Rezension: Leben nach Zahlen

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Stefanie Duttweiler / Robert Gugutzer / Jan-Hendrik Passoth / Jörg Strübing (Hg.): Leben nach Zahlen. Self-Tracking als Optimierungsprojekt? 2016 transcript.

von Julia Bast und Aline Braun, Hamburg.

Lebst du noch oder trackst du schon? Wenn Leben zum numerischen Projekt wird.

Sie optimieren unseren Schlaf, sorgen dafür, dass wir ausreichend Obst und Gemüse zu uns nehmen und piepsen, sobald wir uns zu lange nicht bewegen. Immer mehr Selbstoptimierungs-Apps sollen unseren Alltag besser machen.

In einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage, die Statista im Rahmen des Quantified Wealth Monitor 2016 durchführte, wurden Verbraucher zu Self-Tracking, Online-Shopping und Datenschutz befragt. Das Ergebnis: Bereits 21% der Deutschen tracken ihre eigenen Daten in mindestens einem Lebensbereich. Die am häufigsten überwachten Bereiche sind dabei Fitness, Ernährung und Finanzen. Woher kommt die Faszination, die ein Fünftel der Befragten dazu veranlasst, regelmäßig das eigene Leben zu vermessen? Was ist unsere Motivation, uns selbst und unsere Bedürfnisse zunehmend detailliert überwachen zu wollen?

Diesem Phänomen gehen Stefanie Duttweiler, Robert Gugutzer, Jan-Hendrik Passoth und Jörg Strübing in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband “Leben nach Zahlen” nach. Quantified Self, Selbstoptimierung, Self-Tracking. Das sind nur einige der Ausdrücke, die entstanden sind, um diese neue Strömung zu benennen. Keine Innovation birgt nur Vorteile. Das spiegelt auch der Diskurs über den rasant wachsenden Einsatz von Self-Tracking-Methoden wider. Die beständige Verdatung, für die sich immer mehr Individuen entscheiden, birgt laut den Autoren die Gefahr eines Verlusts von Kontrolle und Selbstbestimmung an Geräte, Institutionen und internationale Konzerne. Auf der anderen Seite ermöglicht das Erheben der eigenen Vitalfunktionen zwangsläufig auch eine gewisse Autonomisierung des Individuums von beispielsweise Ärzten oder Steuerberatern, was von einigen Nutzern als Vorteil empfunden wird.

Am Beispiel von Diabetes beschreibt Lisa Wiedemann die Gefahr folgendermaßen: Die Möglichkeit den eigenen Insulinspiegel durch smarte Allzeitüberwachung zu kontrollieren sowie zu regulieren, autonomisiert die Patienten insofern, dass sie weniger oft Arzttermine wahrnehmen müssen. Außerdem führen transportable Messgeräte auch dazu, dass der Insulinspiegel dauerhaft ausgeglichen bleibt und weniger schwankt, was zu positiven Langzeitfolgen führen kann. Auf der Gegenseite jedoch müssen Patienten auch ihre eigenen “Labortechniker” werden. So wird bio-medizinisches Wissen zur Voraussetzung für gekonnte Selbstkontrolle. Die erweiterte Sichtbarkeit der eigenen Gesundheitsdaten führt demnach zu einer neuen Herausforderung und erhöht die Eigenverantwortung für den Einzelnen. Bleibt abzuwägen, ob die Verantwortungsverschiebung von Experten hin zu Patienten ein hohes Risiko birgt oder eine große Chance ist.

Der Sammelband stellt sich der Aufgabe, dieses eben beschriebene Spannungsfeld zwischen willkommener, technischer Unterstützung und den damit verbundenen Risiken aus unterschiedlichen Perspektiven und Ansätzen zu erarbeiten.

Die Autoren der einzelnen Beiträge beleuchten auf sozialwissenschaftliche Weise den aktuellen Zeitgeist in Bezug auf Selbstverdatung und gehen dabei auf verschiedenste Aspekte des breiten Feldes ein: Vom individuellen Datensammeln durch Fitness-Apps, über den Einsatz von Selbstvermessung in der Ökonomie der heutigen Gesellschaft bis hin zum soziologischen Aspekt der Social Surveillance und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Individuen.

Die Leser erhalten Einblick in aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in Sachen Selbstvermessung, werden mit Hintergrundwissen versorgt und es wird auch nicht versäumt, einen Ausblick zu liefern, wohin der Trend des Quantified Self uns und unsere Gesellschaft noch führen könnte. So soll ein Beitrag zu einem noch immer nicht breit genug geführten gesellschaftlichen Diskurs geleistet werden und für Chancen und Risiken sensibilisiert werden. Das Buch versucht Antworten auf die große Frage “Welche Effekte ergeben sich für die Gesellschaft und den Einzelnen?” zu liefern. Zugegeben eine große Frage, zu der das Buch in vielen Kapitel erste Antworten liefern kann.

Fazit

“Leben nach Zahlen” liefert einen wichtigen Beitrag zu einem noch immer nicht breit genug geführten gesellschaftlichen Diskurs. Sicher schafft es das Werk für das Thema Self-Tracking Interesse zu wecken und in diesem Zuge den Leser für Chancen und Risiken zu sensibilisieren. Positiv zu bewerten ist Vielzahl von Perspektiven, die zu einer differenzierten Beleuchtung des Felds “Self-Tracking” beitragen. Mit angenehm wenig Hysterie und wenig populistischen Thesen findet der Versuch statt, sich dem Thema aus den unterschiedlichen Forschungsbereichen, wie zum Beispiel Medizin, Fitness, Gamification, Marketing u.v.m. anzunähern.

Nicht zu hundert Prozent gelingt der Wandel einer wissenschaftlichen Ausarbeitung hin zu einem für den breiten Markt geeigneten, leicht zu rezipierenden Buchs – was so aber auch nicht Ziel des Buchs zu sein scheint. Die Autoren möchten fundiertes theoretisches Hintergrundwissen zu einem Thema, mit dem sich die breite Öffentlichkeit langsam auseinanderzusetzen beginnt, liefern und das gelingt ihnen gut. Die einzelnen Artikel bieten interessante Blickwinkel und zeigen spannende Forschungsfelder rund um das Thema „Self-Tracking“ auf.

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