Rezension: Order and Conflict in Public Space

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Mattias De Backer, Lucas Melgaço, Georgiana Varna, Francesca Menichelli (Hrsg.): Order and Conflict in Public Space. London-New York (Routledge) 2016.

von Aldo Legnaro, Köln

Was den öffentlichen Raum ausmacht (und ob überhaupt ein einheitlicher Begriff genügt, unter den sich die heutige Vielfalt von öffentlichen, quasi-öffentlichen und semi-öffentlichen Räumen subsumieren ließe), ist gar nicht so eindeutig zu fassen. Als entscheidendes Kriterium wird zwar übereinstimmend die Zugänglichkeit genannt, doch eben diese Zugänglichkeit erscheint zunehmend als gefährdet: durch Privatisierung und Kommerzialisierung des Raumes, was Kontrolle(n), die Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen und damit eine soziale Homogenisierung mit sich bringt. Das wirft Fragen auf „about norms and transgression, about liberty and control, about belonging and exclusion. And about dominant discourses informing our judgment on these matters.“ (S. 1) So steht im Mittelpunkt des Bandes denn auch die Frage nach der durch solche Raumbestimmungen und -anordnungen repräsentierten politischen und gesellschaftlichen Ordnung: „So the key question is who benefits from a certain definition of order and what power dynamics are involved in its formulation, its upholding and its policing“ (S. 4), was die Definition von Marginalität und den Umgang damit ebenso wie die Spielarten der „urban manifestation of capitalism“ (S. 3) umgreift.

Den ersten Teil – „Spaces of Control“ – beginnt Jon Coaffee mit einer Darstellung der Olympischen Spiele von London (Sommer 2012) und den folgenden von Sotchi (Winter 2014) und Rio de Janeiro (Sommer 2016). Das bietet einen aufschlussreichen Vergleich, denn damit stehen drei Orte mit sehr unterschiedlichen Sicherheitsproblemen in zudem völlig unterschiedlichem politischem Umfeld im Mittelpunkt. In London versuchte man ein „planning for the worst“ und konnte dabei auf eine über Jahre gewachsene Sicherheits-Infrastruktur zurückgreifen, investierte aber zusätzlich eine Milliarde £. Coaffee kennzeichnet die Entwicklungen als „hyper-carceral processes“ (S. 22), die eine exzeptionelle Militarisierung bei der Kontrolle des öffentlichen Raumes mit sich brachten. Vielfältiger Widerspruch – etwa eine Klage gegen die Aufstellung von Raketen in einem Wohngebiet – blieb allerdings ohne Erfolg. Die Frage „Whose Games? Whose City?“, die eine Demonstration aufwarf, beantwortet sich allerdings bündig, denn nicht nur das Publikum unterlag der Kontrolle, sondern auch die Werbung: nur Sponsoren durften im olympischen Areal werben, und BesucherInnen war es nicht gestattet, augenfällige Zeichen anderer Marken zu tragen. Viele der Sicherheitsvorkehrungen blieben nach den Spielen erhalten, was die Londoner Spiele zu einem Muster urbaner Sekurisitierung macht: „security legacy“ (S. 24) bleibt dann übrig, wenn sich die üblicherweise gemachten Versprechungen urbaner Regeneration nicht erfüllen. Immerhin durfte man in London in der Stadt demonstrieren. Das war in Sotchi anders; ursprünglich waren Demonstrationen innerhalb der kontrollierten olympischen Zonen verboten, doch erlaubte man sie nach Protesten – bei begrenzten TeilnehmerInnenzahlen – in einem speziell dafür ausgewiesenen Areal, der „protest zone“, die ca. 12 km vom nächsten olympischen Areal entfernt war. Die militärischen Sicherungen – Raketenabwehrsysteme, Stationierung von Kriegsschiffen in der Nähe, eingeschränkter Luftraum, Checkpoints mit Geräten zur Aufspürung von explosivem und radioaktivem Material, herumschwirrende Drohnen, fahrbare Roboter zur Entdeckung von Bomben – waren eher noch elaborierter als in London, und strengere Grenzkontrollen, CCTV und ein Profiling der Passagiere am Flughafen verstehen sich dann geradezu von selbst. Sotchi war von einem „ring of steel“ umgeben, der sich 40 km ins Land hinein und 100 km entlang der Schwarzmeer-Küste erstreckte, mit bewaffneten Kontrollpunkten an den Zugängen. Kein Wunder, dass ein Anwohner bemerkte, die Gegend habe sich in „a sort of concentration camp“ (S. 28) verwandelt. Die Sicherheitsarchitektur in Rio de Janeiro hingegen fiel etwas ziviler aus, denn die Ängste bezogen sich eher auf die enorm hohe Mordrate und Diebstähle. Dementsprechend dominierten kriminalpräventive und pazifizierende Maßnahmen, nicht zuletzt der Ausbau einer vorher schon dichten Videoüberwachung. Solche Pazifizierung bringt allerdings Verdrängung der Armen und Gentrifizierung mit sich. Insgesamt stellt Coaffee fest, dass Sicherheit inzwischen ein Argument bei der Bewerbung um Spiele geworden ist. Die einschlägigen Maßnahmen werden von einem Publikum bezahlt, das von einer Teilnahme weitgehend ausgeschlossen bleibt, und „hypercarceral ‘spaces of exception’ become the default option” (S. 31). Das belegt er hier vielfältig, wenngleich sein Text von ethnografischer Forschung wenig merken lässt und vor allem aus Fakten und Mediennotizen besteht. Aber schon das liefert ein komplexes Bild, das die mangelnde Olympia-Begeisterung in deutschen Städten sehr nachvollziehbar macht.

Vom temporär Exzeptionellen zu einer permanenten urbanen Verfassung führt der Aufsatz von Nelson Arteaga Boello über das Hochhaus Reforma 222 in Mexico City. Neben anderen wurde es im Zuge eines Revitalisierungsprogramms für die Innenstadt erbaut, bei dem sich Aspekte von Gentrifizierung und Sekuritisierung verbanden. So ist Reforma 222 ein Komplex zweier schlanker Hochhäuser mit Büros, Wohnungen und einer integrierten Shopping Mall, die sich zur städtischen Umgebung hin öffnet: „Reforma 222‘s most significant innovation ist that it creates the sense of continuity between the building and the street.“ (S. 49) Das schafft eine Illusion allgemeiner Zugänglichkeit, während tatsächlich eine strikte, durch Videoüberwachung hergestellte Kontrolle des Publikums besteht und die Häuser als eine vertikale Insel konstituiert, was Vermeidung und Abwehr von Horizontalität zugleich bedeutet, gilt ‚die Straße‘ doch als gefährlich. So bildet Reforma 222 „a volumetric expression of an ideal lifestyle“ (S. 51). In welchem Ausmaß es sich hier um die architektonische Darstellung von Macht handelt, wird besonders deutlich an den Konflikten. So wurde der gesamte Komplex bei der schwulen und lesbischen Community als Treffpunkt schnell beliebt, während die Wachleute versuchten, jegliche Bekundung gleichgeschlechtlicher Zuneigung zu verhindern. Immerhin hatte Protest Erfolg, und die Betreiber entschuldigten sich öffentlich. Jugendliche „reggaetoneros“ (Anhänger eines Musikstils aus Reggae, Hip-Hop und karibischen Einflüssen) wurden dagegen im Haus gejagt und ihr weiterer Zutritt verhindert. Der ‚Einbruch‘ des Horizontalen in die vertikalen Strukturen von Macht konstituiert somit ein hier aufschlussreich beleuchtetes Spannungsverhältnis, wenngleich die beschriebenen Symboliken, Kontrolltechniken und Konflikte sich auch in vielen ganz horizontal angelegten Shopping Malls beobachten lassen. Zudem wäre zu ergänzen, dass die Vertikale als Distinktionsmerkmal eine mittelalterliche europäische Erfindung bildet – die Geschlechtertürme in San Gimignano zeugen davon. Ein solcher historischer Rückblick erlaubt auch, die Macht-Symbolik heutiger Hochhäuser als Indiz einer Neo-Feudalisierung zu lesen. So stellt diese Einzelfallstudie eine Erweiterung des Blicks dar, ohne gänzlich neue Kontrollstrukturen erkennen zu lassen.

Diese liefert Antonin Margier mit einem Blick auf post-punitive Regulationen in einem Wohnviertel von Montreal. Er legt eine Unterscheidung nach home (als Wohnung) und dwelling (als Zuhause-Sein in der Wohnumgebung) zugrunde und zeigt, dass auch Obdachlose (hier Urbevölkerung aus dem Norden Kanadas) Empfindungen von dwelling mit Örtlichkeiten verbinden, an denen sie sich aufhalten und ihresgleichen treffen. Das kollidiert allerdings mit den Wünschen und Bedürfnissen der AnwohnerInnen, die den öffentlichen Raum „as residential and familiar spaces between home and the wider city“ (S. 71) betrachten und die Anwesenheit von Obdachlosen „as a threat to values of community and conviviality“ (S. 71) ansehen. Folgerichtig organisieren sie auf subtile Weise ihre Botschaft, dass Obdachlose unerwünscht sind: einen Wochenmarkt, Filmvorführungen auf einem Platz, Kindernachmittage, Bepflanzungsaktionen. Wenngleich Montreal auch punitive Regelungen kennt, etwa das Verbot, in Parks zu schlafen, sind solche Maßnahmen nicht punitiv im eigentlichen Sinne, denn den Obdachlosen ist der Aufenthalt nicht verboten, „but the transformation of public spaces displaces their sense of home and constitutes a denial of their right to the city.“ (S. 75) Das erinnert ein wenig an die bekannte Beschallung von Plätzen mit klassischer Musik, um Jugendliche fernzuhalten, und auch die Veränderungen von Stadtvierteln durch Gentrifizierung folgen – neben den ökonomischen Faktoren – einer ähnlichen Logik; neu allerdings ist, dass die AnwohnerInnen selbst solche Initiativen der ‚Rückeroberung‘ ergreifen. Auf welche Weise Versatzstücke einer Technologie der Macht von der Bevölkerung selbst konstituiert und exekutiert werden, macht dieses Beispiel somit sehr deutlich.

Die damit verbundenen Ambivalenzen beleuchten Nick Schuermans und Manfred Spocter. Am Beispiel eines Wohnviertels in Kapstadt gehen sie der Frage nach, warum BewohnerInnen die Konfrontation mit Armut vermeiden. Dieses Viertel – vorrangig von weißer Mittelschicht mit überdurchschnittlichem Einkommen bewohnt – ist zwar nicht in sich abgeschlossen, aber viele EigentümerInnen haben Mauern oder Zäune um ihr Haus errichtet, und die Haustüre ist selten ohne weiteres zugänglich. Daneben gibt es auch diverse Sicherheitsinitiativen und regelmäßige bürgerschaftliche Patrouillen, die mit der hohen Kriminalitätsbelastung begründet werden, die in Südafrika tatsächlich ein großes Problem bildet. Doch es geht nicht einzig um Kriminalität: die Fortifikationen des eigenen Hauses sollen ebenfalls den Kontakt mit ‚unerwünschten Personen‘ (Obdachlosen und Bettlern) verhindern, deren Anwesenheit als Gefahr für den Wert der Immobilien gesehen wird. Daneben wirkt die Sichtbarkeit von Armut als eine psychologische Herausforderung, die die eigene ökonomisch und sozial privilegierte Situation vor Augen führt, was von manchen als unangenehm enpfunden wird. Obdachlose und Bettler sind „a constant reminder of the fact that privileged lifestyles […] are actually rather exceptional and maybe even misplaced […] While some residents valued the everyday encounters with underprivileged people precisely because of this reminder, many others preferred to ignore the rising inequalities in South Africa“ (S. 94) Während diese Erklärung auch für Europa zutreffen dürfte, kommt in Südafrika noch ein „desire to re-establish orderly places in which the integrity of the post-apartheid, white, middle class self is not threatened“ (S. 95) hinzu. Aber es gibt auch Ausnahmen, bei denen tägliche Interaktionen zu Akten der Solidarität führen, und der öffentliche Raum bildet somit gleichzeitig „places of exclusion and places of encounter“ (S. 96). Das beschreibt seine in der heutigen Stadt ambivalenten Charakteristika wohl nicht nur in Südafrika.

Ein eher eindeutiges Bild entwirft Pavel Posp?ch in seiner Analyse tschechischer Shopping Malls. Tschechien bietet das Beispiel eines mitteleuropäischen Transformationslandes, in dem solche Malls die alltägliche Stadterfahrung erheblich verändert haben. Ihre hier untersuchten Hausordnungen zeigen allerdings mit ihren langen Listen unerwünschten Verhaltens die vertrauten Merkmale präventiver Vorsicht: „everything that has the potential to get out of control […] is prohibited“ (S. 108). Dieser Kontrollaspekt ist ein wesentliches Argument, um Malls von ‚unsicheren‘ und ‚unordentlichen‘ Innenstädten abzugrenzen. Dabei verbieten die Hausordnungen nicht bestimmten BesucherInnen den Zutritt, sondern definieren lediglich stereotyp zugeschriebene Verhaltensweisen, die es erlauben, unerwünschte Individuen zu erkennen: das äußere Erscheinungsbild genügt, um jemanden als Obdachlosen zu bestimmen. Die Konsequenzen daraus müssen jedoch interaktiv ausgefüllt werden, und das schlecht bezahlte Sicherheitspersonal übt seinen Ermessensspielraum und also seine Macht unterschiedlich und manchmal auch liberal aus, sodass „one could say that the power of the institution […] is privatised by the security staff for their own benefit“ (S. 112). Davon können dann auch Obdachlose profitieren, auch wenn sie nicht dem Konsumtionsimperativ in Malls entsprechen. Dieser zielt bei Betonung des Familiären weitgehend auf Frauen, was allerdings gelangweilte Männer und schnell genervte Kinder mit sich bringt. Für erstere halten manche Malls einen „men‘s corner“ bereit, mit Kaffee und TV-Sportsendungen, für letztere betreute Spielplätze. Das löst das Problem des Nicht-Konsums bei einer ansonsten erwünschten Besuchergruppe, konstituiert die Familie jedoch auch als konsumistische Basiseinheit einer totalisierten Kommodifikation, was der Autor nicht erwähnt. Er betont jedoch, dass „defining the acceptable and the unacceptable is an act of power“ (S. 118), der durch den konstruierten Gegensatz zwischen Malls und Innenstädten unterstützt werde. Darin unterscheiden sich Malls in Tschechien dann allerdings nicht von denen im Westen.

Den zweiten Teil – „Spaces of Transgression“ – eröffnet Ilse van Liempt mit einer Analyse neuer Formen des Polizierens in der Night Time Economy von Utrecht und Rotterdam. Hier arbeiten Polizei und private Sicherheitsdienste, vor allem die Türsteher der Clubs, eng zusammen, und ein „collective pub-and-club ban“ sperrt auffällig Gewordene bis zu fünf Jahren für alle Einrichtungen. Da die Türsteher zur Datenbank keinen Zugang haben, erkennen sie die Betroffenen jedoch nicht unbedingt, was zu einer selektiven Anwendung führt und die Maßnahme als „punitive populism“ (S. 131) kennzeichnet. Die Kriterien, nach denen Türsteher den Zutritt verweigern, beruhen vor allem auf lokaler Kenntnis und eigenen Erfahrungen; Betrunkenheit – der Zweck des Besuchs – gilt dabei nicht unbedingt als problematisch, sondern Aggressivität. Hyper-Maskulinität ist denn auch ein wichtiges Selektionskriterium, ethnische Zugehörigkeit vor allem bei Marokkanern. Manche (als ‚links‘ bekannte) Clubs verpflichten ihre Türsteher jedoch darauf, keine ethnischen Diskriminierung zu betreiben: das stereotypisiert auch die Clubs und führt zu einer Selbst-Selektion des Publikums. Außerhalb sorgt CCTV für eine Beobachtung, die sich inzwischen vor allem auf Zeichen von Unordnung focussiert, wie Urinieren in der Öffentlichkeit und Handgreiflichkeiten. Daas belegt eine neuartige Form des Polizierens: „By reclaiming ‘civility’ and remoralising nightlife districts for a particular ‘responsible’ citizen, these new forms of governance reveal different ways of controlling public space than traditional ways of policing.“ (S. 135)

Obdachlosigkeit in Denver wird auf eine vergleichbare Weise reguliert, wie Sig Langegger und Stephen Koester zeigen. Es geht auch hier weniger um Kriminalisierung als um Raumkontrolle, die zudem auf vielerlei Behörden und Organisationen aufgeteilt ist. Es handelt sich also nicht um ein monolithisches System; vielmehr konzipieren die Autoren „neoliberalism in terms of splinters, as manifold processes fracturing along both jurisdictional and bureaucratic lines“ (S. 143), was sie „splintering neoliberalism“ (S. 144) nennen. „Petty sovereigns“ (ein Begriff von Butler) sind dabei wichtige Akteure. Denver ermöglicht ihnen ihre Beschwerdemacht durch das Verbot des Zeltens in der Stadt, was Obdachlose zu ruheloser Bewegung zwingt und Eigentum vor der Bedrohung schützen, die sichtbare Obdachlosigkeit offenbar bildet. Kriminalität spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Unterschiedlichkeit der Regeln – manche zeitlich, manche örtlich – bewirkt, dass „citizenship in the neoliberal city splinters along property boundaries, individual rights, and the enforcement strategies of petty sovereigns. Not internalized within one‘s ability to consume, rights to the city reside in one‘s relation to property“ (S. 154). So zutreffend da ist, so überzeugt die Grundidee eines in sich zersplitterten Neoliberalismus nicht so recht, zeigen doch alle Splitter in dieselbe Richtung und sortieren sich in Richtung eines ideologischen Magneten, der – bei aller beobachtbaren Differenzierung – Einheitlichkeit herstellt.

Raumkontrolle in Aberdeen am Beispiel einer jugendlichen Autokultur beleuchtet Karen Lumsden. Der innerstädtische Beach Boulevard ist ein beliebter Treffpunkt von „boy racers“, die sich hier ihre Autos vorführen und Rennen fahren. Da dieser Bereich zentral für städtische Revitalisierung ist und sich inzwischen hier hochpreisige Wohnungen finden, entspinnen sich seit den 1990-er Jahren Konflikte zwischen den Anwohnenden und den Racers. Die Politik versuchte eine Vielfalt von Maßnahmen, die von Polizeikontrollen, CCTV und Platzverweisen bis zum Angebot eines alternativen Treffpunkts reichten. Die Jugendlichen verhandelten aber auch mit der Polizei und bemühten sich um ein eigenverantwortliches Polizieren. Lumsden stellt die Entwicklung vor dem Hintergrund der Lefebvre‘schen Dreigestaltigkeit des sozial produzierten Raumes dar, wodurch deutlich wird, dass die Konflikte zwischen den Jugendlichen und der um ihre Ruhe besorgte Anwohnenden nicht nur auf eine unterschiedliche Nutzung, sondern nicht zuletzt auch auf unterschiedliche symbolische Bedeutungen des Raumes zurückgehen.

Auch eine geteilte Symbolik des Raumes schützt nicht vor Konflikten, wie Lucy Jackson und Gill Valentine mit ihrer Analyse der Auseinandersetzungen um Abtreibung in Großbritannien zeigen. Organisierte GegnerInnen von Abtreibung postieren sich mit abschreckenden Plakaten gerne in die Nähe von einschlägigen Kliniken, deren Beschäftigte ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung durchaus zugestehen, jedoch für eine Schutzzone um die Kliniken werben. Was der ‚richtige‘ Platz für diesen Protest ist und ob die konfrontativ wirkenden Fotos von zerstückelten Föten, die viele als abstoßend empfinden, eine öffentliche Form der Devianz bilden, bleibt sehr umstritten. Es gibt offenbar „different ‘levels of acceptability’ depending of what the subject of the vigil is“ (S. 201), und die Darstellung von Abtreibung im öffentlichen Raum ist für viele nicht akzeptabel, aber: „If campaigns are to have a real impact […] should they not push the social and moral boundaries of acceptability in public space“? (S. 201) – eine offene Frage, die das Niveau von Toleranz für minoritäre Meinungsäußerungen umschreibt.

Zwei Essays beschließen den Band. Keith Hayward konstatiert eine Diversifizierung der kriminologischen Forschungen zum Raum und seiner theoretischen Bestimmungen; „what is most evident is their shared concern with specificity, granularity, and detail“ (S. 208). Die Betonung von Identitätspolitiken habe jedoch dazu geführt, dass vielen die Vorstellung einer kollektiv geteilten öffentlichen Solidarität als ein überholtes Relikt vergangener Zeiten gelte, was oft zu einem anti-etatistischen Denken führe. Der öffentliche Raum werde aber nicht von einem monolithischen Staatsgebilde kontrolliert, sondern „by a more diverse alliance of (neoliberal) forces comprised of institutions and actors with different intentionality“ (S. 213). In diesem Sinne müsse die Forschung politisch nuanciert sein und etwa teilnehmende Beobachtung und quantitative geografische Informationssysteme miteinander verbinden, um versteckte Geometrien der Macht aufdecken und alternative Kriminalitätskarten herstellen zu können. Diesem pragmatischen Forschungsprogramm stellt Myriam Houssay-Holzschuch eine aktivistische Sichtweise zur Seite. Sie stellt fest, dass „public space has the character of a Western myth“ (S. 216) und als ein Narrativ dieser Gesellschaften funktioniert habe, wenngleich der politische, soziale und juristische öffentliche Raum sich nicht oft überlappe. Und ‚public‘ sei zudem ein staatszentrierter Begriff, was die Frage aufwerfe, wessen Ordnung aufrecht erhalten werden solle. Das Beispiel der Demonstrationen in Frankreich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo, an denen sich vier Millionen Menschen beteiligten, zeige, dass es dabei keineswegs um ein Signal der nationalen Einheit gegangen sei; „the actual strength of the January demonstrations lay in the possibility to express dissent, conflicting and diverse identities and in so doing, making space common.“ (S. 219) Woraus folgt: „we should reintroduce differences, looseness, unpredictability and, well, a bit of chaos into urban space.“ (S. 219) Das klingt für dieses eine Beispiel höchst plausibel, fraglich aber, ob es immer übertragbar sein kann.

Insgesamt ist dies ein klug konzipierter und durch seine globale Ausrichtung höchst informativer Band. Ein deutsches Beispiel vermisst man nicht, denn es hätte keine neuartige Facette beigetragen; interessant wäre allerdings eine Falldarstellung aus Indien gewesen, die möglicherweise zusätzliche Akzente gesetzt hätte. Denn wenn sich etwas aus den präsentierten Beispielen lernen lässt, dann ist es ein Phänomen, das sich als Glokalisierung der Sekuritisierung kennzeichnen ließe, als die Implementierung lokaler Verfahrensweisen zur Durchsetzung global weitgehend identischer Vorstellungen von Ordnung und Kontrolle. Zwar werden trotz der gelegentlichen Übertheoretisierung der Beiträge die zugrunde liegenden ökonomischen und soziokulturellen Prozesse oft nur gestreift, doch überstiege das auch die Reichweite dieses empfehlenswerten Bandes.

Aldo Legnaro, Köln

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