Archiv für Biometrie

Schlaf und Überwachung

Eine ungewöhnliche Kombination, doch Matthew Wolf-Meyer schafft es hier die Verbindungen zwischen Schlaf – eine vermeintlich private Angelegenheit – Kapitalimus und Überwachung zu ziehen. Lesenswert und regt zu einigen Diskussionen an.

Die resultierenden Schlafmuster sind vorhersehbar und erlauben die Verwaltung der Gesellschaft. Schlaf ist also nicht nur wichtig für Individuen, sondern auch für die Gesellschaft an sich. Deshalb wird unser Schlaf auch immer mehr überwacht und verschiedene Experten machen sich darüber Gedanken, was normaler Schlaf ist und was nicht.

Jenseits der Überwachung? Zur Politik des Schlafs (Berliner Gazette, 23.4.2014)

Die Lust an der Selbst-Überwachung

“Zeig mir wie fit du bist” – war bisher ein Satz, der unter Sportlern fiel, unter Kindern beim gegenseitigen Kräftemessen oder als ermutigende Aufforderung, ein Spiel, ein Spaß unter Freunden oder Konkurrenten. Dank Smartphones & Co ist daraus ein gesellschaftlicher Imperativ geworden – einer, der weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen kann.

in der FAZ Sonntagszeitung stand dazu ein lesenswerter Artikel gleichen Titels (zumindest in der Printversion), der über die Entwicklung und datenschutzrechtlichen Fallstricke der quantified self-Bewegung (oder international) berichtet.

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Anthropomorphe Überwachung

Auch das dürfte nicht so neu sein – Technik, die die Menschen emuliert um ihnen nicht fremd zu sein. Hier ist es mal wieder ein Kameras, deren Design wie ein Auge anmutet.

Sentinent heißt dieses Auge. Entwickelt hat sie der Produktdesigner Curtis John von der Middelsex University in London, mit der die Kriminalität reduziert werden soll – ein hohes Ziel…. (das Foto ist von der Webseite)

Sentient is part of a range of interactive deterrent systems designed to use the psychology behind the relationships people have with anthropomorphic (human-like) objects. The system focuses on the flight or fight reflex, using surprise and miss direction to unnerve and scare trespassers.

Der Film beobachtet Dich!

Der großartige Poet Gil Scott-Heron hatte in einerm Gedicht die wunderbare Zeile – I thought I was watching TV, it turned out the TV was watching me. Nun endlich schaut der Film dem Zuschauer zu und entscheidet dann anhand von Emotionen und Reaktionen wie der Film weitergehen soll. Die BBC hatte  bereits im Februar dazu eine schöne Geschichte: Many Worlds: The movie that watches its audience. 

The film was developed at the interdisciplinary centre for computer music research at Plymouth University in the UK. Through it, Mr Kirke is rethinking the way we watch movies by building on his previous research into the use of bio-signals to detect people’s emotions and their state of minds.

Die Technik dahinter kommt vom Interdisciplinary Centre for Computer Music der  University of Plymouth in England. Und die haben für die Liebhaber solcher Spielereien und von Computermusik der anderen Art jede Menge interessanter Projekte dort.  Die biometrischen Verfahren hinter der Spielerei mit dem Film lassen sich bestimmt auch noch ganz anders verwenden – ich denke da an Emotionen und andere Signale an Flughäfen, bei Demonstrationen usw. Aber soweit ist es erstmal eine herrliche Kuriosität und allemal interessant.

Very good decision: “Naked-Image Scanners to Be Removed From U.S. Airports”

The U.S. Transportation Security Administration will remove airport body scanners that privacy advocates likened to strip searches after OSI Systems Inc. (OSIS) couldn’t write software to make passenger images less revealing.

(source)

A very good example of privacy rationality.

DNA-Datenbank für Hunde

Wie Peter Mühlbauer auf Telepolis schreibt, möchte das Veterinärsamt in Jerusalem eine DNA-Datenbank für Hunde einführen. Die genetischen Profile der Hunde sollen gemeinsam mit der Adresse des Halters gespeichert werden – so kann im Falle einer “Verunreinigung” der entsprechende Hund mitsamt Halter ausfindig gemacht werden. Möglich ist dies, weil die Kosten für die dafür notwendigen Gentests massiv gesunken sind. Ein Hundehaufen lässt sich für umgerechnet 30 Euro einem Hund zuordnen – das Bußgeld für die Verschmutzung beträgt 150 Euro.

Körpervermessungen

Die Australier vermessen ihre Bürger – auf der Suche nach dem Durchschnittsaustralier – bzw. eine australische Klamottenkette vermisst ihre Kunden mit einer 3D Technik, die auch am Flughafen eingesetzt wird.

Was auf den ersten Blick ganz harmlos aussieht, ist nur der erste Schritt zu einer Vermessung von Menschen, einer Anthropometrie. Der Artikel zeigt sehr anschaulich, wie auch über Standards kontrolliert und überwacht wird, wie Kategorien erzeugt werden, die, wie in diesem Fall rein kommerziell beginnen, aber als spin-offs davon auch ganz andere Verwendungen finden können. Was normal und abweichend ist, kann so auch festgelegt werden – die Zwecke werden halt nicht mit definiert. Auch ohne auf die Ãœberwachung von Menschen ausgerichtet zu sein, lassen sich jede Menge Anwendungen ausdenken, die aus solchen Vermessungen hervorgehen können. Zum Nachdenken regt es auf jeden Fall an.

Mit Hirnscans auf Verbrecherjagd?

Bei Deutschlandradio Kultur gibt es ein Interview mit dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel, der meint, dass Verfahren zur  Gefahrenprognose bei Straftätern durch Hirnscans möglich.

Reinhard Merkel: “Verfahren könnte in den nächsten zehn Jahren vor Gericht zulässig sein.”

ist das die Zukunft, eventuell Pre-Crime oder ähnliche Träume der Strafverfolger. Was sind die Folgen, wo die Grenzen? Merkel reißt ein paar Dinge an, die Diskussion aber ist es wert weitergeführt zu werden und für das Theme Überwachung und Kontrolle zentral.

Körperscanner am Flughafen: war wohl nix

Nach zehn Monaten Testlauf und rund 809.000 (un-)freiwilligen Testläuferinnen und -läufern gibt das Bundesinnenministerium bekannt: Körperscanner sind am Flughafen noch nicht einsetzbar. Das klingt doch deutlich anders als noch zu Beginn des Versuchs. Der Spiegel gibt noch ein paar Zahlen und Reaktionen mehr zur Meldung.

DNA und internationale Datenbanken

Jäger und Sammler. DNA-Sammelwut und internationale Vernetzung polizeilicher Datenbanken

Wann: Mittwoch, 24.8.2011, 19:30 Uhr
Wo: Familiengarten, Oranienstr. 34 / Hofgebäude (U-Bhf. Kottbusser Tor, Bus M 29)

Mit:

  • Constanze Kurz (Chaos Computer Club)
  • Eric Töpfer (CILIP/Bürgerrechte und Polizei) (angefragt)
  • Sönke Hilbrans (Republikanischer Anwaltsverein)
  • Uta Wagenmann (Gen-ethisches Netzwerk) und
  • Willi Watte

Die ersten DNA-Analysen in der Bundesrepublik 1988 waren noch eine seltene Ausnahme. Heute gehört das Wattestäbchen, mit dem Speichelproben zur DNA-Analyse entnommen werden, zum wichtigsten Ausrüstungsgegenstand der Polizei. Längst geht es dabei nicht mehr nur um Kapitalverbrechen wie Mord oder Vergewaltigung. DNA-Proben werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit entnommen ……  Gegen diese biologischen Dimensionen staatlicher Ãœberwachung hat das Gen-ethische Netzwerk (GeN) im Mai eine Kampagne gestartet, und am 26. August wollen wir mit einem Aktionstag auf die europaweite Vernetzung polizeilicher DNA-Datenbanken aufmerksam machen. Um möglichst viele Menschen für den Aktionstag zu mobilisieren, werden wir auf der Veranstaltung umfassend über Formen, Praktiken und Hintergründe polizeilicher DNA-Sammelwut informieren und diskutieren …..

mehr Infos beim Gen-ethischen Netzwerk

Sensoren, Implantate, Fürsorge

Wo die Fürsorge aufhört und die Ãœberwachung anfängt ist oft schwer zu sagen – das Konzept der Ãœberwachung steht seit jeher in diesem Spannungsfeld. Zwei völlig unabhängige Nachrichten bzw. kleine Geschichten aus der Medizin lassen das wieder anschaulich werden. Das man Implantate (im Sinne von Prothesen) von außen erkennen soll, ist sicherlich hilfreich, wenn es um Notfälle geht – aber auch hier lassen sich mit ein wenig Fantasie die “gewanderten Funktionen” weiterdenken.

Ein anderes Projekt mit dem Titel Guardian Angels (NZZ, 1.6.2011) verfolgt ganz andere Ziele – letztlich geht es aber auch hier um die Kontrolle, sogar der Selbstkontrolle und um die eigene Fürsorge

Herr Hierold, was sind die Ziele des Pro jekts «Guardian Angels»?
Wir möchten Konzepte und Technologien für kommunizierende Netzwerke von winzigen Sensoren erforschen, die Personen sehr unauffällig dabei unterstützen, sich selbst und ihre Umgebung besser wahrzunehmen. Eine typische Anwendung liegt im Bereich des Sports: Die Sensoren könnten Blutdruck, Herzschlag und Bewegung messen und dem Träger darüber Feedback geben. Unser Projekt ist aber auch eine Technologieplattform für das Konzept «Zero Power»: Die Sensoren, die Recheneinheiten und die Bauteile für die Datenübertragung sollen so wenig Energie brauchen, dass sie von kleinen «Energiesammlern» mit Energie aus der Umwelt versorgt werden können – aus Bewegungen, Temperaturunterschieden und elektromagnetischer Strahlung, zum Beispiel Licht. Das System soll also ohne externe Energiequellen auskommen.

Was immer man von Doping, den Kontrollen und den durchaus vorhandenen Schwierigkeiten im Hinblick auf die Freiheiten der Sportler hält – hier böten sich aber in der Tat ganz neue Möglichkeiten der Ãœberwachung. Eine Lösung für eine schwieriges Problem – auch weil beim Doping im System Leistungssport nicht immer klar ist, ob es tatsächlich verfolgt oder manchmal auch geduldet wird?

Wie wir vom Kopf auf den Charakter schließen…

Die VW-Stiftung fördert ein sehr interessantes Projekt – SchädelBasisWissen (Hamburger Abendblatt vom 2.4.2011). Das Projekt hat im historischen Sinn durchaus etwas mit dem Thema des Blogs zu tun – denn es setzt sich kritisch mit den Vorstellungen physischer Eigenschaften im Hinblick auf die Bewertung von Menschen auseinander – im O-Ton der Ankündigung auf den Seiten der VW-Stiftung:

Welche kulturellen, medizinhistorischen und wissenschaftlichen Einflüsse haben unsere Vorstellung vom „wohlgeformten“ Schädel geprägt? Worin liegen die impliziten Verknüpfungen zwischen der Schädelform und den persönlichen Charaktereigenschaften eines Menschen begründet?

In Zusammenarbeit mit Medizinethnologen und Kunsthistorikern arbeiten Prof. Dr. Dr. h.c. Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, und der Neurochirurg PD Dr. Ernst-Johannes Haberl, Charité – Universitätsmedizin Berlin, am Beispiel der Schädelkorrektur bei Kleinkindern das historisch verankerte Wissen auf, das in unseren Vorstellungen über ein angenehmes Erscheinungsbild fortwirkt, ohne jedoch in der medizinischen Praxis reflektiert zu werden.

Ich konnte noch keine Projekt-Webseite finden – aber das kommt bestimmt auch noch. Für alle, die sich für Körpervermessung, Rassenklassifizierung usw. interessieren, dürfte das Projekt neue Erkenntnisse bringen. Was genau dabei rauskommt sollten wir uns dann mal genauer anschauen. Den Ansatz finde ich auf jeden Fall erst einmal interessant und wichtig.