25c3 – Nothing to Hide – aber eine Menge zu verlieren
Danke an Marco für die Eindrücke vom CCC Kongress. Die vorgestellten Thesen sind in der Tat etwas, dass meinen Kommentar herausfordert. Schwierig ist, dass ich den Vortrag nicht gehört habe und endgültig wohl warten muss, bis er online verfügbar ist, dennoch hier ein paar Bemerkungen.
Zum einen sind die Thesen so neu nun auch wieder nicht. Und der Privacy-Aktivist John Gilmore hat es in seiner Eröffnungsrede ja auch gesagt – es sind die Thesen von David Brins Transparent Society, die dieser bereits vor 10 Jahren aufgestellt hat. Ein schwieriges Buch. Der Ansatz ist klasse – mehr Transparenz. Wenn der Staat von uns so viel erfahren will, dann soll er im Gegenzug auch von sich alles preisgeben. Der Schluss dann alles öffentlich und einsehbar zu machen ist allerdings falsch, bestenfalls problematisch – denn diese Gleichung kann es zwischen dem Staat und seinen Bürgern nicht geben. Der Staat darf diese Rechte nicht von seinem Bürger einfordern, während der Bürger sehr wohl auf ein mehr an Transparenz Anspruch haben sollte.
Die totale Offenheit, die in den Thesen mitschwingt, ist der Tod von Gesellschaft – ein Blick in Heinrich Popitz’ “Über die Präventivwirkung des Nichtwissens” ist da hilfreich und sehr lohnend (in ders. Soziale Normen, FfM 2006).
Die Selbstdokumentation riecht mir selbst nach Selbststeuerung und Selbstüberwachung, die im Dienste einer neoliberalen Ideologie die Kosten für die Überwachung auf die Überwachten selbst legt – Foucaults Ansätz der Gouvermentalität ist hier sicherlich weiterführend.
Das Kameras in Polizeistationen auch den Gefangenen zugute kommen ist nicht neu – das würde aber auch neue Standards im Umgang mit solchem Material nötig machen, denn es nützt nichts, wenn im entscheidenden Fall, das Material “plötzlich weg” ist. Das Videomaterial müsste allein auf Anweisung eines Richters und einer unabhängigen Instanz gesichtet werden können. Ein Bruch des Siegels an der Festplatte (oder was auch immer) käme einer Straftat gleich, nur dann besteht auch Fairness und Chancengleichheit, die hierdurch erreicht werden soll (siehe auch: Newburn/Hayman: Policing, Surveillance and Social Control, Cullhompton/Devon 2002, Willan)
Bürger und Menschen im Allgemeinen haben ein Recht auf Geheimnisse – eine Offenheit würde nicht zu einem mehr an Toleranz führen. Das ist als Utopie ganz schön, aber bereits im Ansatz nicht zu leisten. Wer überwacht die Einhaltung der Spielregeln der Offenheit – eine neue Gesinnungspolizei der Gutmenschen?
Im Gegensatz zur These dass die erzwungene Offenheit der einzige Weg zu einer toleranteren Gesellschaft wäre, glaube ich eher, dass sie genau daran zerbrechen würde.
Insgesamt ist das ganze eine interessante Diskussion, bei der wie mir scheint allerdings die Gesellschafts- (und Gesellschaftswissenschaftliche) perspektive zu sehr durch die Linse der Computertechnolgien gesehen wird – Gesellschaft ist mehr als nur der freie Fluss von Informationen und Überwachung auch mehr und komplexer als die Unterdrückung der Bürger durch den Staat.
So viel erst mal dazu – mehr wenn ich den Vortrag wirklich ganz gesehen oder gelesen habe.
30. December 2008 - 14:33 owl content


3 Comments Write a comment
1. marco | 30. December 2008 um 14:58
torrent ist bei pirate bay erhältlich: http://thepiratebay.org/torrent/4605917/25c3-2979-Embracing_Post-Privacy.wmv – ich bin gespannt ;-)
2. klrf | 4. January 2009 um 17:09
Der Redner begeht doch den selben Fehler wie die, die momentan Datensammlungen vorrantreiben. Die Annahme, dass mehr Informationen zwangsläufig zu mehr Transparenz und Offenheit führen ist einfach ein wenig zu kurz. Riesige Datenmengen helfen nur denen die auch die Mittel haben diese auszuwerten, diese Auswertungen wieder transparent zu gestalten führt in eine Endlosschleife..
Abgesehen davon bedarf es, wie auch schon im Beitrag steht, einer übergeordneten Instanz, die bewertet welche Informationen geeignet (gerne auch: objektiv) sind und welche nicht..
Insgesamt aber eine interessante Utopie.
3. Nils Zurawski | 6. January 2009 um 13:42
Inzwischen habe ich den ganzen Votrag gehört und muss sagen, dass ich bei meiner grundsätzlichen Kritk bleibe, aber diese etwas einschränken kann. Es sind tatsächlich viele gute Ideen darin – nur die Schlüsse daraus sind meiner Meinung nach nicht so haltbar und diskussionswürdig.
Das generelle Problem des Vortrages aber ist seine Länge und Inkonsistenz. Der Redner redet zu viel, verläuft sich in Nebensächlichkeiten und macht zu viele Fässer gleichzeitig auf. Der Vortrag ist nicht wirklich gut struktuiert und hätte ruhig eine halbe Stunde kürzer sein dürfen. Die Notizen von Marco treffen im Wesentlichen den Inhalt ziemlich genau – danke dafür.
Zum Thema Borgs und die Kollektivität des Internet gibt es einen Aufsatz von Charles Ess “We are the Borg: the Web as agent of assimilation or cultural Renaissance? aus dem Jahr 2000. http://www.ephilosopher.com/page.php?46
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