Rezension: Citizenship and Identity in the Age of Surveillance.

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Nayar, Pramod K. (2015): Citizenship and Identity in the Age of Surveillance. CBS Press, Frederiksberg, 2015.

von Sylvia Kühne, Hamburg

Nein, bei der 2015 in der Cambridge University Press erschienenen Studie „Citizenship and Identity in the age of surveillance“ handelt es sich nicht um eine Publikation, die biometrische Identifizierungsmethoden in den Mittelpunkt stellt, auch wenn der mit Hilfe von Kernbegriffen biometrischer Identifikation stilisierte Fingerabdruck auf dem Bucheinband dies zunächst suggerieren mag. Die Arbeit, die der Englisch-Professor an der Universität Hyderabad Pramod K. Nayar vorlegt, thematisiert vielmehr Überwachung in ihrem weitesten Sinn – als eine Form des Sehens und des Gesehenwerdens, die nicht auf eine einzelne Technologie rekurriert, sondern auf eine Allgegenwart rhizomatischer Daten(spuren) (6f.), die, und das ist die zentrale These Nayars, zur Grundlage der gesellschaftlichen Selbstverortung geworden sind: „the data gaze is the organizing principle of everyday life […] [and] a precondition for identity, subjectivity, rights (of various kinds), security, and privacy.” (69, Herv. i.O.)

Die Bezugspunkte seiner gesellschaftstheoretischen Beobachtungen findet er dabei in unterschiedlichsten Programmen und Technologien der Überwachung, die er in den ersten fünf Kapiteln zu theoretischen Fallstudien anordnet: So diskutiert er (Un-)Sicherheitsdiskurse, die den Bürger als vulnerables Subjekt adressieren und zu verantwortungsvollem Handeln herausfordern (Kapitel 1) ebenso wie die Funktionslogiken konkreter Technologien der Unsicherheitsreduktion, etwa der Biometrie (Kapitel 2); die, und das zeigt Nayar im 3. Kapitel, die Subjektivität der so entstehenden Daten-Subjekte in der „personal information economy“ (75) prägen. Räume der Überwachung und vor allem das Policing in Gated Communities sind Thema des 4. Kapitels, bevor er sich daran anschließend im vorletzten Kapitel neuen Geständnisdiskursen und Formen der Selbstüberwachung zuwendet, die er in der Nutzung von Facebook, WhatsApp und als Bestandteil einer moralischen Ökonomie von Talk und Reality Shows entdeckt (157). Ein solcherart interaktiver Umgang mit Überwachung (147) beinhaltet neben der Performance (66) für ihn dann auch Praktiken der „sousveillance“ (Mann/Nolan/Wellman 2003) [i], der Überwachung „von unten“, die, wie Wikileaks organisiert klandestines oder auch durch den zufälligen Videozeugen staatliches (Fehl-)Handeln sichtbar machen.

Für Nayar sind diese, mal dem US-amerikanischen, mal dem indischen Kontext entnommenen, Beobachtungen die Bedingungen, anhand derer er die partizipative Überwachung und mithin Vergesellschaftung – die „surveillance citizenship“ (8) – aufzeigen will. Dabei irritiert gleichwohl die Ausgangsannahme, wonach Überwachung als kulturell legitimiert und akzeptiert betrachtet werden kann, da „die“ Bürger sich dem hegemonialen Unsicherheitsdiskurs folgend, als (technische) Sicherheit suchende Subjekte entwerfen (5, 31, 64f.). Akzeptanz ist hier insofern weniger eine Frage etwa stillschweigender Hinnahme oder ausdrücklicher Einwilligung, sondern wird vielmehr im Konzept gesellschaftlicher Legitimität von Überwachung gefasst. Diese lässt dann auch die Bedeutung ungleicher Machtverhältnisse als Bedingung von Akzeptanz unberücksichtigt, was insofern irritiert, als dass der Autor gleichwohl selbst beispielsweise auf die Bedeutung sozialer Hierarchien (29; 81) hinweist bzw. konstatiert, dass: „we need to differentiate between those who are genuinely disempowered and placed under surveillance and those who opt for these via Facebook pages or consumer loyalty cards or Frequent Flyer miles“ (31, Herv. i.O. ).

In Nayars Ausführungen ist der „surveillance citizen“ (8) jedoch jemand, der über die, im weitesten Sinne, Ressourcen verfügt, sich aktiv ins Verhältnis zu Überwachungspraktiken und -diskursen zu setzen: ob dieser nun selbst als besorgter und verantwortungsbewusster Bürger Vorstellungen von Sicherheit und Ordnung in Gated Communities (und gleichsam von sozialer Homogenität) durchsetzt (120ff), mittels Kundenkarten seine „customer citizenship“ (151) und damit sich selbst als guten Konsumenten darstellt oder letztlich als Ausdruck einer solcherart „conscious citizenry“ (9) den eigenen Blick im Sinne einer „dissent surveillance“ auf das suspekte Handeln der Staatsmacht richtet.

Vielleicht ist das aber auch der Kern von Nayars Argumentation: für die in der Studie entworfenen zahlreichen Bürgerschaften bedarf es eben des unpersönlichen Datenblicks, welcher dann soziale Spaltungen umso mehr vertieft. So zeigt er dann im 3. Kapitel, dass die sich um Fragen der Überwachung etablierenden Diskurse – etwa jener der Privatheit – vielfach an prekären Lebenswirklichkeiten vorbeigehen (86, 90ff). Das bare Leben vieler, auf den Straßen indischer Großstädte lebender Menschen entzieht sich diesem Verständnis von Privatheit, spielen sich doch vielfach sämtliche Lebensvollzüge unter dem Blick der Öffentlichkeit ab, die, und darauf weist Nayar hin, in einer etablierten Kultur des „invisibilizing“ (91) gleichwohl nicht zur Anerkenntnis gelangen: „threats of exposure do not possess any relevance to such lives“ (91).

Während Nayar zwar an vielen Stellen in der Studie Ereignisse, Phänomene und Dokumente aus dem indischen Kontext als Beleg für seine Argumentation heranzieht, bleiben derartige Einblicke in möglicherweise spezifische, kulturelle Verhältnisse eher kursorisch. Sie werfen jedoch Fragen auf: nach der besonderen Vulnerabilität des armen Körpers im Kontext der Biosurveillance und der Kapitalisierung des Körpers (48ff.). Nicht zuletzt konfrontieren sie den Leser mit der Frage nach der grundsätzlichen Möglichkeit eines Bürgerstatus angesichts des, trotz Verbots weiterhin für das soziale Miteinander relevanten, Kastenwesens – ein Thema, auf das in der Studie nicht selten Bezug genommen wird.

Diese unterschiedlichen Bezüge, sowohl der Beobachtungen als auch der Vielzahl an zugrunde gelegten Konzepten erschweren es bisweilen die aufgeworfene Fragestellung im Blick zu behalten. Es lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass hier einzelne, bereits vorab als Artikel veröffentlichte, gleichwohl jede für sich lesenswerte Textteile, eben schnell zu einer Gesamtveröffentlichung zusammengefügt wurden. Dieser Eindruck wird auch dadurch unterstrichen, dass der Publikation ein Lektorat gut getan hätte, fehlen doch etwa zahlreiche Literaturbelege sowohl im Text als auch im Literaturverzeichnis.

Möglicherweise sind es aber auch die Überlegungen im 6. Kapitel, die die auf den ersten Blick widersprüchlichen Beobachtungen und Konzepte Nayars anleiten: Der Autor verweist hier auf ein hoffnungsvolles Moment der Überwachung, das sich, wenngleich im Zeichen ethischer Verantwortung, analog zu einem bekannten Facebook-Slogan liest: „to make the world more open and connected“[ii]. Für Nayar sind die Bürger der Überwachungsgesellschaft(en) nicht nur Zeugen dieser und bezeugen diese mithin in alltäglichen Praktiken regelmäßig, sondern die von ihm in diesen Praktiken erkannte Kultur, sich dem Datenblick nicht zu entziehen, ihn vielmehr selbst in immer neuen Bildern und Selbst- und Fremdbekenntnissen zu produzieren, trage dazu bei, unbekannte Menschen und ihre Lebenssituationen einander näher zu bringen. Die partizipative Überwachung schaffe, so sei zu hoffen, ein neues, „ethisches“ (182) Bewusstsein und insofern eine Teilnahme an den Lebenslagen und Problemen jener, die in den, durch Überwachungspraktiken hervorgebrachten, Bildern erscheinen. Mit diesem Moment des Bezeugens, das Nayar unter anderem mit Bezug auf Derrida (ohne Jahresangabe), Oliver (2004) und Butler (2004) im Konzept des „witness citizen“ entfaltet, verbindet sich für ihn die Hoffnung darauf, dass sich trotz der Vielzahl an Zumutungen, die Überwachung für den Bürger mit sich bringt, auch ein emanzipatorisches Element entfalte. In dem Maße wie die Bürger unter den gesellschaftlichen Bedingungen jederzeit gesehen werden können, ist es möglich auch selbst Verhältnisse sichtbar zu machen und so Zeugnis abzulegen und mithin einen neuen ethisch inspirierten Diskurs anzuleiten (195).

Fraglich bleibt indes, ob die Diskurse, in die die Bilder von Überwachung eingebettet sind, nicht auf die gleiche Art und Weise simplifizieren, wie es Nayar für den hegemonialen Unsicherheitsdiskurs beschreibt (14ff.). Letztlich möchte man dem Autor aber in dieser hoffungsvollen Argumentation gern folgen, der sich des „moral turn“ hin zu einem „global witness citizenship“ angesichts der „selfishness, cruelties and inequalities“ (200) gleichwohl selbst nicht sicher ist.

Sylvia Kühne, Hamburg

[i] Mann, Steve; Nolan; Wellman, Barry (2003): Sousveillance: Inventing and Using Wearable Computing Devices for Data Collection in Surveillance Environments. In: Surveillance & Society 1(3): 331-355. http://www.surveillance-and-society.org/articles1%283%29/sousveillance.pdf [13.10.2015]

[ii] https://de-de.facebook.com/facebook/info [25.06.2013].

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