Archiv für December, 2006

In nur einer Generation….

werden wir oder unsere Kinder es nicht bemerkenswert finden, wenn wir in unserem Körper Microchips tragen, die alle unsere Bewegungen oder Aktivitäten aufzeichnen, speichern bzw. an weitere Datenbanken weitergeben. Kevin Haggerty, Soziologie an der Universität von Alberta beschreibt die Entwicklung und ihre Konsequenzen in der kanadischen Tageszeitung “Toronto Star”. Seine Einschätzung:

Other users include the patrons of the Baja Beach Club in Barcelona, many of whom have paid about $150 (U.S.) for the privilege of being implanted with an identifying chip that allows them to bypass lengthy club queues and purchase drinks by being scanned. These individuals are the advance guard of an effort to expand the technology as widely as possible.

From this point forward, microchips will become progressively smaller, less invasive, and easier to deploy. Thus, any realistic barrier to the wholesale “chipping” of Western citizens is not technological but cultural. It relies upon the visceral reaction against the prospect of being personally marked as one component in a massive human inventory. (A generationi is all they need)

Die gegenwärtig immer wieder (und dreister) geäußerten Forderungen der Sicherheitsunternehmen bezüglich der (ihrer Ansicht nach mangelnden Sicherheitsmaßnahmen gegen den Terror) sind nur die Vorboten, von dem was uns in Zukunft noch erwartet. Je schwächer der Staat bzw. je mehr versessen sein Politiker auf Technologien zum angeblichen Schutz vor Terror (und Kriminialität) sind, desto mehr wird die Industrie  ihre Forderungen druchsetzen und ihre Technologien verkaufen können. Welche Konsequenzen diese Verschiebung der Sicherheit von Staat zu privat hat, werden wir noch nicht abschätzen können. Das es besser wird, ist nicht anzunehmen, auch nicht, dass wir tatsächlich sicherer werden.

2 Comments 11. December 2006 - 11:37

…und immer mal wieder das Internet

.. muss dran glauben, wenn dort gefährliches gesehen wurde oder im Zusammenhang mit einer Straftat - vornehmlich den Islam-Terroristen - oder den Amokläufen von Jugendlichen, alleingelassen von der Gesellschaft und ohne Ausweg in Verbindung gebracht werden kann. Der Ruf nach der Kontrolle des Internet ist dann schon ein gängiger Reflex einer hilflosen Politik. Wieviel Kontrolle braucht das Internet denn nun wirklich?, fragt sich tagesschau.de. Das die größten Mitschreier und Katastrophengewinnler dabei in der Privatwirtschaft sitzen, scheint der allgemeinen Debatte zu entgehen. Schön das die Kollegen von tagesschau.de einmal darauf hinweisen. Und ob es sich lohnt bezweifelt indes sogar die Polizei:

GdP-Mann Dicke gesteht gegenüber tagesschau.de ein, die Polizei sei “schon bei den Themen Terrorismus und Kinderpornografie nicht in der Lage, das Internet zu beobachten”. Die Suche nach Waffen erfordere Spezialisten, die waffentechnische und Internet-Kenntnisse mitbringen. Dies sei angesichts der dünnen Personaldecke nicht zu leisten. Ob sich die Suche aber überhaupt “im großen Stil lohnt, ist zweifelhaft”, so Dicke. Große Erfolge werde man dabei nicht erzielen.

Letzlich braucht man für einen Anschlag gleich welcher Art und Güte nicht die richtige Technologie oder die besten Mittel, nicht die Waffen, man braucht den Willen es zu tun - alles andere findet sich dann irgendwie mit oder ohne Internet. Den Willen gibt es nicht im Internet. Gleich ob IRA, ETA oder RAF - sie alle hatten weder Internet noch andere hochtechnische Kommunikationsplattformen - aber den Willen (und zu Beginn ihrer Aktionen auch keine übermäßige und hochtechnologische Waffenstärke). Im Moment scheint dieser Wille auf Seiten der Politik (unterstützt von der Sicherheitsbranche) aber ausschließlich darin zu bestehen, auf jedem Feld jede Ausrede zu nutzen, um die Kontrolle noch ein wenig anzuziehen. Uninspiriert und gefährlich - mehr ist das nicht.

Adding comment 7. December 2006 - 14:14

Überwachung in der Antike

Unter dem Titel “der Big Brother-Steinbruch der Römer” berichtet der Spiegel von einer Forschung aus dem Bereich der Archäologie, die Überwachungspraktiken bereits weit vor Benthams Panoptikon und dem modernen (digitalen) Staat feststellt.

Journal of Mediterranean Archaeology
Vol. 19 No. 1 (Jun 2006):65-89
Is Somebody Watching You?
Ancient Surveillance Systems in the Southern Judean Desert
Yuval Yekutieli

Das zeigt, das meine These von der grundsätzlichen Bedeutung von Überwachung als eines fait social total nicht unbegründet ist - zumal in Verbindung mit der Ausübung bzw. Herausbildung von Herrschaft bereits in vor-modernen Gesellschaften.

Der Hügel über dem Steinbruch weist am Hang eine merkwürdige natürliche Struktur auf, eine Art Graben, der zur Verwendung als Wachgang förmlich einlädt. Ein Felsspalt im Außenwall dieses Korridors bietet einen vollkommenen Überblick über den Steinbruch und das angrenzende Sklavenlager. Wer diese Stelle als Aussichtspunkt nutzt, kann von unten nicht bemerkt werden. Archäologe Yekutieli spricht von “psychologischem Terror”. Ein Foto aus der Perspektive des Sklavenlagers beweist das: Die Gefangenen hatten stets die Felsspalte im Blick. Ob sich dahinter ein Bewacher verbarg oder nicht, konnten sie indes nicht erkennen.

Schon der Ursprung des Wortes weist auf eine ältere Bedeutung hin: Lat. vigilare = wachen, beobachten, später dann das überwachen von Kranken. Beobachten gehört zu den grundsätzlichen menschlichen und sozialen Verhaltensweisen, ohne die eine Seins-Werdung nicht möglich erscheint. Lernen (u.a. durch imitieren) und kontrollieren sind zwei Seiten derselben Medaille und basieren auf Beobachtung. Nicht alles “Beobachten” ist Überwachung - aber im Grundsatz verweist der Zusammenhang darauf das Überwachung nicht ein bloßes Produkt moderner Gefängnissarchtektur und post-moderner Staaten ist, sondern, dass es sich durchaus um eine Folie handelt, mit der Gesellschaft als ganzes betrachtet werden kann, ähnlich dem von Marcel Mauss in den Anfängen der Anthropologie thematisierten Tausch (siehe: die Gabe, le don).

Ein schönes Beispiel, wenn auch der Spiegel sich nicht zu schade war, die Schlagzeile mit dem Begriff Big Brother zu verunstalten.

Adding comment 7. December 2006 - 10:48

Report: CCTV in Australien

The report Crime and CCTV in Australia: Understanding the Relationship will be publicly available 5th December 2006 as an e-publication.

Crime and CCTV in Australia: Understanding the Relationship (research methodology in brief).
The impact of CCTV on recorded crime in two Gold Coast suburbs (Surfers Paradise and Broadbeach) as well as selected QR Citytrain stations utilised police recorded crime in order to undertake time-series analysis to determine the effectiveness of CCTV. An observational study was undertaken in a Gold Coast control room to investigate the general control room operational practices, the monitoring strategies adopted, why monitoring was initiated, the types of incidents surveilled and the targets of surveillance. The survey research of QR commuters, Gold Coast residents and business traders was undertaken to ascertain the impact that CCTV has on the wider public and to gain information regarding people’s experiences with CCTV and their perceptions relating to privacy.

Adding comment 4. December 2006 - 23:29

Videoüberwachung öffentlicher Räume

Klauser Francisco, 2006, “Die Videoüberwachung öffentlicher Räume, Zur Ambivalenz eines Instruments sozialer Kontrolle”, Campus, Frankfurt.

Das Buch beinhaltet neben einem umfangreichen empirischen Teil zur Frage der Revitalisierung von urbanen Problemräumen durch Überwachungskameras und zur allgemeinen Akzeptanz der visuellen Überwachung unserer Städte auch eine
Abhandlung zur Videoüberwachung in schweizerischen Printmedien und einen
längeren theoretischen Teil zum Verständnis öffentlicher Räume.

Adding comment 4. December 2006 - 23:25

USA spionieren Fluggäste aus

Die US-Behörden haben millionenfach Einreisende an Flughäfen laut der Nachrichtenagentur AP mittels eines “Automated Targeting System (ATS)” nach ihrem “individuellen Sicherheitsrisiko” benotet. Vergeben werden die Noten nach einer “Vielzahl” von Kriterien, u.a. Herkunftsort, frühere Reisen und Art der Ticketbezahlung. Ziel ist es natürlich wieder einmal, terroristische und kriminelle Elemente dingfest zu machen bevor sie in den USA aktiv werden können. Darüber hinaus erlaube ATS auch die gezielte Suche nach Reisenden die “zuvor noch nicht als potenzielle Terroristen oder Kriminelle aufgefallen seien”. Aber wer ist das? Wir alle? Und woran genau wird ihr Bedrohungspotential festgemacht?
Aus Behördensicht scheinen Erfolge die Nutzung des Systems zu rechtfertigen. Immerhin werden täglich 45 “Kriminelle” auch mit Hilfe von ATS an der Einreise gehindert. Die Existenz des vor vier Jahren eingeführten Programms wurde bisher geheimgehalten. Selbst Beamte der us-amerikanischen Regierung sowie zumindest einige Kongressmitglieder  vertraten bislang die Annahme, dass mit Hilfe dieses Systems nur Kontrollen im Frachtwesen durchgeführt werden. Die betroffenen Personen haben keine Möglichkeit zur Einsicht der über sie erhobenen Datengeschweige denn zu einer Stellungnahme. Die Daten sollen 40 (!) Jahre lang gespeichert werden. So erscheint es auch nicht überraschend wenn der Anwalt der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF), David Sobel sagt:

“Das ist gemessen an der Zahl der betroffenen Personen wahrscheinlich das am meisten in die Privatsphäre eingreifende System, das die Regierung eingerichtet hat.”

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen…

Adding comment 1. December 2006 - 12:25

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