Rezension: Windows into the Soul

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Gary Marx: Windows into the Soul: Surveillance and Society in an Age of High Technology. Chicago / London: University of Chicago Press, 2016.

von Hanna Reichel, Halle-Wittenberg

Der Soziologe Gary Marx ist einer der Pioniere im Bereich der Überwachungsstudien. Als einer der ersten warnte er 1985 vor der Verwirklichung der Visionen von George Orwell in einer „Surveillance Society“[1]. Sein Begriff der “New Surveillance” wurde prägend für den Wandel von statischer, personenbezogenen und auf Beobachtung basierender zu dynamischer, flächendeckender, datenbasiert technologisch vollzogener Überwachung[2]. Dreißig Jahre nach seiner bekannten Arbeit zu verdeckter Polizeiarbeit[3] hat er nun eine zweite, breit angelegte Monographie veröffentlicht, die seine über Jahrzehnte gesammelte Einsichten und Reflexionen bündelt und einem sozialwissenschaftlich geschulten ebenso wie einem breiteren thematisch interessierten Publikum zugänglich macht.
Unter Rückgriff auf die dramaturgische Analyse symbolischer Interaktionen seines Lehrers Erving Goffman befasst Marx sich nicht mit aktuellen technologischen oder politischen Entwicklungen, sondern mit der gesellschaftlichen “Kultur der Überwachung” (“culture of surveillance”, xi), die durch die Wahrnehmung und Verwendung von Überwachungstechnologien sozial entsteht. Marx erklärt zum Ziel der Arbeit “to advance understanding of the social and ethical aspects of personal information control and discovery as a naturally bounded, analytically coherent field.” (x)

Auf die naheliegende Frage “Are you for it or against it?”, antwortet Marx in diesem Buch mit einem ebenso differenzierten wie differenzierendem “what I am for is understanding it … A central task for this book, then, is to suggest why surveillance by itself is neither good nor bad, but context and comportment make it so” (10). Um dorthin zu gelangen, sucht Marx in den vier Teilen des Werkes nach Konzepten “that capture the rich empirical variation in surveillance settings and behavior and that feature the complexity of social orders, while nonetheless revealing patterns” (10). Teil I “Concepts: The Need for a Modest but Persistant Analycity” (11–112) präsentiert in diesem Sinne theoretische und definitorische Strukturierungen zur Näherbestimmung des Gegenstandes und fragt nach Wesen, Formen, Arten und Zielen von Überwachung. Der etwas kürzere Part II “Social Processes“ (113–172) stellt komplementär zu diesen statischen Kategorien Prozessanalysen sozio-kultureller Entwicklungen in der Anwendung und Interpretation von Überwachung ebenso wie Kategorisierungen von Widerstandshaltungen vor.

Der dritte Teil “Culture and Contexts” (173–264) ist nicht nur vom Umfang her der Hauptteil des Buches. Seinen großen Erfahrungsschatz hat Marx genutzt, um vier komplexe und detailreiche Fallstudien auszuarbeiten. Als Idealtypen sind sie zwar fiktiv, stellen aber nichtsdestotrotz empirisch basierte Verdichtungen dar, die soziale und kulturelle Umgangsweisen mit Überwachung realitätsnah destillieren. Das Arbeitsüberwachungsprogramm eines High-Tech Unternehmens (“the Omniscient Organisation”), das Manifest eines Kinderschutz-Vereins (“Parents Insist on Surveillance Help Inc.”), die Psychiatrie-Akte eines Voyeurs (“Tom I. Voire”) sowie die Rede eines Unternehmers und Vorsitzenden einer Landes-Überwachungs-Vereinigung („Rocky Bottoms“) sind konstruiert, aber nicht erfunden: Sie konzentrieren Hoffnungen und Rationalitäten, Ambivalenzen und Gefährdungspotentiale in der Wahrnehmung von und im gesellschaftlichen Umgang mit Überwachungstechnologien auf ernsthafte und kenntnisreiche, zugespitzte und oft geradezu satirische Art und Weise.

Der abschließende normative Teil IV “Ethics and Policy” (265–322) bietet ganz im Sinne des zu Anfang geäußerten Anliegens kein ethisches Urteil über Überwachungspraktiken, sondern wiederum verschiedene Klassifizierungen, die eine Urteilsfindung im Einzelfall vorbereiten sollen. Vierundvierzig “techno-fallacies of the information age” (267), aber auch die Reflexion auf umgekehrte “fallacies” der Technophoben und auf allgemeine “fallacies” der wissenschaftlichen Community zeigen Inkonsistenzen und Fragwürdigkeiten auf. Dazu entwickelt Marx “basic questions for identifying factors that would lead the average person to view a surveillance practice as wrong or at least questionable” (277).

Insgesamt lässt sich das Buch weniger als geschlossene Monographie denn als Sammlung der Erträge einer jahrzehntelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit kulturellen und gesellschaftlichen Praktiken der Überwachung charakterisieren. Marx spricht selbst vom “relatively unstructured and opportunistic format” (7, in Bezug auf seine Interviewpraxis). Das Vorgehen analytischer Induktion aus empirischen Fällen zu ihrer theoretischen Abstrahierung lässt sich aus der Präsentation erahnen, aber von der Leserin anhand der Erträge nicht mehr methodisch nachvollziehen. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln, geschweige denn den Teilen, ist eher lose gestrickt. Vielfach greift Marx explizit oder implizit auf frühere Veröffentlichungen zurück. Einiges Material, das sich thematisch nicht so recht einsortieren ließ, ist im Anhang gelandet; anderes Material, das durchaus einzelnen Kapiteln zugehörte, aber scheinbar den Rahmen gesprengt hat, steht der interessierten Leserin im Internet zur Verfügung. Insbesondere Teil IV ist so stark gekürzt worden, dass er in der vorliegenden Form mehr ein Versprechen als eine tatsächliche Ausarbeitung anbietet: Marx präsentiert die von ihm erhobenen “fallacies” als nackte Liste ohne Erläuterung, so dass die dort gebotenen Bezeichnungen im Einzelnen kryptisch bleiben.

Marx entwickelt keine große Theorie und keinen eng umrissenen konzeptuellen Rahmen. Er verfolgt keine weitergehende Hypothese als die, dass Differenzierung und Strukturierung komplexer Problemlagen eine wichtigere und nachhaltigere Leistung für die Gesellschaft wie für die Fachwelt darstellen als eine schnelle Urteilsbildung. Doch gerade damit erweist Marx seiner Leserschaft den vielleicht größten Dienst: indem er als Erträge seiner langjährigen Arbeit in erster Linie Analyseleistungen und Orientierungshilfen ebenso bescheiden wie hochgelehrt schlicht zur Verfügung stellt, ohne eigene Urteile aufzudrücken.

Im Dienste dieses Anliegens dominieren zwei methodische Prinzipien das Buch in den verschiedenen Sektionen: Klassifizierung und Veranschaulichung. Konstant ist Marx damit beschäftigt, die einzelne Aspekte der von ihm beschriebenen Bereiche zu unterscheiden und zu systematisieren. Lange Listen, die Begriffe, Themen und Probleme in Unteraspekte, Arten und Varianten zerlegen, prägen darum viele Kapitel. Für die Leserin ist dies ein hilfreiches Instrument zur Orientierung in einer sehr unübersichtlichen Disziplin und trägt enorm zur Versachlichung aufgeheizter Debatten bei. Wenn auch die Lektüre dadurch streckenweise relativ trocken erscheint, sind die dadurch entstehenden Differenzierungen problemorientiert, weiterführend und vielfach geradezu augenöffnend. Die Klassifizierungen erlauben es Marx, erstaunlich viel und sehr diverses Material kontrolliert zu präsentieren und entwickeln Konzeptionalisierungen für die Weiterarbeit an Éinzelfragen. Sie führen nicht nur eindrücklich vor Augen, aus welch breiter und tiefer Erfahrung Marx schöpft, sondern machen diese Erfahrung fruchtbar für Leser_innen späterer Generationen, die auf diese Weise konstruktiv darauf auf- und weiterbauen können.

Das zweite – und methodisch geradezu gegenläufig wirkende – Mittel, dessen sich Marx bedient, ist die künstlerisch gestaltete Veranschaulichung. Dazu greift er vielfach auf im wissenschaftlichen Bereich eher unkonventionelles Material zurück: Aphoristische Schnipsel aus Literatur und Pop-Musik stehen nicht nur an Kapitelanfängen, sondern beinahe an allen Abschnitten, Comics und Internet-Memes illustrieren populäre Imaginationen. Zusammen mit den bereits hervorgehobenen idealtypisch-konstruierten Geschichten verdichten sie auf kreative und eindrückliche Weise fiktiv aber hochrealistisch – und nicht ohne auflockerndes Augenzwinkern – theoretische Einsichten wie empirische Erfahrungen von Überwachung im Alltags-, Arbeits-, Wirtschaftsleben in konzentrierter Weise und erschließen Skurrilitäten, Ambivalenzen und Gefährdungen für die Reflexion.

„Windows into the Soul“ beeindruckt durch seinen Gehalt und seine analytische Schärfe, die Breite und Dichte des behandelten Materials ebenso wie durch die Leichtfüßigkeit, mit der Marx sich den komplexen und schweren Fragen gegenwärtiger Überwachungskultur nähert. Ohne Zweifel wird man dieses Werk als sein „Opus magnum“ bezeichnen, und das mit Recht. Es liest sich aber weitaus lockerer und auch unterhaltsamer, als ein solch schwerfälliger Titel glauben machen könnte.

Hanna Reichel

Anmerkungen:

[1] „The Surveillance Society: The Tthreat of 1984-style Techniques,“ in: The Futurist 6 (1985): 21–26.
[2] „What?s New about the ‚New Surveillance?? Classifying for Change and Continuity,“ in: Surveillance and Society 1 (2002): 9–29.
[3] Undercover: Police Surveillance in America, Berkeley: University of California Press, 1988.

Ein Kommentar

  1. […] Darin sind neben den bekannten Argumenten und Szenarien auch einige neue zu finden – und auch eine Referenz an Gary T. Marx und seine Analyse Windows into the Soul (hier rezensiert). […]

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