Rezension: On the Run.

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Alice Goffman: On the run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika. 2015 München, Kunstmann.

von Sebastian Adrian, Hamburg

Alice Goffman beschreibt in Ihrem Buch “On the Run” das Leben einer afroamerikanischen Community in Philadelphia, die durch die allgegenwärtige tough on crime-Mentalität amerikanischer Strafverfolgung geprägt ist.
Mit Ihrer als Buch erschienenen Dissertation bietet Alice Goffman einen tiefen Einblick in das Leben der Bewohner des von ihr benannten 6th Street-Viertels in Philadelphia, welches von gewalttätigen Gang-Strukturen, Drogenhandel und sozialpolitischen Auswirkungen geprägt ist. Mit dem Fokus auf die Einflüsse des Strafrechtssystems beschreibt Goffman die ständige Angst der meist männlichen Afroamerikaner in diesem Viertel vor polizeilichen Übergriffen und die Auswirkungen auf die sozialen Strukturen, insbesondere im Familien und Freundeskreis der beschriebenen Community. So seien die Bewohner der 6th Street durch die körperliche und emotionale und oft unangemessene Gewaltbereitschaft der Polizei einem hohen emotionalen Druck ausgesetzt, welche sich in ihren Auswirkungen auf die individuellen als auch gesellschaftlichen Interaktionen zum zentralen Lebenspunkt und bedeutsamen Unsicherheitsfaktor der jungen Männer, ihrer Familien und Freunde entwickelt. Als Beispiele dafür nennt Goffman das Identifizieren von und die Flucht vor der Polizei, die bereits im Kindesalter unter Aufsicht der älteren Jungen als Spiel geübt werden; weiterhin die erschwerte Teilhabe an familiären und freundschaftlichen Banden durch die Überwachung der Besucher von sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Gefängnissen. Sich dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden zu entziehen, ist für die betroffenen Menschen mit einem enormen Aufwand und der stetigen Angst verbunden, dass jeder Tag der letzte in Freiheit sein könnte. Gesellschaftliche Anteilnahme und Vertrauensverhältnisse entwickeln sich unter dem Druck der Strafverfolgungsbehörden zu einer für die Menschen wichtigen Symbolik innerhalb der beschriebenen Community. Dabei vermeidet sie es, genauer auf die Motive und gesellschaftlichen Gründe einzugehen, die es den Bewohnern der 6th Street unmöglich zu machen scheint, sich aus Ihrem von Kriminalität geprägtem Umfeld zu distanzieren. Drogenhandel und Gewaltverbrechen werden als alternativlose Lebenswege beschrieben.

Abseits der Verwahrung im Strafvollzug scheint es keine staatlichen Hilfsangebote und Einrichtungen für die betroffenen Bewohner der 6th Street zu geben, um alternative und gesellschaftskonforme Lebensentwürfe zu entwickeln. Anhand einer anderen afroamerikanischen Gruppe von jungen Männern gleichen Alters, welche nur wenige Straßenzüge entfernt der 6th Street lebt, zeigt sie allerdings, dass ein Leben abseits von Bandenkriegen und Drogenhandel möglich ist.

Goffman fokussiert sich auf eine Kritik des polizeilichen und judikativen Umgangs mit straffällig gewordenen Personen. Auch wenn es dem entspricht, was Goffman mit Ihrer sechsjährigen ethnographischen Forschung untersuchen und beschreiben wollte, wirkt es auf den Leser am Ende etwas einseitig. Die 6th Street ist der Mittelpunkt der Untersuchung von Goffman, bei der jedoch das Gefühl besteht, dass es versäumt worden ist, einen genaueren und vergleichenden Blick über den Tellerrand, über die 6th Street hinaus, zu werfen. An manchen Stellen hätte dem Buch ein kurzer theoretischer und empirischer Exkurs  mit Bezug auf die jeweiligen Beobachtungen gut getan, um die schwerwiegenden Problemstellungen der Protagonisten und der gesellschaftlichen Strukturen und Systeme zu verdeutlichen und in einen größeren Zusammenhang zum gegenwärtigen Amerika zu stellen. Eineinhalb Seiten im Vorwort sind dafür nicht genug. Lediglich in den Anmerkungen wird auf vorausgegangene weiterführende Publikationen, wie Loïc Wacquants Prisons of Poverty (2009) oder Sudhir Venkateshs Off the Books. The Underground Economy of the Urban Poor (2006), verwiesen.

Goffman gewährt dennoch tiefe und authentische Einblicke in die Kultur eines von Armen und hauptsächlich von Afroamerikanern bewohnten Viertels im Philadelphia des 21. Jahrhunderts. Doch lässt dieser Einblick den Leser/die Leserin ohne die entsprechenden Hintergrundinformationen oft nicht nachvollziehen, warum die Gesellschaft in der 6th Street so ist, wie sie ist. Das Buch lässt Erfahrungen einzelner wiederkehrende Protagonisten immer wieder aufblitzen, die der Leserschaft jedoch nur bruchstückhaft vermitteln können, welchen Anforderungen und Erlebnissen die beschriebene Gesellschaftsschicht stetig ausgesetzt ist.

Im Anhang beschreibt Goffman die Schwierigkeiten, sich als neutrale Beobachterin im Setting zurechtzufinden sowie ihre Strategien der Anpassung, um eine für sie selbst gute Mischung der teilnehmenden anthropologischen Feldforschung zu schaffen. Hinsichtlich der vorherrschenden Rollenbildern von Frauen im Viertel ist es spannend zu erfahren, wie tief Goffman dabei in die Rolle einer aktiven und oftmals eher maskulinen Teilnehmerin während ihrer Forschung hineingewachsen ist. Das Resümee Ihrer methodischen Arbeit fokussiert sie auf die Schwierigkeiten, die sie zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Lebenswelten als Studentin einerseits und partiellem Mitglied der 6th Street erlebt hat. Auch wenn die Entwicklung der Forscherin ein sehr spannendes Kapitel in der Monographie darstellt, wäre es umso wünschenswerter gewesen, die Auswirkungen der Nähe- und Distanzproblematik als Forscherin auf die Forschung zu konzentrieren und weniger auf die Autorin als Person.

Womöglich der deutschen Übersetzung geschuldet, entwickelt die vorliegende Buchausgabe nur sehr stockend einen spannenden Lesefluss. Es gelingt dem Buch nicht, den Leser/die Leserin für die Protagonisten zu begeistern. Die chronologischen Sprünge und die wechselnde und wiederkehrende Vielzahl an beschriebenen Akteuren und Beziehungen macht es schwer, eine Entwicklung der Charaktere nachzuvollziehen. Dennoch bietet das Buch einen spannenden Einblick in das Leben sozial segregierter amerikanischer Stadtteile, in der besonders der afroamerikanische Teil der US-Gesellschaft in einer prekären Situation lebt, in der die Polizeikultur Amerikas einen bedrohenden und benachteiligenden Einfluss innehat. Auch wenn das Buch mit der aktuell vermehrt medial aufbereiteten Polizeigewalt gegen Schwarze in Amerika einen potenziellen Nerv in der Diskussion um rassistisch motivierte Polizeigewalt trifft, zeigt Alice Goffman darüber hinaus einen Terror, der nicht durch Schusswaffen, sondern vielmehr durch emotionale Auswirkungen polizeilicher Aggression auf die finanziell benachteiligte afroamerikanische Bevölkerung einwirkt.

Sebastian Adrian, Hamburg

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