{"id":2286,"date":"2022-06-14T11:51:38","date_gmt":"2022-06-14T09:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/?page_id=2286"},"modified":"2025-09-24T21:24:14","modified_gmt":"2025-09-24T19:24:14","slug":"kampf-um-den-huegel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/?page_id=2286","title":{"rendered":"Kampf um den H\u00fcgel"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Nils Zurawski, 2015, <\/h5>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><em>Diese Kurzgeschichte ist 2018 in der Festschrift zum 125-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums meiner alten Schule, dem Kaiser-Friedrich-Ufer-Gymnasium, erschienen. <\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Wenn man \u00fcber die Br\u00fccke geht, die sich \u00fcber den kleinen Kanal erstreckt, dann den Uferweg kreuzt und durch den Park schlendert sieht man zuerst einen kleinen Spielplatz, dann einen Zaun, dahinter ein Flachbau, zwei Stockwerke hoch, bunt, funktional, eine Schule oder eher ein Kindergarten. Die richtige Schule steht dahinter. Ein Bau aus dem Kaiserreich, gewaltig, \u00fcbergro\u00df, eine Anstalt im wahren Sinne des Wortes, mit einem Portal aus drei B\u00f6gen, braungrau, mit einem Treppenaufgang, der durch moderne Gel\u00e4nder erg\u00e4nzt wurde. Davor Fahrr\u00e4der, Kinder, Sch\u00fcler. Nicht mehr zu sehen war der Ort eines Kampfes, der hier einmal stattgefunden hatte zwischen Sch\u00fclern und Baggern, Jugendlichen und den Beh\u00f6rden. Ein von vornherein aussichtsloser Kampf, der deshalb um so mehr im Ged\u00e4chtnis geblieben ist. Ein Kampf um alles. Um alles, was uns damals wichtig war. Wichtig f\u00fcr unsere kleine Welt, die hier vollkommen egoistisch, wie das Kinder eben so tun, verteidigt wurde. Ob sich \u00fcberhaupt jemand zur\u00fcck erinnert, wenn er durch den Park geht und den Kindergarten sieht, bezweifle ich stark. Aber es gab ihn, unerbittlich, kurz nach diesem Winter vor 35 oder so Jahren. Ich blieb stehen und schloss f\u00fcr einen Moment die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob, wenn man sich zur\u00fcck erinnert, die Winter immer besonders kalt waren, fr\u00fcher, mag gut sein. Dieser war es. Irgendwann 1978 oder 1980. Das Gute an kalten Wintern in Hamburg ist, dass aus dem Regen Eis wird und die Wege zu einer glatten Bahn. F\u00fcr Sch\u00fcler um die zehn, zw\u00f6lf Jahre herum war das auf jeden Fall eine Riesensache. Es gab keine Berge in Hamburg, also wurde auf diesen Mini-Eisbahnen geschliddert und gerutscht. Winter in Hamburg bedeutete damals wie heute kurze Vergn\u00fcgen, meist wenig Schnee, obwohl nur Eis eigentlich viel besser war. Und wenn es denn dann mal irgendwo einen Berg gab, meist kurze Abh\u00e4nge, schr\u00e4ge Wiesen oder Gestaltungselemente eines Parks, erh\u00f6hte das die Freude nur.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau so ein H\u00fcgel lag vor unserer Schule, staubig im Sommer, das bisschen Rasen war niedergetrampelt oder mit unseren Fahrr\u00e4dern vernichtet worden. Die Gro\u00dfen hingen da im Sommer ab, rauchten, diskutierten die Weltlage, scheuchten uns Kleine weg. Im Winter, besonders in den sehr kalten, verwandelte sich der H\u00fcgel dann allerdings zu unserem Spielplatz. Die Spuren der selbstgetretenen Wege waren mit dem Schnee bedeckt, der mehr und mehr vereiste, je mehr wir hochgingen um runter zu rutschen. Immer wieder, jede Pause. Bis die Lehrer auf die Idee kamen, dass wir Kleinen gar nicht die Schule verlassen durften oder jemand ja die Aufsicht h\u00e4tte f\u00fchren m\u00fcsste bei dem Spektakel, war der Winter schon halb rum. Wichtig dabei vor allem eines: der H\u00fcgel geh\u00f6rte uns! Die Lehrer waren Zaung\u00e4ste, die Oberstufensch\u00fcler machten den dicken Max und versuchten die Kleinen zu g\u00e4ngeln, die konnten sich aber den Attacken entziehen und rutschten einfach weiter. Jede Pause, den ganzen Winter lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der erste Mann mit so einem Messger\u00e4t vor unserer Schule erschien, begann der Kampf. Der Theodolit war eine Kampfansage. Wir hatten uns das nicht ausgesucht, noch hatten wir angefangen. Bauarbeiter latschten \u00fcber unseren H\u00fcgel, nahmen Ma\u00df, zogen Absperrband kreuz und quer \u00fcber den H\u00fcgel und um das ganze Gel\u00e4nde. Der Winter war noch nicht ganz vorbei, Reste von Schnee lagen noch vereinzelt auf den Wiesen, unter B\u00fcschen oder auf Verkehrsinseln rum, da versprach das gerade angebrochene Jahr interessant zu werden. Zuerst einmal entfernten wir das Flatterband. Die Gro\u00dfen animierten die Kleinen dazu. Die bekamen weniger \u00c4rger. Au\u00dferdem wurden wir nicht so richtig wahrgenommen und konnten einfach \u00fcberall rumflitzen. Also ab damit. Das ging ein paar Tage so weiter. Wenn wir aus der Schule gingen, zogen wir einfach das Zeug von den Eisenstangen, am n\u00e4chsten morgen spannten die Vermesser das Band neu. Inzwischen hatten die Gro\u00dfen in Erfahrung gebracht, was das alles sollte. Eine neue Eisbahn f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter w\u00fcrde es nicht sein \u2013 soweit war uns das auch mit zehn Jahren schon klar. Da w\u00fctete jemand auf unserem Spielplatz und das durfte nicht ungestraft so bleiben. Als der zerm\u00fcrbende Kleinkrieg um das Flatterband nicht so richtig z\u00fcndete und wir uns nur ermahnende Belehrungen von unseren Lehrern anh\u00f6ren mussten, entschieden die Gro\u00dfen, dass wir jetzt richtig k\u00e4mpfen m\u00fcssten. Aber womit? Der Winter war vorbei, eine Schneeballschlacht fiel also aus. Sie beschlossen, der Bau m\u00fcsse verhindert werden. Gegen Bagger? Gegen echte Erwachsene, noch dazu grobschl\u00e4chtige und furchteinfl\u00f6\u00dfend aussehende Bauarbeiter, ein paar hatten sogar Tattoos, Nach vielem hin und her wurde beschlossen den H\u00fcgel zu besetzen. Es war sowieso gerade die Zeit der Demonstrationen und Sitzblockaden. Im Fernsehen konnten wir das t\u00e4glich verfolgen. Irgendwo in Deutschland oder auf der Welt sa\u00dfen Menschen rum, demonstrierten gegen irgendwas oder auch mal daf\u00fcr. Meistens allerdings, dass ging auch einem Zehnj\u00e4hrigen auf, ging das eher nicht so gut f\u00fcr die Sitzenden oder Demonstrierenden aus. So viel hatten wir schon gelernt. Jetzt also eine H\u00fcgelbesetzung. Gleich nach der Schule. W\u00e4hrend des Unterrichtes gab es zu viel \u00c4rger. Erst mit den Lehrern und dann, sollten wir so mutig gewesen sein, mit unseren Eltern. Das war der eigentlich unangenehme Teil. Deshalb eine Besetzung nach der Schule. Mit Plakat und irgendeiner redete auch. Durch ein kampferprobtes Megaphon, dass einen irren Sound hatte. Von der Rede wei\u00df ich nichts mehr. Aber an die Gesichter der Bauarbeiter kann ich mich noch erinnern, die gerade Feierabend machten, als wir den H\u00fcgel st\u00fcrmten. Noch war ja gar richtig viel passiert. Eine richtige Baustelle war das noch gar nicht, bis auf einen Bauwagen, wo die M\u00e4nner Kaffee tranken, rauchten und rumsa\u00dfen, und das rot-wei\u00dfe Flatterband. Keine Bagger, keine Z\u00e4une, kein Loch und der H\u00fcgel war auch noch da.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sa\u00dfen wir also da und besetzten den H\u00fcgel. Es war unser, machten wir deutlich. Die Bauarbeiter scherten sich nicht drum und gingen nach Haus. Am n\u00e4chsten Tag war Schule und die Besetzung das wichtigste Thema. So ging das eine Weile weiter. Wir besetzten, entfernten das Flatterband, das hatten die Bauarbeiter auch schon mitbekommen und sich beschwert. Die Ansage an den Direktor war, sollten sie uns dabei erwischen, g\u00e4be es Senge. Nun dann. Inzwischen r\u00fcckten die ersten Bagger an, die Baustelle wurde eingerichtet. Wir mussten handeln. Besetzen nach Schulschluss brachte nichts, wenn sie, w\u00e4hrend wir bei Mathe schwitzten, den H\u00fcgel abtrugen. Also die gro\u00dfe Pause. Die Gro\u00dfen hatten einen Plan, wir machten mit, f\u00fchlten uns gro\u00df dabei. Und so zog ein Haufen von 30 Sch\u00fclern in der gro\u00dfen Pause zum H\u00fcgel und besetzte ihn. Die Bauarbeiter machten gerade Mittag. Der Winter war fast vorbei, der Boden weich genug zum Graben. Wir sahen unsere letzte Chance. Als die M\u00e4nner aus ihrem Bauwagen rauskamen, staunten sie nicht schlecht. 30 Sch\u00fcler sa\u00dfen auf dem H\u00fcgel, der erste Spuren einer mutwilligen Erosion aufwies und hoben zwei Banner in die Luft: \u201eWir weichen euren Baggern nicht\u201c stand auf dem einen, \u201eH\u00e4nde weg von unserem H\u00fcgel\u201c hatten wir \u00fcbermutig auf das andere geschrieben. Die Bauarbeiter lachten kurz und machten dann eine klare Ansage, den H\u00fcgel zu verlassen. Wir blieben, r\u00fcckten enger zusammen und hofften, dass sie Kinder nicht einfach so anfassen w\u00fcrden. Sie fingen an zu drohen, wir hakten uns unter, sie kamen bedrohlich nah. Die ersten bekamen Schiss und wichen zur\u00fcck. Es folgte ein Ultimatum, die H\u00e4lfte von uns, vor allem die Kleineren, gingen langsam in Richtung Schule, die keine 30 Meter entfernt war. Sicheres Gebiet. Und au\u00dferdem war auch die Pause bald vorbei. Als es klingelte waren wir alle wieder drin, berauscht von unserem Mut, entt\u00e4uscht, dass wir die Typen nicht wirklich beeindruckten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen kamen wir fr\u00fcher zur Schule. Wir setzten und vor Beginn des Unterrichts auf den H\u00fcgel, noch waren unsere Feinde nicht im Einsatz. Als sie kamen staunten sie nicht schlecht. Und wir waren vorbereitet. Als sie wieder drohten, zogen wir unsere Wasserbomben hervor und drohten ebenfalls. Wir waren nur noch ein Dutzend, aber bewaffnet und mutig und schnell. Schneller, so hofften wir, als die dicken M\u00e4nner in ihren Arbeitsstiefeln und mit ihren Bierb\u00e4uchen. Und die Schule war nicht weit. Das w\u00fcrden sie nicht wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr war zum Gl\u00fcck fast erreicht. Wir st\u00fcrzten die Treppen des Schulportals hoch, rutschten aus, fingen uns, liefen weiter auch wenn die F\u00fc\u00dfe den Boden gar nicht ber\u00fchrten. Ein paar Voraus, der Rest von uns im Pulk hinterher. Hinter der T\u00fcr, die leider nach au\u00dfen aufging und ganz im Stile der im fr\u00fchen 20. Jahrhunderts erbauten Anstalt gro\u00df und schwer war, hofften wir auf Rettung. Denn die Bauarbeiter waren hinter uns her. Und das schneller als wir ahnten und pl\u00f6tzlicher als wir uns das ausgerechnet hatten. Am Anfang beachteten sie uns kaum, lachten ein wenig \u00fcberheblich und hatten wohl gedacht, so kleine Knirpse w\u00fcrden es nicht wagen. Als wenn wir genau das gesp\u00fcrt hatten, hat uns diese Haltung nur angestachelt. Wir wollten f\u00fcr voll genommen werden. Seit wir begonnen hatten unseren H\u00fcgel zu verteidigen, hatten wir viel Zeit und vor allem jede Menge Energie in unseren Widerstand gesteckt. Der H\u00fcgel ist zu von einer vagen Idee zu einer Aufgabe geworden, zu unserer Aufgabe, zu unserer Hingabe und dem alleinigen Fokus, weswegen wir morgens sehr zum Erstaunen unserer Eltern bereits fr\u00fcher als gew\u00f6hnlich aufstanden, unsere Sachen packten und allein unser Fr\u00fchst\u00fcck machten. Wir wollten m\u00f6glichst fr\u00fch da sein. Wir, dass waren im Kern zehn Jungs aus der Unterstufe, am Anfang ein paar mehr, nachher eher weniger. Einige hatten die Segel gestrichen, als der erste Spa\u00df vorbei war und die ersten Eltern \u00c4rger machten. Die Schulleitung hatte noch nicht so richtig Wind davon bekommen, aber es konnte nicht mehr lange dauern, bis die auch ganz offiziell da einschreiten w\u00fcrde. Die beiden Schnellsten waren schon an der T\u00fcr und stemmten sie auf. Einer hielt sie f\u00fcr die anderen auf, der Pulk schoss in den quadratischen Pausenraum mit dem kleinen Brunnen an der Wand, in dem ein in die Wand eingelassener Pelikan mal Wasser gespieen hat. Heute schaute er nur den Sch\u00fclern in der Pause zu. Als der letzte drinnen war fiel die T\u00fcr mit dem gewohnten Ton schwer ins Schloss. Wir schauten uns um. Sie ging nicht wieder auf. Die dicken Bauarbeiter folgten uns nicht bis hierhin. Das war knapp. Wir schauten uns erleichtert an. Einer fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nie wieder wollten wir weglaufen, was sollten die Bauarbeiter schon tun, Kinder verpr\u00fcgeln? Die Chancen standen gut f\u00fcr uns uns. Je kleiner wir waren, desto besser. Thomas hatten sie auch nur an den Ohren gezogen, seine Wasserbomben abgenommen, die er auch beim Laufen nicht losgelassen hatte und sich einen Spa\u00df daraus gemacht ihm ordentlich Schiss einzufl\u00f6\u00dfen. Er hatte sich dabei nass gemacht, das war es dann aber auch schon. Er stand heute wieder mit uns dabei und war festentschlossen. Er hatte noch eine Rechnung mit den Bauheinis offen. Es war noch vor Schulbeginn, halb acht oder so. Wir standen bereit, hatten uns bewaffnet mit Wasserbomben, waren aber vor allem entschlossen den H\u00fcgeln nicht zu verlassen. Die ersten Meter waren schon angebaggert, als h\u00e4tte jemand von dem H\u00fcgel abgebissen. Es war h\u00f6chste Zeit. Mit dem Bagger dauerte das keine zwei Tage mehr und der H\u00fcgel war Geschichte. \u00dcberzeugt davon, das wir das tats\u00e4chlich verhindern konnten hatten wir uns am Flatterband vorbei Zugang zum H\u00fcgel verschafft. Als der Bautrupp anr\u00fcckte, staunten die M\u00e4nner nicht schlecht \u2013 da standen wir schon wieder und hatten das Plakat \u201ewir gehen hier nicht weg\u201c gehisst. Das alte hatte eine unserer M\u00fctter verschwinden lassen, wegen des bemalten Bettlakens hatte es auch reichlich \u00c4rger gegeben. Wir sind daher jetzt auf Pappe ausgewichen. Wir waren nerv\u00f6s, aber keiner wollte weggehen. Noch war die Chance da. Die Bauleute riefen eher nebenbei, dass wir verschwinden sollen, dann noch was von Hosenschei\u00dfern, aber dabei belie\u00dfen sie es auch zun\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Bagger anfingen weiter an dem H\u00fcgel zu nagen, fingen wir an zu schreien und zu protestieren. Die ersten Wasserbomben flogen, was v\u00f6llig unn\u00f6tig war, denn mittlerweile hatte es angefangen zu regnen und der Boden wurde immer matschiger. Die Bauarbeiter f\u00fchlten sich trotzdem angemacht und wurden sauer und fingen an, Dinge zur\u00fcck zu schmei\u00dfen. Vor allem flog Matsch und Sand, dann machte einer einen Schlauch an und das Wasser kam auch von vorn und das mit einem ganz sch\u00f6nen Druck. Wir versuchten uns zu sch\u00fctzen, blieben aber stehen und fingen ebenfalls an mit Matsch zu werfen. Den gab es ja mittlerweile reichlich. Wir standen bis zu den Kn\u00f6cheln drin in dem aufgeweichten Boden. Es entwickelte sich eine echte Schlacht, bei der wir ein paar gute Treffer landen konnten. Die Schulglocke hatte bestimmt schon gel\u00e4utet, wir haben es nicht geh\u00f6rt. Daf\u00fcr hatten sich am Flatterband ein paar unserer Mitsch\u00fcler versammelt und feuerten uns an. Gro\u00dfe wie kleine. Einige der Obersch\u00fcler konnten sich offenbar f\u00fcr die Schlammschlacht begeistern und fingen an von der Seite die Matschbomben zu werfen. Zwar hielt der immer st\u00e4rker werdende Regen die meisten davon ab, lange dabei zu bleiben, aber ein paar wollten es schon wissen. Es flog der Dreck durch die Luft, der Strahl aus dem Wasserschlauch sorgte daf\u00fcr, das wir auch garantiert von allen Seiten nass wurden, die Obersch\u00fcler schrieen Parolen, die wir gar nicht verstanden und ehrlich gesagt mit dem H\u00fcgel auch nicht mehr viel zu tun hatten. Da war von System die Rede, Unterdr\u00fcckung, Kapitalismus und so\u2018n Zeug. Die Bagger hatten zwischenzeitlich aufgeh\u00f6rt zu graben, jetzt aber ging er wieder an. Einem der dicken M\u00e4nner war das wohl alles zu dumm und er wollte Tatsachen schaffen. Mitten in dem Spektakel begann er brutaler als vorher in den H\u00fcgel zu sto\u00dfen und das Loch zu vergr\u00f6\u00dfern, w\u00e4hrend die Obersch\u00fcler, wir und die andern Bauarbeiter uns mit Matsch, Wasser und l\u00e4cherlichen Parolen bewarfen. V\u00f6llig nass inzwischen hatten wir den Schulbeginn vollkommen vergessen. Die Zuschauer waren alle weg. Wir standen oben auf dem H\u00fcgel, der Bagger kam immer n\u00e4her, noch ein paar Mal und wir w\u00fcrden in der Schaufel oder in dem Loch liegen, als der Bagger pl\u00f6tzlich stoppte, die Schaufel einen Meter vor und \u00fcber unseren K\u00f6pfen. Irgendein Erwachsener schrie und lief wild fuchtelnd \u00fcber die Baustelle. Noch mehr Verst\u00e4rkung? Eher nicht. Unser Klassenlehrer mit einem Regenponcho br\u00fcllte die Bauleute an, der Direktor neben ihm, versteckt untern Regenschirm, uns. Im Hintergrund sahen wir ein gr\u00fcnes Polizeiauto. Das Blaulicht drehte sich, die Sirene war nicht zu h\u00f6ren. Als wir schon auf dem Weg ins Schulgeb\u00e4ude waren, wurde auf der Baustelle immer noch gebr\u00fcllt, Worte wie Anzeige, Schadenersatz, Pr\u00fcgel und ein paar saftige Beleidigungen konnten wir noch h\u00f6ren. Dann fiel die dicke T\u00fcr hinter uns zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Als unsere Eltern uns aus der Schule abholten, sa\u00dfen wir auf der Bank vor dem Zimmer des Direktors, unter uns eine Wasserpf\u00fctze, wir immer noch in den nassen Klamotten. Wir warteten, warteten darauf, dass unsere Eltern rein gingen und nach 5 Minuten wieder raus. Einer nach dem anderen. Dann wurden wir meistens wortlos mit einem Kopfnicken und einer kurzen Handbewegung aufgefordert mit zu kommen. Einer nach dem anderen verschwand von der Bank. Meine Eltern kamen nicht. Nachdem ich zwei Stunden da gesessen hatte, bekam ich einen Brief in die Hand, den hatte ich am n\u00e4chsten Tag wieder zur\u00fcck zu bringen, unterschrieben. Ich konnte also so nach Hause gehen. Fast trocken inzwischen wieder. Der Weg nach Hause waren die l\u00e4ngsten 800 Meter meines bisherigen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Wochen sp\u00e4ter begannen die Hamburger Skiferien, recht fr\u00fch, gleich in der ersten M\u00e4rzwoche. Das Wetter war immer noch bescheiden. Der H\u00fcgel mittlerweile weg. Um die Baustelle gab es einen Holzzaun, an den wir noch ein paar Forderungen und Parolen schmierten. Die Baustelle selbst haben wir nicht mehr betreten. \u00c4rger, ach ja. Erstaunlicherweise haben meine Eltern den Brief so unterschrieben, der gro\u00dfe \u00c4rger blieb aus. Meine Mutter schimpfte ein wenig, meine Vater schien so etwas wie stolz \u00fcber unseren Protest zu empfinden. Dabei hatte ich mir auf dem Nachhauseweg die abenteuerlichsten Ausreden ausgedacht. War dann alles halb so schlimm. Sie musste noch mal in die Schule, fanden den Direktor dann aber auch reaktion\u00e4r und somit blieb es bei der Ermahnung. Nicht alle von uns hatten so viel Gl\u00fcck. Nach den Ferien war der Bauzaun zwar immer noch da, aber man konnte schon die Umrisse des sp\u00e4teren Kindergartens erkennen. Der Rohbau aus Holz stand bereits. Nach den Sommerferien war er fertig und kleine Rotzg\u00f6ren spielten auf dem frisch angelegten Spielplatz hinter einem Zaun. Jahre sp\u00e4ter wurde der Bau erweitert, gr\u00f6\u00dfer gemacht, ein Basketballplatz angelegt, ein Fu\u00dfballk\u00e4fig, einen H\u00fcgel gab es nicht mehr. Wo die Kinder dort im Winter jetzt schliddern sollten war mir ein R\u00e4tsel, interessierte mich aber auch immer weniger. Wir durften eine Weile nicht vor die Schule in der Pause, sondern nur auf den Schulhof. So richtig raus ging es erst wieder in der Oberstufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Entfernung war der Kindergartenbau zu erkenne, davor ein Spielplatz au\u00dferhalb des umz\u00e4unten Bereiches. M\u00fctter, V\u00e4ter, Kinder spielten. Kindergarten, Spielplatz und die gesamte Anlage waren Teil eines langen Parkstreifens, der sich an dem Kanal entlangzog. Sch\u00fcler fuhren vorbei, schlossen ihre Fahrr\u00e4der an den St\u00e4ndern vor der Treppe ab und gingen zur Schule. Immer noch mussten sie durch das gro\u00dfe Portal mit der dicken T\u00fcr. Der Pinguin wartete in der Halle auf sie. Nichts erinnerte an einen matschigen, nassen und aus heutiger Sicht unsinnigen Kampf von ein paar Unterstufensch\u00fclern, die es wie die Gro\u00dfen machen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00f6ffnete die Augen und ging weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Nils Zurawski, 2015, Diese Kurzgeschichte ist 2018 in der Festschrift zum 125-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums meiner alten Schule, dem Kaiser-Friedrich-Ufer-Gymnasium, erschienen. 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