Datenschutz liegt bei einem selbst?!

Der österreichische Standard rezensiert das neue Buch des Datenschützers Hans Zeger “Unsere Lust an totaler Kontrolle”, der darin an die Selbstverantwortung des Einzelenen beim Umgang mit Daten appeliert. Auszug:

“Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Handyvertrag abschließen und werden abgewiesen, weil Sie Ihren Müll falsch entsorgt haben”, zeichnet Zeger schon am Buchdeckel ein mögliches Szenario, das fehlgeleitete Datensammelwut verursachen kann. Im Gespräch beschreibt der Verfasser, unter anderem Vorsitzender der ARGE Daten, seine Motivation: “Mir geht es darum, den Leuten zu signalisieren: Individualität ist etwas Mühsames. Man muss auch im Privatleben Verantwortung übernehmen.”

Schön und gut – ja, jeder Bürger muss auf seine eigenen Daten aufpassen, was er wo und wann offenlegt und vor allem wieviel davon. Aber – so argumentieren die beiden Soziologen Kevin Haggerty und Jennifer Whitson in ihrem Artikel “Identity theft and the care of the virtual self”, (Economy and Society, Vol. 37, No 4, Nov 2008, pp572-594; in der einen oder anderen Bibliothek an der Uni auch online zu beziehen) -  damit werden die Unternehmen und staalichen Stellen auch aus der Verantwortung entlassen, ihre Angebote entsprechend datenschutzfreundlich zu gestalten. Nicht alle Bürger besitzen die notwendigen Fähigkeiten – zum Beispiel entsprechende Lesekompetenzen für Anträge, Formulare oder Verträge – um ihre Daten hinreichend zu schützen. Individuen werden zur ursprünglichen Quelle für einen Datenmissbrauch, denn letztlich haben sie selbst nicht aufgepasst, wenn es darum geht mit den Daten vorsichtig umzugehen. Dabei sind es im Grunde die Unternehmen und Behörden, die die Möglichkeiten des MIssbrauches erst durch das Design ihrer Angebote schaffen – sie dann aber auf den Nutzer verlagern – verkehrte Welt.

Ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortlichkeit ist hilfreich, aber auch Teil einer neoliberalen Strategie des Regierens und der Veranwortungsverlagerung auf zum Teil nicht entsprechend gebildete Menschen. Ein Gedanke, der in der Diskussion bislang zu kurz kam. Der Artikel ist lesenswert, vor allem hinsichtlich der Datenschutzdebatte.

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