Rezension: Überwachung und Snowden

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  • David Lyon: Surveillance after Snowden. 2015, polity press, &
  • David P. Fidler: The Snowden Reader. 2015, Indiana Univ. Press

von Ida Roscher, Hamburg

Was haben Snowden’s Enthüllungen zu einem Überwachungsdiskurs beigetragen?

Diese Frage erörtert David Lyon in seinem Buch, indem er auf überzeugende Art und Weise deutlich macht, dass es um Überwachung im digitalen Zeitalter, neue technologische Modi und den damit verbundenen Herausforderungen in Umgang und Reaktion geht und nicht um die Person Snowden.

Einen entscheidenden Wendepunkt bringen Snowdens Enthüllungen dadurch, dass sicht- und nachvollziehbar geworden ist, was Metadaten sind, wie aktuelle Überwachungstechnologien funktionieren und wie diese einzusetzen sind in einer Politik, die Sicherheit zu einem ihrer wichtigsten Programmpunkte macht.

Auch wenn vor der sogenannten „NSA-Affäre“ zwar ein rudimentärer Kenntnisstand über Massenüberwachung existierte, sind es diese Beweise und Einblicke in die Ausführung und Ausübung der Überwachungsverfahren, die bis dato nur unzureichend bekannt oder eben nur spekulativ diskutiert werden konnten. Kurzum gesprochen bringen Snowdens Enthüllungen für die Aussagen der „Surveillance Studies“ eine bemerkenswerte Veränderung, da nun in Einzelheiten bekannt ist, dass die Überwachungspraktiken des Geheimdienst NSA weit über die bisher angenommene Tragweite wirken.

Lyon vermeidet in seinem Buch zwar genau solche Einzelheiten und Details der Enthüllungen, macht aber in den ersten beiden Kapiteln des Buches die Bedeutsamkeit des Inhalts dieser deutlich. Es werden nicht nur einzelne Überwachungsprogramme verständlich erklärt, sondern auch was Metadaten sind, wie diese welche Bedeutung bekommen, wenn wir heute von Überwachung sprechen. So ermöglicht er dem Leser zu Beginn einen Überblick über die Geschichte von Überwachung und setzt die gegenwärtige „Big Data Surveillance“ in ihren sozio-technischen wie auch politischen Kontext. Mit dieser Kontextualisierung gelingt Lyon das, was vielen anderen Autoren mit ihren Veröffentlichungen zur NSA-Affäre misslingt: Snowden als Figur nicht zum Protagonisten einer Erzählung zu beanspruchen und so die Relevanz der Aufdeckung von Überwachungsstrategien in den Hintergrund zu changieren.

Der zweite Teil des Buches wird nach der Einführung zu eben dieser Thematik informativer. Hier werden Daten und ihre Nutzung für Überwachung in der privaten Lebenssphäre verhandelt. Zum Abschluss werden Zukunftsszenarien angedeutet, welche nicht dystopischer Natur sind, sondern ihre Konzentration darauf legen, wie im Alltag auf gegenwärtige und zukünftige Überwachungspraktiken reagiert werden kann.

Im dritten Kapitel ist Metadata einmal mehr das Schlüsselwort, welches den Zugang zu einem Verständnis über die dynamischen Prozesse einer „Big Data Überwachung“ eröffnet. Dynamisch deshalb, weil ohne die Partizipation der überwachten Bürger – gleichwohl freiwillig oder unfreiwillig – das Prinzip von „Big Data Überwachung“ nicht funktionieren kann. Die Dringlichkeit Zusammenhänge von Big Data und Alltagshandlungen zu verinnerlichen, wird als sein Anliegen an dieser Stelle deutlich.

Das darauf folgende Kapitel Precarious Privacy beleuchtet dann das Recht auf Privatsphäre nicht nur in seiner gesellschaftlichen Relevanz, sondern auch warum diese jede Einzelne betrifft, sowohl in Bezug auf Grundrechte oder auch auf basale Alltagshandlungen.

Kriminologisch relevant und interessant hierbei ist die Veränderung von „Big Data“ bezüglich betroffener Zielgruppen. Es ist nicht mehr der Verdächtige, Kriminelle, der überwacht wird: vormals gezielte Überwachung von Individuen und Gruppen wird nun zur Massenüberwachung. Lyon warnt an dieser Stelle vor Diskriminierung und Kriminalisierung marginalisierter Gruppen und kritisiert dabei den Modus operandi Predictive Policing mit der Begründung der Gewährleistung von Sicherheit zu legitimieren.

“Your rights matter because you never know when you’re going to need them.“, ist zwar der einleitende Satz in das vierte Kapitel, deutet aber auch schon den Ton an, mit welchem sich Lyon im Schlusskapitel an seine Leser wendet. In diesem betont er keine weitere negative Perspektive zu Massenüberwachung einzunehmen, sondern schlägt eine „Politik der Hoffnung“ vor, die er mit dem Aktiv-Werden einer jeden Einzelnen in ihrer Verwirklichung wachsen sieht. So endet das Buch dann auch mit einem Aufruf, wie digitaler Überwachung mit gezielten Aktionen zu begegnen sei.

Wer neben den grundlegenden Informationen zum Thema gegenwärtiger Massenübberwachung und Lyons aktivistischen Forderungen für einen künftigen Umgang mit dieser, doch mehr Detailwissen bezüglich der Enthüllungen Snowdens erfahren möchte, dem ist die Lektüre von The Snowden Reader von David P. Fidler zu empfehlen.

Diese versammelt Essays verschiedener Autoren, in welchen die Enthüllungen aus unterschiedlicher Perspektive analysiert werden; historisch und politisch, rechtlichen Aspekten aber auch ethischen Fragen wird hier auf den Grund gegangen. Auch sind einige der von Snowden „geleakten“ Dokumente abgedruckt, die sowohl eine Einführung erhalten, aber des Weiteren auch Stellungnahmen verschiedener Experten beinhalten. Reaktionen der NSA, des US Kongress und der Obama Administration geben einen guten Einblick in die noch anhaltende, aus der Aufdeckung resultierenden Situation, aber neben diesen gibt es auch Äußerungen des europäischen Parlaments, ausländischer Politiker und weiterer Spezialisten. Am Ende des Buches befindet sich ein Dokument zur Reform des „USA FREEDOM Act“. Snowden selber bekommt das letzte Wort in diesem Buch mit einer kurzen Reflektion „One year later“, indem nicht nur sein Anliegen noch einmal verdeutlicht wird, sondern auch, dass die Prozesse zur Reformierung digitaler Überwachung mit einem „Act des Whistleblowing“ noch lange keinen Abschluss gefunden haben.

Die vorgestellten Bücher legen im Einzelnen einen unterschiedlichen Schwerpunkt: bei Lyon, der etwas zu starke Fokus auf Aktivismus auf Kosten detaillierter Information während es dem Leser bei Fidler durch die Masse an Spezialwissen schwer fallen kann, die Inhalte in größere Zusammenhänge zu bringen. In Ergänzung aber ergeben sie eine gute Grundlage für eine gründliche Auseinandersetzung mit den Themenfeldern digitaler Überwachung, Datenschutz und Sicherheit, die weit über die öffentliche Berichterstattung zu diesen hinausgeht.

Ida Roscher, Hamburg

 

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