Rezension: Information Politics

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Tim Jordan: Information Politics. Liberation and Exploitation in the Digital Society. 2015, London: Pluto Press.

von Nils Zurawski, Hamburg

Nicht erst seit Google und Facebook sind Informationen Gegenstand von Politik. Im Informationszeitalter werden Informationen jedoch in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß bedeutend für soziale Prozesse des Regierens und Kontrollierens. Der britische Soziologe und Medienwissenschaftler Tim Jordan, bekannt geworden vor allem durch seine Arbeiten zu Hackern und anderen Aktivisten im digitalen Zeitalter, hat im vorliegenden Buch eine Analyse aufbereitet, die sich mit eben jenen Informationspolitiken (im Sinne von Informationen als eigenes Feld der Politik; im Original: information as a politics) beschäftigt, die im Kern das digitale Zeitalter, unsere digitale Welt kennzeichnen.

Dabei geht es ihm in der Analyse vor allem darum zu zeigen, welche Konsequenzen sich aus der Macht der Informationen für die Möglichkeiten einer emanzipatorischen, freien Gesellschaft ergeben und wo diese Möglichkeiten durch Formen der Ausbeutung ersetzt oder beschränkt werden. Diese Analyse führt ihn von der Welt der Computer-Clouds, über die Versicherheitlichung des Internet bis hin zu den ausgedehnten Netzwerken der social media, vom iPad, über den Tod in Computer/Online-Spielen bis zu den Hacktivists im arabischen Frühling Tunesiens.

Ein Buch also über den Stand der digitalen Informationsgesellschaft, in der wir leben. Da diese digitale Informationsgesellschaft der Hintergrund vieler gegenwärtiger Formen der Überwachung und Kontrolle darstellt, will ich das Buch vor allem unter der Prämisse bewerten, was hier an theoretischen Angeboten für neue oder weitere Forschung zu diesem Feld entworfen wird bzw. nutzbar zu machen ist.

Jordan beginnt sein Buch mit einem Entwurf einer Theorie der Informationsmacht, die von der Prämisse ausgeht, das Informationspolitik der „neue Master“ (S. 3) bzw. der alles umfassende Rahmen für politischen Konflikt heutzutage ist. Information sei eine, wenn nicht die Form der Ausbeutung in der digitalen Welt, ohne andere Formen geringschätzen zu wollen. Er spricht dabei von den Antagonismen der Informationen, vor allem aber davon, dass in den Informationspolitiken andere Formen der Ausbeutung und der politischen Antagonismen wiederzufinden sind, wenn man als gesellschaftlichen Rahmen eine digital verfasste bzw. durch die digitale Logik bestimmte Gesellschaft annimmt. Letzterem kann ich durchaus folgen, wenn auch der Entwurf der Theorie von Jordan nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist. Für diejenigen, die sich mit dem Internet und ansatzweise mit Informationstheorien beschäftigten, ist vieles bekannt und hier lediglich eine Wiederholung. Für alle anderen bietet Jordan hier einen guten Überblick über die theoretische Entwicklung und Einbettung seines Ansatzes. Zentral in seiner Perspektive ist die Feststellung, dass Information immer materiell sein muss; sie entsteht in spezifischen historischen und sozialen Kontexten und ist darin materiell verortet (S. 17). Die Auswahl der Beispiele spiegelt genau diese Annahme wider – iPad, clouds, online gaming usw..

Der Entwurf eines theoretischen Ansatzes mündet in einer Liste von acht Prinzipien der Informationspolitiken, die einen sehr schönen Überblick geben, dabei aber auch ein wenig redundant sind. Die wichtigsten Prinzipien handeln von der Rekursivität von Informationen (den Feedback-Schleifen von Informationen, die immer wieder neue Informationen entstehen lassen), von der Forderung nach Informationen, die simultan-komplett-nutzbar sind, damit sie eben nicht zu einer Form der Ausbeutung führen sowie das Vorhandensein von Plattformen und die Notwendigkeit von Protokollen und Netzwerken, in denen die Informationen zu ihrer Macht kommen und über die diese verteilt und ausgeübt wird. Und genau diese Protokolle und Netzwerke sind auch die entscheidenden Aspekte, die das Buch auch für die Forschung zu Überwachung und Kontrolle so interessant machen.

Die von Jordan herausgestellten network-protocol geben die Regeln für die Verbindung von Informationen und ihre Schnittpunkte, der nodes, an. Das Protokoll ermöglicht die Kontrolle, gibt an, wie man sich wo, wann bewegen kann, welche Möglichkeiten bestehen, welche nicht und wer wann an welchen Möglichkeiten teilhaben kann. Es ist vergleichbar oder anschlussfähig an die von Popitz beschriebene Daten-setzende Macht (vgl. Popitz, Phänomene der Macht, 1992). Diese Protokolle können sowohl technisch (TCP/IP für das Internet usw.) sein als auch sozial. In der Regel befinden sich diese network-protocols an der Schnittstelle und bestimmen darüber, wie Rekursivität von Informationen organisiert wird, wer teilhat, wessen Informationen wann, wie genutzt werden, um darüber eine generelle Teilhabe am digitalen, sozialen Leben zu haben. Die Plattformen sind dann die materiellen Entsprechungen dieser Protokolle – wie z.B. das iPad und seine vorbestimmten Möglichkeiten, die letztlich eine Überwachung, mehr jedoch eine Kontrolle der Nutzer darstellen – eine Kontrolle zukünftigen Handelns. Informationen folgen hier nicht dem Ideal von simultan-komplett-nutzbar und sind deswegen ein Teil der Ausbeutung der Nutzer, da sie nicht für alle frei zu nutzen, inkomplett oder eben bestimmten Nutzern vorenthalten sind. Das gilt insbesondere dann, wenn es um Informationen geht, die vom Nutzer ausgehen, aber deren weitere Verwendung in anderen, neuen Zusammenhängen dann nicht mehr möglich sind, wie z.B. in sozialen Netzwerken oder wenn es um Informationen als Eigentum geht, z.B. bei persönlichen Daten (vgl. 39 ff; 193ff). Zur Illustration macht er ein Gedankenspiel, wie Google aussehen könnte, hätten seine Entwickler den Weg von Tim Berners-Lee gewählt und die Software und das Konzept als open source und offenen Standard genutzt und verfügbar gemacht.

Der zweite wichtige Aspekt für eine weiter gefasste theoretische Perspektive auf Überwachung sind die Ausführungen zum Unterschied von digitalen Subjekten im Gegensatz zu den digitalen Bürgern, letztere mit einem größeren Potenzial der Entfaltung und Selbstbestimmung. Diese in den Schlussfolgerungen aufgenommene Diskussion, kommt darüber auch zur Frage nach den Konsequenzen der Betrachtung von Informationen als Eigentum (information as property), die sich häufig im Rahmen von Datenschutz und privacy-Debatten entspinnt. Und die Frage ist nicht trivial, wenn es darum geht, wer die Informationen besitzt bzw. sein Eigentum nennen darf, die in den rekursiven Feedbackschleifen der sozialen Medien, der Online-Spiele o.ä. entstanden sind. Hier liefert Jordan interessante, wenn auch nicht immer gänzlich neue, so doch neu zusammengesetzte und in einem einheitlichen theoretischen Ansatz zusammengebrachte Argumente und Gedanken, die auch die theoretischen Erörterungen rund um Überwachung und Kontrolle in einer digitalen Informationsgesellschaft befruchten können.

Fazit:
Insgesamt hat Tim Jordan ein hoch interessantes Buch geschrieben, dass manchmal kompliziert zu lesen ist, vor allem im Entwurf der Theorie, die sich jemandem, der sich nicht vorher damit befasst hat, nicht gleich erschließt. Den anderen kommt vieles hinlänglich bekannt vor. Die von ihm verwendeten Anschauungsobjekte sind gute Beispiele, auch dafür, wie originell man Forschung und Theorie kompakt betreiben kann – auch hier gilt, dass manches redundant ist und anderes durchaus aus der Diskussion bekannt. Das schmälert aber keinesfalls den Ertrag des Buches für eine Beschäftigung mit Überwachung und Kontrolle. Die geneigten LeserInnen können eine Menge darüber hinaus mitnehmen oder es bei Unverständnis für einen tieferen Einstieg in die Theorie der Informationen nutzen.

Nils Zurawski, Hamburg

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