Rezension: Schnittstellen

Diese Rezension ist auf den ersten Blick ungewöhnlich für unser Blog, doch könnte es einfach andere Perspektiven auf Dinge und Praktiken beinhalten, die auch der Forschung zu Überwachung neue Impulse geben kann. (Red.)

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Katharina Hoins, Thomas Kühn und Johannes Müske (Hrsg.): Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden, Berlin, Reimer 2014.

von Lynn Musiol, Hamburg

Mit Wolfgang Tillmans CLC1100 als Titelmotiv des Aufsatzbandes „Schnittstellen – die Gegenwart des Abwesenden“ markieren die Herausgeber_innen des Bandes seine programmatische Richtung: Tillmans geht es in seinen fotografischen Arbeiten stets um das Begreifen und Erkennen der Welt. Dabei fungiert die Kamera – und eben nicht das Festgehaltende, die Fotografie – als Schnittstelle und schaffendes Objekt, welches Abwesendes vergegenwärtigt und Festgehaltenes visuell zu reproduzieren vermag. Genau hier setzt der Sammelband an: Die Herausgeber_innen und Autor_innen artikulieren das Bestreben, eben jene Objekte, Medien und Praktiken, die in einer technisierten Alltagswelt festhalten, konstruieren oder rekonstruieren, als Schnittstelle zu zentrieren, um jene „Zonen des Kontakts und Übergangs zwischen verschiedenen Sphären“ explizit zu untersuchen (S. 8).

Der Aufsatzband ist das Ergebnis einer interdisziplinären Tagung, die 2012 in Hamburg stattgefunden hat. In zehn verschiedenen Fallstudien von der Frühen Neuzeit bis ins 21. Jahrhundert analysieren die Autor_innen Objekte und Medien als Schnittstellen zwischen „Heute und Gestern, zwischen Gegenwärtigem und Abwesenden“ (Buchrücken) und diskutieren die Funktion von Schnittstellen und deren Kontexte. Als Schnittstellen verstehen Herausgeber_innen und Autor_innen dabei „Kontaktbereiche und Grenzflächen“ (wie beispielsweise Karten), die zwischen Sphären und „zeitlichen, räumlichen oder sozialen Distanzen“ vermitteln (S. 9). In den Schnittstellenanalysen selbst werden aufgrund des interdisziplinären Charakters des Bandes (Kunst- und Kulturwissenschaft sowie Computer- und Ingenieurswissenschaften) u.a. Totenmasken, technische Medien oder Rundfunkarchivalien thematisiert. Überdies gliedert sich der Aufsatzband in vier Themenfelder: Welt der Dinge, Vergegenwärtigung durch Bilder, Sprache und Kläng und Räumliche Ordnungen.

Im ersten Themenfeld Welt der Dinge werden Verbindung und Beziehung von Objekten und Medien zu einer erfahrbaren Welt beleuchtet. So beschäftigt sich Gudrun M. König in ihrem den Band einleitenden Artikel mit „expositorischer Praxis in Warenhäusern, Gewerbeausstellungen und Museen“ und unterstreicht mit den identifizierten Schnittstellen „der Generierung und Vermittlung von Wissen und Bedeutung“ das artikelüberspannende Moment des Bandes (S.10). Im zweiten thematischen Feld Vergegenwärtigung durch Bilder verknüpfen die Autor_innen Visualität in Form von Bildern, Fotografien und Objekten mit Wissens- und Realitätsbildung. Sowohl Hoins als auch Buchenhorst streifen hierbei die Frage nach Objektivität und Authentizität von Fotografie und Bildern im politischen Kontext des Nationalsozialismus, in Chile oder in verschiedenen Regionen Afrikas. Die letzten beiden Abschnitte des Bandes belechten Sprache und Klänge sowie räumliche Ordnungen als Schnittstellen. Dabei geht es einerseits um kulturzentrierte Aspekte von Wissen und Wissensvermittlung, andererseits um die Vergegenwärtigung des Unbekannten (durch Karten) und Auflistung des Bekannten (durch Kataloge).

Die Interdisziplinarität des Aufsatzbandes samt Abhandlungen und den angeführten Beispielen (u.a. Musikinstrumente, Totenmaske, Fotografien, Karten, Manuskripte, Kataloge oder Medienarchivalien) bewirken einen Perspektivenreichtum, welcher von der dezidiert thematisch umgrenzten Ausrichtung des Bandes (Schnittstellen) ummantelt wird. Dies, ebenso wie Aspekte der Wissensbildung und Wirklichkeitsschaffung, die sich in allen Themenfeldern wiederfinden, sorgen dafür, dass auch dem interessierten Laien ohne kulturwissenschaftliche Fundierung die unterschiedlichen „Schnittstellen-Darlegungen“ zugänglich erscheinen. Zudem sorgt der Fokus auf Medien und Objekte als Schnittstellen zwischen Gegenwärtigem und Abwesenden für einen erfrischenden Blick: Nicht nur das Ergebnis, wie beispielsweise ein Foto, gerät in den Prozess von Aushandlungen und Bedeutungsgebung, sondern auch das Objekt, das Medium selbst. Dadurch wird genau das sichtbar gemacht, „was sich der alltäglichen Wahrnehmung [häufig] entzieht“ (S. 226).

Die Stärken dieses Aufsatzbandes liegen in den vielfältigen Untersuchungsgegenständen, die aufzeigen, wo und welche Schnittstellen sich identifizieren und interpretieren lassen und wie diese gesellschaftlich wie historisch einzuordnen sind. Die unterschiedlichen Epochen der Gegenstände illustrieren dem Leser die Bandbreite der Analysemöglichkeiten und ermöglichen es, einen Einblick in unterschiedliche Denksystemen und Argumentationen zu erlangen. Gerade diese Vernetzung von geschichtlichen Beispielen und deren Entwicklung und heutige Bedeutung samt Folgen werden in Buchenhorsts und Zurawskis Artikeln anhand von Fotografien und Karten besonders deutlich. Wünschenswert wäre jedoch eine schriftliche Fixierung der im Vorwort verankerten Fragen (zum Beispiel: „Welche Akteurinnen und Akteure nutzen welche Schnittstellen? Wie sind Schnittstellen in bestimmte soziale, alltägliche Kontexte eingebettet (…)?“, S. 10) gewesen, um die interdisziplinären Beiträge auch explizit inhaltlich miteinander in Verbindung zu setzten und um eine „gemeinsame Sprache“ zu artikulieren (S.12). Gerade für den fachfremden Leser wäre dies eine hilfreiche Stütze gewesen, um sich dem teilweise fremden Inhalt besser annähern zu können. Dem Leser obliegt diese wesentliche Transferleistung folglich selbst. Grundsätzlich schmälert dies aber nicht den gedanklichen Gewinn dieses Bandes, noch die methodisch-theoretische Ausgestaltung der einzelnen Beiträge, denn die Frage nach der Verbindung von Wissensgenerierung und Realitätsschaffung ist in Zeiten technisierter Alltagsgestaltung hoch aktuell.

 

 

 

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