{"id":1878,"date":"2020-10-07T14:49:31","date_gmt":"2020-10-07T12:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/?page_id=1878"},"modified":"2025-09-24T21:22:52","modified_gmt":"2025-09-24T19:22:52","slug":"als-ich-ueber-dem-grab-von-max-weber-adorno-fast-auf-die-fresse-gehauen-haette","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/?page_id=1878","title":{"rendered":"\u201eAls ich \u00fcber dem Grab von Max Weber Adorno fast auf die Fresse gehauen h\u00e4tte\u2026..\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">(eine Kurzgeschichte nach einer wahren Anekdote. Aufgezeichnet und weitergepsponnen von Nils Zurawski, 2016)<\/h5>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Max und Marianne<\/h4>\n\n\n\n<p>Wenn man von der Rohrbacherstra\u00dfe kommt, windet sich ein Weg den H\u00fcgel hoch, fast wie alpine Serpentinen. Ges\u00e4umt von B\u00e4umen, bl\u00fchenden Stauden, frischen Blumen und Kr\u00e4nzen lagen die Gr\u00e4ber im fahlen Sommerlicht, das durch die Laubkronen schien. Der Bergfriedhof von Heidelberg war zu jederzeit ein Besuch wert, an einem frischen Fr\u00fchsommertag aber besonders. Noch unber\u00fchrt lag der Park da. Wenige Menschen waren unterwegs. Ein paar G\u00e4rtner k\u00fcmmerten sich um Park und Gr\u00e4ber. Man musste dem Weg ein paar Schleifen lang folgen, der Blick lohnte sich mit jeder Kurve mehr, die man den H\u00fcgel hinauf stieg. Die Gr\u00e4ber wurden gr\u00f6\u00dfer, Familiengruften mit gro\u00dfen Steinen begleiteten den Weg. Als es wieder etwas flacher wurde, eine Art Plateau, an einer kleinen Wegabzweigung, lag es da. Das Grab von Max und Marianne Weber. Dem gro\u00dfen deutschen Soziologen und seiner Frau. Ein riesiger Stein, verwaschen, mit einer Erkl\u00e4rtafel daneben, damit zuf\u00e4llige Besucher auch wussten, wessen Grab sie hier bestaunen konnten. Der Grabplatz war enorm gro\u00df im Vergleich zu den umliegenden Ruhest\u00e4tten, nicht ganz ordentlich an diesem Tag, daf\u00fcr erreichten den an den R\u00e4ndern bemoosten Stein die ersten Strahlen, die durch die B\u00e4ume kamen. \u201eMax Weber 1864 &#8211; 1920\u201c lautet die Inschrift, daneben die Geburts- und Todesdaten seiner Frau Marianne.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1964 \/ Emmendinger<\/h4>\n\n\n\n<p>\u201eEmmendinger, kommen Sie rein!\u201c<br>\u201eChef?!\u201c Johann \u201eDscho\u201c Emmendinger betrat das B\u00fcros des Chefredakteurs der Neckarzeitung und wartete. Alois Becker war noch damit besch\u00e4ftigt ein Telegramm zu lesen, erst danach schaute er hoch und Emmendinger an.<br>\u201eSie machen den Kongress. 100 Jahre Max Weber, heute kommen die Amerikaner, die Exilanten, Adorno wird die Er\u00f6ffnungsrede halten. Au\u00dferdem soll er einen Kranz am Grab von Weber niederlegen. Sie gehen in den Heidelberger Hof und schauen, ob sie etwas zu berichten finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Emmendinger schaute ihn an. Soziologen, dachte er entt\u00e4uscht, Kracherthema. Er nickte, dem Kopf gesenkt. Was h\u00e4tte er auch tun sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs gibt da einen Assistenten, der organisiert hier alles vor Ort. Fragen Sie den, der kann<br>Ihnen bestimmt helfen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Emmendinger r\u00fchrte sich nicht, dachte da kam noch was. Kam aber nicht. Becker hatte den Kopf schon wieder gesenkt und las in den Papieren, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Als sich Emmendinger nicht r\u00fchrte, schaute er nochmal kurz hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWorauf warten Sie? Auf dem Platz sind Sie doch auch schneller!. Wie l\u00e4uft es \u00fcbrigens?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Emmendinger schaute \u00fcberrascht. Seit wann interessiert sich sein Chef f\u00fcr Rugby. Er spielte bei der Rudergesellschaft, die in diesem Jahr nicht ins Finale gekommen war. Die Meisterschaft war im Norden geblieben. Hannover 78 hatte St. Pauli geschlagen. Der S\u00fcden, Heidelberg, ging in diesem Jahr leer aus. Das schmerzte alle hier sehr. In der Regel waren die Endspiele eine Sache zwischen Hannover und Heidelberg, mal die, mal wir, aber in diesem Jahr kamen die Hamburger mit ihrem starken Team dazwischen. Emmendinger war Au\u00dfendreiviertel. Becker hatte noch nie Interesse f\u00fcr seinen Sport gezeigt, ganz der Intellektuelle, der er war oder sein wollte. Warum sonst das Interesse an einem Soziologenkongress. Aber Heidelberg war eine Studentenstadt, die Gelehrten waren eine Gr\u00f6\u00dfe hier und Max Weber insbesondere.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNaja. Die Meisterschaft ist im Norden geblieben. Die Heidelberger waren nicht dabei. Keine der gro\u00dfen Mannschaften!\u201c<br>\u201eDann halt im n\u00e4chsten Jahr. Und nun sehen Sie zu, dass Sie das ordentlich machen. Da kommt Prominenz in die Stadt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt konnte er gehen. Becker beachtete ihn nicht mehr. Emmendinger verlie\u00df das B\u00fcro, sammelte an seinem Schreibtisch in der Redaktion noch Block und Bleistift ein und verlie\u00df den Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMax Weber\u201c, murmelte er vor sich hin, \u201eausgerechnet\u201c. In Heidelberg war an dem Gr\u00fcndungsvater der deutschen Soziologie kein Vorbeikommen.Lange hatte er hier residiert und gelehrt, wichtige Werke verfasst. Zu seinem 100sten Geburstag hatte die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Soziologie den Ort ihres Soziologentages dann eben nicht zuf\u00e4llig nach Heidelberg gelegt. Er musste jetzt diesen Assistenten finden, aber vorher noch im Heidelberger Hof vorbeischauen und sehen, was er rausfinden konnte. Er kannte eines der Zimmerm\u00e4dchen, Ingrid, ihr Bruder spiele mit ihm bei der Rudergesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Heidelberger Hof<\/h4>\n\n\n\n<p>Als er das Foyer betrat herrschte einigerma\u00dfen Betrieb im Hotel. Es standen einige Limousinen vor dem Portal, Tr\u00e4ger schleppten gro\u00dfe Koffer, es wurde Englisch gesprochen, auch franz\u00f6sisch, eine fast weltl\u00e4ufige Gesch\u00e4ftigkeit im kleinen Heidelberg. Emmendinger suchte Ingrid. Sie rauchte eine Zigarette in dem kleinen Hof bei der W\u00e4scherei. Viel wusste sie nicht, aber dass das Hotel ganz sch\u00f6n in Aufregung war, auch weil die Universit\u00e4t, der Rektor und einige der Professoren ziemlich viel Wind machten. Den Assistenten hatte sie auch schon mal gesehen, ein ganz netter Typ, etwas verwirrt meinte sie. Der sei f\u00fcr f\u00fcr die ganzen Kleinigkeiten zust\u00e4ndig, war bestimmt einmal am Tag hier und organisierte die Zimmer und was so anfiel. Er m\u00fcsse am Empfang nur fragen, die helfen ihm bestimmt. Er gab ihr einen Kuss und lie\u00df ihr seine Schachtel amerikanischer Zigaretten da, die er von einem seiner amerikanischen Soldaten-Freunde bezog. Zur\u00fcck im Foyer ging er schnurstracks zur Rezeption und sprach mit Karl, der Dienst hatte. Er kannte Karl noch von der Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKennst du den Typen von der Uni, der hier was mit dem Kongress zu tun hat?\u201c<br>\u201eKlar.\u201c\u2028\u201eUnd?\u201c<br>\u201eDer kommt meist gegen Mittag. Heute ist der aber schon da, weil die amerikanischen G\u00e4ste eintreffen. Ich hab ihn schon gesehen. Soll ich suchen?\u201c<br>\u201eBitte\u2026.\u201c<br>Karl verschwand durch die T\u00fcr hinter ihm. Als er wieder kam, grinste er.<br>\u201eMuss gleich runter kommen. Der bringt Herrn Adorno gerade auf sein Zimmer.\u201c<br>\u201eAdorno\u201c, dachte sich Emmendinger. Auch wenn er nicht vom Fach war, so war ihm der Name doch gel\u00e4ufig. Philosoph, eine echte Gr\u00f6\u00dfe. Becker hatte von ihm als einem der Emigranten gesprochen, die zum Kongress kommen w\u00fcrden. Dabei war er schon zehn Jahre wieder in Deutschland und seit einem Jahr Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl tippte ihm auf die Schulter und zeigte mit einem Kopfnicken auf die zwei M\u00e4nner, die die Treppe runtergingen. Ein kleiner mit Glatze, dicken Brillengl\u00e4sern und einem starren Blick vorweg, ein junger hinterher, sichtlich genervt. Emmendinger ging auf die beiden zu. Der kleine Mann ging stumpf an ihm vorbei. Beachtete ihn nicht. Der andere blieb stehen. Beide sahen Adorno nach wie er zur Rezeption ging, wo er Karl ansprach. Dann diskutierten sie und es dauerte nicht lang und Karl holte seinen Chef. Der Assistent stellte sich als Christian vor. Er war nett, ein wenig nerv\u00f6s, vor allem aber entnervt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist passiert?\u201c, fragte Emmendinger.<br>\u201eAdorno wollte eine Badewanne, das Zimmer hat aber nur ein Dusche. Au\u00dferdem waren ihm die Bettdecken zu d\u00fcnn, er w\u00fcrde immer so frieren um diese Jahreszeit\u2026 .\u201c<br>\u201eUnd?\u201c<br>\u201eNaja, nach einigem Theater im Zimmer, regelt er die Sachen jetzt mit dem Direktor selbst. Eine echte Diva der kleine Mann.\u201c<br>\u201eWo k\u00f6nnen wir uns ungest\u00f6rt unterhalten. Ich brauche ein paar Infos zum Kongress, zu den G\u00e4sten. K\u00f6nnen Sie mir da helfen?\u201c<br>\u201eIch denke schon. Wenn Sie Zeit haben, begleiten Sie mich doch, ich m\u00f6chte meine Frau von der Schule abholen, auf dem Weg k\u00f6nnen wir reden, vielleicht noch etwas zu Mittag essen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg erfuhr Emmendinger, dass die Deutschen ihre amerikanischen Kollegen mit Nervosit\u00e4t erwarteten, aber insbesondere auch Theodor Adorno aus Frankfurt. Aber nicht nur das machte alle nerv\u00f6s. Die Professoren hierzulande hatten auch allein schon genug Streit und Eitelkeiten auszutragen. Adorno sollte von Christian besonders betreut werden. Einer der H\u00f6hepunkte sollte eine Kranzniederlegung am Grab von Max Weber sein, wof\u00fcr er alles organisieren sollte. Sein Chef verlie\u00df sich auf Christian, war er doch zu sehr mit seinem Er\u00f6ffnungsvortrag besch\u00e4ftigt, au\u00dferdem extrem kompliziert. Die Kranzniederlegung auf dem Heidelberger Bergfriedhof sollte morgen stattfinden. Emmendinger sah das Foto schon vor sich: Adorno am Grab von Max Weber mit Kranz. Schlagzeile: \u201eDer R\u00fcckkehrer ehrt den Vater der deutschen Soziologie.\u201c Er m\u00fcsste in der Redaktion nach einem Fotografen fragen. Aber da kannte er schon einige.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWann morgen?\u201c<br>\u201eIch werde Adorno so gegen zehn am Nachmittag im Hotel abholen. M\u00fchlmann leiht mir sein Auto.\u201c<br>\u201eIch werde am Friedhof auf Sie warten, dann machen wir da ein Foto und ich schreibe eine sch\u00f6ne Geschichte als Vorbericht zum Kongress, was meinen Sie?\u201c<br>\u201eAbgemacht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Christian erz\u00e4hlte ihm noch von dem Programm, dem Ablauf, der Er\u00f6ffnungsveranstaltung, wann er selbst seinen Vortrag halten sollte. Mit dem Titel fing Emmendinger nichts an \u2013 \u201eMax Weber und der heutige Stand der Paria-Forschung\u201c \u2013 immerhin ging es um Max Weber, das fand er gut. Vielleicht w\u00e4re da noch Platz im Artikel f\u00fcr Christian. Das musste er aber erst sp\u00e4ter entscheiden. Sie unterhielten sich noch eine Weile, a\u00dfen eine Suppe und nahmen danach noch einen Kaffee.<br>\u201eDann bis morgen also. ich muss noch mal in die Redaktion, ein paar Sachen erledigen.\u201c<br>\u201eJa bis morgen. Ich muss auch noch Mal in die Universit\u00e4t.\u201c<br>Sie gaben sich die Hand, verabschiedeten sich und gingen in verschiedene Richtungen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Balkon<\/h4>\n\n\n\n<p>Emmendinger machte einen kurzen Stopp in der Redaktion, besprach sich kurz mit Becker, der ihm Schorsch Werle als Fotografen einteilte. Ein erfahrener Mann. Mit Schorsch verabredete sich Emmendinger zu halb zehn am n\u00e4chsten Tag am Verlagshaus. Dann verlie\u00df er die Redaktion. Er wollte vor dem Training noch eine Stunde schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er vom Training nach Hause fuhr, h\u00e4tte er die beiden fast \u00fcber den Haufen gefahren. Christian, der Assistent und dessen Frau standen vor einem Haus in der kleinen Gasse im Heidelberger Zentrum, schauten sich um, unterhielten sich, berieten. Es war offensichtlich, dass sie ein Problem hatten, aber keine L\u00f6sung. Emmendinger war fast vorbei gefahren, als er sie sah, bremste und drehte sich um.<br>\u201eChristian, sind Sie das?\u201c<br>\u201eJohannes?\u201c<br>\u201eDscho\u2026!\u201c<br>\u201eWir haben keinen Schl\u00fcssel dabei. Wir haben den wohl beim Gehen vergessen oder ich habe ihn im Institut liegen gelassen.\u201c<br>\u201eKann ich Ihnen irgendwie helfen?\u201c<br>\u201eIch wei\u00df nicht. Wir werden wohl in ein Hotel gehen m\u00fcssen\u2026 .\u201c<br>\u201eDer Hauseigent\u00fcmer\u2026wohnt der hier?\u201c, wandte Emmendinger fragend ein.<br>\u201eJa, aber lieber nicht, wir haben die Wohnung noch nicht lang. Um diese Zeit, das k\u00f6nnte er uns \u00fcbel nehmen.\u201c<br>Emmendinger \u00fcberlegte kurz, sah sich um, sah am Haus hoch und dachte kurz nach.<br>\u201eVielleicht wei\u00df ich da etwas. Wo wohnen Sie in dem Haus?\u201c<br>\u201e3. Stock\u201c, sagte Christian \u00fcberrascht.<br>\u201eIch habe einen Freund, der wohnt im Nachbarhaus, vielleicht kann der uns helfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Emmendinger lie\u00df ein Rad stehen und klingelte am Haus nebenan. Es war sp\u00e4t, aber noch nicht zu sp\u00e4t. Ein Fenster ging auf, ein Gesicht schaute heraus,<br>\u201eDscho\u2026?\u201c<br>\u201eAlfons, ich bin es. Mach uns auf, Du musst uns helfen.\u201c<br>Kurz darauf ging die T\u00fcr auf, Alfons stand in der T\u00fcr. Emmendinger erkl\u00e4rte die Lage. Sein Plan k\u00f6nnte funktionieren. Vom Dachboden aus sollte sich Christian auf seinen eigenen Balkon abseilen, die Balkont\u00fcr \u00f6ffnen und w\u00e4re in seiner eigenen Wohnung. Alfons, ein Freund und Mitspieler von Emmendinger ging in den Keller und sucht nach einem festen Seil.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfons und Emmendinger hielten das Seil, Christian stieg aus der Dachluke, das Seil um seinen Bauch gebunden wie bei einem Bergsteiger. Seine Frau schaute dem ganzen skeptisch, \u00e4ngstlich zu und rief in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden mit ihrer hohen Stimme seinen Namen. Sie schaute aus der Dachluke und versucht die beiden auf dem Dachboden zu dirigieren, denn der Abstieg war nicht ohne. Christian hing an dem Seil, baumelte vom Dach herunter. Sein Balkon war der erste von oben, nur lag er nicht in einer Linie mit dem Fenster. Die beiden M\u00e4nner hielten das baumelnde Seil und Christian versuchte sich auf seinen Balkon zu schwingen. Nach zehn Minuten landete er mit knapper Not auf dem Balkon. Er \u00fcberlegte nicht lange und zerschlug die Balkontu\u0308r. Das Glas k\u00f6nnte man leicht ersetzen. Er machte den anderen auf und holte ohne zu fragen eine Flasche Cognac hervor. Er goss vier Wassergl\u00e4ser voll. Nach dem dritten begann Christian ein wenig zu erz\u00e4hlen. Vor allem \u00fcber seinen Chef, M\u00fchlmann, mit dem es nicht immer einfach w\u00e4re. Eigentlich wollte er gar nicht nach Heidelberg. Er kam aus Freiburg, aber als junger Assistent musste er nehmen, was es so an Stellen gab. F\u00fcr M\u00fchlmann sei er hergekommen, aber in Freiburg h\u00e4tten sie ihn auch schon gefragt. Ein Professor Popitz oder so\u2026 Es ging so eine ganze Weile weiter. Emmendinger schwirrte der Kopf. Namen, wissenschaftliche Fragen, soziologische Aufs\u00e4tze. Das war nicht seine Welt. Christians Frau hatte derweil Schnittchen gemacht. Eine gute Idee zum Cognac.<br>Teil von Christians Arbeit war es auch, zwei Kongresse mit zu organisieren, und zwar den V\u00f6lkerkunde-Kongress im letzten Jahr und den Max-Weber-Kongress, der morgen Nachmittag mit der Kranzniederlegung auf dem Friedhof f\u00fcr Christian inoffiziell und mit einer gro\u00dfen Festvorlesung in der Universit\u00e4t offiziell begann. Ansonsten musste er vor allem M\u00fchlmann bei seinen Seminaren helfen, Vorbereitung, Nachbereitung, die Studenten betreuen. Emmendinger konnte zwischen Schnittchen und Cognac aus den Erz\u00e4hlungen heraush\u00f6ren, dass Christian sich besser als die anderen Assistenten f\u00fchlte und sich au\u00dferdem ein Krach mit M\u00fchlmann anbahnte. Wenn nicht w\u00e4hrend des Kongresses, so doch gleich danach. Er wollte nach Freiburg. Nach mehreren Cognac schien sich Christian immer sicherer zu werden, seine Frau versuchte ihn zu beruhigen, denn er steigerte sich immer mehr rein. Sie war nach dem zweiten Glas bereits auf Wasser umgestiegen, w\u00e4hrend Emmendinger den Cognac brauchte um mitzukommen, und Christian jetzt erst so richtig in Fahrt kam. Nachdem Alfons sich verabschiedete, trank Emmendinger noch ein letztes Glas und machte sich ebenfalls auch den Weg nach Haus. Morgen, vier Uhr, rief er noch durch das Treppenhaus. Sein Fahrrad schob er.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Kranz<\/h4>\n\n\n\n<p>Das Wummern aus seinem Kopf ging nicht weg. Es wurde doller, dann sogar rhythmisch, bis er von Ferne seinen Namen h\u00f6rte.<br>\u201eEmmendinger, bist Du da?\u201c<br>Das Rufen wurde lauter. Der L\u00e4rm kam n\u00e4her. Emmendinger schreckte hoch.<br>\u201eEmmendinger, Mach die T\u00fcr auf, wir sind sp\u00e4t dran.\u201c<br>Schorsch Werle h\u00e4mmerte an seine T\u00fcr. Emmendinger sah auf den Wecker, halb zehn. Er hatte verschlafen. Zu viel Cognac.<br>Er \u00f6ffnete. Schorsch stand da, Kamera um den Hals.<br>\u201eMooch hii\u201c, pflaumte er Emmendinger in seinem derben heidelberger Dialekt an.<br>\u201eViel?\u201c<br>\u201eGeht. Isch hob gedocht, i schau glei noch, wo du net beim Verlag warsch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Auto sagte er wenig, noch war Zeit. Christian wollte Adorno um zehn Uhr im Hotel abholen. Sie waren auf jeden Fall vor ihnen am Friedhof. Weit war es nicht. Die Cognacs gestern hatten ihm zugesetzt. Ganz frisch f\u00fchlte er sich immer noch nicht. Wieviel genau es waren, bekam er nicht mehr zusammen. Er hatte vor allem getrunken, zusammen mit Alfons. Christian hatte geredet und getrunken. Er hatte ganz sch\u00f6n angegeben. Trotzdem, Emmendinger mochte ihn. Er wollte auf keinen Fall zu sp\u00e4t kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie mussten unten am Friedhof parken gleich hinter dem Tor. Es war ein sch\u00f6ner Tag, der Friedhof kaum besucht an diesem Freitagmorgen. Sie machten sich im Laufschritt auf den Weg, den Anstieg hoch zu Max Webers Grab. Emmendinger f\u00fchlte sich elend, die erste Euphorie nach dem Aufstehen wich seinem Kater. Mehrmal musste er kurz anhalten und tief Luft holen, er wollte sich hier auf dem Friedhof nicht auch noch \u00fcbergeben. Als sie Max Webers Grab n\u00e4her kamen, h\u00f6rten sie Stimmen. Christian und Adorno mussten schon da sein. Die Stimmen wurden lauter. Stritten sie? Als sie fast oben waren hielt Emmendinger den Fotografen Werle zur\u00fcck: \u201eWarte!\u201c Sie standen gut und konnten die beiden Soziologen beobachten, ohne dass diese auf sie aufmerksam wurden. Adorno schaute Christian mit seinen gro\u00dfen Augen fragend an. Irgendwas zwischen Wut und Verst\u00e4ndnislosigkeit, zwischen Entt\u00e4uschung und tiefer Kr\u00e4kung. Christian gestikulierte aufgeregt vor sich hin, lief ein St\u00fcck zur\u00fcck, drehte sich um, blieb stehen, sch\u00fcttelte den Kopf, kehrte um und hielt beiden Arme fragend herab. Er konnte seine Wut kaum im Zaum halten, man sah es ihm an. Die H\u00e4nde zitterten, er versuchte sie mit Macht gerade nach unten zu strecken, keine offene Drohung auszusenden. Laut genug f\u00fcr die beiden heimlichen Beobachter sagte er: \u201eWas wollen Sie, Professor Adorno?\u201c Adorno hielt einen Kranz in der Hand, linkisch, umst\u00e4ndlich hantierte er mit dem Blumengebinde. Worum es genau ging, war nicht genau auszumachen. Christian bedeutete Adorno den \u201everdammten\u201c Kranz endlich hinzulegen und unterstrich das mit der entsprechenden Handbewegung. Der sah ihn an, immer noch erstaunt, als verst\u00fcnde er die ganze Aufregung nicht, die Christian sichtbar zur Wei\u00dfglut brachte. Er ballte die Faust, bewegte den Arm zur\u00fcck, warf den Kopf zur\u00fcck und schaute in die Luft, als wenn von dort die L\u00f6sung f\u00fcr das offentliche Problem kam. Lie\u00df die Schultern fallen uns sackte symbolisch in sich zusammen nur um im n\u00e4chsten Moment mit voller Anspannung auf Adorno zuzugehen, der K\u00f6rper nach vorn geneigt, angriffslustig, w\u00fctend. Das war der Moment in dem sich Emmendinger entschloss sein Versteck zu verlassen. Er und Werle gingen die letzten Meter schnellen Schrittes auf die beiden Streith\u00e4hne zu, die sie kaum bemerkten.<br>\u201eGuten Morgen Christian. Herr Professor Adorno\u2026 Entschuldigen Sie die Versp\u00e4tung\u2026\u201c<br>Adorno sah die beiden verst\u00e4ndnislos an, sah zu Christian, zum Fotografen, zum Grab und legte den Kranz ab. Christian hatte immer noch die Faust geballt, lie\u00df den Arm jetzt aber sinken.<br>\u201eWir w\u00fcrden gern ein Foto von Ihnen machen, wie sie den Kranz niederlegen. W\u00e4re das in Ordnung f\u00fcr Sie?\u201c<br>Adorno sagte gar nichts, nickte nur, Christian dirigierte ihn sanft, aber bestimmt vor das Grab. Werle schaute sich das Licht an, wartete und dr\u00fcckte dann ein paar Mal ab.<br>\u201eI hobs! Dscho, gehen wir?!\u201c<br>Emmendinger blickte zu Christian. Christian zu Adorno, bedeutete ihm den Kranz liegen zu lassen und zu gehen. Sie gingen vor, Adorno folge verwirrt dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas war los?\u201c<br>\u201eEr war nur am Zetern, das Hotel passt ihm nicht, die Wanne war nicht richtig, \u00fcberhaupt war die Betreuung nicht nach des Herrn Gusto. Dann hier am Grab. Ihm passte das alles nicht, sein Vortrag sei nicht genug gew\u00fcrdigt. Das Fotos sei profanes Zeug, warum er hier \u00fcberhaupt sein m\u00fcsste\u2026 so ging das seit ich ihn aus dem Hotel abgeholt habe. Der Herr hatte wohl schon schlecht geschlafen, \u00fcberhaupt Heidelberg. Wenn Sie nicht gekommen w\u00e4ren, h\u00e4tte ich ihm wohl auf die Fresse gehauen\u2026 Ich k\u00f6nnte jetzt einen Cognac brauchen, wie siehts bei Ihnen aus?\u201c<br>\u201eZu fr\u00fch f\u00fcr mich. Ich muss jetzt in die Redaktion, den Artikel schreiben, Werle muss den Film abgeben. Vielleicht sp\u00e4ter, heute Abend?!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verabredeten sich in der Altstadt f\u00fcr um f\u00fcnf Uhr, danach m\u00fcsste Christian zum Er\u00f6ffnungsvortrag von Adorno. Emmendinger ging in die Redaktion. Dort traf er auf Becker, der auf dem Weg zum Mittagessen war.<br>\u201eHaben Sie alles? Hat es geklappt?\u201c<br>\u201eJa, aber fragen Sie nicht. Was ein Durcheinander.\u201c<br>\u201eEssen?\u201c<br>\u201eNein, danke, ich schreibe den Artikel fertig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Becker sah ihn an, nickte, sch\u00fcttelte den Kopf, nahm seinen Hut und ging weiter.<br>\u201eUnd fragen Sie mich nie wieder, wenn ein Kongress in der Stadt ist\u201c, schickte er dem gehenden Becker halblaut hinterher, \u201edie sind alle bescheuert!\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2016<\/h4>\n\n\n\n<p>Wenn man heute das Grab von Max und Marianne Weber besuchen will, k\u00f6nnte einem ein kleines Grab in dem Weg auffallen, der linker Hand davor abging. Eine bescheidene Platte mit den Daten von zwei Personen. Eine davon liest sich \u201eChristian Sigrist 1935 &#8211; 2015. Ein kluger Querkopf\u201c. Um ein Haar h\u00e4tte er Theodor Adorno \u00fcber dem Grab von Max Weber damals auf die Fresse gehauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(eine Kurzgeschichte nach einer wahren Anekdote. Aufgezeichnet und weitergepsponnen von Nils Zurawski, 2016) Max und Marianne Wenn man von der Rohrbacherstra\u00dfe kommt, windet sich ein Weg den H\u00fcgel hoch, fast wie alpine Serpentinen. Ges\u00e4umt von B\u00e4umen, bl\u00fchenden Stauden, frischen Blumen und Kr\u00e4nzen lagen die Gr\u00e4ber im fahlen Sommerlicht, das durch die Laubkronen schien. Der Bergfriedhof &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/?page_id=1878\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;\u201eAls ich \u00fcber dem Grab von Max Weber Adorno fast auf die Fresse gehauen h\u00e4tte\u2026..\u201c&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1609,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1878","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1878"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2619,"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1878\/revisions\/2619"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1609"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.surveillance-studies.org\/zurawski\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}