Rezension: Surveillance-Industrial Complex

Rezension:
Kirstie Ball/Laureen Snider (Hg.): The Surveillance-Industrial Complex. A political economy of surveillance, Routledge 2014

von Florian Zappe, Berlin

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In seiner „farewell address“ zu seinem Ausscheiden aus dem Amt im Jahr 1961 warnte der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower vor dem Entstehen eines „militärisch-industriellen Komplex“ – einer Verbindung von ökonomischen und militärischen Interessen, deren Einfluss auf Politik und Gesellschaft eine Bedrohung für die freiheitliche Demokratie darstellen würde. Ein halbes Jahrhundert später ist es ein Ableger des militärisch-industriellen Komplexes, der in beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen endgültig Wurzeln geschlagen hat und einer ähnlich beschaffenen diskursiven Logik folgt: der „Surveillance-Industrial Complex“, kurz SIC. Im Informationszeitalter stellt er eine nicht minder große Gefahr dar.

Der von Kirstie Ball und Laureen Snider herausgegebene Band The Surveillance-Industrial Complex. A political economy of surveillance versammelt namhafte Autoren der Surveillance Studies, um diese „intersection with – or to put it more accurately – the embeddedness of surveillance processes within the agendas of global capital and the state“ (S. 5) im Zeitalter des Neoliberalismus zu untersuchen. In insgesamt zwölf Aufsätzen – thematisch in die  Rubriken „International networks and global circuits of surveillance“, „Surveillance capacity, industrial infrastructures and resource distribution“ sowie „Ground-level circulations“ gegliedert –, wird die kontinuierlich wachsende Infiltration aller Lebensbereiche durch die Überwachungsindustrie beleuchtet.

Betrachtet man die thematische Bandbreite der in diesem Band versammelten Fallstudien, wird deutlich, wie weit diese Durchdringung mittlerweile fortgeschritten ist. Die von David Lyon und Özgün E. Topak untersuchte Rolle der von ihnen so bezeichneten „card cartels“ bei der Implementierung digitaler ID-Karten-Systeme vor dem Hintergrund der “diversification of defence corporations away from traditional military hardware towards the provision of intelligence and surveillance ‘solutions’ inside the burgeoning security industry, within a neo-liberal economic climate” (S. 27) ist hier sicher noch eines der augenfälligsten Beispiele. Der Beitrag von Adam Warren, Morag Bell und Lucy Budd analysiert Epidemieüberwachung als Spielfeld der Überwachungsindustrie, während Minas Samatas das (letztendlich gescheiterte) „super-panopticon“ des SAIC-Siemens-Konsortiums bei den Olympischen Spielen von 2004 als Beispiel für jene an keinerlei ethische Vorbehalte gebundene Form der globalen Vermarktung von Überwachungstechnologie anführt, für die Lyon den Begriff „McVeillance“ geprägt hat.

Stéphane Leman-Langlois widmet sich mit seiner Untersuchung des „government-university-industry complex of research and development“ (S. 78) der ethisch hoch brisanten Frage nach der Rolle der Universitäten und ihrer gerade in den (überwachungs)technischen Disziplinen durch diverse Public-Private-Partnership bedrohte Forschungsautonomie. Eine andere Perspektive auf die Universitäten hat Ben Brucato, wenn er darlegt, wie sie unter dem neoliberalen Effizienzimperativ selbst immer mehr zu gleichsam überwachten wie überwachenden Institutionen werden.

Der mittlere Teil des Bandes beschäftigt sich vor allem mit Phänomenen, in denen die ökonomische Sphäre selbst zum Beobachtungsobjekt der Überwachungsindustrie wird: sei es mit dem Ziel, Geldwäsche (untersucht von Isabell Canhoto) zu unterbinden, Konsumenten in Prosumenten im Dienste webbasierter „loyalty marketing“ Strategien zu transformieren (Jason Pridmore) oder, wie Laureen Snider und Adam Molnar argumentieren, mit ambivalentem Erfolg illegale Praktiken am durch die digitale Wende hyperbeschleunigten Aktienmarkt zu verhindern.

David Harpers, Ian Tuckers und Darren Ellis haben für ihren Beitrag umfassend Feldforschung über die alltägliche Erfahrung von Überwachung und ihre Wirkung auf das Bewusstsein bzgl. dieser Thematik beim „einfachen“ Konsumenten betrieben. G. Galdon Clavell schließlich widmet ihre Untersuchung der sich den „shifting narratives that justify and legitimize the need for CCTV in urban environments” am Beispiel von Barcelona (S. 193).

Aus diesen allesamt fundiert recherchierten und informativen Fallstudien sind besonders zwei Beiträge hervorzuheben, die über die „case studies“ Ebene hinaus versuchen, die soziokulturellen Bedingungen, unter denen der SIC wachsen konnte, zu reflektieren und theoretisch zu fassen. So beschreibt etwa Stephen Grahams Beitrag gleich am Anfang des Bandes, wie in der seit 9/11 hegemonialen, von militärischem Freund-Feind-Denken geprägten Sicherheitsideologie unter kräftigem Zutun der in diesem Feld agierenden Firmen eine Reihe von potentiellen Märkten für die Überwachungsindustrie geschaffen wurde. Graham konstatiert (interessanterweise ohne auf Eisenhowers militärisch-industriellen Komplex zu rekurrieren) eine Militarisierung der Zivilgesellschaft, nach deren Doktrin politische und soziale Konflikte zuallererst als „security issues“ verstanden werden, denen nur mit quasi-militärischen Lösungen beizukommen sei (S. 13). Dieses gesellschaftliche Klima macht sich eine stets wachsende Sicherheitsindustrie zu Nuzte, die – Graham greift hier auf Foucaults Begriff des „colonial boomerang effects“ zurück – in den Konflikten an den kriegerischen Randzonen der Einflusssphäre der westlichen Welt “erprobte“ militärische Techniken unter dem Legitimationsnarrativ der “inneren Sicherheit” zum Einsatz in unseren urbanen Räumen offensiv vermarktet (14f.).

Foucault klingt auch in Ray Colemans Aufsatz nach, der am Beispiel Liverpools grundsätzlich beschreibt, wie die Verschränkung von panoptischen und synoptischen Machtformen unseren Blick auf den städtischen Raum formt und einen Prozess des „disciplining urban consciousness through invitation to view designated individuals, events and spaces in the City” (S. 144) im Dienste der hegemonialen neoliberalen Ideologie implementiert.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Ball und Snider einen facettenreichen Sammelband zusammengestellt haben, in dem vielleicht nicht jede Perspektive völlig neu sein mag, dem es aber gelingt, die im „Surveillance-Industrial-Complex“ ablaufenden Dynamiken in all ihrer Vielschichtigkeit herauszuarbeiten. Dabei gehört es zu den Stärken des Bandes, die Querverbindungen zwischen Ökonomie und Politik kritisch zu reflektieren, ohne in simple ideologische Schuldzuweisungen zu verfallen. Die Herausgeberinnen betonen selbst: „There is nothing conspirational about this process: today’s surveillance-industrial complex emerged in unpredictable, uncontrollable, non-linear ways[.]“ (S. 2) Gerade weil sich keine klar verortbaren Akteure dieser Prozesse ausmachen lassen, ist die Gefahr einer schleichenden Unterminierung der auf der freien Entscheidung des Einzelnen basierenden Demokratie so groß. Auf wie vielen Feldern es sie zu verteidigen gilt, macht der Perspektivenreichtum der Beiträge überdeutlich.

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