Category: Kultur/Kunst

Goodbye Privacy – Ars Electronica in Linz

Die Ars Electronica nimmt sich in diesem Jahr dem Thema Ãœberwachung an, Titel: Goodbye Privacy – vor Ort und im Internet. Auf den Webseiten findet sich u.a. das Radiokolleg des ORF “Transparent Society” in vier Teilen. Ein kurzer Blick auf die Seiten und in das Programm lässt auf eine mehr als interessante Veranstaltung hoffen. Es scheint, das das Thema Ãœberwachung in der Kunst mehr Thema ist, als in der Wissenschaft – zumindest dort neue Ansätze und Darstellungsformen für die Betrachtung/Beschäftigung von Kontrolle und Ãœberwachung gefunden werden können. Ich stöber noch ein bisschen und berichte dann…..

Bei DeutschlandRadioKultur gibt es heute Nacht in der Sendung Fazit ein Bericht von der Ars Electronica.

Puccini und das omnipräsente Auge

133,0.jpg(Foto: gefunden bei dradio.de)

Das soll keine Opernkritik sein, dazu verstehe ich davon zu wenig, aber beeindruckend ist das riesige Auge auf dem Bühnenbild der Tosca-Inszenierung in Bregenz schon. Der Ãœberwachungsstaat, das Thema Ãœberwachung, Beobachtung, verkörpert im überlebensgroßen Auge, hält Einzug in die klassische Musik – oder andersherum: Es zeigt wie alt das Thema eigentlich ist, jenseits von Kameras, biometrischen Pässen und dem Online-Trojaner (auch das ein Rückgriff auf die Geschichten der Antike).

Der Maler Cavaradossi ist ein Augenmensch, die Sängerin Tosca beobachtet, ebenso der Polizeichef Scarpia, der sich in die Primadonna verguckt hat und gleichzeitig seinem blutigen Folterwerk nachgeht.
Deshalb sehen wir, das gab es auch schon auf normalen Bühnen, statt der römischen Kirche San Andrea delle Valle nur ein fünfzig Meter breites und zwanzig Meter hohes Auge der Marchesa Attavanti, die Cavaradossi von einer Hebebühne aus als Magdalena malt. Big Sister schaut zu, doch keiner durchschaut sie, der Überwachungsstaat ist anwesend und doch wird hier Revolte versucht. (Die Welt, 20. Juli 2007, hier auch eine sehr schöne Bildergalerie)

So und ähnlich lesen sich auch andere Kritiken z..B. bei der Zeit, dem ZDF (mit Video) oder dem ORF. Für die Fensehübertragung im österreichischen Fernsehen wurden u.a. auch 7 Ãœberwachungskameras eingesetzt, die die CCTV-Ästhetik des modernen Ãœberwachungsstaates (oder was inzwischen zu dessen Ikone geworden ist) sehr schön umsetzen. Teilweise wurde wohl sogar ein viergeteilter Bildschirm gezeigt – mehr Kontrollraum geht nicht. Und wieder ist das Auge als Sinnbild benutzt worden – und es ist wohl auch eines der stärksten Bilder.

Wer Lust auf ein wenig mehr dazu hat, hier noch zwei Lesetipps:

Thomas Kleinspehn: Der flüchtige Blick. Sehen und Identität in der Kultur der Neuzeit. Hamburg 1989.
Martin Henatsch: Kunst im Spannungsfeld von Sicherheit und Freiheit. In: Nils Zurawski (Hg). Surveillance Studies, Verlag Barbara Budrich, Opladen 2007.

Karten und die private Ãœberwachung auf der Biennale

Real Time Rome nennt sich das Projekt des MIT, welches als Teil der Biennale vorgestellt wird. Da sich darin auch Überwachungsaspekte finden lassen, wollte ich es nicht vorenthalten (von 2006 deshalb, weil es sich um den Architektur-Teil der diesjährigen Biennale handelt).

Real Time Rome is the MIT SENSEable City Lab’s contribution to the 2006 Venice Biennale, directed by professor Richard Burdett. The project aggregated data from cell phones (obtained using Telecom Italia’s innovative Lochness platform), buses and taxis in Rome to better understand urban dynamics in real time. By revealing the pulse of the city, the project aims to show how technology can help individuals make more informed decisions about their environment. In the long run, will it be possible to reduce the inefficiencies of present day urban systems and open the way to a more sustainable urban future?
IMG_5597.jpg Detail from Software 2. The yellow lines represent buses in real time and the red corresponds to density of people. Sep 2006

Es handelt sich dabei offensichtlich um Karten, mit denen eine Orientierung entlang ausgesuchter Faktoren erleichtert werden soll. Ob das schon Ãœberwachung ist, mag bezweifelt werden – sicher ist aber das solche Technologien sich sehr gut eignen, um zielgerichtet im Konsumbereich oder aber auch in der Kontrolle von Menschen bzw. Gruppen von Menschen gentutzt zu werden. Die Visualisierung über Karten schafft entsprechende Ãœbersichten und damit neue Wirklichkeiten durch Komplexistätsreduzierung – der Mensch als Datenbruchstück, in diesem Fall in der Rolle als Handybenutzer. Schön deutlich wird hier, wie über Karten Zeit und Raum verdichtet und in neue Zusammenhänge gesetzt werden kann und somit unsere Sicht auf die Welt beeinflussen und steuern kann.

Widerstand im Netz

tagesschau.de hat einen Artikel zu den verschiedenen Aktionen gegen Schäubles Ãœberwachungspolitik im Netz veröffentlicht – Kreative Ãœberwachungsgegner im Netz. Der Kollege Fiete Stegers macht damit auch die Blogger und anderen Aktivisten über die üblichen Kanäle hinaus bekannt. Gut für uns! Unter anderem mit dabei – die Erfinder des Stasi 2.0 Graffitis.

Auf Nummer sicher mit der Surveillant Assemblage?

Der Film “Auf Nummer sicher?”, der gestern Nacht im ZDR lief, war durchaus sehenswert, spannend gemacht und gut gefilmt. Thematisch spielte er mit Verschwörungstheorie, der Zukunft und der Macht der Konzerne sowie den naiv tuenden, jedoch gefährlichen Politikern, die im Whalkampf oder angesichts einer auf uns zurollenden Welle der Unsicherheit, die Masken fallen lässt. Nur ein Film?

Wenn man die Nachrichten der letzen paar Wochen in ihrer Gesamtheit betrachtet, die einfach so nur immer wieder als Einzelfälle aufreten, dann ergibt sich ein anderes Bild. Allein Schäubles immer wiederkehrenden Forderungen zeigen auch bei grober Betrachtung ein enormes Ausmaß. Die Zeit hatte ebenfalls eine solche Zusammenstellung aufbereitet. Komsich das mitten in diese Diskussion die Sicherheitswarnung für die US-Botschaften (Video) in Deutschland fiel – Zufall? Auch das G 8-Treffen, über dessen Sinn und Unsinn man treffend streiten kann, befruchtet vieler dieser Diskurse und wird in infamer Weise benutzt, die Diskussion äüßerst einseitig und tendenziös zu führen.

Was sich hier und auch in dem Film bei näherem Hinsehen zeigt, ist die von Haggerty und Ericson beschriebene Surveillant Assemblage – die Vernetzung von technischen Lösungen der Ãœberwachung untereinander und ihre Verzahnung mit gesellschaftlichen und politischen Diskussionen jeglicher Art – von der Gesundheit bis hin zur inneren Sicherheit. Nicht alles ist dabei in Bausch und Bogen zu verdammen, die Art und Form der Disskusion allerdings wird zunehmend von Politik und Industrie (wie RFID (ein Beispiel für eine Äußerung) und auch Videoübewachung) mitbestimmt. Die Zusammenhänge gehen leider allzuoft unter. Das wird auch nur leidlich besser, wenn man einen Film erst um 0.15 Uhr zeigt und nicht ein – bis zwei Stunden früher. All dem zum Trotz kann der Film seine Wirkung eigentlich nicht verfehlen. Also Glückwunsch. und ich hoffe es gibt den Film dann auch mal beim ZDF online abzurufen.

Film: Auf Nummer sicher?

Im Kleinen Fernsehspiel im ZDF wird in der nächsten Woche der Film “Auf Nummer sicher” gezeigt. Sendetermin ist der 14. Mai (nachts auf den 15.) 00:10 im ZDF. Zu dieser Uhrzeit wird der Film leider kein Straßenfeger, aber vielleicht findet der eine oder andere ja den Weg vor den Fernseher angesichts der gerade laufenden Diskussionen.

aufnummersicher.jpg

Wer nicht solange warten will und in Berlin wohnt oder gerade da ist, kann sich die Premiere auch schon vorher ansehen: Samstag den 12. Mai um 15.00 Uhr im Kino Babylon in Berlin-Mitte statt.