möglichen Lebensbereiche. Wie ein Beitrag über The Digitisation of Welfare am Beispiel von Dänemark zeigt, wird es besonders dann kritisch, wenn bestimmte BürgerInnen als “unproduktiv” kategorisiert werden. Statt Service, wird als Reaktion auf Probleme des demographischen Wandels das Engagement der BürgerInnen erhöht. In diesem Konzept einer “bio-citizenship” erfolgt die Regierung dadurch, dass Individuen selbst die eigenen Körperpraktiken überwachen. Die Teilnahme an Maßnahmen zu “Digital Health” werden als “Solidaritätsgeste” des Bürgers (hier: des „digitalen Dänen“) im Hinblick auf die Modernisierung öffentlicher Services im Kontext des erneuerten Sozialstaates betrachtet. In der Debatte über “digitale Souveränität” tauchten diese Argumentationsmuster gegenwärtig auch bei uns auf (Deutscher Ethikrat 2017).

Korridore und Grenzen der Selbstermächtigung

Im Beitrag ‘A Much Better Person’ betonen Deborah Lupton und Gavin Smith tendenziell den Zugewinn an “agential capacities” der Selbstvermesser. Selbstvermessung führe zu sichtbarer Selbstverbesserung, zu Rückgewinnung der Kontrolle über das eigene Leben und zu besserer Zielerreichung. Sie betonen also die emanzipatorische Praxis souveräner Selbstvermesser. Kritik klingt hierbei nur in homöopathischer Dosis an.

For many people, engaging on self-tracking may not be beneficial or valuable; it may in fact adversely impact on their lives, specifically if those doing the watching are agents of law enforcement, employers or insurance actuaries. The ways in which techniques of monitoring the self may exacerbate existing socioeconomic disadvantages and how people deal with situations in which they are nudged or coerced into self-tracking remain areas to be more fully investigated both empirically and critically.” (73)

Die Ausgliederung einer kritischen Perspektive in einen Folgeartikel ist zugleich ein schönes Beispiel für die Wirksamkeit akademischer Metriken.

Selbstvermessung kann als Form einer neuen Wissenspraxis verstanden werden (Heyen et al. 2018), bei der neue Kompetenzen und Rollenverständnisse entstehen. Das Beispiel von Selbstvermessern mit Diabetes zeigt, wie die damit verbundene Transprofessionalisierung funktioniert. Monitoring-Aktivitäten driften aus der professionellen in die personelle Sphäre. Lay people are expected and encouraged to develop routines to regularly assess the physiological markers and thus develop the type of expertise in monitoring their bodies that was once the preserve of healthcare providers” (260) Transprofessionalisierung bewirkt, dass Praktiken der digitalen Selbstvermessung Individuen dazu bringen, sich, ihren Körper und ihre Gesundheit durch eine metrische Perspektive zu sehen: sauber, rein, emotionslos, wissenschaftlich neutral. Modernisierungstheoretisch gesprochen ist dies zugleich ein Beispiel für Domestizierung. Der medizinische Blick wird in die private und häusliche Sphäre übertragen. Am Beispiel von Schlaf-Apps wird zudem besonders deutlich gezeigt, wie innerhalb metrischer Kulturen technikinduzierte Bedürfnisse entstehen. The ‘needs’ come with apps as part of the package, which means the ‚solutions’ are being sold to us along with the ‘problems’ they are meant to resolve.” (172)

Zwischen Selbstermächtigung und Selbstentgrenzung warten zahlreiche ethische Aspekte auf Klärung. Einer davon ist die Frage nach Freiwilligkeit oder Zwang. Die Herausgeberin Ajan Btihaj meint eine Zunahme der Freiwilligkeit im Feld der Selbstvermessung zu beobachten. Immer mehr Individuen vermessen und quantifizieren sich selbst, happily sharing the resulting data with others and actively turning themselves into projects of (self-)governance and surveillance.” (3) Ein kritischer Beitrag über ethische Aspekte geht hingegen eher von einem ambivalenten Nutzungsspektrum der Selbstvermessung aus. If effectively de-identified, and shared, these data could be used for good, via consensual contribution to medical and academic research. However, under current industry norms, these data are vulnerable to be used for any number of unidentified purposes.” (218) Die Autoren erkennen eine besondere Form, Barrieren abzubauen. Nach und nach verändert sich das Verhältnis von Privatheit und Macht in metrischen Kulturen. Die Datensammlungen dienen nicht nur der Selbstermächtigung, sie bringen Entgrenzungen hervor.

Human evolution arguably depends to some degree on seizing opportunities and resources. If we can follow the line of thinking that data represents a kind of raw resource (…) there are many upsides to how masses of this raw material might be refined to fuel human health and well-being. There is of course a downside as well. Human beings have a tendency to hoard resources, thus creating wealth for some and poverty for others. (…) It’s plausible, likely even, that this spirit of imperialism will live on in the world of data resource extraction and trade. A new socio-economic category, that of data baron, is currently in the making.” (227)

Subjekte werden daher vermehrt von “dataveillance” betroffen, einem konstanten und totalen Prozess der Überwachung durch omnipräsente Schnittstellen zwischen Mensch, Körper und Geräten zur Datensammlung und -verarbeitung. Es geht nicht länger mehr darum, ein “Puzzle zusammenzusetzen” – so ein Motto der Quantified Self-Bewegung – sondern Menschen zu sortieren. Stimmt die Grunddiagnose der Zunahme und Verdichtung einer metrischen Kultur, dann muss – vielleicht in einem Folgeband? – geklärt werden, welche Gegenmaßnahmen gegen unkontrollierte “dataveillance” (noch) zur Verfügung stehen.

Der Sammelband als Spiegelbild einer metrischen Kultur

Die Beiträge des Bandes Metric Culture sind in jedem Fall instruktiv, lesenswert und gewinnbringend. Sowohl für jene, die sich bislang noch nicht mit dem Thema der digitalen Selbstvermessung beschäftigt haben, als auch für jene, die bereits in diesem Feld arbeiten. Gleichwohl gäbe es einige editorische Verbesserungsvorschläge. Denn der Band selbst bestätigt einige der darin publizierten Thesen. Er ist Sinnbild verflochtener akademischer Positionierungsstrategien und akademischer Metriken. Der Entstehungszusammenhang des 2018 herausgegebenen Sammelbandes ist eine ähnlich klingende Tagung, die 2017 an der Aarhus Universität in Dänemark stattfand. Während sich das Mittel der akademischen Metrik – die zitierfähige Publikation – in den Vordergrund schiebt, geraten editorische Sorgfalt und Eigenständigkeit der Argumentation in den Hintergrund. So könnten lange Interviewauszüge gestrafft sowie stärker ergebnisorientiert dargestellt werden. Auffallend ist zudem eine gewisse Mutlosigkeit, die eigenen Ergebnisse auch in eigenen Worten darzustellen. Selbst noch im Diskussionsteil „verstecken“ sich die AutoriInnen hinter Zitaten und Referenzen. Und das, obwohl sie oft über exklusive Daten verfügen. Die sichtbare Anschlussfähigkeit zum “Diskurs” scheint in jedem Fall wichtiger zu sein, als Originalität.

Die Herausgeberin weist selbstkritisch darauf hin, dass die Zusammenstellung der Beiträge eklektizistisch wirken könnte. Die Beispiele sind breit gestreut, die Zusammenstellung wirkt eher zufällig, es fehlt der klare Fokus. Sie wirbt gleichwohl dafür, die Zusammenstellung nicht als Inkonsistenz zu betrachten, sondern als Anzeichen einer reichhaltigen und hybriden metrischen Kultur, die vielfältige Zugänge erfordert. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass in den Beiträgen zwar Disziplinierungsmaßnahmen metrischer Kulturen sehr deutlich zur Sprache kommen, die “von unten”, also als Effekt der Responsibilisierung von Individuen wirken. Gleichwohl gibt es keine vertiefenden Hinweise auf die Disziplinierungswirkung metrischer Kulturen “von oben” (Stichwort: kalkulierbare Wählerprofile, Big Nudging etc.). Insgesamt werden zudem eher metrische Subkulturen besprochen, als eine metrische Kultur. Dem Anspruch, die Voraussetzungen, Gesetzmäßigkeiten und Folgewirkungen einer metrischen Kultur zu verstehen, kann die lockere Zusammenstellung der Texte letztendlich nicht vollständig gerecht werden. Das Verbindende sind allerhöchstens Zitate, die zeigen, dass alle AutorInnen sich an sehr ähnlichen Theorierahmen ausrichten. Auch hier wäre editorische Feinarbeit nötig, um Wiederholungen zu vermeiden und den Sammelband insgesamt lesbarer zu machen. Aber in einer akademischen Kultur, in der es selbst eher auf messbare Betriebsamkeit ankommt, anstatt auf anschlussfähige und zugleich individuelle Gelehrsamkeit, wird eben genau diese Feinarbeit nicht honoriert – weil sie nicht ausweisbar ist. In diesem Sinne, belegt der Band durch seine Existenz, seine Struktur und seine Machart die darin publizierten Thesen zur metrischen Kultur.

Weiterführende Literatur

  • Beer, David (2016): Metric Power. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
  • Deutscher Ethikrat (2017): Big Data und Gesundheit – Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung. Berlin.
  • Heyen, Nils/Dickel, Sascha/Brünninghaus, Anne (Hg.) (2018): Personal Health Science. Persönliches Gesundheitswissen zwischen Selbstsorge und Bürgerforschung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Luhmann, Niklas (1991): »Copierte Existenz und Karriere. Zur Herstellung von Individualität«. In: Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Hg. v. Ulrich; Beck-Gernsheim Beck, Elisabeth, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 191-200.
  • Selke, Stefan (2014): Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert. Berlin: ECON.
  • Wolf, Gary (2010): The Data-Driven Life. <http://www.nytimes.com/2010/05/02/magazine/02self-measurement-t.html?_r=0&pagewanted=print> (17.08.2018).

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