Wunsch und Wirklichkeit der Videoüberwachung

Zwei Zahlenwerke erscheinen mir dieser Tage bemerkenswert:

78 Prozent der Fahrgäste sei es demnach wichtig oder sogar sehr wichtig, dass Züge, U-Bahnen, Busse und Haltestellen mit Videokameras überwacht seien. (…) 63 Prozent sähen es gern, wenn Sicherheitspersonal mitfahren würde. 29 Prozent möchten sogar, dass Polizisten in Bahnen und Bussen anwesend sind.

(Quelle: sueddeutsche.de)

Nun ist Bahnfahren nicht immer nur Freude, insbesondere im Nahverkehr. Unangenehme Situationen wird jeder von uns schon mal erlebt haben, gar keine Frage. Doch eine unangenehme Situation kann letztlich völlig folgenlos verlaufen. Was bedeutet sie also, wenn (wie in den allermeisten Fällen) gar nichts passiert ist?

Sie dient zumindest als Anknüpfungspunkt zu den tatsächlichen Gewalttaten: “Das hätte mir auch mal passieren können!” Bei der o.a. Studie (siehe dazu die methodischen Hinweise im Süddeutsche-Artikel) und mit dem oben zitierten Ergebnis erlaube ich mir deshalb die Frage, was man nun genau mit dieser Arbeit bezwecken will. Ist diese Arbeit als Argumentverstärkung für den Einsatz von mehr Videoüberwachung gedacht? Oder soll sie die “gefühlte” (gern auch: die medial vermittelte) Wirklichkeit darstellen und zeigen, daß die Menschen mehr Videoüberwachung wollen? Und mehr Sicherheitspersonal? Und mehr Polizei? Der Gedanke liegt nahe, denn:

Für Dirk Flege, Geschäftsführer des Lobby-Verbands Allianz pro Schiene, ist das alarmierend: Diese Ängste müssten ernst genommen werden

(a.a.O.)

Sollte das Ergebnis aber nicht viel mehr dazu genutzt werden, um zu zeigen, daß die Menschen offensichtlich keine Unterschiede zwischen den Wirkungen von Videoüberwachung und Sicherheitspersonal/Polizei vor Ort machen können oder wollen? Anscheinend gilt hier ja grob gesagt die Formel “Video = Security = Polizei = mehr Sicherheit”. Alles gleich gut, viel hilft viel. Das ist jedoch eine viel zu simple, ja: falsche Rechnung. Vielleicht hilft den Menschen, die an der Umfrage teilgenommen haben, deshalb diese Zahl bei ihrer zukünftigen Entscheidungsfindung:

Bilanz der BVG-Videoüberwachung: Pro 330 000 Fahrgästen eine Gewalttat bei der BVG

(Quelle: tagesspiegel.de)

Die Chance, Opfer einer – leichten wie schweren – Gewalttat im öffentlichen Personennahverkehr Berlins (1) zu werden ist also nicht ganz so gering wie vom Blitz getroffen zu werden oder im Lotto zu gewinnen, doch ist sie trotzdem insgesamt äußerst gering. Daß das gerade nicht an der Videoüberwachung liegt, muß an dieser Stelle wohl nicht extra betont werden.

Wenn so die Realität aussieht und Studien wie die obige den “Wunsch der Menschen” artikulieren, was wäre dann die Folge der Umsetzung dieses Wunsches? Wahrscheinlich schlicht und ergreifend mehr Videoüberwachung. Mit wahrscheinlich nur geringem bis gar keinen Sicherheitsgewinn – jedoch zu entsprechend hohen Kosten (Stichwort: Grenznutzen). Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch in puncto Datenschutz und Freiheit.

Das bedeutet in meinen Augen (und auch nicht zum ersten Mal): Videoüberwachung ist pauschal keine Lösung. Ebenso wenig wie es pauschal eine Lösung wäre, einfach an jede Ecke einen Polizisten zu stellen. Oder Sicherheitsmaßnahmen komplett zu versagen. Wer solche Pauschalitäten fo(e)rdert, scheint an einer ernsthaften Lösung (in diesem Falle: die Verminderung von Gewalttaten) kein Interesse zu haben. Man sollte aber dem Ernst der Lage gerecht werden. Und das geht nur mit maßgeschneiderten Lösungen, die tatsächlich das jeweilige Problem lösen. Alles andere ist gefährliche Augenwischerei.

Dabei steht die Begrifflichkeit sicher im Weg. “Videoüberwachung” ist inzwischen ein gesellschaftlich ausreichend bekannter, aber offenbar nicht tiefgehender Begriff und kann deshalb sowohl sinnvolle wie auch sinnfreie Lösungen bezeichnen. Der nächste Schritt im allgemeingesellschaftlichen Überwachungsdiskurs wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit “Intelligente Videoüberwachung” sein. (Nun ja, es hätte auch schlimmer kommen können, bspw. mit Wortkreationen wie “Videoüberwachung 2.0”, “Videovorratsdatenspeicherung”, “Vorratsvideodatenspeicherung” o.ä.). Um dem Wort “Intelligenz” gerecht zu werden, gehört zu einer solchen Lösung ein ganzheitliches “intelligentes” Konzept – und damit im Zweifel eine intelligentere Alternative. Die Hoffnung ist zumindest, daß mit einem neuen Wording nicht nur mehr Klugheit in die Anwendung, sondern auch und vor allem in die Debatte kommt. Intelligenz sei Dank.

(1) Ohne S-Bahn, Deutsche Bahn AG (Regionalverkehr innerhalb der Stadt etc.) und Taxen

Ein Kommentar

  1. […] Zurawski: Wunsch und Wirklichkeit der Videoüberwachung (via Surveillance […]

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