Category: Fernseh/Radio/Medien-Tipp

IKEA goes Big Brother

Nils aus Hamburg(!) alleine zu Hause. Und wir dürfen alle zusehen. IKEA Deutschland hat für seine aktuelle Marketingkanpagne “Warte bis September” – dann nämlich wird der nächste Katalog ausgeliefert – Anleihen am bekannten RTL-Szenario genommen und eine Livewebcam in einer beinahe unmöblierten Wohnung installiert. Ein junger Mann vertreibt sich die Zeit, bügelt, ist am Telefon, hört Musik. Man hat zwei Kameraperspektiven zur Auswahl. Im Hintergrund zeigt eine Uhr die aktuelle Zeit an, ab und an läuft der Fernseher – damit man weiß, dass das, was man sieht, wirklich echt und live ist. Kommentare auch hier und hier. Das Ganze wirkt übrigens wie die Umkehrung der Idee des isrealischen Künstlers Guy Ben-Ner, der IKEA-Wohnwelten zur Gratis-Kulisse für eine Sitcom umfunktioniert hat.

Hörspiel: Überwachen und Mahnen

Das wirklich gelungene Hörspiel der Gruppe Serotonin zum Thema Überwachen wird im Herbst noch zweimal gesendet. Wer es also bei der Premiere verpasst haben soll, kann es hier noch einmal hören.

Ãœberwachen und Mahnen – das ist die Strategie der Zukunft. Das Autorenduo Serotonin hat dieses eindrucksvolle Modell dokumentiert, auf seine Wirksamkeit überprüft und optimiert. In einem akustischen Feldversuch wurde die große Korrekturoffensive gestartet: Probanden haben Fehlverhalten gesucht, analysiert und öffentlich korrigiert. In einem fairen Wettbewerb der Ãœberwachungssysteme wurde die effizienteste und nachhaltigste Methode ermittelt. Denn: Ãœberwachung ist gut, Kontrolle ist besser. “Ãœberwachen und Mahnen” wurde mit einem Stipendium der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gefördert.

Deutschlandfunk, 16. September, 20.10 Uhr:  Überwachen und Mahnen

NDR Info, 19. Oktober, 21.05 Uhr: Ãœberwachen und Mahnen

Google Health und Datenschutz

DeutschlandRadio Kultur hat zum Thema Gesundheitsdaten und Google Health ein Interview mit Alexander Dix, Datenschutzbeauftragter von Berlin, geführt, das hier nachzuhören ist:

Datenschützer Dix: Patientendaten bei Google-Health nicht sicher.

Ob allerdings eine katastrophale Technologie wie Google dafür herhalten muss, um  andere bedenkenwerte Technologien in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, finde ich diskussionswürdig.

Die bei “Google Health” vorgesehene Speicherung von Krankendaten berge die Gefahr, dass der einzelne Patient “letztlich die Kontrolle” über seine Daten verliere. Zum einen würden täglich “immer intelligentere Angriffe” auf Netzanbieter “gefahren”, zum anderen sei Google nach amerikanischem Recht verpflichtet, Behörden oder auch Prozessgegnern seine Dateien offen zu legen – so dass etwa Arbeitgeber oder Versicherungskonzerne Informationen über Gesundheitsrisiken von Mitarbeitern oder Versicherten erhalten könnten.

Die elektronische Gesundheitskarte in Deutschland sei “die bessere Variante”, da sie sehr klare Datenschutzbestimmungen enthalte, “die in den USA vollkommen fehlen”. (dradio, 8.7.2008)

Brave Kinder werden nicht überwacht.

Schäubleseidank! Wir dürfen beruhigt sein:

Wir tun aber die Leute nicht überwachen und ausspionieren, nur wenn’s ganz schlimme Bösewichte sind, wo man … wo die Polizei hin kommen muss. Aber so brave Kinder wie ihr überwachen wir nicht.

(Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble)

Mit bestem Dank an die Kinderreporter des ARD-Morgenmagazin, doomicile und netzpolitik.org.

Das Überwachungsgewerbe blüht

Ein interessantes Feature bei DeutschlandRadio Kultur gibt ein paar Einblicke in das Geschäft mit der Überwachung, der Spionage zur Risikominimierung, dem modernen Detektivgewerbe oder wie es heißt dem Bereich der Sicherheitsberater. Das geht bei allen Kameras und den gesammelten Daten völlig unter: Hier tut sich etwas, das mehr ist als nur ein Abfallprodukt, sondern elemtarer Bestandteil einer immer misstrauischer werdenden Gesellschaft, die über die entsprechenden technischen Mittel verfügt.

Die Problemlöser, vom 29. Juni 2008.

Mehr Forschung zu diesem Thema wäre sehr interessant. Wer weiß etwas?

Little Brother

Hinweis auf einen aktuellen Artikel im Guardian des kanadischen Sci-Fi-Autors Cory Doctorow: Surveillance: You can know too much:

Britain has never collected more data on her citizens. But what use is all that information if we can’t process it fast enough?

Ebenfalls lesenswert: Cory Doctorows neuester Roman Little Brother über eine Gruppe von Teenagern, die sich in San Francisco nach einem terroristischen Angriff vorübergehend in Haft genommen werden und nach ihrer Freilassung beginnen, sich gegen den Überwachungsstaat zu wehren. Das E-Book steht unter einer Creative Commons-Lizenz und ist kostenfrei downloadbar.

Ãœberwachung beim Scheibenwischer

Gestern Abend stand der Scheibenwischer ganz unter dem Motto “Ãœberwachung”. Herrlich eingerichtet mit Kameras, Bildschirmen und Computern – die Ästhetik klappt immer noch. Die beiden schönsten Sprüche aus der Sendung waren einerseits: “Adresshandel schützt vor Einsamkeit”.

Das ist eine schön groteske Sicht auf das ganze Phänomen, frei nach dem Motto “lieber überwacht, als gar keine Beachtung”. In diesem Sinne – hier gibt es die Sendung zum Anschauen.

Ach ja das zweite Bonmot: “Eine Kamera im Nacken resozialisiert bevor ich überhaupt etwas verbrochen habe” (Riechling)

Kontrolle durch Normen und Standards

Heute lief ein interessanter Beitrag zum Thema Normen und Standards bei DeutschlandRadio Kultur. Darin ging es auch um die Rolle die Normen und Standards für Kontrolle – und wahrscheinlich auch Ãœberwachung – spielen.

Ich kenne nicht viele Veröffentlichungen zum Zusammenhang von Normen und Überwachung (abgesehen von sozialer Kontolle und sozialen Normen), aber es ist ohne Zweifel eine wichtige Verbindung, die noch eingehender untersucht und dargestellt werden muss. Vor allem wenn es um die industrielle Normen und ihr Wechselspiel mit dem Sozialen geht.  Für die Forschung und Theorie zu Überwachung erscheint es mir ein zentraler Aspekt zu sein. Wer also etwas weiß, soll sich bemerkbar machen.

Das Skript zum Nachlesen ist bei dradio erhältlich: Gut genormt und streng geregelt. (26. Mai 2006)

Souriez, vous êtes filmés!

Eine Reportage in der heutigen taz über Brüsseler Bilder-Piraten und die Aktion Souriez, vous êtes filmés!, die dazu auffordert, sich den Raum vor den Kameras wieder anzueignen – durch Gegenfilmen, spontane Theateraktionen oder Tortenwerfen. Schöne und wichtige Aktion – obwohl man sich (wie so oft) doch fragen muss, ob Kritik an Videoüberwachung keine andere Form finden kann als die, sich vor die Kameras zu stellen, die ganze Konfrontation im Bild festzuhalten (Nach dem Motto: “Ich gegen die Kamera!” – d.h. das Problem zu individualisieren) und dann auch noch im Netz zu veröffentlichen…