Rezension: Feminist Surveillance Studies

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Dubrofsky, Rachel E. und Shoshana Amielle Magnet (eds): Feminist Surveillance Studies, Duke University Press 2015

von Pamela Kerschke-Risch, Hamburg

Surveillance-Studies haben gleichzeitig mit dem technischen Fortschritt und den politischen  Entwicklungen zunehmend an Bedeutung gewonnen, entsprechend groß ist die Anzahl der Neuerscheinungen zu diesem Thema, jedoch wurden dabei feministische Perspektiven bislang weitgehend ausgeklammert. Diese Lücke wird mit „Feminist Surveillance Studies“ nun geschlossen. Die beiden nordamerikanischen Herausgeberinnen Rachel Dubrofsky und Shoshana Magnet haben mit ihrem Buch eine Sammlung breit gefächerter Themen zu den bislang in diesem Kontext wenig beachteten Aspekten Gender, Sexualität, Rasse und Schicht veröffentlicht, die viele neue wichtige Denkanstöße im Zusammenhang mit Kontrolle und Überwachung bieten.

Die sehr ausführliche Einleitung liefert neben einem detaillierten kritischen Überblick über die 11 einzelnen Beiträge, die thematisch vier verschiedenen Bereichen zugeordnet sind, gleichzeitig auch eine prägnante Einführung in kritische feministische Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit Surveillance ergeben und die die für viele LeserInnen vielleicht überraschende Erkenntnis liefern, dass Überwachung bzw. Kontrolle nicht erst zu Problemen der Gegenwart geworden sind, sondern bereits seit Jahrhunderten bestehen.

Im ersten Teil des Sammelbandes, der sich mit grundlegenden Strukturen beschäftigt, demonstriert Andrea Smith menschenverachtende, entwürdigende und sexistische Kontrollpraktiken an Beispielen, die von von nordamerikanischen Siedlern bis hin zu gegenwärtigen Überwachungsmethoden in Frauenhäusern reichen. Laura Hyan Yi Kang beschreibt in einem historischen Überblick über den Kampf gegen Frauenhandel u.a. die von rassistischen Vorurteilen geprägten Gesundheitskontrollen, während Lisa Jean Moore und Faislay Currah sich der Problematik der binären Geschlechtszuordnung in Geburtsurkunden widmen. Besonders dieser Beitrag verdeutlicht die Argumentationsstrukturen zur Rechtfertigung der staatlichen Kontrolle, so wird z.B. eine „stabile Geschlechtsidentität“  mit dem Schutz vor angeblichem Identitätsbetrug und damit einem postulierten allgemeinen öffentlichen und somit staatlichem Interesse begründet.

Der zweite Bereich fasst die eigentlich auf den ersten Blick nicht so ganz zusammenpassenden Beiträge über einen spektakulären angeblichen Ehrenmord (Jasmin Jiwani), der durch die einseitige und übertriebene mediale Thematisierung islamophobe Einstellungen generierte, über Promis auf Twitter von Rachel E. Dubrofsky und Megan M. Wood sowie den Beitrag von Kelli D. Moore über häusliche Gewalt gegen Rihanna zusammen. Deutlich wird bei diesen Artikeln jedoch, dass der Einfluss der medialen Öffentlichkeit vorurteilsbehaftete Einstellungen religiöser sowie rassistisch-sexistischer Art fördert, was auf den ersten Blick keine neuen Erkenntnisse wären, wodurch jedoch neue Denkanstöße durch die kritische Reflexion hinsichtlich der hieraus resultierenden Konsequenzen  geliefert werden – und diese können vor dem Hintergrund der rasanten Zunahme der Entwicklungen von Überwachungstechniken von weitreichender Bedeutung in Hinblick auf die Manifestation von Ungleichheit sein.

Die Artikel zu Body-Scannern (Rachel Hall), von  Sayantani Dasgupta und Shamita das Dasgupta zur Problematik von Leihmutterschaft und die von den Möglichkeiten der Gentechnologie ausgehenden Gefahren in Richtung einer neuen „Reproduktions-Dystopie“ (Dorothy E. Roberts) zeigen im dritten Teil, welchen  Einfluss biometrische Technologien auf die unterschiedlichsten Gebiete zu Überwachung haben können.

Im letzten Teil beschäftigt sich Ummni Khan mit der Überwachung im Zusammenhang mit Sex-Arbeit, während Kevin Walby und Seantel Anaïs in ihren grundlegenden Überlegungen zu feministischen Surveillance-Studies Forschungsmethoden diskutieren und zu dem Schluss kommen, dass auf der Grundlage der Erkenntnisse feministischer Forschung und der bestehenden Machtverhältnisse sowohl Überwachung und Kontrolle als auch deren Konsequenzen zu analysieren und zu verstehen sein sollten.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieser größtenteils äußerst lesenswerten Textbeiträge ist darin zu sehen, dass Überwachung nie objektiv und neutral, bzw. nur unter den technischen Gesichtspunkten in Zusammenhang mit einem Verlust individueller Freiheiten und Privatsphäre zu sehen ist, sondern dass Überwachung höchst selektiv angewandt, interpretiert und dementsprechend folgenreich für einzelne Gruppen sein kann, bestehende Vorverurteilungen und Phobien bestätigend und diese damit perpetuierend.

Wenn, wie die Themen der einzelnen Artikel gezeigt haben, Überwachung im weitesten Sinn schon immer durch Machtungleichgewichte gekennzeichnet war, bei der Minoritäten teils willkürlicher staatlicher Kontrollgewalt, scheinbar legitimiert durch ein vorgegebenes öffentliches Interesse nach Sicherheit, ausgesetzt waren, besteht eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Gegenwart und noch mehr für die Zukunft darin, dass alle nicht den wie auch immer gesellschaftlich/politisch definierten normativen Vorstellungen entsprechenden Individuen oder Gruppen Opfer dieser selektiven Kontrollen mit all ihren Konsequenzen werden können, die aber aufgrund der sich immer rasanter entwickelnden Überwachungstechnologien heute noch längst nicht annähernd abschätzbar sind. Ein Ziel weiterer Surveillance-Studies sollte es daher sein, die Gedanken und Erkenntnisse der kritischen Feminismusforschung zu berücksichtigen, für die der Band der beiden Herausgeberinnen Dubrofsky und Magnet mit seinen Denkanstößen eine empfehlenswerte Basis bietet, um auch zukünftig häufig nicht offensichtliche Strukturen überhaupt erkennen zu können.

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