Rezension: Wissen über Kriminalität

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Joachim Lindner: Wissen über Kriminalität – Zur Medien- und Diskursgeschichte von Verbrechen und Strafjustiz vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Würzburg 2013, Ergon

von Veronika Möller, Hamburg.

Mit „Wissen über Kriminalität“ hat Joachim Lindner eine umfangreiche Publikation verfasst, welche 16 Beiträge aus den Jahren 1990 bis 2012 umfasst. Leider konnte der Autor die Veröffentlichung nicht mehr miterleben. So ist das Buch auch eine Erinnerung an den 2012 verstrobenen Autor. Textauswahl und Herausgeberschaft wurden von Claus-Michael Ort übernommen, welcher diese Aufgabe mit Hilfe von Jörg Schönert und Hans-Edwin Friedrich in Gedenken an Lindner bewältigte.

„Wissen über Kriminalität“ ist in vier Abschnitte gegliedert, welche verschiedene Themenbereiche ausführlich abhandeln. Die erste Sektion stellt eine Analyse zur literarischen Repräsentation von Kriminalität und Strafverfolgung vom 18. bis zum 21. Jahrhundert dar. Lindner beginnt sein Werk mit Gottfried Kellers „Ein Schwurgericht“, um gleich zu Beginn auf den medialen Kreislauf einer Straftat aufmerksam zu machen. Folgend zeichnet Lindner die Etablierung von Kriminalität und Strafverfolgung als wichtige Ressourcen der Medienproduktion nach. Dazu bedient er sich sowohl dem historischen Beispiel „Jack the Ripper“ als auch dem literarischen des „Sherlock Holmes“. Weiterhin stellt Lindner Andrea Maria Schenkels vielfach ausgezeichnetes „Tannöd“ mit Donna Leons Texten in Beziehung. Er möchte damit die Vielfalt der heutigen Genreliteratur betonen und zwei Beispiele untypischer Erzählstile – Leons Texte als Verstoß gegen den ‚Show, don’t tell-Grundsatz‘ und Schenkels Abkehr vom Neo-Noir-Trend – aufzeigen.

Im dritten Kapitel zeigt Lindner eine Definition des Kriminalromans als Genre auf, wobei er den Vergleich zu entsprechenden juristischen Begriffen anführt. Diesen greift er in den folgenden Ausführungen zu bestehenden Unterschieden und vor allem Ähnlichkeiten von Kriminalgeschichten und Strafakten wieder auf, welche den Übergang zu seinen Fallstudien markieren.

Bereits ab dem 7. Kapitel widmet sich Lindner dem Aufkommen der Fallgeschichten und zeichnet ihre Bedeutung für andere literarischen Formen nach. Sie sind eine erzählerische Überlieferung von als strafbar wahrgenommenen Handlungen und ihrer juristischen Verarbeitung. Fallgeschichten sind eine historisch an die Strafjustiz angebundene, sich mit der Zeit erfolgreich verselbstständigende Textsorte. So werden sie als ein Speicher von Konflikt- und Verbrechensbildern wahrgenommen, welche später als Grundgedanken zu Verbrechern, Verbrechen und Verbrechensaufklärung in verschiedenen Werken dienen. Zudem wirkten sie in ihrer unterschiedlichen kontextualen Darstellung an der Hinwendung der Novellen zur Selbstreflektion entscheidend mit. Besonderes Augenmerk legt Lindner dabei auf die Pitavalgeschichten als wichtigen Entwicklungsschritt innerhalb des deutschsprachigen Krimigenres.

In den folgenden zwei Passagen widmet sich Lindner Fallstudien zum 19. und frühen 20. Jahrhundert (Abschnitt 2) sowie denen zum 20. und 21. Jahrhundert (Abschnitt 3). In diesen greift er wiederholt auf die bereits eingeführten Pitavalgeschichten zurück und stellt sie in intern vergleichender Analyse dar.

Lindner präsentiert anhand seiner Fallstudien den Wandel der Betrachtungsweise von Kriminalität und Verbrechen. Er legt dar, wie sich die Aufmerksamkeit der Autoren nicht mehr nur auf die Verbrechen an sich richtet, sondern zunehmend die Justiz und ihre Arbeit kritisch betrachtet und verarbeitet. Zugleich wird das Verbrechen nicht mehr schlicht als „böse“ wahrgenommen. Der Schwerpunkt der „schönen Literatur“ verlagert sich vielmehr zum ‚Verstehen wollen‘ des Verbrechens. In diesem Geiste verstehen sich auch die von Lindner untersuchten Pitavalgeschichten, welche Rechtsfälle mit menschlichen und psychologischen Interesse aufgreifen und oft eine – von der Justiz abweichende – Interpretation des Falles darlegen. Lindner zeichnet zudem den Aufmerksamkeitswechsel der Literaten von der Frage, warum der Staat straft hin zu der Frage warum Menschen Verbote übertreten, nach. Dabei stellt er verschiedene Erklärungsmodelle – Kriminalität als Charakterzug, als Umweltbedingung, als abweichende Persönlichkeitsentwicklung – anhand unterschiedlicher Werke, Autoren und Entstehungszeiträume dar.

In Lindners thematischer Ausarbeitung scheinen einige Schwerpunkte deutlich heraus. So zeichnet er die Entwicklung und Verarbeitung des ‚Psychopathen‘ sowie des ‚Serienmörders‘ als Verbrechertypen und mediale Konstrukte nach, widmet sich der Vorstellung der Verbrecher-Entstehung aufgrund von Vaterlosigkeit und der Präsentation von Ordnung, insbesondere durch ihre Repräsentanten in Polizei und Justiz. Darüberhinaus widmet er sich der Darstellung und dem Umgang mit Strafen, insbesondere der Todesstrafe.

Das „Criminal-Bild“ des Vaterversagens wird in mehreren von Lindner analysierten Texten als Ursache für die Entwicklung einer kriminellen Persönlichkeit herausgestellt. Die Schuld für die Verfehlungen des Täters wird dabei dem Vater zugesprochen, welcher seinem Sohn nicht die erforderlichen persönlichen und sachlichen Ressourcen mit auf den Weg gibt oder auf den Weg geben kann. Als Variation spielt auch die Vaterlosigkeit in einigen Werken eine entscheidende und erklärende Rolle.

Die Figur des Psychopathen belegt Lindner schon vor dessen „Karrierebeginn“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Beispielen aus den Pitavalgeschichten, welche sich mit Frauen als Giftmörderinnen auseinandersetzen oder mit Droste-Hülshoffs „Judenbuche“. Mit einem kriminologischen Exkurs zu Lombroso und der Frage nach der Erkennbarkeit von Verbrechern zeigt Lindner den Wandel der literarischen Darstellung des Psychopathen auf. Die Idee des Schlusses vom Äußeren auf das Innere eines Menschen ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in der Literatur nicht mehr präsent. Vielmehr zeichnet sich ein Bild eines scheinbar integrierten und an die Gesellschaft angepassten Menschen, dem jedoch die emotionalen Schranken fehlen, welche ihn hindern sollten Anderen Leid zuzufügen. Lindner verbindet dabei die Analyse der literarischen Darstellung des Psychopathen mit einer aus den gewählten Texten erkenntlichen Gesellschaftskritik.

Neben dem Psychopathen ist auch der Serienmörder ein gängiger Stereotyp des betrachteten Kriminalitätsgenres. Ob Jack the Ripper oder der Berliner S-Bahnmörder – der Mythos wird literarisch beständig wiederbelebt.

Lindner wendet sich zudem der Umsetzung der Thematik der Todesstrafe in verschiedenen Werken zu. Dabei geht er auch – unter anderem anhand der Analyse einer Pitavalgeschichte von Demme – auf moralische Aspekte ein, welche aufzeigen, dass durch die Vollstreckung der Todesstrafe erneut ein Leben beendet wird. Zudem zeigt er mit Hilfe von Texten von Kleist die Problematik der „unkontrollierten Kontrolleure“ auf: wer wacht über die Richter? Im Sinne des Luhmannschen Paradox, ist das Recht an dieser Stelle gehalten, über sich selbst zu wachen. Die in diesem Kontext von Lindner angedeutete Frage nach Macht und Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk und damit auch durch die deutsche Kriminalliteraturgeschichte.

Eine ausführliche Analyse widmet Lindner auch dem „Sonnenwirt“ von Hermann Kurz, welcher darin die Themen Bildung, Erziehung und Disziplinierung verarbeitet. Dabei weißt Lindner auf Härtling hin, welcher in dem „Sonnenwirt“ eine Parallele zum Leben des Autors Kurz erkennt. Kurz‘ Biografen, zu denen auch seine Tochter gehörte, hätten diese Ähnlichkeit nicht bemerkt und ihn entsprechend ihres eigenen Weltbildes dargestellt. Er stellt in der Analyse seine Erkenntnisse zum Leben des Autors, seiner politischen Auffassung und gesellschaftlichen Kritik dar. Darin ist zugleich Lindners eigene Interpretation der Verhältnisse der entsprechenden Zeit und Gesellschaft erkennbar.

Im letzten Abschnitt seines Buches betrachtet Lindner Verbrechen als Zeichen und geht dabei sowohl auf sozial-, zeichen- und erzähltheoretische Modelle ein. Elemente der Semiologie und semiotisch-narratologische Grundmodelle werden dabei genauso erläutert wie verschiedene Diskursivierungsmodi und die Kultur der Kriminalität.

Innerhalb seiner Argumentation verharrt Lindner jedoch nicht bei den von ihm analysierten Texten und Autoren. Vielmehr lässt er Theorien beispielsweise aus der Kriminologie und Soziologie in seine Darstellungen einfließen. Lombrosos Kriminalanthropologie, ergänzt ebenso wie Luhmanns Systemtheorie oder die Ansichten von Feuerbach, Marx oder von Liszt die tiefgreifenden Analysen Lindners. Auch setzt er sich mit den Standpunkten Henner Hesses und Sebastian Scheerers argumentativ auseinander, wobei er seine Ansicht mit Textstellen der analysierten Werke hinterlegt.

Lindner betrachtet in seinem Oeuvre nicht nur verschiedene Autoren und ihre Werke sondern auch den Einfluss der Zeitschrift „März“, in welcher unter anderem von Liszt seine Literaturkritik veröffentlichte. Darüberhinaus wirft er einen Blick in andere mediale Darstellungsformen und analysiert zwei Filme von Fritz Lang. Seine Argumentation untermalt er dabei mit Illustrationen und Szenen aus den Filmen.

Zu Beginn der einzelnen Kapitel ist eine exakte Literaturangabe, der von Lindner gewählten Literaturbeispiele aufgeführt. Neben Titel und Verfasser sind das Gesamtwerk (falls abweichend) und die Jahresangabe aufgeführt. Dem Leser bietet sich somit eine exakte Möglichkeit, die herangezogene Literatur selbst für sich zu erkunden und mit Lindners Gedankengängen abzugleichen. Mehrfach ergänzt Lindner seine Kapitel mit umfangreichen Bibliografien oder Filmografien zu den angesprochenen Werken.

Lindner analysiert nicht nur einzelne Werke, ihre Autoren und Entstehungshintergründe sondern spart auch nicht an Kritik anderer Literaturwissenschaftler, welche seiner Meinung nach die Intension oder den übergreifenden Blick auf das entsprechende Werk nicht zu fassen bekommen. Doch auch offene Kritik, wie bei dem „Sonnenwirt“, ist in Lindners Werk zu lesen und die Auseinandersetzungen mit verschiedenen Ansichten zu finden.

Der Schreibstil Lindners zwingt den Leser zu vollständiger Konzentration. Die zahlreichen Informationen werden teilweise dicht an dicht präsentiert, wobei die Beschreibungen der verwendeten literarischen Werke als „Verschnaufpausen“ genutzt werden können. Auch die Verwendung teilweise sehr langer Sätze, welche sich auch schon mal über eine halbe Seite ziehen können, verlangt vom Leser höchste Einsatzbereitschaft. Die genaue Kenntnis solch vieler Werke, Autoren und Hintergrunddetails verleitet Lindner jedoch auch zu schwer nachvollziehbaren Gedankensprüngen und Einschüben.

Mit „Wissen über Kriminalität“ wird dem Leser ein umfangreiches (684 Seiten umfassendes) Werk über Kriminalität und ihre mediale Verarbeitung geboten. Nicht nur die Analysen Lindners und die theoretischen Grundlagen können dem aufmerksamen Leser dabei zum Kenntnisgewinn gereichen, sondern auch die vielen verschiedenen vorgestellten und verarbeiteten Texte und Autoren, denen sich Lindner widmete. „Wissen über Kriminalität“ bildet damit einen nachhaltigen Beitrag in der Diskurs- und Mediengeschichte über Strafe, Kriminalität und die Strafjustiz.

Veronika Möller, Hamburg

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