Kategorie: Forschung/Theorie

Luxury Surveillance oder warum Konsum so gut funktioniert

Im Blog des Journals Surveillance & Society haben die Kolleg:innen Marc Shuilenburg and Yarin Eski nochmal über einen Artikel reflektiert, der in eben diesem Journal bereits erschienen ist:

Unter der Überschrift Swasticars, Surveillance, and the Seductive Trap of Smartness: How Tesla Became the Luxury Blueprint for Disciplinary Technology zeigen sie wie und warum Konsum nicht nur ein Einfallstor für Überwachung ist – also wie der Konsum überwacht wird. Sondern sie zeigen wie Konsum als ein Teil von Überwachung gesehen werden muss. Überwachung ist ein Konsumgut, so hatte ich das formuliert in Überwachen und Konsumieren (2021). In zwischen hat sich für dieses Verhältnis im Englischen der Begriff der Luxury Surveillance etabliert bzw. wird immer mal wieder angeführt.

And here’s the kicker, the dystopian twist. People pay for this, happily and eagerly so! Hands over wallets and eyes wide with techno-lust. We don’t just tolerate surveillance anymore but worse: we finance it! We trade our privacy for prestige, our data for dopamine, and our control over our freedom for convenience. Meaning, we buy into the very systems that discipline and control us, just because they’re fast, shiny, and whisper the promises of status and self-actualization. (Zitat aus dem Artikel)

Digitale Zwillinge und Simulationen der Wirklichkeit

Das Journal New Media & Society hat ein Special Issue zu Digital Twinning publiziert. New Media & Society, Volume 27, Issue 8: Special Issue: Digital Twinning, Aug 2025.

Es geht nicht vordergründig um Überwachung, aber um Simulation der Wirklichkeit, große Mengen an Daten und irgendwie auch um Überwachung, vor allem aber um Kontrolle und Übersicht. Ein Blick lohnt sich. (Fast) alles open access!

Wer sieht wie ich beobachte, wenn ich beobachte?

Mal wieder Zeit auf den Blog des Journals Surveillance & Society, mit einem Beitrag zu Anyone Who’s Watching Can See That You’re Watching, Too. Es geht um Livestreams, soziale Medien und die kostenlose Arbeit, die dahinter möglicherweise steht.

Writing that article piqued my curiosity; since social media posts have been considered “free labour,” I wondered if visible viewership could also be considered a form of free labour.

Algorithmische Narrative und der Zeitgeist

Heute möchte ich auf den Aufsatz des Kollegen Rainer Rehak hinweisen, der sich der Narrative rund um KI angenommen hat. Der Artikel ist wirklich lesenswert, wenn auch notwendigerweise lang und ausführlich. Rainer Rehak nimmt sich darin prominenter Erzählungen zu KI – oder das was so mancher dafür hält – vor, u.a. Agency, Autonomie, Wissensverarbeitung, Vorhersage, Objektivität.

AI Narrative Breakdown. A Critical Assessment of Power and Promise, 23.6.2025, in FAccT ’25: Proceedings of the 2025 ACM Conference on Fairness, Accountability, and Transparency, Pages 1250 – 1260, https://doi.org/10.1145/3715275.3732083

Wer in der DB den vielen Business-Typ:innen mal so beim Telefonieren zuhört – immer ein großer Spaß für mich – der hört immer öfter auch etwas von KI, in nahezu jedem Zusammenhang. Rehak nennt das „Zeitgeist-KI“, ein wirklich charmanter, aber vor allem treffender Begriff

To characterize the regularly (too) vague use of the term artificial intelligence in societal discourse, I propose the term „Zeitgeist AI“ [96]. „Zeitgeist AI“ can mean anything from big data, algorithms, apps and statistics to software, robots, digital technology, all the way to the internet and digitalization in general. In political discourse, too, there is often a blanket reference to „artificial intelligence,“ 

Also, ein Lesetipp, denn die symbolische Bedeutung der Technologie KI ist bestimmt so groß, wenn nicht größer als ihre tatsächlichen Möglichkeiten. Hier gibt es ein paar interessante Gedanken und Erkenntnisse zu lesen.

Die Polizei in Studien

Die Polizei ist immer ein Thema – und auch ich bin ja derzeit an der Uni Mainz in einem Projekt, das sich mit Polizei beschäftigt, wenn in meinem Fall auch eher als Transfer von Erkenntnissen, weniger in der Forschung an sich. Die Fragen, um die sich die meisten populären Diskurse oder Berichte drehen, sind Rassismus und Gewalt. Aus der ARD Mediathek hier zwei Beispiele:

Die Polizei und der Rassismus – Alles nur Einzelfälle? (30.1.2025) oder auch in der Carolin Kebekus-Show (15.5. 2025, ab ca. 12.00 Min). Von dieser Art Berichte gibt es viele, manche besser, manche nicht so gut und viele sehr üblich und je mehr kommen, desto weniger Neues wird erzählt. Und ja, das alles sind wichtige Fälle und die Probleme existieren, keine Frage. Und so ist eine der Forderungen seit Jahren immer wieder eine Studie zur Polizei. Die Polizeistudie kann es aber nicht geben, weil diese ja vieles auslassen müsste, da man nicht über alles forschen kann. Und so gibt es einige Polizeistudien, nicht alle fallen so aus, wie es Polizeikritiker sich vorstellen und sie beantworten längst nicht alle Fragen.

Um nicht den Überblick zu verlieren habe ich hier Mal eine (bestimmt) unvollständige Auflistung versucht (beschränkt auf Deutschland in diesem Fall). Ein paar Kommentare zu den Studien bzw. zum Umgang mit ihnen, folgen dann im Anschluss*.

KI und falsche Analogien

Der Kollege Roland Meyer nutzt Bluesky sehr gut für einige schlaue Gedanken, hier mal wieder zur Künstlichen Intelligenz und den falschen Vergleichen, mit unserer eigenen, menschlichen Intelligenz. Lesenswert, daher hier der Skeet einmal eingebettet.

Der Hinweis darauf, dass es sich bei KI um „large socio-technical apparatuses“ handelt, finde ich dabei zentral.

Most humanist critique of #genAI falls into the ideological trap of treating machine learning systems as less perfect quasi-human subjects, by claiming that human «creativity» or «intelligence» will always surpass machinic ones. That’s not the point, the comparison is flawed from the beginning1/

Roland Meyer (@bildoperationen.bsky.social) 2025-06-30T05:27:09.609Z

Buch: Fehlerkultur in der Polizei

Gerade erschienen ist (nach einiger Produktionszeit ;-)) das von Kai Seidensticker herausgegebene Buch Fehlerkultur in der Polizei. Ausprägung, Einflussfaktoren und Möglichkeitsräume, mit vielen interessanten Beiträgen von geschätzten Kolleg:innen.

Zusammen mit Jan Beek und Christiane Howe bin ich dort vertreten mit folgendem Beitrag: „Wie werden Fehler gemacht? Die Konstruktion und Narration von Fehlern durch das polizeiliche Beschwerdemanagement“.

Das Buch ist kein open access, also bei Bedarf oder Interesse gern mal bei mir nachfragen.

Broligarchen und das Silicon Valley

Ich hatte immer schon ein Faible für René Girard und seine Theorien der mimetischen Gewalt, des Sündenbocks und seine Analysen. Ja, es ist eher etwas konservativ und auch seine Schüler und die Szene rund um den amerikanischen Literatur-Wissenschaftler und Philosophen Eric Gans sind eher konserverativ, aber eben auch Girard verhaftete Denker. Ihr Zuhause ist das Journal Antropoetics*, zu dem es auch eine Mailingliste gibt, die ich seit 30 Jahren abonniert habe.

Warum erzähle ich das? Auf der Mailingliste gab es einen Hinweis auf folgenden Text: Tech bros don’t get René Girard Luckily, the Popes do. U.a. Peter Thiel hat immer wieder herausgekehrt, wie er von Girard beeinflusst wurde, den er als einen seiner Hero-Denker hervorhebt – Girard hat in Stanford gelehrt, wo Thiel studiert hatte. Ich hatte mich immer schon gewundert und mich gefragt, ob das so richtig passt, gibt es doch eine Art Friedensbotschaft in dessen Texten. Nun gibt es hierauf eine qualifizierte Antwort: Nein, passt nicht.

Von den Träumen alles zu wissen

Der sehr geschätzte Kollege Pete Fussey foscht schon lange an der Schnittstelle von Polizei und Überwachung, auf ganz unterschiedlichen Feldern. Hier ein aktueller Aufsatz zur Verbindung von Polizei und kommerziellen Datensammlungen

Hadjimatheou, Katerina and Fussey, Pete (2025) ‘The dream to know everything about everyone’: affordances of commercial data systems and digital net-widening in policingTheoretical Criminology, (doi:10.1177/13624806251334954).

KI als Religion

Über die symbolischen Bedeutungen von KI denke ich schon länger nach und je mehr ich lese was alles mit KI gemacht und dann vor allem besser sein soll, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass zu wenig über den symbolischen Gehalt von Technik nachgedacht wird, nicht unbedingt in der Wissenschaft, aber auch hier. Über das „wie“ wird viel nachgedacht, u.a. in der Ethik, aber über das „warum“ eher weniger. Und ich frage mich auch, welche (unerfüllten?) Bedürfnisse möglicherweise KI befriedigt, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Da liegt es nicht weit auch einmal über KI als Religion nachzudenken.

Hier tut das Claudia Paganini beim Deutschlandfunk und ich fand das durchaus hörenswert.