Gedanken zum aktuellen Jahresthema (der Schader-Stiftung) und einer Soziologie der Transformation
Nils Zurawski, 2026.
Der Text wurde für das Schader-Jahrbuch 2025 geschrieben. Es ist die Langversion eines Textes, den ich zur Eröffnung der Tagung Transformationssoziologie in Darmstadt im Juli 2025 gehalten haben und er in kurzer Form auf dem Schader-Blog dokumentiert ist. Damit mehr Menschen in den Genuss (so hoffe ich) des langen Textes kommen können, veröffentliche ich den Text hier noch einmal.
Der Ethnologe Claude Levi-Strauss hat Gesellschaften in Bezug auf ihre Wandlungsfähigkeit unterteilt in kalte und heiße. Erstere waren sehr traditionell, häufig Gesellschaften ohne zentrale Herrschaftsinstanzen, mit komplexen sozialen Regulierungsmechanismen und Institutionen, bisweilen auch als regulierte Anarchien (vgl. Christian Sigrist) bezeichnet. Hier lebten die Menschen im Einklang mit der Natur, zumindest passten sie sich an die äußeren sozialökologischen Bedingungen ihrer Umwelt an. Heiße Gesellschaften im Gegensatz passen die Natur an ihre Bedürfnisse an. Gemeint sind damit funktional differenzierte Gesellschaften, die auch mit dem Attribut modern versehen werden. Der konsequente Wandel sei hier Teil der Gesellschaften, so Levi-Strauss (für den Zweck hier etwas vereinfacht dargestellt). Das Menschenbild des Westen, welches von einer Gegenüberstellung von Natur und Kultur geprägt sind – welches in diesem Sinne ein Kern „heißer“ Gesellschaften wäre –, hält der amerikanische Ethnologe Marshall Sahlins für fatal und für ein Missverständnis. Hier würde das eine (die Kultur) über das andere (die Natur) gestellt, womit eine Selbstüberhöhung der eigenen Spezies und der Bedeutung ihrer vermeintlich zivilisatorischen Errungenschaften stattfinden würde.
Ohne allzutief in die Implikationen und soziologischen Diskurse rund um die vermeintliche Dichotomie von Natur und Kultur einsteigen zu wollen, kann man festhalten, dass dieses Begriffspaar auch für gegenwärtige Diskussionen über Transformationen bedeutend ist. Und da in einer globalisierten Welt, wie wir sie gegenwärtig erleben, kein Bereich und keine Region von ihrer Dynamik ausgespart ist, stellt sich nicht mehr die Frage, ob es Gesellschaften gibt, die einem Wandel widerstehen (können). Wobei allerdings nicht klar ist, was der Wandel beinhalten soll, was ihn ausmacht, ob er einfach ein Wandel ist, eine Veränderung oder doch einen Umbruch, etwas gänzlich neues, etwas dass die Verhältnisse auf den Kopf stellt und was dann als Transformation bezeichnet werden kann. Und letztlich bleibt dann immer noch die Frage, gemäß des Jahresthemas der Schader-Stiftung – „Timing. Weil nicht alles seine Zeit hat“ – ist es jetzt an der Zeit dafür? Ist das Timing gut und wer bestimmt das eigentlich?
Sozialer Wandel, das kann man mit dem Blick auf die systematische Erforschung von Gesellschaften durch die Soziologie, Ethnologie und andere ähnliche Disziplinen sagen, findet statt, nahezu immer, wenn auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit anderem Dynamiken und immer abhängig von den äußeren Bedingungen und internen Kräften der Gesellschaft. Das dürfte auch für Levi-Strauss „kalte“ Gesellschaften gelten, zumal die allerwenigsten menschlichen Gemeinschaften und Gesellschaften ohne eine absolute Kontaktlosigkeit zu anderen existieren. Zeit und Zeitpunkte der Begegnungen, der Möglichkeiten der Beharrung, des Austausches und der reziproken Beeinflussung sind dabei sehr unterschiedlich und ebenso für die Art und Weise eines Wandels von Bedeutung. Nicht jeder Wandel ist allerdings eine Transformation. Wenn wir von der weiten Welt nun einmal bei uns bleiben, in Europa seit 1945, so lässt sich mit einigem Recht sagen, war der soziale Wandel ein stetiges Phänomen, ja gleichsam die Grundvorraussetzung für die Welt, wie wir sie heute kennen und in der wir leben – und die nun so gefährdet ist (zumindest was ihre ökologischen und in Teilen auch ihre demokratischen Grundlagen betrifft), dass eine (erneute) Transformation unausweichlich scheint. Aber warum erst jetzt und ist der Zeitpunkt nicht eigentlich schon zu spät? War vorher nicht die Zeit dafür? War die Zeit noch nicht gekommen? War es möglicherweise noch nicht schlimm genug, um die Konflikte rund um die sozial-ökologischen Bedingungen unserer Existenz als Globalgesellschaft anzugehen?
Es scheint mir dabei folgerichtig zu sein, dass sich die Soziologie als Disziplin mit genau dieser Frage beschäftigt. Und auch wenn der soziale Wandel ein beständiges Thema soziologischer Forschung ist, so möchte ich ihn hier von der Transformation abgrenzen, weil sonst nicht klar wird, warum es eine Transformationssoziologie brauchen sollte. Immerhin ist die Soziologie in ihrer Entstehung die Wissenschaft der Transformation gewesen. Entstand sie doch gemeinsam mit dem Wandel Europas von feudalen Agrargesellschaften hin zu nationalstaatlich geprägten Industriegesellschaften. Dieser durchaus längere Zeitraum, beginnend im 18. fortdauernd bis ins 20 Jahrhundert, war geprägt von massiven Umwerfungen (und auch Unterwerfungen, der Natur wie auch anderer Völker, Kulturen, Menschen insgesamt), radikalen Veränderungen, gesellschaftlichen als auch politischen Transformationen. Das betraf zu Beginn vor allem die politischen Ordnungen, häufig begleitet von Kriegen zwischen Königreichen, später den Nationalstaaten, in diesen dann leider auch durch (teils bis dahin unvorstellbare) Gewaltexzesse an einzelnen Gruppen. Aber auch die Gesellschaften selbst, dass Leben der Menschen und ihre Möglichkeiten haben sich transformiert. Ständische Ordnungen wurden zugunsten von bürgerlichen abgeschafft, demokratische Beteiligungsmodelle wurden in Revolutionen erkämpft, die Verhältnisse von Arbeit, Reichtum und staatlicher Macht wurden nicht nur neugeordnet, sondern teilweise radikal neu gedacht und nicht selten mit brutaler Gewalt umgesetzt. In Europa, später dann in der vermeintlich neuen Welt in Amerika, noch später in den Kolonien in Afrika, Asien und Südamerika begann der Prozess einer Urbanisierung – und auch diese war geprägt von der Transformation der Lebensverhältnisse der Menschen, nicht immer unbedingt zu ihrem, Vorteil. Transformation heißt damit auch nicht zwingend ein Wandel hin zum „Guten“, ein gesellschaftlicher Fortschritt, an dem alle gleichermaßen begünstigt teilhaben können. Und es war die Soziologie, die unter diesem Namen in Deutschland und Frankreich, zwei der führenden europäischen Mächte im ausgehenden 19. Jahrhundert, entstanden ist. Der damalige Wandel und die Transformationen waren die bestimmenden Themen – von Marx und Comte, über Durkheim, Weber und Spencer, bis hin zu Simmel oder Tönnies, um vollkommen unvollständig einige der exponierten Vertreter zu nennen. Die Etablierung einer Soziologie als Wissenschaft schien „an der Zeit“ gewesen zu sein, nicht allein, weil sich die Verhältnisse geändert hatten, sondern auch weil die philosophischen und geistesgeschichtlichen Vorbedingungen durch die Aufklärung für eine solche Betrachtung bereits gelegt waren, wie es Armin Nassehi in seinem Buch „Muster“ ausgeführt hat. Die Erforschung der Gesellschaft als die Verkörperung des steten Wandels scheint im Rückblick vor allem zeitgemäß. Gutes Timing also.
Gesellschaften im Wandel und der Wandel an sich sind das Thema der Soziologie geblieben – und gleichzeitig ist der Wandel geblieben – stetig und in immer neuen Formen und neuen Richtungen. Worin der Wandel besteht und wie er stattfindet, bleibt dabei die große Frage, die es immer wieder neu zu beantworten gilt. Dabei ist eine Frage, die man als Soziolog:in immer mal wieder von Journalist:innen gestellt bekommen, wenn eine Expertise gefragt ist, so bezeichnend wie sie eine vollkommen falsche Idee des Wandels transportiert: „Was macht das mit Gesellschaft?“. Diese Frage halte ich dann doch für etwas sehr kurz gegriffen. So einfach sind dann Veränderungen doch nicht und die Gesellschaft ja auch keine einfach bewegliche Masse, die man, was auch immer anliegt, mal in diese, mal in die andere Richtung schieben kann. Wandel und vor allem Transformationen sind nichts, was mal eben so passiert. Wobei der Wandel eher beständig stattfindet, quasi als die Bestehensvoraussetzung derart moderner Gesellschaften, in denen wir derzeit leben. Gesellschaftlicher Wandel „passiert“ oder vollzieht sich, während wir sozial aufeinander bezogen leben, in gewissen Sinne also eine Art von „Doing Society“ betreiben.
Transformationen, anders als die Brüche, die sich abspielten und auf die eine Soziologie als Disziplin eine notwendige Antwort gewesen schien, sind wesentlich aktiver, sind möglicherweise Teil von Planungen, gerade weil wissenschaftliche, nicht nur soziologische, Erkenntnisse vorliegen, die den Schluss nahelegen, dass die gegenwärtigen sozial-ökologischen Grundlagen planetaren Lebens dermaßen gefährdet sind, dass es eine Veränderung braucht, die eben transformativ sein muss und nicht nur ein Anpassung an Veränderungen beinhalten kann.
Die gemeinsam mit der Schader-Stiftung organisierte Tagung zur Transformationsoziologie im Juli 2025 hat sich dann auch genau in diesem Sinn, so habe ich es jedenfalls wahrgenommen, der Frage angenommen, welche Zeiten es gerade sind, in denen wir leben und für welche Veränderungen gerade jetzt die Zeit gekommen sein könnte. Allein die Liste der für die Tagung eingereichten Beiträge ließ annehmen, dass Transformation viel komplexer und wahrscheinlich auch interessanter als die oben erwähnte simple Frage ist, die eine Art Mechanik anzunehmen scheint, die zwischen dem „Etwas“ (Internet, Künstlicher Intelligenz, Klimawandel – was immer so gerade gefragt ist) und Gesellschaft wirkt. Ähnlich verhält es sich z.B. auch mit dem Sammelband „Zwischen Zumutung und Zuversicht. Transformation als gesellschaftliches Projekt“ (2024), in dem das Feld gesellschaftlicher Transformation auch im Hinblick auf die Rolle von Wissenschaft darin vermessen wird.
Dabei ist es bei der Transformationsoziologie wichtig hervorzuheben, dass diese nicht nur darauf konzentriert ist den Wandel zu beschreiben oder mögliche Zukünfte aus der Gegenwart abzuleiten. Vielmehr befindet sich diese disziplinäre Ausrichtung mittendrin diese Transformationen auch mitzugestalten – gemeinsam mit den als Praxispartner:innen bezeichneten Akteuren aus nicht-akademischen Bereichen. Diese allerdings, das wurde im Verlauf der Tagung noch einmal deutlich, sind viel mehr als nur das. Aus meiner eigenen Arbeit weiß ich, dass die Partner:innen einer akademischen Soziologie, die sich in die Gesellschaft und deren Transformationen einbringen will, in ihnen Kollaborations- und Reflexionspartner:innen vorfindet, im besten Falle Mitstreiter für die Umsetzung theoretischer Ideen und neuer gesellschaftlicher Entwürfe, im kleinen wie auch großen.
Dass die Schader-Stiftung also eine solche Fachtagung im eigenen Zuhause als Partnerin veranstaltet, war dabei vor allem konsequent. Die Arbeit der Stiftung, wie sie sich selbst versteht und wie ich sie kennengelernt habe, widmet sich im Grundsatz auch der gemeinsamen Arbeit von Wissenschaft und Praxis, vor allem immer wieder umgesetzt in vielfältigen Dialogformaten, die als ein Ausweis für die aktive Arbeit am Gestalten von Wandel, vielleicht auch der aktiven Transformation gelesen werden müssen. An diese Stelle sei mir gestattet, eine eigene Erfahrung mit der Arbeit der Schader-Stiftung als Beispiel hierzu anzuführen. Als so genannter Begleiter einer Summer School zum Thema „Sicher in der Stadt“ konnte ich live und aktiv diese Art der Vermittlung von Wissenschaft und Praxis erleben und gestalten. Auch dort ging es um die Entwicklung von Dialogformaten rund um das Thema „Sicherheit“. Das war – das kann ich sagen – eines der interessantesten Formate, an dem ich teilgenommen habe. Mir hatte es dort vor allem der dialogische Charakter wissenschaftlicher Arbeit angetan.
Was die bereits angesprochene Fachtagung zur Transformationssoziologie aus dem Juli 2025 angeht, so gefiel mir mir persönlich dabei vor allem der Titelzusatz „konkret“. Hiermit wurde das konkrete Tun in den Mittelpunkt stellt. Und wie das gehen könnte und auch ganz konkret passieren kann, haben viele der Beiträge gezeigt. Die Vorträge haben viele Ideen zur Diskussion vorgestellt, die ich mit großem Interesse gehört habe und die zur einer weiteren Reflexion sehr (/mich zumindest) angeregt haben. Die Frage, die mich im Vorlauf der Tagung sehr interessiert hat, nämlich wie bei einer solchermaßen engagierten Soziologie um die eigene Position steht und wie man möglicherweise mit seiner Rolle irgendwo zwischen Aktivistin, Beobachterin, Ratgeberin und Ermöglicherin in transformativen Projekten umgehen kann und sollte, wurde letztlich nicht abschließend beantwortet. Wohl aber gab es jede Menge an Beispielen zum weiteren Nachdenken. Die Zeit, so mein Eindruck auf der Tagung, schien reif für mehr wissenschaftliches, soziologisches Engagement für eine Transformation, die nicht zuletzt dafür sorgen soll, dass die planetarischen Bedingungen für (nicht nur menschliches) Leben auf der Erde erhalten bleiben kann. Ob es nicht teilweise schon zu spät ist, warum nach dem Bericht des Club of Rome von 1972 über die Grenzen des Wachstums so viel Zeit verstrichen ist und ob die Dringlichkeit der Zeit heute tatsächlich gesehen wird von vielen Verantwortlichen, lässt sich dabei so leicht nicht beantworten. Dass die Schader-Stiftung mit ihrem Engagement für solche Themen auch dazu beiträgt, ist gutes Timing. Es gilt nun auch zu handeln!
Referenzen (in der Reihenfolge ihrer Nennung)
Claude Levi-Strauss. 1981. Das wilde Denken. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Marshall Sahlins. 2017. Das Menschenbild des Westens – ein Missverständnis? Berlin. Matthes & Seitz.
Christian Sigrist. 1994. Regulierte Anarchie. Hamburg. EVA.
Armin Nassehi. 2019. Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.
Bundeskanzleramt (Hrsg.). 2024. „Zwischen Zumutung und Zuversicht. Transformation als gesellschaftliches Projekt“.
